- Bei diesem Gedicht wollen wir mal etwas Neues ausprobieren.
- Der Umgang mit Gedichten bedeutet ja einen ständigen Kampf um das richtige Verstehen.
— - Wir haben schon häufig darauf hingewiesen, dass es am besten ist, in der Einleitung erst mal das Thema offen zu lassen. Denn um das zu formulieren, muss man ja das Gedicht erst mal verstanden haben.
— - Um das zu erreichen sollte man induktiv vorgehen, das heißt, Schritt für Schritt die Signale des Textes aufnehmen und daraus ein erstes Verständnis entwickeln.
- Wichtig ist im weiteren Verlauf, dieses Verständnis zu überprüfen, gegebenenfalls abzuändern oder zu erweitern.
— - Schauen wir uns das bei diesem Gedicht jetzt mal an.

- Hier links angedeutet die Erstbegehung eines Berges, hier eines Gedichtes.
- Man hat anfangs mehr oder weniger ein Vorverständnis.
- Die ersten beiden Strophen liefern die erste Hälfte der Aussage des Gedichtes.
- Es folgt die zweite, weg von der menschlichen Beziehung hin zur Natur.
- Dann die Frage nach der Gemeinsamkeit beider Bilder.
- Es folgt kritisches Nachdenken und im Idealfall auch eine fiktive Szene im Haus des Dichters.
Der erste Eindruck führt zu einem Vor-Verständnis.
Justinus Kerner
Dauernder Eindruck
- Bald mir schwand, als du gegangen,
- Aus dem Sinn dein Angesicht;
- Ob du bleich, ob rot von Wangen,
- Wie dein Wuchs? ich weiß es nicht.
- Grundsätzlich kann bei dem Vorverständnis natürlich auch eine Rolle spielen, dass man andere Gedichte des Autors kennt. Dann hat man möglicherweise schon gewisse Erwartungen. Aber die können nur helfen, sie entscheiden nicht über das, was in diesem Gedicht wirklich steht.
— - Natürlich sollte man auch den Titel nicht vergessen. In diesem Falle muss man unterscheiden zwischen einem flüchtigen Eindruck und einem dauernden Eindruck. Dabei kann man sich natürlich fragen, was das bedeutet. Gemeint könnte ein dauerhafter Eindruck.
— - Wenn man sich das klar gemacht hat, ist das Verständnis der ersten Strophe eigentlich sofort gegeben.
- Es geht um eine Trennungssituation und die führt dazu, dass das lyrische Ich kaum noch etwas über den Menschen sagen kann, der jetzt nicht mehr da ist.
- Kritische Anmerkung: Das ist natürlich schon etwas seltsam. Das hängt aber damit zusammen, dass es auch eine sehr flüchtige Begegnung gewesen sein kann. Das passiert vor allem dann, wenn einem erst hinterher klar geworden ist, dass diese Person doch für einen selbst etwas wichtiger ist. Aber dann hat man nur das, was noch zufällig im Gedächtnis ist.
- Wenn man Glück hat, fällt einem vielleicht ein Film ein, den man vor kurzer Zeit gesehen hat. Da holt eine junge Businessfrau ihr Auto aus der Werkstatt ab. Hinterher versucht er verzweifelt, diese Frau noch mal irgendwo zu treffen. Und einige Zeit später trifft er sie in einer anderen Umgebung und merkt gar nicht, dass das die gesuchte Frau ist. Davon lebt dann der ganze Film, dass die eigentlich füreinander bestimmt sind, aber es war eben nur eine kurze Begegnung, die einem erst hinterher wichtig geworden ist.
Strophe 2
- Aber auf dem Grund, dem trüben,
- Ist mir einzig wunderklar,
- Gutes Kind! von dir geblieben
- Ein gar liebes Augenpaar.
- In der zweiten Strophe wird einiges klarer.
- Es gibt immer noch keinen Gesamteindruck.
- Aber etwas ist im Gedächtnis geblieben, nämlich das „Augenpaar“. Möglicherweise ist damit ein bestimmter Gesichtsausdruck gemeint.
Strophe 3
- Wandrer, der im Abendscheine
- Still hinpilgert durch die Flur,
- Dem erscheint in Au‘ und Haine
- Hell das Bildnis der Natur:
- Die dritte Strophe präsentiert dann einen plötzlichen Wechsel.
- Jetzt geht es gar nicht mehr um irgendeine Beziehung zwischen Menschen.
- Vielmehr geht es um einen Wanderer, der abends in der Natur unterwegs ist.
- Hervorgehoben wird ihm der helle Eindruck, den er von der Natur innerlich mitnehmen kann.
Strophe 4
- Aber zieht die Sonne ferne,
- Wird es um ihn Nacht zur Stund‘,
- Schaut er nichts mehr als die Sterne
- Leuchten auf dem schwarzen Grund.
- Die vierte Strophe geht dann von der Veränderung aus, die mit dem Verschwinden der Sonne am Abend gegeben ist.
- Die letzten zwei Zeilen entsprechen dann wohl der Augensituation am Anfang. Allerdings ist jetzt die Situation etwas anders. Hier geht es weniger darum, dass von vielen Eindrücken einer, nämlich der der Augen, übrig geblieben ist. Sondern es geht darum, dass der Wegfall des Tageseindrucks Platz macht für die auch tagsüber schon vorhandenen Sterne, die aber wegen der Helligkeit nicht sichtbar waren.
Erster vorläufiger Gesamteindruck
- Was auf jeden Fall klar ist, es geht hier nicht um ein Liebesgedicht, was man am Anfang vermuten konnte.
- Offensichtlich geht es eher um ein grundsätzliches Phänomen. Wenn die Situation sich ändert, dann werden Dinge, die vorher da waren, aber nicht so richtig aufgefallen sind, wichtiger. Oder sie können es werden.
Vertiefung desGesamteindrucks
- Daraus kann sich eine Deutungshypothese ergeben, was die Aussage und Bedeutung dieses Gedichtes angeht.
- Offensichtlich soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass das wirkliche Wichtige einer Situation erst wahrgenommen wird, wenn alles das, was diesen Eindruck verdeckt hat, nicht mehr da ist.
- Es bleibt natürlich der Unterschied, dass im ersten Falle die gesamte Person nicht mehr da ist und aus der Erinnerung dann etwas hervortritt.
- Im zweiten Fall waren, wie schon beschrieben wurde, die ganze Zeit die Sterne da; nur sie leuchteten nicht hell genug, um eben in den Vordergrund zu kommen.
— - Man könnte also zum Beispiel formulieren: das Gedicht macht darauf aufmerksam, dass das, was man bei einer Fülle von Eindrücken sieht, auch etwas verdecken kann, was erst deutlich wird, wenn gewissermaßen der Gesamteindruck reduziert worden ist (beim Wegfall des Sonnenlichtes). Oder aber etwas in der Erinnerung geblieben ist, das in der Phase des direkten Zusammenseins nicht genügend gewürdigt worden ist.
Versuch eines übergeordneten Verstehens
- Wir sind ja immer der Meinung, dass die Beschäftigung mit Literatur nur Sinn macht, wenn man sie auch eine Beziehung setzt zur eigenen Lebenswelt.
- Jeder kennt Situationen, in denen erst nach dem Verlust von etwas dessen Bedeutung einem klar wird.
- So kann jemand seine Heimat verlassen haben, sich woanders eine Existenz aufgebaut haben. Aber dort hat er immer wieder an etwas gedacht, was ihm, als er es noch jeden Tag hatte, nicht so von Bedeutung war.
- Oder jemand ist in die Südsee gezogen und vermisst dort erst den Wechsel der Jahreszeiten, wie er ihn in Mitteleuropa erlebt hat. Konkret fehlte ihm zu Weihnachten so etwas wie Schnee.
- Aus Geschichten früherer Generationen kennt man auch, dass zum Beispiel ein einfaches Schnittebrot in einer Notzeit plötzlich ganz anders gesehen wurde als in früheren besseren Zeiten.
Die Unterstützung der Aussage durch sprachliche und andere Mittel.
- Dieses Gedicht ist insofern ganz interessant, weil man hier deutlich machen kann, was wir immer ein strategisches oder allgemeines literarisches Mittel nennen.
— - Gemeint ist damit, dass jeder Schriftsteller sich nicht nur eine Handlung ausdenkt und auch nicht nur irgendeine Erzählweise, sondern er versucht auch etwas Besonderes zu präsentieren.
— - Ein interessantes aktuelles Beispiel ist etwa der Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Sie hatte eben die Idee, um ein konkretes Haus auf einem bestimmten Grundstück an einem See einen Blick auf die verschiedenen früheren Besitzer oder Bewohner zu werfen und auf die Heimsuchungen, die sie dann jeweils auf unterschiedliche Art und Weise erlebt haben.
— - Hier war und ist es eben die Idee der Zweiteilung des Gedichtes. In den ersten beiden Strophen geht es um eine menschliche Beziehung. Man wird als Leser auch ein bisschen in die Irre geführt. Das alleine führt schon dazu, dass man dann über das Verhältnis der beiden Strophenpaare intensiver nachdenkt, wie wir es hier getan haben. Letztlich muss man etwas suchen, was man Tertium Comparationis nennt, das ist nämlich das Übergreifende, was zwei verschiedene, aber ähnliche Situationen verbindet.
— - Ein spezielles sprachliches Mittel ist die Auflistung von drei Elementen in der ersten Strophe, an die man sich nicht erinnern kann. Dann folgt der Gegensatz, ausgedrückt durch „aber“, Verbunden mit der Konzentration auf das Augenpaar und die entsprechende Hervorhebung
— - In der zweiten Strophe findet sich die Metapher des trüben Grundes bezogen auf die nicht mehr klare Erinnerung.
— - In der dritten Strophe fällt natürlich der Bezug zu einem Pilger auf, der das Gedicht in einen höheren, fast religiösen Zusammenhang stellt.
— - Dann die Wiederholung des „Aber“, um dann in einer parallelen Wiederaufnahme-Situation die Bedeutung der Sterne hervorzuheben.
Kritik und Kreativität
Wir nehmen hier noch mal das Bild auf vom Anfang und zeigen jetzt, wie man kritisch und konstruktiv kreativ mit diesem Gedicht umgehen kann.

- Hier links angedeutet die Erstbegehung eines Berges, hier eines Gedichtes.
- Man hat anfangs mehr oder weniger ein Vorverständnis.
- Die ersten beiden Strophen liefern die erste Hälfte der Aussage des Gedichtes.
- Es folgt die zweite, weg von der menschlichen Beziehung hin zur Natur.
- Dann die Frage nach der Gemeinsamkeit beider Bilder.
- Es folgt kritisches Nachdenken und im Idealfall auch eine fiktive Szene im Haus des Dichters.
- Es ist wohl ganz natürlich, wenn man diese Gleichsetzung der Augen bzw. des Blickes eines Menschenmit dem Naturphänomen des Sternenbildes als etwas Künstliches empfindet.
Aber der Vorteil war und ist auf jeden Fall, dass man gezwungen ist, über die Vergleichsmöglichkeit und damit die Gemeinsamkeit der Aussage doch etwas intensiver nachzudenken.
— - Was zum Beispiel bei einem Vergleich der beiden Situationen natürlich nicht mehr stimmt, das ist der Unterschied bei der Wiederkehr der beiden Situationen. Im Falle der ersten beiden Strophen wird es wohl so sein wie bei den oben durchgespielten Verlustsituationen, dass man bei der nächsten Begegnung in viel stärkerem Maße auf das „Augenpaar“ achtet. Wenn man am nächsten Morgen früh genug aufsteht, weiß man, dass die verbliebenen Sterne auf jeden Fall am Abend wieder kommen. Vielleicht nicht in der völlig identischen Konstellation. Aber man merkt doch deutlich, dass der Vergleich hinkt.
Was ein Behelfsschriftsteller aus dem Gedicht macht
Es gibt ja Lehrkräfte, die heimlich selbst ein bisschen schreiben.
Wir zeigen jetzt mal, wozu Anders Freistein sich hat anregen lassen, als er das Gedicht verstanden hatte und es dann noch ein bisschen weiter dachte?
Was dem Dichter hätte passieren können
Szene: Abendbrot bei den Kerners
Ort: Weinsberg, im Hause des Arztes und Dichters Justinus Kerner.
Personen: Justinus (begeistert von seinem neuen Werk) und seine Frau Friederike (die „Rickele“).
Justinus: (legt die Feder beiseite und liest mit Pathos) „…schaut er nichts mehr als die Sterne leuchten auf dem schwarzen Grund.“ Na, mein gutes Kind, was sagst du? Ist das nicht die reinste Form der Treue? Dass dein Augenpaar als mein Fixstern übrig bleibt, wenn alles andere verblasst?
Friederike: (schweigt einen Moment, legt das Strickzeug beiseite) „Ach Justinus. Das ist ja wieder sehr… naturfreundlich. Aber sag mal ehrlich: Du schreibst da, mein Wuchs und meine Wangenfarbe seien dir schon kurz nach dem Weggehen entfallen? Das klingt für mich eher nach einem schlechten Gedächtnis als nach großer Liebe.“
Justinus: „Aber nein! Es ist die Konzentration auf das Wesentliche! Das Äußere schwindet, damit das Innere strahlen kann!“
Friederike: „Schön und gut. Aber jetzt kommt der richtige Hammer, mein Lieber. Du vergleichst mich mit den Sternen, weil die am schwarzen Himmel so schön sicher leuchten. Du denkst wohl, ich funktioniere wie ein Naturgesetz? Dass ich wie die Sterne jeden Abend ganz von selbst wieder auftauche, ohne dass du einen Finger rühren musst? “
Justinus: „Nun ja, das Bildnis der Natur…“
Friederike: „Vergiss die Natur mal kurz. Die Sterne brauchen kein neues Kleid, die hängen da oben umsonst. Aber bei mir wirst du dir mehr Mühe geben müssen, wenn ich immer wieder kommen soll. Warten und in den Nachthimmel starren reicht nicht. Wenn du den Unterschied zwischen meinen Augen und kalten Fixsternen wirklich verstanden hast, dann beweist du mir das morgen mit einem neuen Kleid. Dann leuchten meine Augen vielleicht auch im Hellen wieder, und du musst nicht erst warten, bis es Nacht um dich wird!“
Was Google Gemini dazu sagt
Was diese Szene methodisch leistet (für deine Schüler):
- Dekonstruktion des Lyrischen Ichs: Die Schüler sehen, dass das „Ich“ im Gedicht eine Behauptung aufstellt, die man auch ganz anders (unromantisch, materiell, psychologisch) interpretieren kann.
— - Aufdeckung des „Hinkens“ im Vergleich: Deine Idee mit dem Kleid macht brillant deutlich, dass der Naturvergleich (Strophe 3 & 4) die menschliche Autonomie ignoriert. Sterne müssen leuchten; eine Frau entscheidet sich dazu.
— - Transfer in die Realität: Du nimmst das Gedicht beim Wort („ich weiß es nicht“ ) und zeigst die Konsequenzen: Wer das Äußere vergisst, riskiert den Zorn derer, die sich für dieses Äußere (Wuchs, Wangen, Kleidung) durchaus Mühe geben.
Mein Tipp: Lass die Schüler im Unterricht genau solche Gegentexte oder Dialoge schreiben. Wer Kerner so „antworten“ kann, hat die Struktur des Gedichts tiefer durchdrungen als jeder, der nur „Metapher“ und „Paarreim“ unterstreicht. Das ist die Reparatur der Beziehung zum Gedicht par excellence!
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Gedichte: Wie interpretiert man sie schnell und sicher?
https://textaussage.de/themenseite-gedichte-interpretieren
— - Besonders hervorheben möchten wir hier:
https://textaussage.de/5-survival-tipps-zur-sicheren-interpretation-bsd-von-gedichten
— - Unsere Youtube-Videos zum Thema Analyse von Gedichten
https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv0TBi5dtyLAFQrugMD5FevH
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