Kafka, „Das Schweigen der Sirenen“ – freies Spiel mit einem Mythos (Mat4104)

Das Besondere an dieser Erzählung

„Das Schweigen der Sirenen“ von Franz Kafka ist etwas ganz Besonderes, weil hier nicht einfach eine Geschichte erzählt wird, sondern ausgehend von einem antiken Mythos verschiedene Varianten dazu durchgespielt werden.

Die Erläuterung des Textes im Detail

Die Ausgangsthese und Odysseus‘ Trick

  1. Beweis dessen, daß auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können:
    • Der Text beginnt fast schon im Stil mancher Parabeln von Bertolt Brecht mit einer einführenden Erklärung.
    • Angeblich handelt es sich bei diesem Text um den Beweis, dass einen auch etwas retten kann, was eigentlich dazu nicht geeignet ist oder ausreicht.
  2. Um sich vor den Sirenen zu bewahren, stopfte sich Odysseus Wachs in die Ohren und ließ sich am Mast festschmieden.
    • Es folgt eine kurze Zusammenfassung des Tricks, mit dem Odysseus sich nach dem Mythos vor den gefährlichen Sirenen bewahrt haben soll.
    • Wachs in den Ohren
    • Und Fesselung an den Mast

Kafkas Erweiterung: Der übermächtige Gesang

  1. Ähnliches hätten natürlich seit jeher alle Reisenden tun können, außer denen, welche die Sirenen schon aus der Ferne verlockten, aber es war in der ganzen Welt bekannt, daß dies unmöglich helfen konnte. Der Sang der Sirenen durchdrang alles, und die Leidenschaft der Verführten hätte mehr als Ketten und Mast gesprengt.
    • Es folgt eine Behauptung, die den antiken Mythos auf eigene Art und Weise ergänzt.
    • Kafka lässt den Erzähler nämlich einfach behaupten, auch die Mittel, die Odysseus sich ausgedacht hat, hätten nicht gereicht.
    • Der Gesang der Sirenen hätte alles durchdrungen, und die Seefahrer hätten sich zu ihrem eigenen Verderben freigemacht und damit ihren Untergang heraufbeschworen.
  2. Daran aber dachte Odysseus nicht, obwohl er davon vielleicht gehört hatte. Er vertraute vollständig der Handvoll Wachs und dem Gebinde Ketten und fuhr in unschuldiger Freude über seine Mittelchen den Sirenen entgegen.
    • Es folgt eine Passage, in der dem Leser das Gefühl gegeben wird, dass Odysseus entgegen dem antiken Mythos auch hier seinem Untergang entgegengefahren sei.

Das Schweigen als noch größere Gefahr

  1. Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen.
    • Der Erzähler erweitert in typischer Manier Kafkas das Gefahren- beziehungsweise Untergangspotenzial noch weiter, indem er auch das Schweigen der Sirenen zu einer noch schlimmeren Waffe macht.
  2. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, dass sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiss nicht.
    • Typisch für Kafka, dass etwas nur Möglichkeit bleibt.
    • Das wird dann wieder zumindest teilweise infragegestellt, bevor zur Untergangssicherheit zurückgekehrt wird.
  3. Dem Gefühl, aus eigener Kraft sie besiegt zu haben, der daraus folgenden alles fortreißenden Überhebung kann nichts Irdisches widerstehen.
    • Der Blick richtet sich jetzt auf eine sich aus der Situation ergebende Überheblichkeit solcher Leute wie Odysseus.
    • Sie fühlen sich als Sieger über die Sirenen, und gerade das führt zu ihrem Untergang.

Die Sirenen schweigen tatsächlich

  1. Und tatsächlich sangen, als Odysseus kam, die gewaltigen Sängerinnen nicht – sei es, dass sie glaubten, diesem Gegner könne nur noch das Schweigen beikommen, sei es, dass der Anblick der Glückseligkeit im Gesicht des Odysseus sie allen Gesang vergessen ließ.
    • Die Sirenen singen nicht. Über den Grund werden nur Vermutungen angestellt.
    • Variante 1: Nur die stärkere Waffe des Schweigens könne Odysseus besiegen.
    • Variante 2: Eine spezielle Wirkung der Siegesgewissheit von Odysseus.
  2. Odysseus aber hörte ihr Schweigen nicht; er glaubte, sie sängen, und nur er sei behütet, es zu hören.
    • Odysseus bleibt auf seinem vermeintlichen Siegestrip und stellt sich das Singen der Sirenen einfach vor – er wiegt sich in Sicherheit.

Odysseus‘ Fehlwahrnehmung und die Umkehrung der Perspektive

  1. Flüchtig sah er zuerst die Wendungen ihrer Hälse, das tiefe Atmen, die tränenvollen Augen, den halb geöffneten Mund, glaubte aber, dies gehöre zu den Arien, die ungehört um ihn verklangen.
    • Hier wird noch genauer auf die falschen Annahmen des Odysseus eingegangen.
  2. Bald aber glitt alles an seinen in die Ferne gerichteten Blicken ab, die Sirenen verschwanden förmlich vor seiner Entschlossenheit, und gerade als er ihnen am nächsten war, wusste er nichts mehr von ihnen.
    • Odysseus wird regelrecht überhöht: Er blickt in die Ferne, und die Sirenen verschwinden für ihn – betont wird seine Entschlossenheit.
    • Eigentlich eine gefährliche Situation, denn im Moment der größten Nähe müsste die Wirkung der Sirenen am stärksten sein.
    • Doch das Vergessen der Sirenen könnte ihn genau davor schützen – allerdings war das nur eine von mehreren Möglichkeiten.
  3. Sie aber – schöner als jemals – streckten und drehten sich, ließen das schaurige Haar offen im Winde wehen und spannten die Krallen frei auf den Felsen. Sie wollten nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie so lange als möglich erhaschen.
    • Hier wird die Umkehrung der antiken Verhältnisse betont: Nicht Odysseus ist gebannt, sondern die Sirenen sind ganz von ihm hingerissen.

Das offene Ende: Bewusstlosigkeit und eine listenreiche Variante

  1. Hätten die Sirenen Bewusstsein, sie wären damals vernichtet worden. So aber blieben sie, nur Odysseus ist ihnen entgangen.
    • Den Sirenen wird das Bewusstsein abgesprochen – angeblich die Voraussetzung dafür, dass sie nicht vernichtet werden.
    • Wie das hätte geschehen können, bleibt offen. Der antike Mythos wird gewissermaßen nur anders erklärt.
  2. Es wird übrigens noch ein Anhang hierzu überliefert: Odysseus war so listenreich, dass selbst die Schicksalsgöttin nicht in sein Innerstes dringen konnte.
    • Am Ende wird eine andere Variante vorgestellt, in der Odysseus ausreichend listenreich ist. Das Verhältnis der Schicksalsgöttin zu den Sirenen bleibt ungeklärt.
  3. Vielleicht hat er wirklich gemerkt, daß die Sirenen schwiegen, und hat den obigen Scheinvorgang nur als Schild entgegengehalten.
    • Eine letzte Deutungsebene: Odysseus habe sein ganzes Verhalten nur vorgespielt.

Zusammenfassung

  • Es ist nicht ganz einfach, diesem Text eine logische thematische Aussage zu entnehmen – dafür gibt es neben den vielen überraschenden Wendungen zu viele Lücken.
  • Offensichtlich ging es Kafka nur darum zu zeigen, dass hinter dem antiken Mythos eine Fülle irritierender Möglichkeiten liegt, die letztlich alles offenlassen.
  • Das Besondere an dieser kleinen Erzählung – und für Kafka eher ungewöhnlich – ist, dass alles gut ausgeht: Die Sirenen bleiben der Seefahrt erhalten, und Odysseus triumphiert auf etwas unklare Art und Weise.

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