Anmerkungen zu Kafkas Erzählung „Gib’s auf“

Titel

Gib’s auf!

  • Ist zwar Zitat des Schutzmanns,
  • enthält aber durch die Überschrift einen allgemeinen Hinweis auf die Situation des Menschen in der Welt.
  • Und zwar als resignierender Ratschlag.
  • Inwieweit das ernst gemeint ist, muss natürlich geprüft werden, passt aber zur Grundhaltung der Werke Kafkas (Siehe die YouTube-Playlist: Kafka)
  • https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv3da2qlaVKAHPNk2PDlUPvO

Inhaltserläuterung

„Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“

  • Kafka beginnt mit einer ganz normalen Situation, die nach Alltag aussieht.
  • Es folgt ein kleiner Moment des Schreckens, der dann die Normalität immer mehr ins Wanken geraten lässt.
  • Typisch sind Steigerung und Höhepunkt am Ende, wo derjenige, der eigentlich Freund und Helfer der Menschen sein soll, das totale Gegenteil präsentiert.
  • Wichtig sind die Details:
    • zum einen die Wiederholung des Titelratschlags,
    • dann eine Kombination aus Selbstbewusstsein, Kraft beim Schutzmann, die aber im völligen Gegensatz zu den berechtigten Erwartungen an ihn steht, 
    • und so etwas wie gute Laune – muss dem Hilfesuchenden wie der reine Hohn vorkommen. Sie geht nämlich in eine völlig andere Richtung, als er zu Recht erwartet hat.
  • Der Ich-Erzähler interpretiert das, was er sieht, für sich wohl zu Recht  auf negative Weise. Hier zeigt sich seine Schwäche. Er ist ein Nachdenkender, kein starker Tatmensch. Er könnte ja auch protestieren, dazu fehlen ihm aber alle Voraussetzungen.

Kernaussagen / Intention: Insgesamt zeigt die Parabel,

    • dass die Normalität des Lebens jederzeit ins Wanken geraten kann
    • und am Ende ein albtraumartiger Eindruck steht,
    • vor allem für eher schwache Menschen, die „Schutz“ brauchen.

Was unklar bleibt

    • Einzelfall oder allgemeingültig?
    • Unklar: Titel als Hinweis auf die Intention oder nur Zitat einer einzelnen Person, nämlich in diesem Fall die Schutzmanns, und damit nicht allgemeingültig?
  • Hier kann man andere Werke heranziehen. Die Grundsituation passt zu vielen anderen Geschichten Kafkas, zum Beispiel auch zu „Der Schlag ans Hoftor“.

Sprache/Erzähltechnik (Möglichst immer im Zusammenhang mit dem Inhalt)

    • Einstieg: anderthalb Zeilen mit kurzen Sätzen, passt zur Alltagsnormalität auf dem Weg zur Arbeit.
    • Dann 8 Zeilen: Problem und Möglichkeit einer Lösung.
    • Zunächst kompliziertes Satzgefüge, (Aufregung und Nachdenken) dann Rückkehr zu rationaler Entscheidung und Begründung und dementsprechend Hauptsätze.
    • Dann ein kurzer Gesprächsteil mit krassem Gegensatz zwischen hoffnungsvollen Erwartungen und größtmöglicher Verweigerung, letztlich ohne Begründung, nur mit Abwendung, demonstrierter Stärke und einem Lachen, das verletzen muss, vielleicht auch die einzige Möglichkeit ist, wenn man in der Welt nur Irrsinn und vergebliche Anstrengung sieht und sich in sich selbst zurückzieht. 
    • Das zumindest begreift der Ich-Erzähler und zieht sich entsprechend auch ins eigene Denken zurück.

Kreative Idee:

Das wird hier schon eingeschoben, weil solche Ideen meistens mögliche Antworten sind, die man selbst auf offene Fragen des Textes geben kann)

    • Ob er den Ratschlag des Schutzmanns und des Titels annimmt, muss der Leser sich selbst überlegen – ein guter Anlass, um die Geschichte weiterzuschreiben.

Fazit: Zentrale künstlerische Mittel

    • Satzbau lässt sich mit der Situation erklären.
    • Ansonsten maximaler Gegensatz zwischen einfacher, normaler Sprache und maximaler Unordnung der Welt.

Thema:

  • Frage, was passiert, wenn die Normalität der Welt sich als brüchig erweist.

Aussage des Textes ist die Antwort auf die Themafrage:

  • Die Geschichte zeigt (Intention), wenn man sie verallgemeinert (Interpretation, durch Kafkas Werk legitimiert!)
    • dass der scheinbar normale  Alltag sich als unsicher bis irrsinnig erweisen kann
    • und Kapitulation, Lachen und Rückzug in die Einsamkeit vielleicht die einzigen Reaktionsmöglichkeiten sind, mit denen man sich retten kann,
    • und auch mehr oder weniger direkt empfohlen werden.

Verweis auf Robert Walser, „Der Traum“

https://textaussage.de/5-minuten-tipps-zu-robert-walser-der-traum

Weiterführende Hinweise