Wie erkennt man Kennzeichen des Expressionismus in einem Gedicht?

In einem Video haben wir 15 Motive des Expressionismus aufgeführt, die man leicht in entsprechenden Gedichten der Zeit identifizieren kann.

Das Video ist auf Youtube unter der folgenden Adresse zu finden:

https://youtu.be/r1Jct0-WEVc

Hier wird es auf ein Gedicht von Trakl angewandt – weiter unten probieren wir es mal an einem Gedicht von Kanehl aus.

kennzeichen expressionismus

Oskar Kanehl,

Auto

Wir fressen das Land.

Wie Windswut

fliegt es durch unsern Rachen.

Unsre Köpfe reißen vom Leib.

  • Schon in den ersten Zeilen spielen die folgenden Motive eine Rolle
    • 2: Bedrohung, Gefahr (für das Land, nicht für das Auto, vielleicht indirekt auch dessen Benutzer)
    • 11: Naturferne, Technik
    • 15: Verfall, Zerstörung, Untergang, Tod

Uiii uiii

bellt die Sinne.

Der Motor stöhnt und heult.

Auf hundert zittert der Manometer.

Wie Raubtiere springen wir

auf unschuldige Landschaft.

Wir beißen die Wälder

im Nacken

und schleudern sie im Maule.

Wir ichmeißen die Städte

wie Spielzeug hinter uns.

Und Schmutz von den Hufen

galoppierender Pferde

spritzt von unsern Rädern die Welt.

  • Eigentlich setzt sich hier das fort, was sich schon in den ersten Zeilen angedeutet hate.
  • Interessant für den Bezug zum Expressionismus ist, dass die Städte hier keine bedeutende Rolle spielen, sondern wie „Spielzeug“ behandelt werden.
  • Außerdem wird der wilden Natur gehuldigt – in den Vergleichen mit wilden Tieren  und ihrem Verhalten.
  • Man merkt hier also, dass dieses Gedicht gleichzeitig die Technik nutzt, zugleich aber um eine Art neue Dschungelpraxis zu zelebrieren.

Unsre Augen überfliegen den Wagenflug.

Wir werden größenwahnsinnig.

Zum Lachen ist alles so hässlich klein.

Hinter uns schlagen die Chausseebäume

zusammen.

Hinter uns

fällt die Erde ein.

Vor uns, vor uns

springt immer neues Land heran,

uiii, uiii

das wir fressen.

  • Interessant ist hier der Ansatz des menschlichen Größenwahns, der auch nicht typisch ist für den Expressionismus. Wenn man an „Der Gott der Stadt“ u.ä. Gedichte denkt, dann kommt die Bedrohung für den Menschen immer von außen – hier kommt sie anscheinend von außen (Techn ik) und von innen (Größenwahn).