Kimia Tivag, „Wenn man nicht merkt, was man alles sagt“ (Mat9473-wmn)

Worum es hier geht:

Die folgende Kurzgeschichte enthält eine Menge Potenzial, über das man nachdenken könnte – vielleicht nimmt man sogar etwas für sich mit 😉

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Mat9473-wmn Kimia Tivag Wenn man nicht merkt, was man alles sagt 

Kimia Tivag

Wenn man nicht merkt, was man alles sagt

 

 

Zwei Jungs an der Bushaltestelle – die Linie 17 wie immer verspätet. Mika schaut gedankenverloren die Straße entlang. Jonas dagegen fängt plötzlich an zu lachen. Nicht laut, eher wie jemand, dem gerade ein Gedanke quer durch die Brust gerutscht ist.

Mika irritiert: „Was ist denn jetzt los?“

Jonas: „Ach … ich musste grad an was denken, was heute Mittag passiert ist.“

Reaktion eine leicht gehobene Augenbraue — das heißt: Bitte erzähl, aber mach’s kurz.

„Also … zum Mittagessen kam ich etwas verspätet runter – und um schnell aus der Ärgerzone rauszukommen, habe ich, was mich aufgehalten hatte. Du weißt doch, ich bin in diesem Gedichte-Form. Und da hatte jemand sein neuestes Werk gepostet – und darunter sofort ein hyperkritischer Kommentar – mit mindestens drei Anmerkungen, was alles auf der Ebene von „So geht das gar nicht“ – war. Und du weißt ja: Ich, der Robin-Hood der Kommentaropfer habe gleich einen Verteidigungskommentar druntergesetzt. Was dann aber die echte Verzögerung ausgelöst hat – ich habe zu spät gemerkt, dass der Gedichtschreiber den Kommentar selbst erstellt hatte. Die Eröffnungszeile: „Bevor es andere tun“ hatte ich übersehen.

Mika hatte aufmerksam zugehört: „Typisch Internet. Alle wollen die eigene Vorbeuge-Kritik perfektionieren.“ Und hast du dein Besänftigungsziel erreicht?

Viel schöner: Meine Mutter im Stil der erfolgreichen Businessfrau: „Tja, mein lieber Sohn: Das sind die Leute, die zu wenig Selbstbewusstsein haben – daran kannst du auch noch arbeiten.“

Während ich noch überlegte, was ich dazu sagen könnte, klingelt es. Die Kramers aus Süddeutschland hatten wohl zu wenig Stau undn kamen zwei Stunden früher. Meine Mutter an die Tür – und dann nach der zuckersüßen Begrüßung bekomme ich noch mit, wie sie die Gäste ins Wohnzimmer begleitet – und ich sehe ihre entschuldigende Handbewegung – Körpersprache ist einfach alles – und höre den Spruch: „Sorry, ist noch gar nicht aufgeräumt.“

Mein Dad und ich schauen uns an, fangen an zu lachen und haben uns dann geeinigt, diese schöne Selbstkundgabe, so heißt das wohl in der Kommunikationswissenschaft, als stilles Geheimnis für uns zu behalten.

Man merkte, wie Mika das erst mal verarbeiten musste. Dann sein Kommentar: Typischer Rollenwechsel – zu Hause die perfekte Hausfrau immer noch wie in den amerikanischen Werbefirmen aus dem vorigen Jahrhundert – und im Business – keinen Zentimeter Spielfläche preisgeben.“ – „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu – was tippst du denn da schon wieder auf deinem Handy rum.

Jonas – ohne auch zur aufzuschauen: Ich mache mir eine Notiz für den richtigen Zeitpunkt, wo ich meiner Mutter die Chance gebe, die dritte Rolle zu lernen.

Mikas Frage: „Und wie wäre?“ blieb erst mal unbeantwortet. Gerade bog der Bus endlich um die Ecke – und manchmal übersah der Fahrer Leute, die im Schatten der Bushaltestelle saßen.

Beide springen gleichzeitig auf und auf dem Weg zum Bus noch ein nachhallendes Schmunzeln auf den Gesichtern.

aus: Durchblicke bis auf Widerruf – Online-Zeitschrift für Schule und Studium – 11/2025

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