Ein anderer Zugang zur Literatur
- Wir zeigen auf dieser Seite, wie man mit Kurzgeschichten auch anders umgehen kann.
- Analyse und Interpretation sind natürlich wichtig für Klausuren und Prüfungen.
- Aber Geschichten werden nicht dafür geschrieben. Sie warten auf Leser und Leserinnen, die sich mit ihnen auseinandersetzen.
- Wir zeigen, wie man ganz persönlich und kreativ auf diese Geschichte reagieren kann.
Die Seite
https://textaussage.de/schnell-durchblicken-bei-der-kurzgeschichte-zugvoegel-von-elisabeth-steinkellner
zu dieser Kurzgeschichte liefert die klassische Analyse: Erzählschritte, Signale im Text, Deutungshypothesen. Das muss sein – aber es ist nicht alles, was Literatur kann. Die eigentliche Freude an einem Text entsteht oft erst dort, wo man selbst weiterdenkt: sich in eine Figur hineinversetzt, eine Situation weiterspinnt oder sie auf eine ganz andere Konstellation überträgt.
(Hinweis aus urheberrechtlichen Gründen: Der Text der Kurzgeschichte wird hier nirgends wiedergegeben. Die Aufgaben bauen auf der Situation und den Figuren auf, nicht auf wörtlichen Zitaten.)
Selbst ausprobieren – kreative Zugänge
1. Der Vater danach
Wie geht es dem Vater weiter, nachdem das Kind wortlos gegangen ist? Man könnte ihn zum Beispiel hinterher mit jemandem telefonieren lassen, dem er sein Leid oder seine Frustration klagt. Dafür dürft ihr gern passende weitere Elemente hinzuerfinden – zum Beispiel eine andere Frau, mit der er inzwischen zusammenlebt. Das dürfte wahrscheinlicher sein als rein berufliche Verpflichtungen, denn es liegt ja offensichtlich schon eine Scheidungssituation vor.
Aufgabe: Schreibt dieses Telefonat – oder eine Nachricht, die der Vater noch am selben Abend verschickt.
2. Das Kind danach
Die andere Möglichkeit: Das Kind trifft auf dem Nachhauseweg einen Freund oder eine Freundin, und es kommt zu einem Gespräch darüber, was gerade passiert ist.
Aufgabe: Schreibt dieses Gespräch. Wie reagiert die Freundin oder der Freund – tröstend, ratlos, mit einem eigenen Vergleich aus der eigenen Familie?
Weiter unten haben wir noch eine andere Möglichkeit diskutiert und mal probeweise entwickelt, wie man eine solche Situation für sich schöner gestalten könnte.
3. Erzwungene Nähe auf Zeit
Vater und Kind sind auf ihrem Spaziergang für kurze Zeit aneinander gebunden – sie können sich nicht einfach aus dem Weg gehen, müssen aber trotzdem miteinander klarkommen. Genau diese Konstellation lässt sich auch ganz unabhängig von „Zugvögel“ durchspielen: Zwei Menschen müssen für kurze Zeit unausweichlich miteinander kommunizieren – aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Ein Klassiker dazu: Ihr trefft eure Lehrkraft am Wochenende zufällig im Aufzug – und müsst 45 Sekunden lang gemeinsam aushalten, bis die Tür sich wieder öffnet.
Weitere Situationen dieser Art, falls ihr eine andere Konstellation wählen möchtet:
- Zwei Fremde teilen sich für eine Nacht ein Zugabteil.
- Zwei ehemals beste Freunde, die sich zerstritten haben, treffen sich zufällig im Wartezimmer.
- Zwei Kolleginnen oder Kollegen, die sich nicht ausstehen können, sitzen ohne Handy-Akku im Stau fest.
- Im Flugzeug sitzt neben euch jemand, der unbedingt reden will, während ihr nur schlafen wollt.
- Zwei Menschen ohne gemeinsame Sprache müssen sich bei einer Autopanne im Ausland verständigen.
- Ein Zimmer auf Klassenfahrt wird von zwei Schülerinnen oder Schülern geteilt, die sich eigentlich nicht mögen.
Aufgabe für die Lehrkraft: Gebt der Klasse nur den Rahmen vor – erzwungene Nähe, keine Fluchtmöglichkeit, ein bestimmter Zeitrahmen – und lasst die Lernenden selbst Situation, Grund für die Schwierigkeit und Dialog entwickeln. Wer mag, kann sich dabei an „Zugvögel“ orientieren: Wie viel wird gesagt, wie viel bleibt unausgesprochen?
Eine spontan entstandene Fortsetzung der Geschichte
Wir haben hier intern mal die Möglichkeiten diskutiert, wie die beiden ihre schwierige Gesprächssituation eine Stunde pro Monat besser für sich nutzen könnten. Dabei ist folgender Text entstanden. Wir stellen ihn hier mal zur Diskussion.
Fortsetzung: „Das Heft“
Du kommst schon von weitem lächelnd auf mich zu, schneller als sonst, fast so, als hättest du es eilig, mich zu erreichen.
„Du, ich hab dir was mitgebracht.“
Deine Hand verschwindet in der Jackentasche und kommt mit etwas Kleinem, Grünem wieder heraus. Ein Heft. Kein besonderes, eines aus dem Schreibwarenladen, mit einem Gummiband drumherum.
Ich nehme es, ohne zu wissen, was ich damit anfangen soll. Du siehst, wie ich zögere, und sagst nichts, wartest einfach.
Als ich es öffne, sind da drei Sätze. Deine Handschrift, die ich kaum kenne, weil ich sie so selten sehe.
Als ich zehn war, hatte ich Angst vor dem Sprungturm im Freibad. Mein Vater hat mich nie gezwungen. Irgendwann bin ich von selbst gesprungen.
Ich lese es zweimal. Dann schaue ich hoch.
„Das ist von dir? Von früher?“
Du nickst, und zum ersten Mal seit langem wirkst du nicht wie jemand, der eine Antwort vorbereitet hat, sondern wie jemand, der einfach erzählt.
„Ich hab mir gedacht – vielleicht will ich dir mal Sachen erzählen, für die im Gespräch nie Zeit ist. Und du kannst reinschreiben, was du willst.“
Wir gehen weiter, und du erzählst von dem Freibad, von dem Turm, von der Angst, die du fast vergessen hattest, bis du es aufgeschrieben hast. Ich frage, ob Opa dabei war. Du überlegst, dann sagst du: ja, aber am Rand, nicht direkt neben mir.
Ich erzähle dir von der Mathearbeit, die ich verhauen habe, aber nicht so, wie ich es sonst tue, kurz und abgehakt, sondern weil ich merke, dass du wirklich zuhörst.
Wir reden über den kleinen Teich, an dem wir sonst schweigend vorbeigehen. Diesmal fragst du, was ich über die Enten denke, und ich sage, dass ich sie manchmal komisch finde, weil sie so tun, als würden sie sich nie verändern, obwohl sie es doch tun, jedes Jahr, mit den Federn.
Die Zeit vergeht, ohne dass wir sie merken.
Erst als du zufällig auf deine Uhr schaust, erschrickst du.
„Wir sind schon eine Viertelstunde drüber.“
Du suchst in deiner Tasche, findest einen Schein, hältst ihn mir hin. Zehn Euro.
Ich schaue ihn an, dann dich.
„Was soll ich damit?“
„Kauf dir auch so ein Heft. Schreib rein, was du mir erzählen willst. Oder was du von mir wissen willst.“
Ich drehe den Schein zwischen den Fingern.
„Also eine Hausaufgabe?“
Du schüttelst den Kopf, ganz ruhig.
„Nein. Eine Möglichkeit.“
Weitere Infos, Tipps und Materialien
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- „Zugvögel“ – die klassische Analyse mit Erzählschritten und Deutungshypothesen.
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— - Themenseite mit weiteren Anregungen zum kreativen Schreiben im Deutschunterricht.
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