Manuel Schormack

Die gläserne Decke

Er hatte sich so gefreut, als er den Aushang las. Es würde also endlich an ihrer Schule eine Schreibwerkstatt geben.  Vor etwa einem Jahr hatte er gemerkt, dass er nicht nur gern las, sondern noch viel lieber selbst etwas schrieb. Es hatte damit begonnen, dass er über einer Hausaufgabe saß und sich über eine Kurzgeschichte ärgerte, zu der er eine Inhaltsangabe schreiben sollte. Warum war der Autor am Anfang so langatmig, das passte doch gar nicht zu einer Kurzgeschichte. Als er sich am nächsten Tag in der Schule traute, das in der Deutschstunde anzusprechen, war der Lehrer ganz erstaunt, hatte aber wohl nicht viel Zeit. Also hieß es nur: „Probier doch einfach mal, den Anfang umzuschreiben.“ Er hatte das auch gemacht, aber in der nächsten Stunde nicht den Mut gehabt, sich zu melden. Der Lehrer hatte es offensichtlich vergessen und so blieb die Sache auf sich beruhen. Jetzt also würde es diese Schreibwerkstatt geben. Da lernte man sicher, wie man typische Anfängerfehler vermied, mit denen man sich nur lächerlich machte. Vielleicht würde es sich dann auch im ganz normalen Unterricht trauen, etwas Selbstgeschriebenes vorzulesen.

In der nächsten Woche war es soweit. Sie waren zu sechst und warteten auf den Lehrer, von dem sie nur den Namen kannten. Ein Dr. Waidmann – na ja, das klang schon mal nach Durchblick. Als die Tür aufging, sahen sie einen etwas strengen älteren Herrn, der nach kurzer Feststellung der Anwesenheit gleich mit einer ersten Aufgabe begann: „Wie kommt die Zahnbürste ins Gedicht?“. Nachfragen dazu wurden nicht zulassen: „Lasst euch einfach was einfallen – und zwar bitte jeder für sich – Schriftsteller sind einsam!“ Dabei lachte er etwas schräg.

Jan merkte, dass um ihn herum bald eine Unruhe entstand, die nicht nach Produktivität aussah, sondern eher nach Verzweiflung. Auch ihm selbst brach langsam der Schweiß aus, wenn er daran dachte, nachher was vortragen zu müssen. Da plötzlich hatte er es. Warum übertrug er nicht einfach seine Situation auf eine Zahnbürste und erlaubte ihr die Flucht ins Gedicht. Wie sie dahin kam, war letztlich völlig egal. Ihr Deutschlehrer hatte immer gesagt: „In der Literatur ist alles möglich. Träumt euch einfach rein!“. Also stellte er sich einfach kurz vor, dass eine Zahnbürste müde war vom ständigen Putzen und mit Schrecken an die nächste Aktion dachte.  Der Rest ergab sich dann von selbst, eben traumhaft. O, damit hatte er ja auch bereits eine Überschrift. Und während der Zeiger der Uhr sich immer mehr dem Ziel näherte, floss es einfach aus ihm heraus.

Als er fertig war, war er glücklich. Die anderen duckten sich erkennbar weg, als sie aufgefordert wurden, ihre Ergebnisse vorzutragen. Er meldete sich gleich und sah mit einer gewissen Zufriedenheit, dass die andern erkennbar aufatmeten. Kaum hatte er seine Zeilen vorgetragen, geschah erst mal – nichts. Dann das Urteil des Lehrers: „Sag mal, willst du mich eigentlich auf den Arm nehmen? Dies ist eine Schreibwerkstatt, da wird gearbeitet und nicht einfach irgendwas runtergeschrieben. Sowas können wir echt nicht gebrauchen.“ Jan fühlte sich wie niedergeschlagen, die anderen duckten sich noch mehr. Aber das half ihm auch nicht. Was ihn rettete, war das Fußballspiel am Abend, zu dem ihn sein Vater eigentlich mitnehmen wollte. Er hatte verzichtet, weil ihm der Termin in der Schule wichtiger war. Das würde sich jetzt ändern. Er stand einfach auf und verließ den Raum. mit jedem Schritt fühlte er sich besser und wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Es gab wohl doch diese „gläserne Decke“, von der seine Schwester, die Kulturwissenschaften studierte, mal gesprochen hatte: „Die Leute, die schon erfolgreich sind, haben kein großes Interesse, die von unten zu sich hochsteigen zu lassen.“ Anscheinend hatte er einen von ihnen getroffen.

 

Aufgaben:

  1. Woran erkennt man gleich am Anfang, dass es sich um eine Kurzgeschichte handelt?
  2. Wie ist die Geschichte aufgebaut? Teile sie in passende Sinnabschnitte ein.
  3. Wie könnte man den Inhalt kurz zusammenfassen? Am besten führst du einfach den Satz fort: „In der Geschichte geht es um einen Jungen, der …“
  4. Inwieweit ist der Schluss offen? Wie könnte die Geschichte weitergehen? Denk dran, dass verschiedene Leute von diesem Ablauf betroffen sind.
  5. Wieso kann man diese Geschichte so verstehen, dass sie den „Ausriss aus einem Leben“ (also einen scheinbar zufälligen Detail-Moment, der aber wichtig ist) darstellt.

Überlege, wie man möglichst freundlich diesem Dr. Waidmann einen Zettel ins Fach legen lassen könnte, indem man seine Meinung zu dem Vorfall äußert und vielleicht auch Vorschläge macht.

 Wer noch mehr möchte …