Notfallkoffer: Klausur/Prüfung zum Roman „Heimsuchung“: Thema „Jahrhundertroman“? (Mat8704-nfk-jhr )

„Heimsuchung“ und „Jahrhundertroman“ – ein Musterbeispiel für die Notwendigkeit eines „Notfallkastens“

  • Ein Notfallkasten ist eine Art Werkzeugkasten, der für bestimmte Notfälle alles enthalten muss, um sie zu bewältigen.
  • Und was für einen größeren „Notfall“ in der Schule gibt es, als Klausuren und mündliche Prüfungen.
  • Denn dort wird man mit Aufgaben bzw. Fragen konfrontiert, die man in sehr begrenzter Zeit, also unter Stress, lösen bzw. beantworten muss.
  • Wer dann anfängt, sich was zurechtzudenken, wird nur nervöser und hast fast schon verloren.
  • Deshalb liefern wir mit dem folgenden „Notfallkasten“ ein erstes Beispiel für eine Sammlung von Infos und Argumenten – in optimaler systematischer Ordnung und durch ein Schaubild „gedächtnisfest“ gemacht.

Das Video ist hier zu finden:
https://youtu.be/za-nKhiHSaM

Hier die direkten Sprungmarken:

00:01 – Einstieg: Notfallkoffer-Idee 00:26 – Verbindung Kopf–Schaubild 00:43 – Notfallkoffer als Prüfungsprinzip 01:03 – Unerwartete Fragen & Igelprinzip 01:20 – Thema des Videos: Heimsuchung als Jahrhundertroman? 01:35 – Warum Schaubilder helfen 01:58 – Einstieg in die Zeitstruktur 02:06 – Zeitverhältnisse: Kaiserreich bis Nachwendezeit 02:25 – Problem: Vorausgesetztes Wissen 02:54 – Hinweis auf notwendige Geschichtskenntnisse 03:00 – Epoche 1: Kaiserreich 03:11 – Großbauer & Töchter 03:32 – Schwerpunkt: Klaras Krankheit 03:55 – Unzureichende Darstellung der Epoche 04:24 – Hochzeitsszenen statt Sozialgeschichte 04:35 – Epoche 2: NS-Zeit – Opfer 04:43 – Jüdische Familie & Tuchfabrikant 05:00 – Fehlender historischer Kontext 05:22 – Emigration angedeutet 05:42 – Problem: Darstellung des Gaswagens 06:15 – Positive literarische Qualität der Opferdarstellung 07:03 – Bedeutung des individuellen Verlusts 07:28 – NS-Zeit – Mitläufer 07:39 – Architekt als Beispiel 08:01 – Fragwürdige Rettung durch Nazi 08:21 – Frage nach Handlungsspielräumen 08:25 – Satirisches Filmprojekt über „böse Juden“ 08:57 – Literarische Zuspitzung statt historischer Einordnung 09:12 – Epoche 3: DDR-Zeit 09:23 – Architekt als Opfer des Systems 09:40 – Flucht & Missverständnisse 09:54 – Fehlende historische Erklärung 10:07 – Erste These: Roman erzählt ohne Rücksicht auf Lesende 10:32 – Epoche 4: Nachwendezeit 10:40 – Unklare Eigentumsverhältnisse 11:01 – Literarische Darstellung statt Geschichte 11:11 – Heimataspekt wichtiger als Jahrhundertbezug 11:24 – Zweite These: eher Heimatroman als Jahrhundertroman 11:55 – Übergang zur Grundfrage des Romans 12:38 – Kernidee: Kein Jahrhundertroman 12:55 – Analyse des Prologs: Geologische Zeitdimension 13:15 – Naturgeschichte statt Menschheitsgeschichte 13:52 – Die 100 erzählten Jahre: verwirrende Einzelschicksale 14:07 – Mehr literarisches Experiment als historische Darstellung 14:25 – Problem: Lernende als „Objekt des Experiments“ 14:32 – Hauptaussage: Bedeutungslosigkeit menschlicher Schicksale 14:55 – Vergleich & distanzierte Darstellung 15:16 – Kurzzeitiges Mitgefühl statt historischer Einbettung 15:30 – Goethe als notwendige Ergänzung (positive Perspektive) 16:05 – Problematische Botschaft ohne Ausgleich 16:21 – Epilog: Natur siegt über Zivilisation 16:45 – Ambivalenz des Endes 16:57 – Abschluss: Dokumentation und Einladung zu Korrekturen 17:12 – Verweis auf Website und vertiefende Materialien 17:48 – Abschiedsgruß & Erfolgswunsch

zunächst die „unbemalte“ Fassung

Mat8704-nfk-jhr unb Notfallkoffer Heimsuchung Jahrhundertroman

Dann die „bemalte“ Fassung, die uns viel besser gefällt 🙂

Mat8704-nfk-jhr bem Notfallkoffer Heimsuchung Jahrhundertroman

NFK zum Thema „‚Heimsuchung‘ – ein Jahrhundertroman“?

Wir sprechen hier von „linearer Systematik“ – also einer Ordnung, die folgerichtig, Schritt für Schritt entwickelt wird.

  1. Was die Bezeichnung als Jahrhundertroman angeht, so ist sie insofern zunächst einmal richtig, als etwa ein Jahrhundert von 1892 bis zur Zeit nach der Wende im Roman thematisiert wird.
  2. Allerdings wird geschichtliches Wissen eher vorausgesetzt, als dass man es durch den Roman bekommt.
    Besonders deutlich wird das an der Schraubengeschichte, wo niemand ohne Hintergrundwissen versteht, warum der intelligente Einfall des Architekten, die fehlenden Schrauben im Westen zu besorgen, ihm sogar Haft eintragen kann.
  3. Das Kapitel der Großbauer und seine vier Töchter behandelt nur einen ganz kleinen Ausschnitt der Sozialgeschichte um den Ersten Weltkrieg herum und konzentriert sich bei den vier Töchtern, gerade auf die, die krankheitsbedingt kaum etwas über die Zeit aussagt. Bezeichnenderweise wird überhaupt nicht darauf eingegangen, wie zum Beispiel die Leute bis hin zu übergeordneten Institutionen damit umgegangen sind, dass eine Frau zwar das Amt nicht haben durfte, obwohl aber die Funktion ausüben.
    • Hier bietet Theodor Storms Schimmelreiter sehr viel mehr, was die Tochter des Deichgrafen angeht.
  4. Auch das Schicksal des jüdischen Tuchfabrikanten wird sehr eigenwillig behandelt. es gibt interessante Andeutungen, aber mehr nicht. Problematisch zudem die fiktiv, extrem drastisch ausgestalte Tötung im Gaswagen, was man fast als Störung der Totenruhe bezeichnen kann. Absicht und Wirkung mögen in Ordnung sein, aber die Darstellung ist eine Zumutung, wenn man daran denkt, dass der Roman stolz darauf ist, sich auf eine konkrete realeFamilie zu beziehen. Fazit: Konzentration auf einen konkreten Moment statt eines historischen Blicks.
  5. Was die andere Seite der NS-Zeit angeht, beschränkt sich der Roman auch nur auf punktuelle Phänomene, wie die sehr private Regelung der Arier-Frage beim Architekten. Was die Episode mit den jüdischen Figuren in Filmen angeht, ist sie wieder sehr effektvoll, bringt aber nur wenig Licht in die historischen Hintergründe.
  6. Auch bei der Wendezeit nach 1989 beschäftigt sich der Roman mehr mit den Schmerzen von jemandem, der wegen Ausgleichsmaßnahmen sein Haus verlassen muss als mit dem komplexen Umfeld dieser Entscheidung (staatliche Eingriffe, problematische Eigentumsübertragung).
  7. Die Vorstellung vom Jahrhundertroman wird auch dadurch noch relativiert, dass das Verhältnis von Prolog und Epilog zeigt, dass dieses Jahrhundert mit seinen ganzen menschlich schmerzlichen Erfahrungen im Licht der geologischen oder sogar kosmischen Geschichte im Nebel der Belanglosigkeit versinkt.
  8. Bezeichnend ist auch, dass der eigentliche Protagonist des Romans das Haus am Ende genauso verschwindet
  9. wie die mythische Figur des Gärtners, der die menschlichen Schicksale zugleich eigenwillig und bereitwillig begleitet hat.
  10. Dabei ist immer wieder klar geworden, dass nicht Geschichte in diesem Roman das Wesentliche ist, sondern die Auseinandersetzung zwischen Natur und menschlicher Zivilisation und die menschliches Leiden, das zwar punktuell sichtbar gemacht wird, aber letztlich ohne darüber hinausgehende Bedeutung ist. Es handelt sich höchstens um Beispiele, die zudem noch sehr fragmentarisch, fast im Andeutungsstil entwickelt werden.