Überblick über die Strophen:
Wer sich das Gedicht kurz vorstellen lassen möchte – mit zwei anderen Gedichten – und einem tieferen Verständnis der Ideen der Klassik, der kann sich dieses Video anschauen:
Hier zunächst ein Video, das die Grundideen der Klassik am Beispiel von drei Gedichten klärt:
Nun zu den einzelnen Strophen:
- Strophe 1 (Zeile 5):Lobpreisung des modernen Menschen am Ende des Jahrhunderts, der durch Vernunft frei und zum „Herrn der Natur“ gereift ist.
- Strophe 2 (Zeile 17):Mahnung an den Menschen, die Kunst (als seine „Amme“) nicht zu vergessen, die ihn spielerisch zur Tugend erzogen und vor niederen Begierden geschützt hat.
- Strophe 3 (Zeile 34):Feststellung der Einzigartigkeit des Menschen: Während Tiere ihn in Fleiß oder Geschicklichkeit übertreffen können, besitzt nur der Mensch die Kunst.
- Strophe 4 (Zeile 38):Die Kunst als notwendiges „Morgentor“ zur Erkenntnis; der Verstand übt sich erst am Schönen, bevor er nach höherer Wahrheit strebt.
- Strophe 5 (Zeile 46):Das Schöne als Vorbote der Vernunft; die Menschheit ahnte große Wahrheiten (wie den ewigen Raum) bereits im Symbol des Schönen, bevor sie diese wissenschaftlich begriff.
- Strophe 6 (Zeile 58):Die göttliche Wahrheit (Urania) zeigt sich den Menschen in ihrer gemilderten Form als „Schönheit“, damit sie für sie fassbar wird.
- Strophe 7 (Zeile 70):Die Schönheit als treue Begleiterin des Menschen in seiner Sterblichkeit, die ihm Trost spendet und „Elysium auf seine Kerkerwand“ malt.
- Strophe 8 (Zeile 82):Die friedensstiftende Wirkung der Kunst in der frühen Menschheitsgeschichte, die rohe Gewalt und niedere Triebe bändigte.
- Strophe 9 (Zeile 95):Preisung der Künstler als Auserwählte, durch die die Schönheit wirkt und die der Menschheit den Weg in die „erhabne Geisterwelt“ geebnet haben.
- Strophe 10 (Zeile 107):Rückblick auf den Urzustand der Welt als Chaos, das erst durch den ordnenden Sinn der Künstler („Gleichmaß“) für den Menschen fassbar wurde.
- Strophe 11 (Zeile 125):Die Entdeckung der ästhetischen Form in der Natur (z.B. der Wuchs der Zeder) und der Beginn der Nachahmung durch den Menschen.
- Strophe 12 (Zeile 137):Das Erwachen der schöpferischen Bildkraft im Menschen; die erste Kunst entsteht durch das Nachahmen von Schatten und Umrissen in Sand oder Ton.
- Strophe 13 (Zeile 143):Der forschende Geist erkennt die Gesetze des Reizes und verknüpft sie zu ersten menschlichen Bauwerken und Liedern.
- Strophe 14 (Zeile 155):Die Weiterentwicklung der Kunst: Aus der einfachen Nachahmung der Natur entsteht durch Auswahl und Komposition eine „zweite höhere Kunst“.
- Strophe 15 (Zeile 161):Die Idealisierung in der Kunst; das geschaffene Werk verliert seine „Krone“, sobald es der Wirklichkeit und dem Gleichmaß unterworfen wird.
- Strophe 16 (Zeile 169):Die zivilisatorische Macht der Kunst: Gesänge über Helden und Mythen verwandeln die „Barbaren“ in staunende und gesellige Menschen.
- Strophe 17 (Zeile 178):Die Befreiung des Geistes durch die Kunst; der Mensch löst sich aus dem „Sinnenschlaf“, überwindet die Tierheit und beginnt zu denken.
- Strophe 18 (Zeile 191):Die äußere Verwandlung des Menschen: Er blickt aufrecht zu den Sternen, zeigt Gefühl und entwickelt Sprache und Gesang.
- Strophe 19 (Zeile 201):Die Veredelung der Liebe: Aus reinem Trieb wird durch das „Hirtenlied“ eine geistige, seelenvolle Verbindung.
- Strophe 20 (Zeile 214):Die Erschaffung von Idealen: Die Künstler vereinen das Beste (Weisheit, Kraft, Anmut) in Götterbildern, denen die Menschen nachstreben.
- Strophe 21 (Zeile 222):Die Kunst als ordnendes Prinzip, das die wilden Leidenschaften und das Chaos des Lebens in eine harmonische Ordnung bringt.
- Strophe 22 (Zeile 236):Die Kunst als frühe Lehrerin der Menschheit; Mythen wie die „Ilias“ lösten Schicksalsfragen, bevor die Philosophie dazu in der Lage war.
- Strophe 23 (Zeile 241):Die Künstler als Überwinder der Endlichkeit; sie führen das unvollendete Leben in der Dichtung weiter und finden Trost im Bild des Fortlebens.
- Strophe 24 (Zeile 258):Das Streben des Genies nach immer höheren Schöpfungen; Kraft und Reiz verschmelzen zu göttlicher Schönheit.
- Strophe 25 (Zeile 270):Die gegenseitige Bereicherung von Mensch und Natur durch die Kunst; neue „Schönheitswelten“ entstehen aus der Arbeit des Menschen.
- Strophe 26 (Zeile 278):Die Kunst bereitet den Geist auf die Wissenschaft vor; der Mensch lernt, die Natur mit ihren eigenen Maßen zu verstehen und Harmonie im Weltgebäude zu sehen.
- Strophe 27 (Zeile 292):Das Ideal des Gleichmaßes durchdringt das gesamte Leben; die Schönheit wird zur ständigen Begleiterin in Freude und Leid.
- Strophe 28 (Zeile 307):Das friedliche Dahingleiten des Lebens im „Harmonienmeer“; der Geist versöhnt sich mit der Notwendigkeit.
- Strophe 29 (Zeile 320):Dank an die Künstler: Sie haben dem Menschen gelehrt, seine Pflichten zu lieben und Freiheit in der Ordnung zu finden.
- Strophe 30 (Zeile 333):Der Künstler eifert dem „großen Künstler“ (Gott/Naturgeist) nach, der selbst die Notwendigkeit mit Grazie umgibt.
- Strophe 31 (Zeile 340):Die Dichtung als tröstlicher „Zauberschein“, der die harten Realitäten und Sorgen des Lebens (wie den Tod) mit Schönheit verhüllt.
- Strophe 32 (Zeile 351):Rückblick auf die Geschichte: Die Menschheit blüht dort auf, wo die Künstler weilen, und verfällt ohne sie in Traurigkeit.
- Strophe 33 (Zeile 363):Die Wiederbelebung der Kultur durch die Kunst; zweimal (Antike und Renaissance) rettete sie das Wissen vor der Barbarei.
- Strophe 34 (Zeile 371):Der Sieg des Lichts und der Humanität; durch die Kunst fallen Ketten, und Menschenrechte werden anerkannt.
- Strophe 35 (Zeile 383):Bescheidenheit der Künstler; sie freuen sich am Glück der Menschheit und treten demütig zurück.
- Strophe 36 (Zeile 387):Verteidigung der Kunst gegenüber der Wissenschaft; der Forscher darf die Kunst nicht als bloße Dienerin abtun, da sie ihn erst zur Vollendung führt.
- Strophe 37 (Zeile 397):Die Kunst als Anfang und Ende der Naturgeschichte; sie veredelt das Wissen zur Schönheit.
- Strophe 38 (Zeile 413):Die Erweiterung des menschlichen Horizonts durch die Schönheit; das Schicksal verliert seine Macht, je mehr der Mensch die Weltharmonie begreift.
- Strophe 39 (Zeile 429):Der Aufstieg über die „Blumenleiter“ der Dichtung bis hin zur endgültigen Vereinigung mit der Wahrheit.
- Strophe 40 (Zeile 437):Die endgültige Enthüllung: Schönheit (Cypria) und Wahrheit (Urania) erweisen sich am Ziel als eins.
- Strophe 41 (Zeile 447):Der berühmte Appell: Die Würde der Menschheit liegt in der Hand der Künstler; sie sinkt oder steigt mit ihrem Schaffen.
- Strophe 42 (Zeile 450):Die Dichtung als Schützerin der Wahrheit in dunklen Zeiten; sie rächt sich an den Verfolgern durch ihren unvergänglichen Glanz.
- Strophe 43 (Zeile 462):Aufforderung an die Künstler, mutig nach der höchsten Schönheit zu streben und sich über ihren eigenen Zeitgeist zu erheben.
- Strophe 44 (Zeile 474):Vision der Einheit: Am Ende fließen alle Wege der Vielfalt, Wahrheit und Schönheit im „Thron der hohen Einigkeit“ zusammen.
Die wichtigsten Elemente des Gedichtes:
- Was in den ersten zwei Strophen steht
Hier erfährt man bereits Wesentliches über Schillers Sicht:
- Der Status Quo: Der Mensch ist am Ende seiner Entwicklung „frei durch Vernunft“ und „Herr der Natur“.
- Die Rolle der Kunst: Sie ist die „Gütige“, die den Menschen „in hohen Pflichten spielend unterwies“. Das bedeutet: Die Kunst bereitet uns spielerisch auf die Moral (die Pflicht) vor.
- Die Warnung: Der Mensch soll nicht zu „niedern Dienerinnen“ (reiner Sinnlichkeit/Gier) abfallen.
Fazit: Man versteht hier die Kunst als Erzieherin, aber noch nicht den philosophischen Mechanismus, warum das so ist.
- Die „besseren“ Zeilen im weiteren Gedicht
Wenn du Schillers Theorie für die Klausur wirklich auf den Punkt bringen willst, sind diese Zeilen aus dem restlichen Urwald fast noch wichtiger:
- Die Einzigartigkeit des Menschen (Die Anthropologie)
„Die Kunst, o Mensch, hast du allein.“
- Bedeutung: Wissenschaft und Fleiß teilen wir (theoretisch) mit anderen Wesen, aber die Ästhetik ist das Alleinstellungsmerkmal des Menschen.
- Die Kunst als Wegbereiter der Erkenntnis
„Nur durch das Morgentor des Schönen / Drangst du in der Erkenntnis Land.“
- Bedeutung: Das ist eine der wichtigsten Zeilen der Klassik. Man kann die reine Wahrheit/Vernunft nicht direkt ertragen; man muss erst durch das „Tor der Schönheit“ gehen, um den Verstand zu schärfen.
- Die Identität von Schönheit und Wahrheit
„Was wir als Schönheit hier empfunden, / Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn.“
- Bedeutung: Für den Klassiker Schiller sind das Schöne und das Wahre am Ende dasselbe. Die Kunst ist nur die „sinnliche“ Form der Wahrheit.
- Der Trost in der Sterblichkeit
„Und malt mit lieblichem Betruge / Elysium auf seine Kerkerwand.“
- Bedeutung: Die Kunst hilft uns, das „Gefängnis“ der irdischen Endlichkeit und Sterblichkeit zu ertragen, indem sie uns eine Vision des Ideals (Elysium) zeigt.
- Der berühmte Appell (Die moralische Verantwortung)
„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, / Bewahret sie! / Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“
- Bedeutung: Das ist das absolute Kernzitat. Die Künstler tragen die Verantwortung für den moralischen Zustand der gesamten Gesellschaft.
Nun das komplette Gedicht, das wir hier gefunden haben:
http://www.zeno.org/nid/20005595517
Friedrich Schiller
Die Künstler
- Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
- Stehst du an des Jahrhunderts Neige,
- In edler stolzer Männlichkeit,
- Mit aufgeschloßnem Sinn, mit Geistesfülle,
- Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille,
- Der reifste Sohn der Zeit,
- Frei durch Vernunft, stark durch Gesetze,
- Durch Sanftmut groß, und reich durch Schätze,
- Die lange Zeit dein Busen dir verschwieg,
- Herr der Natur, die deine Fesseln liebet,
- Die deine Kraft in tausend Kämpfen übet
- Und prangend unter dir aus der Verwildrung stieg!
- Berauscht von dem errungnen Sieg,
- Verlerne nicht, die Hand zu preisen,
- Die an des Lebens ödem Strand
- Den weinenden verlaßnen Waisen,
- Des wilden Zufalls Beute, fand,
- Die frühe schon der künftgen Geisterwürde
- Dein junges Herz im stillen zugekehrt,
- Und die befleckende Begierde
- Von deinem zarten Busen abgewehrt,
- Die Gütige, die deine Jugend
- In hohen Pflichten spielend unterwies,
- Und das Geheimnis der erhabnen Tugend
- In leichten Rätseln dich erraten ließ,
- Die, reifer nur ihn wieder zu empfangen,
- In fremde Arme ihren Liebling gab,
- falle nicht mit ausgeartetem Verlangen
- Zu ihren niedern Dienerinnen ab!
- Im Fleiß kann dich die Biene meistern,
- In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein,
- Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern,
- Die Kunst,o Mensch, hast du allein.
- Nur durch das Morgentor des Schönen
- Drangst du in der Erkenntnis Land.
- An höhern Glanz sich zu gewöhnen,
- Übt sich am Reize der Verstand.
- Was bei dem Saitenklang der Musen
- Mit süßem Beben dich durchdrang,
- Erzog die Kraft in deinem Busen,
- Die sich dereinst zum Weltgeist schwang.
- Was erst, nachdem Jahrtausende verflossen,
- Die alternde Vernunft erfand,
- Lag im Symbol des Schönen und des Großen
- Voraus geoffenbart dem kindischen Verstand.
- Ihr holdes Bild hieß uns die Tugend lieben,
- Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich gesträubt,
- Eh noch ein Solon das Gesetz geschrieben,
- Das matte Blüten langsam treibt.
- Eh vor des Denkers Geist der kühne
- Begriff des ewgen Raumes stand,
- Wer sah hinauf zur Sternenbühne,
- Der ihn nicht ahndend schon empfand?
- Die, eine Glorie von Orionen
- Ums Angesicht, in hehrer Majestät,
- Nur angeschaut von reineren Dämonen,
- Verzehrend über Sternen geht,
- Geflohn auf ihrem Sonnenthrone,
- Die furchtbar herrliche Urania,
- Mit abgelegter Feuerkrone
- Steht sie – als Schönheitvor uns da.
- Der Anmut Gürtel umgewunden,
- Wird sie zum Kind, daß Kinder sie verstehn:
- Was wir als Schönheit hier empfunden,
- Wird einst als Wahrheituns entgegengehn.
- Als der Erschaffende von seinem Angesichte
- Den Menschen in die Sterblichkeit verwies
- Und eine späte Wiederkehr zum Lichte
- Auf schwerem Sinnenpfad ihn finden hieß,
- Als alle Himmlischen ihr Antlitz von ihm wandten,
- Schloß sie, die Menschliche, allein
- Mit dem verlassenen Verbannten
- Großmütig in die Sterblichkeit sich ein.
- Hier schwebt sie, mit gesenktem Fluge,
- Um ihren Liebling, nah am Sinnenland,
- Und malt mit lieblichem Betruge
- Elysium auf seine Kerkerwand.
- Als in den weichen Armen dieser Amme
- Die zarte Menschheit noch geruht,
- Da schürte heilge Mordsucht keine Flamme,
- Da rauchte kein unschuldig Blut.
- Das Herz, das sie an sanften Banden lenket,
- Verschmäht der Pflichten knechtisches Geleit;
- Ihr Lichtpfad, schöner nur geschlungen, senket
- Sich in die Sonnenbahn der Sittlichkeit.
- Die ihrem keuschen Dienste leben,
- Versucht kein niedrer Trieb, bleicht kein Geschick;[175]
- Wie unter heilige Gewalt gegeben
- Empfangen sie das reine Geisterleben,
- Der Freiheit süßes Recht, zurück.
- Glückselige, die sie – aus Millionen
- Die reinsten – ihrem Dienst geweiht,
- In deren Brust sie würdigte zu thronen,
- Durch deren Mund die Mächtige gebeut,
- Die sie auf ewig flammenden Altären
- Erkor, das heilge Feuer ihr zu nähren,
- Vor deren Aug allein sie hüllenlos erscheint,
- Die sie in sanftem Bund um sich vereint!
- Freut euch der ehrenvollen Stufe,
- Worauf die hohe Ordnung euch gestellt:
- In die erhabne Geisterwelt
- Wart ihr der Menschheit erste Stufe.
- Eh ihr das Gleichmaß in die Welt gebracht,
- Dem alle Wesen freudig dienen –
- Ein unermeßner Bau, im schwarzen Flor der Nacht
- Nächst um ihn her mit mattem Strahle nur beschienen,
- Ein streitendes Gestaltenheer,
- Die seinen Sinn in Sklavenbanden hielten
- Und ungesellig, rauh wie er,
- Mit tausend Kräften auf ihn zielten,
- – So stand die Schöpfung vor dem Wilden.
- Durch der Begierde blinde Fessel nur
- An die Erscheinungen gebunden,
- Entfloh ihm, ungenossen, unempfunden,
- Die schöne Seele der Natur.
- Und wie sie fliehend jetzt vorüber fuhr,
- Ergriffet ihr die nachbarlichen Schatten
- Mit zartem Sinn, mit stiller Hand,
- Und lerntet in harmonschem Band
- Gesellig sie zusammengatten.[176]
- Leichtschwebend fühlte sich der Blick
- Vom schlanken Wuchs der Zeder aufgezogen;
- Gefällig strahlte der Kristall der Wogen
- Die hüpfende Gestalt zurück.
- Wie konntet ihr des schönen Winks verfehlen,
- Womit euch die Natur hilfreich entgegen kam?
- Die Kunst, den Schatten ihr nachahmend abzustehlen,
- Wies euch das Bild, das auf der Woge schwamm.
- Von ihrem Wesen abgeschieden,
- Ihr eignes liebliches Phantom,
- Warf sie sich in den Silberstrom,
- Sich ihrem Räuber anzubieten.
- Die schöne Bildkraft ward in eurem Busen wach.
- Zu edel schon, nicht müßig zu empfangen,
- Schuft ihr im Sand – im Ton den holden Schatten nach,
- Im Umriß ward sein Dasein aufgefangen.
- Lebendig regte sich des Wirkens süße Lust –
- Die erste Schöpfung trat aus eurer Brust.
- Von der Betrachtung angehalten,
- Von eurem Späheraug umstrickt,
- Verrieten die vertraulichen Gestalten
- Den Talisman, wodurch sie euch entzückt.
- Die wunderwirkenden Gesetze,
- Des Reizes ausgeforschte Schätze
- Verknüpfte der erfindende Verstand
- In leichtem Bund in Werken eurer Hand.
- Der Obeliske stieg, die Pyramide,
- Die Herme stand, die Säule sprang empor,
- Des Waldes Melodie floß aus dem Haberrohr,
- Und Siegestaten lebten in dem Liede.
- Die Auswahl einer Blumenflur,
- Mit weiser Wahl in einen Strauß gebunden,
- So trat die erste Kunst aus der Natur;
- Jetzt wurden Sträußeschon in einen Kranz gewunden,[177]
- Und eine zweite höhre Kunst erstand
- Aus Schöpfungen der Menschenhand.
- Das Kind der Schönheit, sich allein genug,
- Vollendet schon aus eurer Hand gegangen,
- Verliert die Krone, die es trug,
- Sobald es Wirklichkeit empfangen.
- Die Säule muß, dem Gleichmaß untertan,
- An ihre Schwestern nachbarlich sich schließen,
- Der Held im Heldenheer zerfließen,
- Des Mäoniden Harfe stimmt voran.
- Bald drängten sich die staunenden Barbaren
- Zu diesen neuen Schöpfungen heran.
- Seht, riefen die erfreuten Scharen,
- Seht an, das hat der Mensch getan!
- In lustigen, geselligeren Paaren
- Riß sie des Sängers Leier nach,
- Der von Titanen sang und Riesenschlachten,
- Und Löwentötern, die, so lang der Sänger sprach,
- Aus seinen Hörern Helden machten.
- Zum erstenmal genießt der Geist,
- Erquickt von ruhigeren Freuden,
- Die aus der Ferne nur ihn weiden,
- Die seine Gier nicht in sein Wesen reißt,
- Die im Genusse nicht verscheiden.
- Jetzt wand sich von dem Sinnenschlafe
- Die freie schöne Seele los,
- Durch euch entfesselt, sprang der Sklave
- Der Sorge in der Freude Schoß.
- Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
- Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn,
- Und der erhabne Fremdling, der Gedanke
- Sprang aus dem staunenden Gehirn.
- Jetzt standder Mensch, und wies den Sternen
- Das königliche Angesicht,[178]
- Schon dankte in erhabnen Fernen
- Sein sprechend Aug dem Sonnenlicht.
- Das Lächeln blühte auf der Wange,
- Der Stimme seelenvolles Spiel
- Entfaltete sich zum Gesange,
- Im feuchten Auge schwamm Gefühl,
- Und Scherz mit Huld in anmutsvollem Bunde
- Entquollen dem beseelten Munde.
- Begraben in des Wurmes Triebe,
- Umschlungen von des Sinnes Lust,
- Erkanntet ihr in seiner Brust
- Den edlen Keim der Geisterliebe.
- Daß von des Sinnes niederm Triebe
- Der Liebe beßrer Keim sich schied,
- Dankt er dem ersten Hirtenlied.
- Geadelt zur Gedankenwürde,
- Floß die verschämtere Begierde
- Melodisch aus des Sängers Mund.
- Sanft glühten die betauten Wangen,
- Das überlebende Verlangen
- Verkündigte der Seelen Bund.
- Der Weisen Weisestes, der Milden Milde,
- Der Starken Kraft, der Edeln Grazie,
- Vermähltet ihr in einemBilde
- Und stelltet es in eine Glorie.
- Der Mensch erbebte vor dem Unbekannten,
- Er liebte seinen Widerschein;
- Und herrliche Heroen brannten,
- Dem großen Wesen gleich zu sein.
- Den ersten Klang vom Urbild alles Schönen,
- Ihrließet ihn in der Natur ertönen.
- Der Leidenschaften wilden Drang
- Des Glückes regellose Spiele,
- Der Pflichten und Instinkte Zwang[179]
- Stellt ihr mit prüfendem Gefühle,
- Mit strengem Richtscheit nach dem Ziele.
- Was die Natur auf ihrem großen Gange
- In weiten Fernen auseinander zieht,
- Wird auf dem Schauplatz, im Gesange
- Der Ordnung leicht gefaßtes Glied.
- Vom Eumenidenchor geschrecket,
- Zieht sich der Mord, auch nie entdecket,
- Das Los des Todes aus dem Lied.
- Lang, eh die Weisen ihren Ausspruch wagen,
- Löst eine Ilias des Schicksals Rätselfragen
- Der jugendlichen Vorwelt auf;
- Still wandelte von Thespis‘ Wagen
- Die Vorsicht in den Weltenlauf.
- Doch in den großen Weltenlauf
- Ward euer Ebenmaß zu früh getragen.
- Als des Geschickes dunkle Hand,
- Was sie vor eurem Auge schnürte,
- Vor eurem Aug nicht auseinanderband,
- Das Leben in die Tiefe schwand,
- Eh es den schönen Kreis vollführte –
- Da führtet ihr aus kühner Eigenmacht
- Den Bogen weiter durch der Zukunft Nacht;
- Da stürztet ihr euch ohne Beben
- In des Avernus schwarzen Ozean
- Und trafet das entflohne Leben
- Jenseits der Urne wieder an:
- Da zeigte sich mit umgestürztem Lichte,
- An Kastor angelehnt, ein blühend Polluxbild:
- Der Schatten in des Mondes Angesichte,
- Eh sich der schöne Silberkreis erfüllt.
- Doch höher stets, zu immer höhern Höhen
- Schwang sich der schaffende Genie.
- Schon sieht man Schöpfungen aus Schöpfungen erstehen,
- Aus Harmonien Harmonie.[180]
- Was hier allein das trunkne Aug entzückt,
- Dient unterwürfig dort der höhern Schöne;
- Der Reiz, der diese Nymphe schmückt,
- Schmilzt sanft in eine göttliche Athene:
- Die Kraft, die in des Ringers Muskel schwillt,
- Muß in des Gottes Schönheit lieblich schweigen;
- Das Staunen seiner Zeit, das stolze Jovisbild,
- Im Tempel zu Olympia sich neigen.
- Die Welt, verwandelt durch den Fleiß,
- Das Menschenherz, bewegt von neuen Trieben,
- Die sich in heißen Kämpfen üben,
- Erweitern euren Schöpfungskreis.
- Der fortgeschrittne Mensch trägt auf erhobnen Schwingen
- Dankbar die Kunst mit sich empor,
- Und neue Schönheitswelten springen
- Aus der bereicherten Natur hervor.
- Des Wissens Schranken gehen auf,
- Der Geist, in euren leichten Siegen
- Geübt, mit schnell gezeitigtem Vergnügen
- Ein künstlich All von Reizen zu durcheilen,
- Stellt der Natur entlegenere Säulen,
- Ereilet sie auf ihrem dunkeln Lauf.
- Jetzt wägt er sie mit menschlichen Gewichten,
- Mißt sie mit Maßen,die sie ihm geliehn;
- Verständlicher in seiner Schönheit Pflichten,
- Muß sie an seinem Aug vorüberziehn.
- In selbstgefällger jugendlicher Freude
- Leiht er den Sphären seine Harmonie,
- Und preiset er das Weltgebäude,
- So prangt es durch die Symmetrie.
- In allem, was ihn jetzt umlebet,
- Spricht ihn das holde Gleichmaß an.
- Der Schönheit goldner Gürtel webet
- Sich mild in seine Lebensbahn;[181]
- Die selige Vollendung schwebet
- In euren Werken siegend ihm voran.
- Wohin die laute Freude eilet,
- Wohin der stille Kummer flieht,
- Wo die Betrachtung denkend weilet,
- Wo er des Elends Tränen sieht,
- Wo tausend Schrecken auf ihn zielen,
- Folgt ihm ein Harmonienbach,
- Sieht er die Huldgöttinnen spielen
- Und ringt in still verfeinerten Gefühlen
- Der lieblichen Begleitung nach.
- Sanft, wie des Reizes Linien sich winden,
- Wie die Erscheinungen um ihn
- In weichem Umriß ineinander schwinden,
- Flieht seines Lebens leichter Hauch dahin.
- Sein Geist zerrinnt im Harmonienmeere,
- Das seine Sinne wollustreich umfließt,
- Und der hinschmelzende Gedanke schließt
- Sich still an die allgegenwärtige Cythere.
- Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,
- Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,
- Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,
- Mit freundlich dargebotnem Busen
- Vom sanften Bogen der Notwendigkeit.
- Vertraute Lieblinge der selgen Harmonie,
- Erfreuende Begleiter durch das Leben,
- Das Edelste, das Teuerste, was sie,
- Die Leben gab, zum Leben uns gegeben!
- Daß der entjochte Mensch jetzt seine Pflichten denkt,
- Die Fessel liebet, die ihn lenkt,
- Kein Zufall mehr mit ehrnem Zepter ihm gebeut,
- Dies dankt euch – eure Ewigkeit,
- Und ein erhabner Lohn in eurem Herzen.
- Daß um den Kelch, worin uns Freiheit rinnt,
- Der Freude Götter lustig scherzen,[182]
- Der holde Traum sich lieblich spinnt,
- Dafür seid liebevoll umfangen!
- Dem prangenden, dem heitern Geist,
- Der die Notwendigkeit mit Grazie umzogen,
- Der seinen Äther, seinen Sternenbogen
- Mit Anmut uns bedienen heißt,
- Der, wo er schreckt, noch durch Erhabenheit entzücket,
- Und zum Verheeren selbst sich schmücket,
- Demgroßen Künstler ahmt ihr nach.
- Wie auf dem spiegelhellen Bach
- Die bunten Ufer tanzend schweben,
- Das Abendrot, das Blütenfeld,
- So schimmert auf dem dürftgen Leben
- Der Dichtung muntre Schattenwelt.
- Ihr führet uns im Brautgewande
- Die fürchterliche Unbekannte,
- Die unerweichte Parze vor.
- Wie eure Urnen die Gebeine,
- Deckt ihr mit holdem Zauberscheine
- Der Sorgen schauervollen Chor.
- Jahrtausende hab ich durcheilet,
- Der Vorwelt unabsehlich Reich:
- Wie lacht die Menschheit, wo ihr weilet,
- Wie traurig liegt sie hinter euch!
- Die einst mit flüchtigem Gefieder
- Voll Kraft aus euren Schöpferhänden stieg,
- In eurem Arm fand sie sich wieder,
- Als durch der Zeiten stillen Sieg
- Des Lebens Blüte von der Wange,
- Die Stärke von den Gliedern wich
- Und traurig, mit entnervtem Gange,
- Der Greis an seinem Stabe schlich.
- Da reichtet ihr aus frischer Quelle
- Dem Lechzenden die Lebenswelle.[183]
- Zweimal verjüngte sich die Zeit,
- Zweimal von Samen, die ihr ausgestreut.
- Vertrieben von Barbarenheeren,
- Entrisset ihr den letzten Opferbrand
- Des Orients entheiligten Altären
- Und brachtet ihn dem Abendland.
- Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten,
- Der junge Tag, im Westen neu empor,
- Und auf Hesperiens Gefilden sproßten
- Verjüngte Blüten Joniens hervor.
- Die schönere Natur warf in die Seelen
- Sanft spiegelnd einen schönen Widerschein,
- Und prangend zog in die geschmückten Seelen
- Des Lichtes große Göttin ein.
- Da sah man Millionen Ketten fallen,
- Und über Sklaven sprach jetzt Menschenrecht,
- Wie Brüder friedlich miteinander wallen,
- So mild erwuchs das jüngere Geschlecht.
- Mit innrer hoher Freudenfülle
- Genießt ihr das gegebne Glück
- Und tretet in der Demut Hülle
- Mit schweigendem Verdienst zurück.
- Wenn auf des Denkens freigegebnen Bahnen
- Der Forscher jetzt mit kühnem Glücke schweift
- Und, trunken von siegrufenden Päanen,
- Mit rascher Hand schon nach der Krone greift;
- Wenn er mit niederm Söldnerslohne
- Den edeln Führer zu entlassen glaubt,
- Und neben dem geträumten Throne
- Der Kunst den ersten Sklavenplatz erlaubt:
- Verzeiht ihm – der Vollendung Krone
- Schwebt glänzend über eurem Haupt.
- Mit euch, des Frühlings erster Pflanze,
- Begann die seelenbildende Natur,[184]
- Mit euch, dem freudgen Erntekranze,
- Schließt die vollendende Natur.
- Die von dem Ton, dem Stein bescheiden aufgestiegen,
- Die schöpferische Kunst, umschließt mit stillen Siegen
- Des Geistes unermeßnes Reich;
- Was in des Wissens Land Entdecker nur ersiegen,
- Entdecken sie, ersiegen sie für euch.
- Der Schätze, die der Denker aufgehäufet,
- Wird er in euren Armen erst sich freun,
- Wenn seine Wissenschaft, der Schönheit zugereifet,
- Zum Kunstwerk wird geadelt sein –
- Wenn er auf einen Hügel mit euch steiget,
- Und seinem Auge sich, in mildem Abendschein,
- Das malerische Tal – auf einmal zeiget.
- Je reicher ihr den schnellen Blick vergnüget,
- Je höhre, schönre Ordnungen der Geist
- In einemZauberbund durchflieget,
- In einemschwelgenden Genuß umkreist;
- Je weiter sich Gedanken und Gefühle
- Dem üppigeren Harmonienspiele,
- Dem reichern Strom der Schönheit aufgetan –
- Je schönre Glieder aus dem Weltenplan,
- Die jetzt verstümmelt seine Schöpfung schänden,
- Sieht er die hohen Formen dann vollenden,
- Je schönre Rätsel treten aus der Nacht,
- Je reicher wird die Welt, die erumschließet,
- Je breiter strömt das Meer, mit dem er fließet,
- Je schwächer wird des Schicksals blinde Macht,
- Je höher streben seine Triebe,
- Je kleiner wird er selbst, je größer seine Liebe.
- So führt ihn, in verborgnem Lauf,
- Durch immer reinre Formen, reinre Töne,
- Durch immer höhre Höhn und immer schönre Schöne
- Der Dichtung Blumenleiter still hinauf –[185]
- Zuletzt, am reifen Ziel der Zeiten,
- Noch eine glückliche Begeisterung,
- Des jüngsten Menschenalters Dichterschwung,
- Und – in der WahrheitArme wird er gleiten.
- Sie selbst, die sanfte Cypria,
- Umleuchtet von der Feuerkrone
- Steht dann vor ihrem mündgen Sohne
- Entschleiert – als Urania;
- So schneller nur von ihm erhaschet,
- Je schönerer von ihr geflohn!
- So süß, so selig überraschet
- Stand einst Ulyssens edler Sohn,
- Da seiner Jugend himmlischer Gefährte
- Zu Jovis Tochter sich verklärte.
- Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
- Bewahret sie!
- Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!
- Der Dichtung heilige Magie
- Dient einem weisen Weltenplane,
- Still lenke sie zum Ozeane
- Der großen Harmonie!
- Von ihrer Zeit verstoßen, flüchte
- Die ernste Wahrheit zum Gedichte
- Und finde Schutz in der Kamönen Chor.
- In ihres Glanzes höchster Fülle,
- Furchtbarer in des Reizes Hülle,
- Erstehe sie in dem Gesange
- Und räche sich mit Siegesklange
- An des Verfolgers feigem Ohr.
- Der freisten Mutter freie Söhne,
- Schwingt euch mit festem Angesicht
- Zum Strahlensitz der höchsten Schöne,
- Um andre Kronen buhlet nicht.[186]
- Die Schwester, die euch hier verschwunden,
- Holt ihr im Schoß der Mutter ein;
- Was schöne Seelen schön empfunden,
- Muß trefflich und vollkommen sein.
- Erhebet euch mit kühnem Flügel
- Hoch über euren Zeitenlauf;
- Fern dämmre schon in euerm Spiegel
- Das kommende Jahrhundert auf.
- Auf tausendfach verschlungnen Wegen
- Der reichen Mannigfaltigkeit
- Kommt dann umarmend euch entgegen
- Am Thron der hohen Einigkeit.
- Wie sich in sieben milden Strahlen
- Der weiße Schimmer lieblich bricht,
- Wie sieben Regenbogenstrahlen
- Zerrinnen in das weiße Licht:
- So spielt in tausendfacher Klarheit
- Bezaubernd um den trunknen Blick,
- So fließt in einenBund der Wahrheit,
- In einen Strom des Lichts zurück!
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