Schlink, „Der Vorleser“, interessante Stellen, Teil 2, ab Kapitel 10

Der erste Teil – ab Kapitel 10

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Schlink, „Der Vorleser“, interessante Stellen, Teil 2, ab Kapitel 10

Kapitel 10 – S45ff – [ISI=9]

In diesem Kapitel kommt es zu einer ersten Störung der Beziehung. Der Ich -Erzähler macht sich nämlich am ersten Tag der Osterferien auf und möchte Hanna an ihrem Arbeitsplatz, also in einer Straßenbahn, besuchen. Dabei verhält er sich aber so ungeschickt, nämlich distanziert, dass Hanna das missversteht, ihn nicht weiter beachtet und der enttäuschte Liebhaber bei nächster Gelegenheit aussteigt. Als er sie später in ihrer Wohnung zur Rede stellen will, verhält Hanna sich weiter völlig abweisend und fordert ihn sogar auf zu verschwinden.

Interessant ist dann das, was daraus folgt:

„Ich dachte, ich gehe für immer. Aber nach einer halben Stunde stand ich wieder vor der Wohnung. Sie ließ mich herein und ich nahm alles auf mich. Ich hatte gedankenlos, rücksichtslos, lieblos gehandelt. Ich verstand, dass sie gekränkt war. Ich verstand, dass sie nicht gekränkt war, weil ich sie nicht kränken konnte. Ich verstand, dass ich sie nicht kränken konnte, dass sie sich mein Verhalten aber einfach nicht bieten lassen durfte. Am Ende war ich glücklich, als sie zu gab, dass ich sie verletzt hatte. Also war sie doch nicht so unberührt und unbeteiligt, wie sie getan hatte.“ (48)

Im Nachhinein interpretiert der ich Erzähler das Geschehen so:

„Ich hatte nicht nur diesen Streit verloren. Ich hatte nach kurzen Kampf kapituliert, als sie drohte, mich zurückzuweisen, sich mir zu entziehen. In den kommenden Wochen habe ich nicht einmal mehr kurz gekämpft. Wenn sie drohte, habe ich sofort bedingungslos kapituliert. (…) Wenn sie kalt und hart wurde, bettelte ich darum, dass sie mir wieder gut ist, mir verzeiht, mich liebt. Manchmal empfand ich, als leide sie selbst unter ihrem Erkalten und Erstarren. Als sehne sie sich nach der Wärme meiner Entschuldigungen, Beteuerungen und Beschwörungen. Manchmal dachte ich, sie triumphiert einfach über mich. Aber so oder so hatte ich keine Wahl.“ (50)

Wichtig ist noch eine abschließende Bemerkung: „Ich konnte mit ihr nicht darüber reden. Das Reden über unser Streiten führt nur zu weiterem Streit.“ Das ist ein wichtiges Indiz für die These, dass die Beziehung zwischen den beiden nicht auf eine echte Partnerschaft hinauslaufen kann, sondern vor allem eine Frage der gemeinsamen sexuellen Erfüllung ist.

Kapitel 11 – S45ff – [ISI=9]

 

Schon mal ein Vorgriff auf Kapitel 16 – [ISI=5]

In diesem Kapitel stellt der Ich-Erzähler Überlegungen an, wieso er nicht mit Hanna über ihren Analphabetismus redet, um ihre Chancen im Prozess zu verbessern.

Dabei wird ein bezeichnendes Licht rückblickend auf ihre Beziehung geworfen:

Zitat

„Warum ich nicht schaffte, mit Hanna zu reden? Sie hatte mich verlassen, hatte mich getäuscht, war nicht die gewesen, die ich in ihr gesehen oder auch in sie hineinphantasiert hatte. Und wer war ich für sie gewesen? Der kleine Vorleser, den sie benutzt, der kleine Beischläfer, mit dem sie ihren Spaß gehabt hatte? Hätte sie mich auch ins Gas geschickt, wenn sie mich nicht hätte verlassen können, aber loswerden wollen? Warum ich nicht aushielt, nichts zu tun? Ich sagte mir, ich müsse ein Fehlurteil verhindern. Ich müsse dafür sorgen, dass Gerechtigkeit geschieht, ungeachtet Hannas Lebenslage, Gerechtigkeit sozusagen für und gegen Hanna. Aber es ging mir nicht wirklich um Gerechtigkeit. Ich konnte Hanna nicht lassen, wie sie war oder sein wollte. Ich musste an ihr rummachen, irgendeine Art von Einfluss und Wirkung auf sie haben, wenn nicht direkt, dann indirekt. “ (153)

 

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