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Die interessantesten Textstellen in Schlinks Roman „Der Vorleser“

Unser Angebot an „lektüregestresste“ Schüler …

Viele Schüler sind nicht erfreut, wenn sie eine bestimmte Lektüre im Deutschunterricht lesen „müssen“.

Und wenn der Roman zum Beispiel nicht gleich spannend anfängt, dann lassen sie es auch sein und greifen auf irgendeine Inhaltsangabe zurück.

Das ist natürlich keine optimale Lösung, denn so können sie nicht gut mitarbeiten. Außerdem müssen sie sich in einer Klassenarbeit oder Klausur ja auf jeden Fall im Buch zurechtfinden.

Deshalb machen wir hier mal ein Angebot.

Wir haben zum Beispiel den Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink gewissermaßen für euch mitgelesen und präsentieren euch die interessantesten Stellen. Natürlich bekommt ihr auch alle inhaltlichen Infos, die ihr zum Verständnis braucht.

Vielleicht bekommt ihr dann ja sogar selbst ein bisschen Lust, eigene Entdeckungen zu machen – auf jeden Fall kann man so den gefährlichen Frust der ersten Seiten überwinden 🙂

Diese Seite ist noch im Aufbau …

Kapitel 1 (S. 5-7) [ISI=0]

ISI nehmen wir mal als Abkürzung für „interessanteste Stellen – Index zwischen 0 und 10). Das ist eine sehr persönliche Sicht mit besonderem Blick auf die Schule. So findet man leicht auch Kapitel, die sich besonders für Klassenarbeiten und Klausuren eignen. Die literarische Qualität auch der anderen Textbereiche des Romans wird damit natürlich nicht in Frage gestellt.

In dem Kapitel beschreibt der Ich-Erzähler, wie er im Alter von 15 Jahren Gelbsucht bekam. Sein erstes Erlebnis, dass er sich auf dem Weg nach Hause plötzlich übergeben muss. Eine Frau kümmert sich um ihn und bringt ihn am Ende sogar noch nach Hause.

Kapitel 2 (S. 8-11) [ISI=3]

Hier beschreibt der Erzähler ausführlich das Haus, vor dem er die Frau getroffen hat. Außerdem geht er – Jahrzehnte später in der aktuellen Schreibsituation – auf Träume ein, in denen dieses Haus immer wieder aufgetaucht ist – und zwar auf eine besondere Art und Weise:

Er stellt nämlich fest: „Das Haus ist nicht düsterer als in der Bahnhofstraße. Aber die Fenster sind ganz staubig und lassen in den Räumen nichts erkennen, nicht einmal Vorhänge. Das Haus ist blind.“ (10)  bezeichnend ist hier die Umkehrung der Verhältnisse, denn eigentlich kann er ja wegen der staubigen Fenster im Haus nichts erkennen. Ergänzt wird das durch die noch weitergehende Feststellung: „Die Welt ist tot“ (10). Aber auch hier wieder die selbst kritische Einschränkung der eigenen Grenzen: „ich öffne die Tür nicht.“ (11)

Darüber kann man sich Gedanken machen. Offensichtlich ist das so ein bisschen zumindest ein Trauma für ihn, jedenfalls passt es nicht zu der Aufregung und zu dem Glück, was ihm nach der ersten Begegnung begegnet ist.

Kapitel 3 (S. 12-14) [ISI=1]

Hier wird beschrieben, wie der Junge die Frau aufsucht, um sich mit einem Blumenstrauß zu bedanken. Die Frau ist gerade am Bügeln – er versucht, sich beim Niederschreiben seiner Erinnerungen an ihr Gesicht zu erinnern, über das sich „ihre späteren Gesichter gelegt“ (14) haben. „Ein großflächiges, herbes frauliches Gesicht. Ich weiß, dass ich es schön fand. Aber ich sehe seine Schönheit nicht vor mir.“ (14)

Kapitel 4  – S15ff – [ISI=8]

Frau Schmitz will den Jungen nach Hause begleiten und zieht sich dafür um. Dabei kann er sie beobachten und als sie das bemerkt, stürzt er aus dem Haus.

interessant, wie der Erzähler sich dazu später äußert:

„Sie hatte nicht posiert, nicht kokettiert. Ich erinnere mich auch nicht, dass sie es sonst getan hätte. Ich erinnere mich, dass ihr Körper, ihre Haltungen und Bewegungen manchmal schwerfällig wirkten. Nicht dass sie so schwer gewesen wäre. Vielmehr schien sie sich in das Innere ihres Körpers zurückgezogen, diesen sich selbst und seinem eigenen, von keinem Befehl des Kopfs gestörten ruhigen Rhythmus überlassen und die äußere Welt vergessen zu haben. Dieselbe Weltvergessenheit lag in den Haltungen und Bewegungen, mit denen sie die Strümpfe anzog. Aber hier war sie nicht schwerfällig, sondern fließend, anmutig, verführerisch – Verführung, die nicht Busen und Po und Bein ist, sondern die Einladung, im Inneren des Körpers die Welt zu vergessen.“

Offensichtlich handelt es sich um eine beeindruckende Persönlichkeit. Wenn man dann später die Vorgeschichte Offensichtlich handelt es sich um eine beeindruckende Persönlichkeit. Wenn man dann später die Vorgeschichte kennenlernt, wird sich dieses Bild noch ausdifferenzieren. Möglicherweise ist es eben auch eine nachträgliche Flucht aus der Verantwortung. Das kann der Erzähler zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen und einschätzen.

Kapitel 5 – S19ff – [ISI=7]

erstaunlicherweise besucht der Junge die Frau dann nach einer Woche doch wieder, weil er sich von ihrer sexuellen Attraktivität nicht lösen kann.  Ausführlich werden Überlegungen angestellt, wie bei ihm  der Zusammenhang von Denken, sich entschließen und Handeln aussieht.

Zitat 1:

Interessante Anmerkungen zu den Zeiten, in denen man krank ist. Das könnte man mal an eigenen Erfahrungen überprüfen. Möglicherweise werden solche Erfahrungen heute aber durch die Möglichkeiten der modernen Kommunikation per Internet überdeckt.

Was sind die Zeiten der Krankheit in Kindheit und Jugend doch für verwunschene Zeiten. Die Außenwelt, die Freizeitwelt in Hof oder Garten oder auf der Straße dringt nur mit gedämpften Geräuschen ins Krankenzimmer. Drinnen wuchert die Welt der Geschichten und Gestalten, von denen der Kranke liest.“ (19)

“Es sind Stunden ohne Schlaf, aber keine schlaflosen Stunden, nicht Stunden eines Mangels, sondern Stunden der Fülle. Sehnsüchte, Erinnerungen, Ängste, Lüste arrangieren Labyrinthe, in denen sich der Kranke verliert und entdeckt und verliert. Es sind Stunden, in denen alles möglich wird. Gutes wie Schlechtes.“ (19)

Zitat 2:

Anmerkung zum Krankenzimmer nach der Genesung: Auch das könnte man mal vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen überprüfen, ob tatsächlich etwas Von den inneren Erfahrungen  aus der Zeit der Krankheit im Zimmer übriggeblieben bist.

“Das lässt nach, wenn es dem Kranken bessergeht. Hat die Krankheit aber lange genug gedauert, dann ist das Krankenzimmer mprägniert und noch der Genesende, der kein Fieber mehr hat, in die Labyrinthe verloren.“ (19)

Zitat 3:

Interessante Anmerkung zu dem Problem freundlicher Ermahnungen

“Die Bilder und Szenen, die ich träumte, waren nicht recht. Ich wusste, die Mutter, der Pfarrer, der mich als Konfirmanden unterwiesen hatte und den ich verehrte, und die große Schwester, der ich die Geheimnisse meiner Kindheit anvertraut hatte, würden mich zwar nicht schelten. Aber sie würden mich in einer liebevollen, besorgten Weise ermahnen, die schlimmer als Schelte war. Besonders unrecht war, dass ich die Bilder und Szenen wenn ich sie nicht passiv träumte, aktiv phantasierte.“ (19-20)

Zitat4:

Besonders interessant sind die Überlegungen, die der Junge anstellt, was für und was gegen einen erneuten Besuch der Frau spricht. Besonders der Schluss macht deutlich, wie wenig rational er angesichts seiner Gefühle vorgeht. Denn wenn man sich das praktisch ausmalt, was er sich vorstellt, merkt man, dass das völlig irreal ist. Im Normalfall würde das zu einer erneuten peinlichen Situation, an deren Ende der Rauswurf steht. Oder aber es verläuft so, wie es dann ja auch erzählt wird.

Ich weiß nicht, woher ich die Courage nahm, zu Frau Schmitz zu gehen. Kehrte sich die moralische Erziehung gewissermaßen gegen sich selbst? Wenn der begehrliche Blick so schlimm war wie die Befriedigung der Begierde, das aktive Phantasieren so schlimm wie der phantasierte Akt – warum dann nicht die Befriedigung und den Akt? Ich erfuhr Tag um Tag, dass ich die sündigen Gedanken nicht lassen konnte. Dann wollte ich auch die sündige Tat. Es gab eine weitere Überlegung. Hinzugehen mochte gefährlich sein. Aber eigenüich war unmöglich, dass die Gefahr sich realisierte. Frau Schmitz würde mich verwundert begrüßen, eine Entschuldigung für mein sonderbares Verhalten anhören und mich freundlich verabschieden. Gefährlicher war, nicht hinzugehen; ich lief Gefahr, von meinen Phantasien nicht loszukommen. Also tat ich das Richtige, wenn ich hinging. Sie würde sich normal verhalten, ich würde mich normal verhalten, und alles würde wieder normal sein.“

Zitat 5:

Interessante Überlegungen zum Verhältnis von „denken“, „sich entscheiden“ und “handeln“.  Das ist hier mehr um Gefühle, als um Rationalität geht, merkt man spätestens an der Stelle, wo es um das Aufgeben des Rauchens geht. In der beschriebenen Form dürfte das im realen Leben kaum gegeben sein, sonst könnte man mit diesem Tipp viel Geld verdienen.

“Oft genug habe ich im Lauf meines Lebens getan, wofür ich mich nicht entschieden hatte, und nicht getan, wofür ich mich entschieden hatte. Es, was immer es sein mag, handelt; es fährt zu der Frau, die ich nicht mehr sehen will, macht gegenüber dem Vorgesetzten die Bemerkung, mit der ich mich um Kopf und Kragen rede, raucht weiter, obwohl ich mich entschlossen habe, das Rauchen aufzugeben, und gibt das Rauchen auf, nachdem ich eingesehen habe, dass ich Raucher bin und bleiben werde. Ich meine nicht, dass Denken und Entscheiden keinen Einfluss auf das Handeln hätten. Aber das Handeln vollzieht nicht einfach, was davor gedacht und entschieden wurde. Es hat seine eigene Quelle und ist auf ebenso eigenständige Weise mein Handeln, wie mein Denken mein Denken ist und mein Entscheiden mein Entscheiden.“ (20/21)

Anmerkung: Interessant die Steigerung der Fantasie-Situationen mit dem Höhepunkt am wohl übertriebenen Schluss. Denn wenn es wirklich so wäre, dass Raucher sich darauf verlassen können, dass sie von selbst und ohne Stress das Rauchen einstellen, nachdem sie eingesehen haben, „dass ich Raucher bin und bleiben werde“, würde das wahrscheinlich viele Menschen glücklich machen.

Wir setzen das noch fort …

Kapitel 6 – S23ff – [ISI=6]

Als der Junge bei Frau Schmitz ankommt, wird er erst mal zum Heraufholen von Kohlen in den Keller geschickt. Dort stellt er sich so ungeschickt an, dass er halb verschüttet wird und oben erst mal in die Badewanne geschickt wird. Interessant ist, dass Frau Schmidt ihm zunächst verspricht, beim Ausziehen nicht zuzusehen, ihn dann aber doch „ruhig“ betrachtet, als er die Unterhose ausgezogen hat. Anschließend stellt der Ich-Erzähler angesichts des Bades fest: „Es war ein erregendes Behagen und mein Geschlecht wurde  steif.“ Kurz darauf präsentiert sich auch Frau Schmitz nackt: „Sie legte die Arme um mich, die eine Hand auf meine Brust und die andere auf mein steifes Geschlecht. ‚Darum bist du doch hier‘“ stellt sie abschließend fest, bevor es zum Liebesakt kommt. Nicht ganz normal für ein erstes Mal dürfte es sein, dass schnell „alles selbstverständlich“ abläuft und der Junge einen solchen Jubelruf  ausstößt, „dass sie den Schrei mit ihrer Hand auf meinem Mund erstickte.

Anmerkung: Wenn man überlegt, dass das Romangeschehen in den prüden fünfziger Jahren spielt, ist es schon sehr erstaunlich, wie scheinbar selbstverständlich hier eine doch recht intensive sexuelle Annäherung zwischen einem Halbwüchsigen und einer erwachsenen Frau abläuft. Man stelle sich die Situation selbst in der heutigen Zeit einmal vor. In wie vielen Fällen würde dann ein solcher Reinigungsprozess nach einer Verschmutzungspanne so selbstverständlich im Bett enden. Die Frau müsste sich auf jeden Fall den Vorwurf der „Unzucht“ mit einem minderjährigen Jungen im Alter von 15 Jahren gefallen lassen. Woher will sie zum Beispiel wissen, dass das sexuell so unproblematisch abläuft. Schließlich kennt sie den Jungen ja gar nicht.

Kapitel 7 – S28ff – [ISI=9]

Hier zeigen sich die Auswirkungen des sexuellen Kontakts zu Frau Schmidt.

Zitat 1:

„In der folgenden Nacht habe ich mich in sie verliebt. […] Habe ich mich in sie verliebt als Preis dafür, dass sie mit mir geschlafen hat? Bis heute stellt sich nach einer Nacht mit einer Frau das Gefühl sein, ich sei verwöhnt worden und müsse es abgelten – ihr gegenüber, indem ich sie zu lieben immerhin versuche, und auch gegenüber der Welt, der ich mich stelle.“

Zitat 2:

„Dazu kam, dass ich die Männlichkeit, die ich erworben hatte, zur Schau stellen wollte. Nicht dass ich hätte angeben wollen. Aber ich fühlte mich kraftvoll und überlegen und wollte meinen Mitschülern und Lehrern mit dieser Kraft und Überlegenheit gegenübertreten.“

Zitat 3:

Mir war, als säßen wir das letzte Mal gemeinsam um den runden Tisch […], als äßen wir das letzte Mal von den alten Tellern (…), als redeten wir das letzte Mal so vertraut miteinander. Ich fühlte mich wie bei einem Abschied. Ich war noch da und schon weg. Ich hatte Heimweh nach Mutter und Vater und den Geschwistern und die Sehnsucht, bei der Frau zu sein.

Kapitel 8 – S33ff – [ISI=5]

In Kapitel acht wird das geschildert, was der Ich-Erzähler offensichtlich als normal empfindet. Jeden Tag schwänzt er eine Schulstunde, um in der Zeit bis zum Mittagessen mit Frau Schmitz schlafen zu können.

Interessant dabei ist besonders die Stelle, an der die Art des sexuellen Begehrens deutlich wird. Man fragt sich als Leser, ob das bereits ausreicht, um von Liebe zu sprechen.

Zitat 1:

“Ich ließ mich gerne von ihr einseifen und seifte sie gerne ein. Und sie lehrte mich, dass nicht verschämt zu tun, sondern mit selbstverständlicher, besitzergreifender Gründlichkeit. Auch wenn wir uns liebten, nahm sie selbstverständlich von mir Besitz. […)  Nicht dass sie nicht zärtlich gewesen wäre und mir nicht Lust gemacht hätte. Aber sie tat es zu ihrem spielerischen Vergnügen, bis ich lernte, auch von ihr Besitz zu ergreifen.”

Zitat 2:

“Sie stützte ihre Hände auf meine Brust und riss sie im letzten Moment hoch, hielt ihren Kopf und stieß einen tonlos schluchzenden Schrei aus, der mich beim ersten Mal erschreckte und den ich wenig später begierig erwartete.”

 

Kapitel 9 – S38ff – [ISI=9]

Dieses Kapitel hat eine Schlüsselstellung, weil der ich Erzähler hier zurückblickt mit der Fragestellung: „Warum wird uns, was schön war, im Rückblick dadurch brüchig, dass es hässliche Wahrheiten verbarg?“

Er fragt nämlich Hannah (ab jetzt will er Frau Schmitz mit ihrem Vornamen bezeichnen) nach ihrer Vergangenheit. Die äußert sich aber nur knapp und verschweigt das Wesentliche, nämlich ihre Tätigkeit in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft.

Insgesamt ist beiden aber die Gegenwart wichtig. So stellt der Erzähler fest: „Ich staune, wie viel Sicherheit Hanna mir gegeben hat.“ (41)

Ab Seite 42 geht der Erzähler auf das Vorlesen ein. Zu ihren bisherigen Aktivitäten kommt nämlich hinzu, dass Hanna ihn fragt, was sie im Fach Deutsch behandeln. Das führt dazu, dass ihr zum Beispiel aus den Theaterstücken „Emilia Galotti“ oder „Kabale und Liebe“ etwas vorgelesen wird. Hanna behauptet, dass ihr seine Stimme gefalle. Dass sie selbst aber Analphabetin ist, also gar nicht lesen kann, merkt der Junge erst später.

Die Kombination aus „Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bisschen beieinander liegen“ macht den Erzähler, wie er ausdrücklich feststellt, vollkommen glücklich (43).

Vorstellung der weiteren Kapitel

Schlink, „Der Vorleser“, interessante Stellen, Teil 2, ab Kapitel 10

Wer noch mehr möchte

 

 

19 Bismarck und seine Zeit – für Durchblicker

 1871-1890: Die Jahre Bismarcks im neuen Kaiserreich (ausführlich)

Nachdem wir uns jetzt in einer Art Längsschnitt mit einer der wirkungsmächtigsten gesellschaftlichen und politischen Theorien beschäftigt haben, ist es Zeit, zu Bismarcks Kaiserreich zurückzukehren.

1.1       Der neue Kaiser – nicht „von Deutschland“

Nach dem Sieg über Frankreich wurde im Herzen Frankreichs, im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, der preußische König Wilhelm zum deutschen Kaiser ausgerufen. Der Titel „Kaiser von Deutschland“, den er gern gehabt hätte, wurde ihm dann doch von seinen Monarchen-Kollegen nicht zugestanden.

1.2       Ein Fürstenbündnis – im Bundesrat

Bei der inneren Ordnung des neuen Staates konnte man auf die Verfassung des so genannten Norddeutschen Bundes zurückgreifen, der nach dem Sieg über Österreich 1867 unter Preußens Leitung geschaffen worden war. Zu den Grundbausteinen gehörte zunächst der von den Fürsten bestimmte Bundesrat, der im Unterschied zu heute das wichtigere parlamentarische Organ war. Er konnte rein theoretisch jederzeit das Kaiserreich auch wieder auflösen – und Bismarck hat hin und wieder durchaus mit diesem Gedanken gespielt.

1.3       Schon eine Menge Demokratie – im Reichstag

Daneben gab es den Reichstag, der sehr demokratisch gewählt wurde, allerdings in einem Mehrheitswahlrecht, was ein starkes Anwachsen der Sozialdemokraten bis 1912 verhinderte. Sie fanden einfach bei den meist nötigen Stichwahlen im zweiten Wahlgang keine Partner – schließlich galten sie als Reichsfeinde.

Was die Macht der direkten Volksvertretung anging, so konnte der Reichstag zwar nicht selbst und schon gar nicht alleine Gesetze machen, er hatte auch keinen direkten Einfluss auf die vom Kaiser bestimmte Regierung, aber das Volk hatte erstmals ein Sprachrohr, auf dessen Mitwirkung die Regierung ähnlich wie im preußischen Verfassungskonflikt von 1862 angewiesen war.

Es spricht einiges dafür, dass der Erste Weltkrieg auch deshalb von den führenden Schichten des Kaiserreichs gewollt bzw. zumindest riskiert wurde, weil man damit dem ständig wachsenden Einfluss des Parlaments und damit auch der SPD entgehen konnte.

1.4       Reichsfeind Nr. 1: das Zentrum als „Papstpartei“

Die innere Entwicklung des Kaiserreichs war in den ersten Jahren vor allem bestimmt durch ein inneres Zusammenwachsen, von dem zwei Gruppen der Bevölkerung allerdings deutlich ausgeschlossen wurden. Gegen die katholische Kirche wurde vor allem in Preußen der sogenannte Kulturkampf geführt, weil man der Meinung war, dass die Loyalität gegenüber dem Papst die Loyalität gegenüber dem eigenen Staat zu sehr einschränkte. Letztlich musste Bismarck einsehen, dass man eine Religion nicht mit der Polizei bekämpfen kann, und so kam es am Ende zu einem Kompromiss. Die Kirche konnte ihre eigenen Angelegenheiten wieder weitgehend selbstständig regeln, musste allerdings ihre Kompetenzen im Bereich der Schule und der familiären Angelegenheiten (Eheschließung) weitgehend dem Staat überlassen.

1.5       Reichsfeind Nr. 2: die SPD als „Umsturzpartei“

Die zweite und noch stärker der Feindschaft gegenüber dem Staat verdächtigte Gruppe waren die Sozialdemokraten, gegen die Bismarck nach mehreren Attentaten 1878 das sogenannte Sozialistengesetz durchsetzen konnte. Dieses beschränkte zwar die politischen Möglichkeiten der SPD, an den Reichstagswahlen durfte sie aber weiterhin teilnehmen – und so gelang auch hier Bismarck kein wirklicher Sieg durch Repression. Also setzte er ergänzend auf den Versuch, die Arbeiter durch eine staatliche Sozialversicherung von den Vorteilen des Systems zu überzeugen und an den Staat zu binden.

1.6       Die SPD auf dem Weg zur Reformpartei

Tatsächlich entfernte sich die SPD um 1900 immer stärker von ihren marxistischen Grundlagen, setzte nicht mehr nur auf Revolution, sondern auf Reformen. Daran hatten natürlich die Gewerkschaften mit ihren praktischen Bemühungen um die Verbesserung der Lage der Arbeiter einen großen Anteil.

2       Bismarck ein großer Staatsmann?

Heute hat sich in der Geschichtswissenschaft eine große Skepsis gegenüber der Bedeutung einzelner Menschen in der Geschichte durchgesetzt. So kann man am Beispiel Bismarcks gleich zwei Fragen prüfen: Erstens, wie groß sein Einfluss auf den Verlauf der Geschichte war, und zweitens, ob sich mit seiner Person eher Fortschritt oder Rückschritt verbindet.

2.1       Bismarck – noch heute gut für Straßen, Plätze und Denkmäler

Für die Deutschen nach 1871 war es ganz klar: Otto von Bismarck war ein großer Staatsmann. Er hatte ihnen im Jahr 1871 endlich wieder ein einheitliches Deutsches Reich geschenkt, nachdem es über viele Jahrzehnte hinweg nur Bayern, Sachsen oder Preußen gegeben hatte. Noch heute sieht man an den vielen Denkmälern oder auch Straßennamen, wie sehr dieser Mann verehrt wurde.

2.2       Das schlimme Erbe des Sieges von 1871

Das Problem war nur, dass dieses neue Reich durch drei Kriege gegründet wurde, wobei der letzte – gegen Frankreich – besonders schlimme Folgen zeigen sollte. Die Militärs zwangen Bismarck, dem geschlagenen Gegner zwei große Provinzen im Osten (Elsass und Lothringen) wegzunehmen. Zum einen gingen sie davon aus, dass Strafe nun einmal sein muss. Frankreich hatte ihnen den Krieg erklärt und ihn verloren, jetzt musste es dafür einen Preis bezahlen. Zugleich bekam man damit natürlich eine militärisch sehr viel günstigere Situation, wenn die deutsche Grenze gegenüber Frankreich nach Westen verschoben war.

Das bedeutete aber zugleich, dass Deutschland auf Dauer einen unversöhnlichen Feind im Westen hatte und immer befürchten musste, dass dieses Frankreich sich auch noch mit Russland zusammentat. Das hätte für Deutschland einen Zweifrontenkrieg bedeutet – und der wäre kaum zu gewinnen gewesen. Was man sich also als Sicherheit ausgedacht hatte, führte auf Dauer zu mehr Unsicherheit.

Dazu kam natürlich, dass Bismarck es nicht verhindern konnte oder wollte, dass das neue deutsche Kaiserreich mitten im Kerngebiet Frankreichs, im Spiegelsaal des berühmten Schlosses von Versailles ausgerufen wurde. Das vergrößerte zusätzlich den Hass der Franzosen auf das jetzt so mächtig gewordene Reich an ihrer Ostgrenze.

2.2a: Bismarcks vorsichtige Kolonialpolitik

Bismarck war keineswegs ein Freund der neuen imperialistischen Tendenz hin zum Erwerb von Kolonien:

Der Grund: Weil er genug damit zu tun hatte, das gerade gegründete Deutsche Reich nach außen hin abzusichern, vor allem gegenüber Frankreich.

Darum unterstützte er dieses Land auch eher bei seinen Bestrebungen in Nordafrika, weil es damit von Elsass-Lothringen abgelenkt war.

Und mit dem englischen Weltreich wollte er auch in keine Konkurrenzsituation kommen.

Bismarck wurde dann später durch Kaufleute/die Wirtschaft gezwungen, sich um Gebiete fern von Deutschland zu kümmern. Aber auch dann übernahm das Reich nur den Schutz der neuen Gebiete, darum auch der entsprechende Name: „Schutzgebiete“.

2.3       Bismarcks Konzept: Isolierung Frankreichs

Bismarck versuchte die Sicherheitslage Deutschlands dadurch zu verbessern, dass er Frankreich möglichst isolierte. Das bedeutete vor allem, dass Deutschland eine möglichst enge Verbindung mit Russland einging. Das Problem war dabei nur, dass der wichtigste Verbündete Deutschlands, das Kaiserreich Österreich-Ungarn, selbst viele Streitpunkte mit Russland hatte – vor allem auf dem Balkan. Bismarck löste das Problem auf eine für ihn und seine Zeit typische Weise, indem er einen geheimen Rückversicherungsvertrag mit Russland schloss. Der bedeutete,  dass beide Länder neutral bleiben würden, wenn das jeweils andere von seinem Hauptfeind angegriffen würde.

Das war natürlich im Prinzip eine friedenssichernde Maßnahme, nur durfte verständlicherweise Österreich-Ungarn nichts davon wissen, denn ein Bündnis mit einer solchen Einschränkung ist nur die Hälfte wert.

2.4       Die Grenze von Bismarcks Außenpolitik: Geheimpolitik kann auf Dauer nicht geheim bleiben

Womit Bismarck damals überhaupt noch nicht rechnete oder auch rechnen musste, war, dass Außenpolitik nicht nur zwischen Regierungen gemacht wird, sondern auch die Völker einbezogen werden müssen. Aus heutiger Sicht wäre es völlig undenkbar, dass ein verbündetes Land wie Österreich – Ungarn meint, aus irgendwelchen guten Gründen gegen Russland Krieg führen zu müssen und die deutsche Bevölkerung nimmt es hin, dass man ihren Blutsbrüdern nicht hilft. Sie wissen ja nichts von dem geheimen Vertrag und den Gründen, die hinter ihm stecken.

So war es denn auch kein Wunder, dass die Nachfolger Bismarcks nach seinem Sturz 1890 diesen Rückversicherungsvertrag sofort wie eine heiße Kartoffel fallen ließen. Anschließend trat genau das ein, was Bismarck immer gefürchtet hatte: Als die Russen vergeblich versuchten, den Rückversicherungsvertrag weiter zu verlängern, wandten sie sich Frankreich zu und schlossen mit diesem Land ein Bündnis.

An diesem Beispiel kann man sehr gut sehen, dass Bismarck eine hohe Bündniskunst betrieb, Dass diese aber eigentlich schon nicht mehr in die moderne, demokratische Zeit passte, wo die Völker wissen wollen, warum ihre Regierungen was tun oder auch nicht.

2.5       Die Grenze von Bismarcks Innenpolitik: Demokratie nur im Rahmen des monarchischen Systems

Damit sind wir beim zweiten Problem, das sich mit Bismarck verbindet. Er war von seiner ganzen Herkunft her jemand, der mit Demokratie nicht viel im Sinn hatte. Zwar gab er dem neuen deutschen Kaiserreich von 1871 eine sehr moderne Verfassung mit einem demokratischen Wahlrecht – aber viel Macht hatten die Abgeordneten des gewählten Reichstags nicht. Der Reichskanzler als Regierungschef wurde allein von Kaiser bestimmt – der Reichstag konnte auch nicht einmal allein Gesetze machen, sondern brauchte dazu die Zustimmung des Bundesrats – und in dem saßen nur die nicht gewählten Vertreter der Fürsten.

2.6       Bismarcks „Peitschenpolitik“ gegenüber der Arbeiterbewegung

Kommen wir zu einem dritten Punkt, den man beachten muss, wenn es darum geht, diesen Bismarck richtig einzuschätzen. Zu seinem konservativen Denken gehörte, dass er nichts so sehr fürchtete wie eine grundsätzliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Nun gab es aber seit der Industriellen Revolution und den damit verbundenen sozialen Problemen mit der SPD eine Partei, die mit dem Gedanken einer Revolution zumindest spielte. Dazu kam, dass diese Partei immer mehr Anhänger bekam.

Bismarck versuchte schließlich, mit Gewalt gegen diese Bewegung vorzugehen, indem er ein sogenanntes Sozialistengesetz beschließen ließ. Die Sozialdemokraten dürften zwar weiter zu Wahlen antreten, ein freies politisches Leben war ihnen aber nicht möglich. Alles musste mehr oder weniger im Geheimen geschehen, sonst hatte man die Polizei am Hals. Dennoch bekam die SPD im Laufe der Jahre immer mehr Wählerstimmen und wurde 1912, also zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, sogar zur stärksten Partei im Reichstag.

2.7       Bismarcks „Zuckerbrotpolitik“ gegenüber der Arbeiterbewegung

Zu den guten Seiten Bismarcks gehörte nun wiederum, dass er nicht allein auf Gewalt setzte, sondern versuchte, neben der Peitsche auch das Zuckerbrot einzusetzen. Während noch vor kurzem der amerikanische Präsident Barack Obama riesige Probleme hatte, allen Amerikanern eine Gesundheitsversicherung zu geben, wurde die mit einer Unfallversicherung und einer Rentenversicherung mehr als 120 Jahre früher in Deutschland bereits eingeführt. Bismarck war es auch, der mit seinen Beratern auf die kluge Idee kam, die Beiträge zu diesen Versicherungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu teilen. Dies sollte sich bis in die heutige Zeit hinein als ein sehr fortschrittliches System erweisen, das von anderen Ländern nachgeahmt wurde.

2.8       Bismarck als „weißer Revolutionär“

Fassen wir zusammen: Bismarck wird nicht von ungefähr als weißer Revolutionär bezeichnet. Er war zwar ein Konservativer, der sich als Gefolgsmann seines Königs oder Kaisers fühlte und die Macht des Staates in vollem Umfang erhalten wollte – er hatte aber auch keine Probleme damit, an den Stellen, wo es für günstig hielt, Reformen durchzuführen.

Wenn er glaubte, dass ein allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht dazu führen würde, dass die damals noch grundsätzlich monarchistisch gesinnten Deutschen die königlich – kaiserliche Regierung unterstützen würden, dann führte er es eben ein. Wenn er eine Möglichkeit sah, auch die Arbeiterschaft auf die Seite des Staates zu ziehen, indem er ihre Lebensrisiken versicherte, dann gab es eben eine staatliche Sozialversicherung.

2.9      Die Idee der staatlichen Sozialversicherung

Bismarck fürchtete wie viele andere seiner Zeit nichts so sehr wie eine kommunistische Revolution. Deshalb bekämpfte er die Sozialdemokratie mit dem sog. Sozialistengesetz (1878-1890). Ihm war aber auch klar, dass eine solch negative Reaktion nicht reichen würde – deshalb entwickelte er die Idee einer gesetzlichen Sozialversicherung, was er den Kaiser 1881 in einer Rede verkünden ließ.

Die Grundidee, die bis heute vorbildlich ist, ist die Aufteilung der Kosten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

1883 wird als erstes eine Krankenversicherung geschaffen.

1884 folgt eine Unfallversicherung, an der sich aber nur die Arbeitgeber beteiligen müssen – schließlich sollen sie ihre Betriebe unfallsicher machen.

1891 kommt dann noch die Altersversicherung hinzu.

Eine Arbeitslosenversicherung konnte sich zu Bismarcks Zeiten niemand vorstellen, die wurde erst 1927 in der Weimarer Republik eingeführt.

Heute wird Bismarcks System immer weiter ausgehöhlt, indem die Arbeitnehmer allein Zusatzbeiträge zur Krankenversicherung zahlen müssen. Dazu ist noch eine Pflegeversicherung gekommen.

Insgesamt gehört die staatliche Sozialversicherung, wie sie in Deutschland geschaffen wurde, zu den modernsten Ansätzen in diesem Bereich.

2.10    Bismarcks Entlassung durch den jungen Kaiser Wilhelm II.

All das änderte nichts daran, dass er jederzeit bereit gewesen wäre, das neue deutsche Kaiserreich auch wieder aufzulösen und neu zu gründen, wenn die Deutschen nicht genügend mitgespielt hätten. Auch war er für eine Verlängerung des Sozialistengesetzes und den Einsatz aller Machtmittel des Staates gegen Streiks und Demonstrationen und zeigte sich damit als ein Politiker, der letztlich nicht begriffen hatte, dass immer mehr Menschen nicht mehr bereit waren, auf Menschenrechte und Mitbestimmung zu verzichten.

Der neue Kaiser Wilhelm II, der 1888 sehr jung Nachfolger seines berühmten Großvaters wurde, mit dem Bismarck über Jahrzehnte hinweg eng zusammengearbeitet hatte, wollte eine solche Politik gegen breite Schichten des Volkes nicht mehr mittragen, was mit zur Entlassung Bismarcks führte. Leider zeigte sich dann zwei Jahrzehnte später, dass dieser Kaiser zwar in vielen Punkten moderner dachte als Bismarck, auf der anderen Seite aber auch viel weniger in der Lage war, den Frieden zu bewahren. So wurde der Mann, der die Deutschen „herrlichen Zeiten“ entgegen führen wollte, zum Totengräber ihres Staates und zum Mitverursacher des Todes von Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg.

Ob Bismarck diese Katastrophe hätte verhindern können, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Er stammte einfach noch aus einer alten Zeit ohne demokratische Mitbestimmung und hätte mit Sicherheit größte Schwierigkeiten bekommen, wenn immer größere Teile des Volkes genau diese verlangt hätten.

Weiterführende Hinweise

  • Zur Übersichtsseite über die vorhandenen Kapitel zu Themen der Geschichte
    https://textaussage.de/geschichte
  • Ein alphabetisches Gesamtverzeichnis unserer Infos und Materialien gibt es hier.
  • Eine Übersicht über unsere Videos auf Youtube gibt es hier.

Lessings „Ringparabel“ – und ihre Bedeutung (Mat657)

Lessings Ringparabel

Lessings sogenannte „Ringparabel“, ein Teil seines Dramas „Nathan der Weise“ gilt zu Recht als Schlüsseltext zum Thema „Toleranz“. Auf dieser Weise wird versucht, die wichtigsten Aspekte kurz anzusprechen.
  1. Es handelt sich um eine sogenannte „Parabel“, also eine ausgedachte Geschichte, die etwas verdeutlichen soll. Der Grund für den Umweg können Erkenntniswiderstände sein wie beim biblischen König David, der nur so einsieht, dass er ein Mörder ist (am General Uria). Es kann aber auch Vorsicht sein, weil Mächtige missliebige Wahrheiten möglicherweise bei ihrem Verkünder bestrafen. Genau das deutet die Hauptfigur des Dramas „Nathan der Weise“ an, wenn sie zunächst beim muslimischen Sultan um ein bisschen Bedenkzeit für die Beantwortung der heiklen Frage, welches die richtige Religion sei, bittet. Anschließend sagt Nathan ganz deutlich:  „Doch, Sultan, eh‘ ich mich dir ganz vertraue, / Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu erzählen?“
  2. Dann wird eine Geschichte erzählt von drei Ringen, von denen zwei gar nicht die Wunderkraft haben können, auf die die Erben hoffen. Nur einer ist in der Geschichte echt – und nur der tote Vater weiß, welcher es ist. Der Sultan versteht natürlich sofort, dass es hier um die drei großen Religionen Judentum, Christentum und Islam (in der Reihenfolge ihrer Entstehung) geht.
  3. Es gibt Streit – auch das entspricht der Wirklichkeit der Religionen.
  4. Die Söhne gehen wegen der Ringe zu einem Richter – da hört der Vergleich natürlich auf, denn einen solchen kann es bei Religionen nicht geben, solange nicht Gott selbst am Ende aller Tage spricht.
  5. An dieser Stelle nun der geniale Kunstgriff des von Nathan und indirekt von Lessing geschaffenen Richters: Der macht die Echtheit der Ringe und damit indirekt der Religion nicht an der Wahrheit fest, sondern an der Wirklichkeit. Der Ring, der eine gute Wirkung hat, ist der richtige. Und die Söhne sollen sich anstrengen.
  6. Sicherheitshalber verlegt er den Ablauf der Prüfung weit in die Zukunft – und der Sultan versteht das auch gleich richtig: Es kommt gar nicht auf die Wahrheit der Religionen an, sondern eben auf ihre gute Wirkung.
  7. Das ist natürlich eine typische Lösung der Optimisten der Aufklärung – die glaubten ja, mit der Vernunft alles positiv regeln zu können. Die Zukunft lehrte dann, dass sich weder schreckliche Kriege noch Verbrechen bis zum Völkermord verhindern ließen.
  8. Aber zumindest das Verhältnis der Menschen untereinander könnte sich mit Vernunft ein bisschen besser regeln lassen.
  9. Nur – Lessing hat wohl keine Ahnung von der unbändigen Kraft mancher Religionen. Nicht von ungefähr hängt das Wort „Religion“ mit Bindung zusammen – und auch das frühe Christentum entwickelte sich schnell in die Richtung, alle unter seine Glaubensmacht zu zwingen.
  10. Wahrscheinlich ist es ein schon ein Zeichen für die Ermüdung des christlichen Abendlandes gewesen, dass jemand wie Lessing ein solches Drama als Richtschnur für seine Gegenwart und die Zukunft schreiben konnte. Gerade die aktuelle Diskussion um den Islam zeigt, dass es sich bei ihm erstaunlicherweise immer noch oder jetzt wieder um eine Religion handelt, bei denen wohl die meisten Gläubigen den Alleinvertretungsanspruch des Korans auch ernst nehmen  – ganz gleich, ob das anderen gefällt oder nicht.
  11. Ergänzung: Ein kleines oder großes Problem in diesem schönen „Märchen“?
    1. Der Vater löst sicher sein Problem erst mal elegant, indem er jedem Sohn einen Ring gibt, so dass der glaubt, dass er der einzige ist, der den richtigen Ring bekommt.
    2. Das ist natürlich unendlich kurzsichtig, weil genau das geschehen wird, was dann auch erzählt wird: Die behalten ihr Glück nicht für sich, sprechen drüber und schon gibt es Streit.
    3. Wenn nun ein richtiger Ring dabei gewesen ist, muss er doch bei seinem Träger etwas bewirken – aber das wird in der Geschichte gar nicht erwähnt.
    4. Sollte also immer schon die Wirkung des richtigen Ringes allein durch entsprechenden Glauben erzielt worden sein? Ein schöner Gedanke, der dem Aufklärer Lessing, der nicht an Wunder glaubt, sicher gut gefallen hat.
    5. Aber: Wer sich auch nur ein bisschen bei Menschen auskennt, der weiß, dass ein solcher Glaube, wenn er denn mit entsprechenden Verhaltens-Verpflichtungen verbunden ist, nicht lange anhält. Das dürfte wohl der Fehler in dieser Geschichte sein.
    6. Letztlich hat also die besondere Dreier-Lösung das nur aufgedeckt, denn alle drei streiten ja auf gleiche Weise – und ab dann ist es vorbei mit dem Wunderglauben und man muss an etwas anderes glauben – und der Richter zeigt da ja auch einen Weg auf.
    7. Es bleibt das Problem, warum das früher anscheinend immer funktioniert hat: Wahrscheinlich war der Glaube so groß, dass man das Wunder auch noch gesehen hat, wo es real gar nicht mehr da war.

Zusammenfassung wichtiger Aspekte im Umfeld der Ringparabel:

Bedeutung der Ringe:

Sie stehen für die drei Religionen, über die Nathan nicht direkt sprechen möchte. Der Sultan soll erst an einem anderen Streitfall zu einer Einsicht kommen, die er dann auf die Frage nach den Religionen übertragen kann.

Der Streit der Söhne

Er verdeutlicht den Kampf der Religionen um die Echtheit – welche von ihnen stammt direkt von Gott und kann deshalb auch in seinem Sinne wirken?

Funktion des Richters:

Er ist gewissermaßen der Schiedsrichter, der nicht versucht, einen Sieger und zwei Verlierer am Ende zurückzulassen, sondern eine Einsicht – ganz im Sinne der Aufklärung – mit der alle gut leben können.

Lessings Vorstellung von der Bewertung einer Religion

Entscheidend ist ihre „Wahrheit“, sondern das, was sie bewirkt. Das hat natürlich nicht mehr viel mit Religion zu tun, sondern ist eher eine Frage der Ethik. Interessant, dass im Neuen Testament davon die Rede ist, dass die Christen eher „Salz der Erde“ sein sollen – und nicht einfach nur angenehm für andere. Man merkt hier, wie weit die Aufklärung vom ursprünglichen Begriff von Religion entfernt ist.

Lessings Forderung an die Vertreter einer Religion:

Sie sollen auf Ausschließlichkeit verzichten und in einen friedlichen Wettbewerb um die beste Gestaltung des Zusammenlebens der Menschen eintreten.

Lessings Negativ-Urteil:

Lessing lehnt letztlich Intoleranz ab, die sich auf Glaubenssätze stützt. Auch lehnt er eben alles an, was das Zusammenleben der Menschheit belastet bzw. negativ beeinflusst.
 

Nathan als Vorbild?

  • Sicher kann Nathan ein Vorbild für das äußere Zusammenleben der Menschen verschiedener Religionen sein – aber nicht für den inneren Glauben von Menschen, der gehorcht ganz anderen Gesetzen. Hier geht es um die individuelle Vorstellung zum Beispiel von Seelenheil – und da sind die meisten Religionen doch sehr auf sich selbst konzentriert.
  • Man könnte auch sagen: Lessings Ratschlag in der Ringparabel entspricht einer Lehrkraft, die Schüler, die sich prügeln, auseinanderbringt und dann begütigend sagt: „Seid doch einfach nett zueinander – und wen eure Mitschüler für den nettesten von euch halten, der hat gewonnen.“
  • Das wirkliche Problem könnte zum Beispiel sein, dass alle Schüler A für den nettesten halten und B darunter leidet, ihn sogar für arrogant hält und es ihm in der Prügelei mal richtig „zeigen“ wollte. Das sind die wirklichen Probleme von Menschen, bei denen verschiedene Wahrheiten aufeinanderstoßen.

Hinweis auf einen Paralleltext zu Lessings Parabel

Lessings Ringparabel gilt zu Recht als klassisches Plädoyer für Toleranz zwischen den Religionen, was die Frage der Einzigartigkeit im Hinblick auf die Wahrheit angeht.
In diesem Zusammenhang ist eine andere Geschichte interessant, die in Wikipedia unter der folgenden Adresse zu finden ist:
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_blinden_M%C3%A4nner_und_der_Elefant
Besonders interessant ist der folgende Abschnitt:
Wir wollen ihn hier erläuternd vorstellen:

„Islam – Sufismus“

[Hier geht es um eine spezielle Glaubensrichtung im Islam, die die festgelegten Regeln weniger ernst nimmt als eine innere Beziehung zu Gott.]

„Der sufische Dichter Sana’i von Ghazna († 1131) verwendete die Geschichte in seinem Buch Ḥadīqat al-ḥaqīqat („Der Garten der Wahrheit“) als Parabel für die Unfähigkeit der Menschen, Gott gänzlich zu begreifen.
Dschalal ad-Din ar-Rumi war ein persischer Dichter, Jurist, Theologe und Lehrer des Sufismus im 13. Jahrhundert. Rumi schrieb in seiner Version des Gleichnisses „Der Elefant in der Dunkelheit“ in der Gedichtform Masnawī dieser Geschichte einen indischen Ursprung zu. In seiner Version stellen einige Inder einen Elefanten in einem abgedunkelten Raum aus.“

[Hier geht es um ein Ziel, das dem in Lessings Ringparabel ähnlich ist. Während dort aber eher die Frage der Wirkung göttlicher Wahrheit im Vordergrund steht, geht es hier um das Bild, das man sich von Gott macht – und das eben die Religionen stark von einander trennen und Gegensätze oder gar Feindschaften hervorbringen kann.]

„In der Übersetzung durch A. J. Arberry, befühlen einige Männer den Elefanten in der Dunkelheit. Je nachdem wo sie ihn befühlen, glauben sie, der Elefant sei ein Wasserschlauch (Rüssel), ein Fächer (Ohr), eine Säule (Bein), und ein Thron (Rücken). Rumi verwendet dieses Gleichnis als ein Beispiel für die Grenzen der individuellen Wahrnehmung.
Das wahrnehmende Auge ist genau wie die Handfläche. Die Hand ist nicht in der Lage, das Tier in seiner Gesamtheit zu begreifen.“

[Hier wird eine Kurzfassung der Erzählung geboten. Eine längere Fassung findet man zum Beispiel hier:
https://www.lichtkreis.at/gedankenwelten/weise-geschichten/blinde-und-elefant/
oder auch
https://www.zeitblueten.com/news/die-fuenf-gelehrten-und-der-elefant/
…]

In Wikipedia heißt es dann weiter:
„Rumi präsentiert keine Lösung des Konflikts in seiner Version, bemerkt aber:
Der Blick auf das Meer ist eine Sache und die Gischt eine andere. Vergiss die Gischt und blicke nur auf das Meer. Tag- und Nachtgischt stieben auf vom Meer : Wunderbar ! Du betrachtest die Gischt, aber nicht das Meer … unsere Augen sind verdunkelt und doch sind wir in klarem Wasser.“

[Hier wird auf jeden Fall deutlich, dass die Gegensätze zwischen den Religionen verschwinden, wenn sie als Teilwahrheiten eines größeren Ganzen begriffen werden.]

 Fassen wir noch einmal zusammen:

Lessings Ringparabel und die Elefantenparabel, deren Urquelle nicht bekannt ist, haben das gleiche Ziel, nämlich die Unterschiede zwischen den Religionen nicht zu Konflikten werden zu lassen, vielmehr Toleranz und Achtung anderer Überzeugungen zu fördern.

Dabei werden unterschiedliche Akzente gesetzt:

Lessing geht ganz aufklärerisch, fast schon wissenschaftlich-empirisch an die Sache heran: Wahr ist das, was funktioniert. Das Raffinierte daran, dass das dann indirekt mit einem moralischen Appell verbunden ist: Bemüh dich drum, die beste Wirkung hervorzubringen.

Bei der Elefantenparabel geht es weniger um Wirkung und Anstrengung, sondern um die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit. Gott wird hier ernst genommen als das wirklich Übermenschliche.

Das hat viel zu tun mit einer Stelle aus dem Brief des Paulus an die Philipper (4,7):
„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft …“

Und es passt natürlich zu unserer heutigen Vorstellung von einer evolutionären Entwicklungsgeschichte des Menschen, die ihn nicht gottgleich macht, sondern allenfalls gottähnlich – was man auch mit Mephistos Worten über den Menschen in Goethes „Faust“ so sehen kann:

„Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“

Zu finden u.a. in: http://gutenberg.spiegel.de/buch/faust-eine-tragodie-3664/3

 Am Ende sollten die Menschen sich vielleicht doch mehr mit der Zurückdrängung des Negativ-Tierischen in ihnen beschäftigen als mit dem Versuch, sich über den Mitmenschen zu erheben, was dessen Gottesvorstellung angeht.

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