Gescheitert – und alle halten dich für erfolgreich: drei Fragen vorab

Eine Schauspielerin, deren Karriere am Ende ist, trifft zufällig ihre alten Kollegen – und die halten sie für einen Star. Was dann passiert, erzählt Thomas Hürlimann in seiner Kurzgeschichte „Der letzte Auftritt“. Vorab drei Fragen zum Nachdenken:
1. Gescheitert – und alle halten dich für erfolgreich
Stell dir vor, dein Traum vom Beruf ist geplatzt. Du triffst alte Bekannte, die sich riesig freuen und fest glauben, bei dir laufe alles super. Sagst du die Wahrheit?
2. Warum flunkern wir ausgerechnet dann, wenn andere sich freuen?
Die Begeisterung der anderen müsste es doch leichter machen, offen zu sein. Warum fällt die Wahrheit gerade in solchen Momenten oft am schwersten?
3. Kann eine Lüge ein würdiger Abschied sein?
Die Hauptfigur sagt am Ende: Ich habe nicht gelogen, ich habe noch einmal gespielt. Ist das eine Ausrede – oder steckt darin eine eigene Art von Würde? Und sieht der Text das genauso wie die Figur?
Die Antworten findest du weiter unten.

Wie man sieht: Zeichnen ist nicht unsere Stärke. Aber Überblick können wir! Jeder blaue Eintrag im Inhaltsverzeichnis ist ein Link – einfach antippen, und du springst direkt an die passende Stelle. Zurück geht’s mit dem Zurück-Pfeil deines Browsers.
Inhaltsverzeichnis
- Worum es geht – und wo du den Text findest
- Inhaltsangabe
- Schritt für Schritt durch den Text – was er zeigt und wie er es zeigt
- Aussagen der Geschichte und offene Fragen
- Anregungen für Unterricht und Diskussion
- Auflösung der Einstiegsfragen
- Weitere Infos, Tipps und Materialien
Worum es geht – und wo du den Text findest
- Thema: Umgang mit dem Ende einer Karriere und mit Hoffnungslosigkeit – die Hauptfigur flüchtet sich in eine Lüge, die sie am Ende als „letzten Auftritt“ deutet.
— - Quelle: Thomas Hürlimann: Die Satellitenstadt. Geschichten. Zürich 1992, S. 142 ff.
Hier kann man den Text lesen:
- Klett-Arbeitsblatt mit dem vollständigen Text
https://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/316015_ab_05_07.pdf
Offizieller Download des Klett-Verlags aus der Reihe „Zu literarischen Texten schreiben“ – der Text auf zwei Seiten, mit Quellenangabe.
Inhaltsangabe
- In der Geschichte geht es um eine Schauspielerin, die nach einigen Anfangserfolgen für sich keine Chance mehr sieht und jetzt noch einmal den Ort aufsucht, an dem ihre Karriere begann.
— - Sie trifft dort ehemalige Kolleginnen und Kollegen und wird von ihnen so begeistert begrüßt, dass sie sich in die Lüge hineinflüchtet, sie sei nur auf der Durchreise zu neuen Erfolgen.
— - Als sie einmal kurz die Wahrheit andeutet – sie sei am Ende –, hält man das nur für den Stress einer erfolgreichen Schauspielerin und versucht, sie zu trösten.
— - Als die anderen zu ihrem Theaterabend aufbrechen, tröstet sich die zurückbleibende ehemalige Schauspielerin damit, dass sie nicht gelogen, sondern ihren letzten Auftritt gehabt habe.
Schritt für Schritt durch den Text – was er zeigt und wie er es zeigt
Wir gehen die Geschichte in vier Abschnitten durch. Zu jeder Textstelle steht darunter, mit welchem Mittel sie arbeitet und was das für die Aussage bedeutet. Am Ende jedes Abschnitts: der Zwischenstand.
1. Der Anfang: Ankunft am Ende
- „Sie wußte, das war das Ende. Die Existenz gescheitert, die Träume zerbrochen. Außer diesem Schminkkoffer hatte sie nichts mehr, und sie hatte Hunger, und sie war müde, zum Sterben müde.“
—
Reihung mit Steigerung bis „zum Sterben müde“: Schon im ersten Absatz ist klar, dass hier kein Neuanfang erzählt wird, sondern ein Endpunkt. - „Schminkkoffer“
—
Symbol für die Schauspielerei: Das Einzige, was ihr bleibt, ist das Werkzeug fürs Spielen. Damit ist schon angelegt, was sie später tun wird – eine Rolle spielen. - „Hübsch war sie damals gewesen, voller Lust auf Liebe, Zukunft und Kunst. Und heute?“
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Weitere Reihung als Gegenbild zur Gegenwart. Die kurze Frage danach markiert den ganzen Absturz in zwei Wörtern. - „Lächelnd betrat sie den Garten.“
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Erster kleiner Widerspruch: innen am Ende, außen lächelnd. Der Schein beginnt schon, bevor sie ein einziges Wort gesagt hat. - Zwischenstand: Eine gescheiterte Schauspielerin, die nichts mehr hat außer ihrem Schminkkoffer – und die trotzdem lächelt.
2. Das Wiedersehen: Aus Freude wird ein Schwindel
- „Unsterblich, wie es hieß, vor zwanzig Jahren sein Firs, vor vierzig sein Meister Anton.“
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Theaterjargon: Ein Leben wird in Rollen gemessen. Firs ist der alte Diener aus Tschechows „Der Kirschgarten“, Meister Anton der Vater aus Hebbels „Maria Magdalena“. In dieser Welt zählt, was man gespielt hat. - „Links von ihm eine kesse Blonde und rechts – nein, aber nein! Jetzt war es Ka, die schrie: ‚Gudrun!‘ schrie sie, und Gudrun: ‚Kathi! Liebling! Du!‘“
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Kurzstil aus der Erlebnisperspektive der Figur: Man erlebt die Überraschung des Wiedersehens unmittelbar mit. - „Umarmung, Küsse, Tränen. Da passierte es. Ohne Absicht, einfach so. Ka schwindelte.“
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Fortsetzung des Kurzstils mit Reihung, dann der auch sprachlich fließende Übergang in die Schwindelei: Die Lüge wird nicht geplant, sie „passiert“ – ausgelöst von der Herzlichkeit der anderen. - „… eine ekelhafte, fette Lüge geworden.“
—
Drastische Wortwahl: Aus dem „kleinen Schwindel“ wird in einem Satz eine große Lüge – und der Text nennt sie ohne Beschönigung beim Namen. - „Peymann“, „Kronenhalle“, ein ZDF-Feature mit dem Arbeitstitel „die Gnade des späten Erfolges“
—
Ka baut ihre Lüge mit echten Namen und Orten aus der Theaterwelt (Claus Peymann war damals Direktor des Wiener Burgtheaters) – das macht sie glaubwürdig. Der Arbeitstitel spielt ironisch auf die bekannte Formel von der „Gnade der späten Geburt“ an. Wer sich im Theaterbetrieb auskennt, schmunzelt hier: ein strategisches Mittel, mit dem der Autor die Kenner unter seinen Lesern anspricht. - Zwischenstand: Die Lüge entsteht nicht aus Berechnung, sondern aus Scham und aus der Freude der anderen – und sie wächst schneller, als Ka sie steuern kann.
3. Das Missverständnis: Die Wahrheit wird nicht gehört
- „Mattmann sah ihr nach, mit trübem Blick. Das Frischgemüse, meinte er, sei auch nicht mehr, was es früher einmal gewesen war.“
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Doppelbödige Kommunikation zwischen Schein und Sein: Die abschätzige Metapher für die junge Kollegin steht für eine Karriereetappe – und für die Klage, dass früher alles besser war. - „Ka, plötzlich: ‚Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr.‘“ – Gudrun: „Du, das versteh ich. Da rackert man sich ab, jahrelang, und dann, über Nacht, wollen dich alle zugleich …“
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Überraschender Gegensatz als Missverständnis, wieder in Anlehnung an die Theatersprache: Ka sagt ein einziges Mal die Wahrheit – und genau die wird in die Erfolgsgeschichte eingebaut. Die Wahrheit klingt in diesem Umfeld wie Erfolgsstress. - „Mattmann war nun doch noch alt geworden, so alt wie Firs, den seine Herrschaft am Schluß des Stückes vergißt und einschließt im leeren, alten Haus.“
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Einbruch der Realität in Kas Wahrnehmung: Der Vergleich mit der Theaterrolle zeigt einen alten, vergessenen Mann – und deutet schon auf den leeren Garten am Ende voraus. - „… ganz nett, ehrlich, aber aus seiner Ehe steigt der Trottel nicht aus.“
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Nebenbei erfährt man von einer Affäre mit einem Zahnarzt: Auch das Leben der anderen ist alles andere als glanzvoll. Schein gibt es nicht nur bei Ka. - Zwischenstand: Die Lüge hat sich verselbstständigt. Selbst die Wahrheit kommt nicht mehr an, weil alle an dem schönen Bild festhalten.
4. Der Schluss: Applaus der Platanen
- „‚Ich habe nicht gelogen‘, sagte sie leise, ‚ich habe noch einmal gespielt.‘“
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Die zentrale Umdeutung: Aus der Notlüge wird ein Auftritt. Das ist der Kern der Geschichte und die sehr originelle Idee des Autors. - „… hockte im leeren, dunklen Garten nur noch der Alte, Mattmann, und schlief. Sie schickte ihm einen Kuß zu. Da fuhr Wind in die Platanen, und was da raschelte und rauschte – es hörte sich an wie Applaus.“
—
Der Schluss hat mehrere Ebenen:
– die traurige Realität: leerer Garten, das einzige „Publikum“ schläft,
– der menschlich-freundliche Abschied: der Kuss für Mattmann,
– der Ringschluss zum Anfang und zum zentralen Mittel: ein letzter Hinweis darauf, dass hier gespielt worden ist – es hört sich nur „an wie“ Applaus. - Zwischenstand: Ka gibt ihrer Lüge eine Würde – der Text zeigt zugleich, wie wenig von diesem Auftritt in der Wirklichkeit übrig bleibt.
Aussagen der Geschichte und offene Fragen
Die Geschichte zeigt
- zum einen das Ende beruflicher Hoffnungen,
- zum anderen den Kontrast zwischen kollegialer, durchaus menschlicher Freundlichkeit und der damit verbundenen Versuchung, sich und den anderen die Lage schönzureden.
Anmerkungen dazu
- Im Zentrum steht die sehr originelle Idee des Autors, eine Notlüge zu einem letzten Auftritt werden zu lassen.
— - Es bleibt offen, ob sich dieser „letzte Auftritt“ nur auf die Schauspielkarriere bezieht oder sogar auf das ganze Leben.
— - Auf jeden Fall versperrt die Notlüge der Schauspielerin eine normale gemeinsame Zukunft mit den alten Bekannten aus ihrer Anfangszeit.
— - Wie diese Zukunft aussehen wird, sagt der Text nicht. Die Kurzgeschichte hat also wirklich einen offenen Schluss.
— - Welche Frage beantwortet der Text? Nimmt man die Aussagen als Antwort, steht dahinter etwa diese Frage: Was bleibt einem Menschen, wenn sein Lebenstraum gescheitert ist – und wie viel Schein darf er sich erlauben, um das zu ertragen?
Anregungen für Unterricht und Diskussion
- Sein und Schein: Die Geschichte lässt sich sehr gut mit Hilfe dieses Gegensatzes interpretieren.
— - Weiterschreiben: Interessant ist es, für die Hauptfigur einen Ausweg aus Verzweiflung und Lüge zu suchen – auf dem Weg zurück in die Realität und zu einer möglichen besseren Zukunft. Das könnte etwa im Gespräch mit einer verständnisvollen Mutter geschehen oder in der Begegnung mit einem Menschen, der vielleicht noch schlimmer vor seinem „letzten Auftritt“ steht, etwa gesundheitlich.
— - Diskussion: Wie sinnvoll ist in einem solchen Fall die Flucht in die Unwahrheit, also in den Schein?
— - Vertiefung: Darüber kann man noch weiter und tiefer sprechen: Wie viel Schein braucht man als Mensch zum Überleben?
Zum Vergleich:
- Sabrina Eisele, „Momente“ – eine doppelt offene Kurzgeschichte
https://textaussage.de/sabrina-eisele-momente-doppelt-offene-kurzgeschichte
Auch hier wird gegenüber Menschen, denen es scheinbar besser geht, eine Scheinwelt aufgebaut – gut geeignet für einen Vergleich.
- Filmtipp: „Neid ist auch keine Lösung“
https://www.tvspielfilm.de/kino/filmarchiv/film/neid-ist-auch-keine-loesung,8341864,ApplicationMovie.html
Eine Frau, die als Ärztin eigentlich die Welt retten wollte, ist im Familienalltag gelandet. Sie trifft eine alte Schulfreundin, die es wirklich nach oben geschafft hat. Auch hier steht beim Wiedersehen eine kleine Lüge – die zum großen Problem wird, als man eingeladen wird und zwei Welten immer deutlicher aufeinanderprallen.
Auflösung der Einstiegsfragen
- 1. Gescheitert – und alle halten dich für erfolgreich
Ka sagt die Wahrheit nicht – aber nicht aus Berechnung. Bei „Umarmung, Küsse, Tränen“ passiert es „ohne Absicht, einfach so“. Der Text zeigt, wie schnell aus einem kleinen Schwindel „eine ekelhafte, fette Lüge“ wird, aus der man nicht mehr herauskommt.
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Praktischer Tipp: Ein kurzer ehrlicher Satz wie „Läuft gerade nicht so – erzähl ich dir ein andermal“ hält die Tür offen, ohne dass man sich vor allen erklären muss.
— - 2. Warum flunkern wir ausgerechnet dann, wenn andere sich freuen?
Die Freude der anderen erzeugt Erwartungsdruck: Wer die Wahrheit sagt, verdirbt scheinbar die schöne Stimmung („für dich bin ich glücklich“). Dazu kommt die Scham. Und die Geschichte zeigt noch etwas: Als Ka einmal ehrlich ist („Ich bin am Ende“), hört es niemand – das Bild, das die anderen von ihr haben, ist stärker als ihre Worte.
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Praktischer Tipp: Wenn jemand so etwas sagt, lohnt es sich nachzufragen („Wie meinst du das?“), statt die eigene Deutung darüberzulegen – genau das tut Gudrun nicht.
— - 3. Kann eine Lüge ein würdiger Abschied sein?
Für die Figur ja: „Ich habe nicht gelogen, ich habe noch einmal gespielt.“ So rettet sie ihre Würde. Der Text selbst bleibt zweideutig: Der Applaus ist nur der Wind in den Platanen, es „hörte sich an wie“ Applaus, und das einzige Publikum ist ein schlafender alter Mann im leeren Garten.
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Hier fallen also die Aussage der Figur und die Aussage des Textes auseinander. Was der Autor damit beabsichtigt, können wir nur vermuten: Er verurteilt Ka nicht (der Kuss, der freundliche Abschied), lässt uns aber sehen, wie viel Selbsttäuschung in diesem Trost steckt. Würde und Selbstbetrug liegen hier dicht beieinander.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
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