Anders Tivag, Warum eine Kurzgeschichte mehr Wahrheit enthält als unsere „Realität“ (Mat5462-kgr)

Verteidigung der Kurzgeschichte gegen die Ansprüche der Realität

Hier zunächst eine Vorschau und eine Druckvorlage

Mat5462-kgr Tivag, Kurzgeschichte und Realität

Anders Tivag,

Warum eine Kurzgeschichte mehr Wahrheit enthält als unsere „Realität“

Es sieht nicht besonders gut aus für die Romantik.
Und damit sind nicht die gemeint, die sich gern abends im Mondlicht an den Strand setzen.
Romantik beginnt erst dort, wo man seiner Fantasie erlaubt, weiterzugehen als das Sichtbare.

Genau an dieser Stelle geraten Fantasie und Rationalität oft aneinander.
Die einen vertrauen auf Messbarkeit, Berechnung, Beweisbarkeit.
Die anderen schreiben, dichten, erfinden – und wissen dabei sehr genau, dass sie sich etwas ausdenken.

Wenn jemand seine inneren Kämpfe, Sorgen oder Ängste in ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte packt und das einem anderen vorliest, hebt dieser vielleicht skeptisch die Augenbrauen.
Und doch muss er oft zugeben:
Schon das Schreiben selbst hat dem anderen geholfen.

Wagen wir deshalb eine ungewohnte These:
Ausgedachte Geschichten können wahrer sein als das, was wir sehen, hören oder anfassen – und was wir deshalb für Realität halten.

Ein Beispiel:
Ein Mensch, der sich gern Geschichten ausdachte, wurde im Familienkreis dafür heftig kritisiert.
Besonders deutlich äußerte sich ein Arzt, der von krankhaften Vorstellungen sprach, die medizinisch behandelt werden müssten.

Daraufhin stellte man ihm eine einfache Frage:
Ob er jemals erlebt habe, dass ein Röntgengerät so begeistert vom menschlichen Körper gewesen sei, dass es beschlossen habe, seine Darstellung daran anzupassen.

Natürlich nicht.

Ein Spiegelbild und ein Röntgenbild zeigen denselben Menschen –
und doch liegen Welten zwischen ihnen.
Sie gehören zu völlig unterschiedlichen Realitätsebenen.
Zwischen ihnen gibt es keine Annäherung, keinen Kompromiss, kein Gespräch.

Ganz anders verhält es sich bei Geschichten.
Eine Kurzgeschichte behauptet nicht, Realität abzubilden.
Sie sagt offen: Ich bin erfunden.
Gerade deshalb kann sie nicht lügen, bietet stattdessen eine besondere Art von Wahrheit an – allerdings in den engen Grenzen des Textes.

Über Geschichten kann man streiten, diskutieren, sich annähern.
Unterschiedliche Deutungen bewegen sich auf derselben Ebene.
Im besten Fall verändert sich dabei sogar die eigene Sicht.

Die größte Kluft liegt also nicht zwischen zwei Deutungen einer Geschichte,
sondern zwischen unserer sinnlichen Wahrnehmung und einer technisch gemessenen Realität.

Oder einfacher gesagt:
Eine Geschichte täuscht nichts vor.
Scheinbare Realität wie ein Foto schon eher.

Und vielleicht ist das der Grund, warum erfundene Texte uns manchmal näher an das heranführen, was wir wirklich erleben, als das, was wir scheinbar „mit eigenen Augen gesehen“ haben.

Weitere Infos, Tipps und Materialien