Watzlawicks „Axiome“ am Beispiel der Kurzgeschichte „Ein netter Kerl“ von Gabriele Wohmann

Probleme beim Versuch, eine Theorie auf das praktische Leben anzuwenden
Letztens wollten wir einer Schülerin helfen, die die Aufgabe bekommen hatte, die „fünf Axiome“ der Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick auf die Kurzgeschichte „Ein netter Kerl'“ von Gabriele Wohmann anzuwenden.

Wir fügen hier einfach mal unsere leicht verzweifelte, aber auch etwas verärgerte Mail ein, die wir der Schülerin als Antwort geschickt haben.

Zum leichteren Verständnis noch die Hinweise, wo die Bezugstexte zu finden sind:

Text der Kurzgeschichte zum Beispiel hier.

Die fünf Axiome von Paul Watzlawick finden sich zum Beispiel hier.

Wer die Geschichte noch nicht kennt oder erst noch mal eine Analyse ohne Theoriebezug lesen möchte, findet hier eine entsprechende Ausarbeitung.

Jetzt also zur Problemlage beim Versuch, eine Theorie auf einen realen Text anzuwenden:

Hallo,
so, wir haben uns das mal angesehen und Folgendes festgestellt:
1. Gleich am Anfang haben wir das Axiom Nr. 5: Auf der einen Seite ist Nanni mit ihrer Gehässigkeit und Angriffslust überlegen gegenüber Rita, andererseits weiß sie etwas, nämlich ihre Verlobung, womit sie später zurückschlagen kann.
2. Der Beziehungsaspekt ist fast durchgängig zu finden, weil es eben eine Mobbing-Situation ist.
3. Das Zurückschlagen von Rita am Ende zeigt, dass sie jetzt auch etwas gehässig wird (Ursache und Wirkung).
4. Eine Textstelle, an der analog etwas anderes läuft, als digital gesagt wird, findet sich dort, wo Ironie im Spiel ist: „dankbar“, (52) – oder auch die Beurteilung des Verlobten als „netter Kerl“ durch den Vater wird stark reduziert durch das „höflich“ (54) – unterschwellig heißt das, dass er sonst nichts zu bieten hat.
5. Nicht mehr ganz symmetrisch ist die Kommunikation in Zeile 38, als die Mutter streng wird. Aber das ist nur äußerlich. Aber viel stärker wirkt sich das aus, wenn erst Nanni ihre bösartige Überlegenheit ausspielt – und später Rita zurückschlägt.
Übrigens finden wir den Gegensatz des fünften Axioms nicht sehr überzeugend. Wir fügen hier mal etwas aus einem E-Book ein, das bald erscheinen wird:

An dem ganz extremen Beispiel eines Mafiabosses, der seinen Untergebenen wegen mehrfachen Versagens zur Rede stellt, kann man zeigen, dass eine angeblich komplementäre Situation auch überhaupt nicht auf Ergänzung angelegt sein kann. Im Extremfall landet der versagende Untergebene mit Steinen an den Füßen im Meer, während der Mafiaboss dieses Problem für sich überaus einseitig gelöst hat.

Man sieht also, dass der Begriff komplementär doch etwas beschönigend angelegt ist. Manchmal kann es sinnvoller sein, einfach von einer asymmetrischen Kommunikation zu sprechen. Das Wort besagt als Verneinung natürlich nicht also viel, trifft aber unter Umständen in Extremsituationen genau das, worum es geht.

 Wer noch mehr möchte …