Watzlawicks Axiome, angewandt auf Wohmann, „Ein netter Kerl“ (Mat1188)

  • Hier zeigen wir, wie man die Axiome von Paul Watzlawick sicher auf eine Kurzgeschichte anwendet.
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  • Das Besondere: Es gibt zwei Ebenen.
    • eine Musterlösung, so wie man sie in einer Klausur schreiben könnte,
    • und blau hinterlegte Hinweise, warum man an der Stelle so vorgeht.

Alles auf einen Blick

  • Spannend: Was passiert, wenn eine Familie beim Abendessen über einen Mann lästert – und keiner ahnt, dass er bald zur Familie gehört?
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  • Die Aufgabe: Die fünf Axiome von Watzlawick auf „Ein netter Kerl“ anwenden – hier mit einer Musterlösung Schritt für Schritt.
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  • Axiom 1: Rita sagt kaum etwas – aber ihre Hände, die sich am Stuhl festkrallen, sagen umso mehr.
  • Axiom 2: Das Wort „nett“ wechselt ständig seine Bedeutung – vom Spott bis zur peinlichen Schadensbegrenzung.
  • Axiom 3: Wer hat angefangen? Die Familie lacht über das, was Rita vorher selbst über den Mann erzählt hat.
  • Axiom 4: Worte und Körper sagen oft etwas völlig anderes.
  • Axiom 5: Erst ist Rita allein gegen alle – dann dreht sie mit einem einzigen Satz die Machtverhältnisse um.
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  • „Ich habe mich verlobt mit ihm.“ – der Satz, nach dem am Tisch nichts mehr ist wie vorher.
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  • Diskussionsfrage: Warum hat Rita ihren Verlobten vorher selbst so beschrieben, dass die Familie über ihn lacht?

Nun zu den Details:

So gehst du vor

  1. Axiome kurz klären: Du musst die fünf Axiome nicht auswendig herbeten, aber zu jedem in ein, zwei Sätzen sagen können, was gemeint ist.
  2. Schlüsselstellen markieren: Achte besonders auf Körpersprache, Lachen, Schweigen – und auf Wörter, die mehrmals vorkommen.
  3. Belege zuordnen: Zu jedem Axiom ein bis zwei Textstellen – lieber wenige, die gut erklärt sind, als viele, die nur aufgezählt werden.
  4. Zum Schluss auswerten: Was macht die Theorie an der Geschichte sichtbar – und wo hilft sie nicht weiter?

Im Folgenden kommt nun die Musterlösung. Die blau hinterlegten Hinweise darunter gehören nicht zum Klausurtext – sie erklären, warum an dieser Stelle so vorgegangen wird.

Musterlösung: Einleitung

In Gabriele Wohmanns Kurzgeschichte „Ein netter Kerl“ (1978) sitzt eine Familie beim Abendessen und lästert über einen Mann, der gerade zu Besuch war. Vor allem Nanni und die Mutter machen sich über sein Aussehen lustig. Nur Rita macht nicht richtig mit – und am Ende kommt heraus, dass sie mit diesem Mann verlobt ist. Im Folgenden wird das Gespräch mit Hilfe der fünf Axiome von Paul Watzlawick untersucht.

  • Warum so? Die Einleitung bleibt kurz: Autorin, Titel, Jahr, die Situation in zwei, drei Sätzen und die Aufgabe. Eine ausführliche Inhaltsangabe ist hier nicht gefragt – die Punkte gibt es für die Anwendung der Theorie.

Axiom 1: Man kann nicht nicht kommunizieren

Das erste Axiom besagt, dass jedes Verhalten eine Botschaft ist – auch Schweigen. Genau das sieht man bei Rita. Während die anderen über den Mann lachen, sagt sie kaum etwas. Aber sie „hielt sich mit den Händen am Sitz fest“ und drückt später sogar „die Fingerkuppen fest ans Holz“. Ihr Körper zeigt deutlich, dass sie die Situation kaum aushält. Das Problem ist nur: Die Familie bekommt dieses Signal gar nicht mit oder will es nicht mitbekommen.

Am Ende dreht sich das um. Nach Ritas Enthüllung heißt es: „Am Tisch bewegte sich keiner.“ Jetzt schweigt die Familie – und dieses Schweigen sagt mehr als jede Entschuldigung: Alle sind geschockt und merken, was sie angerichtet haben.

  • Warum so? Beim ersten Axiom sucht man am besten Stellen, an denen gerade nicht gesprochen wird. Hier gibt es sogar zwei, die sich spiegeln: Anfangs schweigt Rita, am Ende die Familie.

Axiom 2: Inhalts- und Beziehungsaspekt

Nach dem zweiten Axiom hat jede Äußerung eine Sachebene und eine Beziehungsebene. Die Beziehungsebene entscheidet, wie etwas gemeint ist. Das zeigt sich besonders am Wort „nett“. Als Nanni sagt: „ich find ihn auch nett“, klingt das auf der Sachebene positiv. Aber sie setzt direkt hinzu: „Könnt ihn immer ansehn und mich ekeln.“ Auf der Beziehungsebene ist das reiner Spott.

Nach der Enthüllung benutzt der Vater dasselbe Wort, aber mit ganz anderer Absicht: „Er ist ja ein netter Kerl.“ Jetzt soll „nett“ die Beziehung zu Rita retten. Allerdings verrät er sich gleich im nächsten Satz: „Also höflich ist er, das muß man ihm lassen.“ Das klingt so, als wäre Höflichkeit das Einzige, was sich Gutes über den Mann sagen lässt. Die Mutter stolpert ähnlich: Sie kann sich ihn erst „als Hausgenosse oder so“ vorstellen, bevor ihr das Wort „Familienmitglied“ einfällt.

  • Tipp: Achte auf Wörter, die mehrmals vorkommen und dabei ihre Bedeutung ändern. Hier steckt das Schlüsselwort sogar schon im Titel – „Ein netter Kerl“ ist also von Anfang an zweideutig.
  • Warum so? Das nachgeschobene „höflich“ ist eine Stelle, die viele übersehen. Wer sie findet, zeigt, dass er genau gelesen hat.

Axiom 3: Wer hat angefangen? (Interpunktion)

Das dritte Axiom besagt, dass jeder Beteiligte selbst festlegt, was in einem Gespräch Ursache und was Wirkung ist. In der Geschichte gibt es dazu eine überraschende Stelle: Die Familie lacht nicht einfach von sich aus. Nanni sagt gleich am Anfang: „Genau wie Du ihn beschrieben hast“, und die Mutter meint: „Du hast nicht zuviel versprochen, Rita.“ Rita hat den Mann also vorher offenbar selbst lustig beschrieben.

Aus Sicht der Familie ist damit klar: Rita hat angefangen, sie selbst lachen nur mit. Aus Ritas Sicht sieht das anders aus: Sie wird von einem Spott überrollt, der viel weiter geht, als sie wollte. Am Ende greift Rita diese Rolle sogar noch einmal auf, als sie ruft: „Ist das nicht zum Lachen!“ Wer wirklich „angefangen“ hat, lässt sich nicht entscheiden – und genau das ist typisch für das dritte Axiom.

  • Warum so? Das dritte Axiom ist oft das schwierigste. Die Leitfrage „Wer sieht was als Anfang?“ hilft fast immer weiter.
  • Tipp: Die Kurzgeschichte setzt mitten im Geschehen ein, die Vorgeschichte fehlt. Wenn man deshalb etwas nicht sicher entscheiden kann, darf man das ruhig sagen – das zeigt, dass man die Grenzen des Textes erkennt.

Axiom 4: Digitale und analoge Kommunikation

Digitale Kommunikation meint das, was mit Worten gesagt wird. Analoge Kommunikation ist alles andere: Körpersprache, Lachen, Tonfall. In der Geschichte widersprechen sich beide Ebenen immer wieder. Rita sagt ganz ruhig: „Ach, ich glaub schon, daß er gesund ist“ – gleichzeitig klammert sie sich am Sitz fest. Ihre Worte wirken gelassen, ihr Körper zeigt Panik.

Auch bei der Familie spricht der Körper eine deutliche Sprache: Nanni „schnaubte aus der kurzen Nase“, ihr Gesicht ist „verquollen“ vom Lachen, und als sie die Hände auf den Tisch wirft, klirren die Messer und Gabeln. Nach der Enthüllung ist alles anders: Jetzt „bewegten“ alle „vorsichtig Messer und Gabeln“, und die „roten Flecken in den Gesichtern“ verraten, wie peinlich ihnen die Sache ist – auch wenn die Eltern mit Worten versuchen, die Situation zu retten.

  • Vorsicht, Falle: Ritas Lachen am Ende ist bewusst eingesetzt („mit großer Anstrengung“). Trotzdem bleibt es analoge Kommunikation. „Digital“ heißt bei Watzlawick nicht „absichtlich“, sondern „in Worten“.
  • Tipp: Gut ist es, wenn man zeigt, wie sich dasselbe Signal verändert – hier das Besteck: erst lautes Klirren, dann vorsichtiges Bewegen.

Axiom 5: Symmetrisch oder komplementär

Symmetrische Kommunikation findet auf Augenhöhe statt, komplementäre zwischen einer überlegenen und einer unterlegenen Seite. Innerhalb der Familie ist der Spott zunächst symmetrisch: Nanni und die Mutter schaukeln sich gegenseitig hoch, jede setzt noch etwas drauf. Gegenüber Rita ist die Lage aber klar ungleich: Alle sind gegen eine. Milene versucht zwar zweimal, den Mann zu verteidigen, gibt aber schnell nach und lacht am Ende mit.

Mit dem Satz „Ich habe mich verlobt mit ihm“ kippt die Situation. Schon vorher heißt es: „Sie hielt den Kopf aufrecht.“ Jetzt ist Rita die Überlegene, sie bestimmt das Gespräch und kann die anderen sogar noch provozieren: „He, Nanni, bist Du mir denn nicht dankbar […]?“ Am Schluss „senkten“ die anderen „die Köpfe und aßen den Nachtisch“. Die Rollen haben sich vollständig umgedreht.

  • Tipp: Das Bild mit den Köpfen ist ein starker Beleg: Ritas aufrechter Kopf gegen die gesenkten Köpfe der anderen – daran sieht man den Machtwechsel sofort.
  • Für Fortgeschrittene: „Komplementär“ klingt nach Ergänzung und Harmonie. Hier geht es aber um reine Macht. Deshalb kann es sinnvoller sein, von „asymmetrischer“ Kommunikation zu sprechen – mehr dazu auf unserer Seite zu den Grenzen der Theorie.

Musterlösung: Schluss

Mit Hilfe der Axiome von Watzlawick wird deutlich, dass in dieser Familie nicht einfach harmlos gelacht wird. Das Lachen ist eine Waffe, mit der jemand ausgegrenzt wird. Wörter wie „nett“ ändern je nach Situation ihre Bedeutung, und der Körper verrät oft mehr als die Worte. Vor allem zeigt die Analyse, wie ein einziger Satz die Machtverhältnisse in einem Gespräch umdrehen kann.

Was die Theorie allerdings nicht erklären kann, ist das, was in Rita selbst vorgeht: Warum hat sie den Mann vorher so beschrieben, und woher nimmt sie am Ende die Kraft zum Gegenschlag? Diese Fragen lässt die Geschichte bewusst offen.

  • Warum so? Ein guter Schluss wiederholt nicht einfach alles, sondern sagt, was die Theorie gebracht hat – und wo sie an ihre Grenzen stößt. Genau das bringt in der Bewertung oft den entscheidenden Unterschied.

Offene Frage: Wie ist Ritas Verhalten zu beurteilen?

Die Geschichte verrät nicht, warum Rita ihren Verlobten vorher selbst so beschrieben hat, dass die Familie sich über ihn lustig macht. Vielleicht hat sie sich für ihn geschämt, vielleicht wollte sie der Familie zuvorkommen. Dass das offenbleibt, ist ein bewusstes Mittel der Autorin: Wir sollen selbst darüber nachdenken.

Unser Deutungsvorschlag: Während des Gesprächs findet Rita innerlich zu sich selbst. Erst hält sie sich nur am Sitz fest und versucht, mit sachlichen Bemerkungen durchzukommen. Dann aber hält sie „den Kopf aufrecht“ – und haut genau im richtigen Moment den Satz raus, der alles verändert. Man könnte also sagen: Die Geschichte zeigt nicht nur, wie gemobbt wird, sondern auch, wie jemand den Mut findet, zu dem zu stehen, was ihm wichtig ist.

Und was meinst du? Ist Ritas Gegenschlag am Ende mutig – oder hätte sie schon viel früher etwas sagen müssen?

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