Wenn die Interpretation zu kurz wird – was kann man tun? (Mat4348) Beispiel: Storm, „An die Freunde“

Viele Schülerinnen und Schüler haben das Problem, dass ihre Interpretation zu kurz gerät und sie dann eine schlechtere Note bekommen.

Wir konzentrieren uns im Folgenden auf den Inhalt eines Gedichtes – und nehmen einfach mal ein Beispiel.

Die grundsätzliche Lösung liegt darin, dass ein Gedicht ja mehr oder weniger aus Lücken besteht – und wenn man die möglichst gut füllt, hat man schon mehr geschrieben 🙂

Wir probieren das mal:

 

Theodor Storm

An die Freunde

  • Die meisten Schülis (Schülerinnen und Schüler 😉 kommen nicht auf den Gedanken, erst mal die Erwartungen zu beschreiben, die eine Überschrift auslöst. Dabei handelt es sich eigentlich um so etwas Wichtiges wie Leserlenkung.
  • Die Überschrift macht nur deutlich,
    • an wen es sich richtet
    • und dass es sich um Freunde handelt.
  • Als Lesi (Leser oder Leserin  😉 fragt man sich, was dieses lyrische Ich wohl den Freunden mitzuteilen hat.

Wieder einmal ausgeflogen,
Wieder einmal heimgekehrt;
Fand ich doch die alten Freunde
Und die Herzen unversehrt.

  • Die ersten vier Zeilen beschreiben die Situation des lyrischen Ichs. Es scheint häufiger unterwegs zu sein
  • und freut sich, dass es die „alten Freunde“, also die Menschen, und „die Herzen“, also die Einstellungen „unversehrt“ vorfindet.
  • Erweiterungsbeispiel:
    Denn die Erfahrung lehrt ja, dass die Abwesenheit von Menschen auch eine Freundschaftsbeziehung mindern kann.
    Anmerkung: Das ist eine wichtige Möglichkeit, den Interpretationstext zu verlängern, weil man hier zeigt, wie man als normaler Lesi auf die Aussagen des Gedichtes reagieren kann.

Wird uns wieder wohl vereinen
Frischer Ost und frischer West?
Auch die losesten der Vögel
Tragen allgemach zu Nest.

  • Die nächsten vier Zeilen stellen zunächst eine Frage: Offensichtlich reicht dem lyrischen Ich nicht die Freude darüber, dass es mit der Wiedervereinigung der Freunde geklappt hat. Sondern es denkt in die Zukunft hinein: Wie wird es beim nächsten Mal sein.
  • Erweiterungsbeispiel: Wichtige künstlerische Mittel direkt mit dem Inhalt verbinden und Überlegungen zum Hintergrund herstellen (Hypothesenbildung, ganz wichtig bei der Gedichtinterpretation).
    Offensichtlich hofft es auf Unterstützung durch die Natur, darum der Hinweis auf günstige Winde. Es klingt so, als würde das lyrische Ich an eine Seereise denken, bei der die ja eine besondere Rolle spielen.
  • Dann kommt ein Vergleich mit den „losesten der Vögel“
    Erweiterungsbeispiel: Je unklarer und offener eine Textstelle, desto mehr kann man über sie nachdenken und dieses Nachdenken auch in Worte fassen. Wichtig ist nur, dass man immer deutlich macht, dass es sich nur um Vermutungen handelt – aber auch die helfen beim Verstehen eines Textes.
    – das klingt ein bisschen selbstkritisch – nach dem Motto: Ja, ja, ich weiß, ich bin schon ein ziemlich loser Vogel, d.h. ich bin vielleicht mehr unterwegs, als es sein müsste.
  • Die Schlusszeile soll dann wohl deutlich machen, dass es letztlich zur Natur der Vögel gehört, dass sie sich eben auch um das Nest kümmern.
  • Erweiterungsbeispiel: Zur Erweiterung von Interpretationen gehört eben auch, dass man Dinge, die zwischen den Zeilen angesprochen werden oder die man da herauslesen kann, in die Interpretation reinschreibt.
    Also fügt man noch ein:
    Im Hinblick auf die Freunde heißt das wohl soviel wie: „Macht euch keine Sorgen, ich bin viel unterwegs, aber ich weiß, wie wichtig mein Zuhause mit den Freunden ist – und ich bringe aus der Ferne ja auch einiges mit – z.B. Erfahrungen, Erlebnisse, schöne Geschichten für einen gemütlichen gemeinsamen Abend.

Immer schwerer wird das Päckchen,
Kaum noch trägt es sich allein;
Und in immer engre Fesseln
Schlinget uns die Heimat eln.

  • Hier gibt es einen gewissen Bruch, denn man das lyrische Ich spricht unvermittelt von einem „Päckchen“ das immer schwerer wird.
  • Erweiterungsbeispiel: Wenn einem etwas einfällt, was „zur Wahrheitsfindung“ beiträgt, also die Textzeilen besser verständlich macht, kann man sicher notieren – und hat schon wieder mehr Text. Nur noch mal der Hinweis: So etwas immer als mögliches Verständnis kennzeichnen.
    Dahinter steht wohl die Redewendung: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen.“
  • Im Kontext des Gedichtes ist damit wohl die Entfernung von der Heimat, das Doppelleben von Zuhause-Sein und Unterwegs-Sein gemeint.
  • Das lyrische Ich verweist dann darauf, dass es Unterstützung braucht.
  • Am Ende dann der Hinweis auf die „Fesseln“, die mit Heimat auch verbunden sind.
  • Erweiterungsbeispiel: Hier gilt es wieder eine Lücke zu füllen, also:
    Damit könnte Sehnsucht nach Zuhause gemeint sein.
  • Erweiterungsbeispiel: Aber auch kritische Anmerkungen gehören dazu. Denn alles, was jemand sagt, geht auch über das hinaus, was der Sprecher eigentlich nur sagen wollte. Das merkt man immer, wenn jemand etwas sagt und das Gegenüber ist voll sauer. Der Sprecher wiederum versteht das gar nicht, weil er gar nicht gesehen hat, dass seine Äußerung mehr enthielt, als ihm bewusst war.
    • Hier könnten die Freunde z.B. etwas empört reagieren nach dem Motto: Theodor, jetzt reicht es. Dass du Heimweh hast, ist ja in Ordnung, aber dass wir für die „Fesseln“ sind und dich „einschlingen“ – neh, lass mal. Hau einfach wieder ab – und komm erst wieder zurück, wenn du uns nicht als Fesseln empfindest, sondern als Traum deiner schlaflosen Nächte.
  • So schreibt man das natürlich nicht in einer Interpretation, das ist uns jetzt hier kreativ so rausgerutscht. Man könnte es sachlicher so formulieren:
    Anscheinend denkt das lyrische Ich hier nicht daran, dass die Formulierung mit den Fesseln von den Freunden auch negativ verstanden werden könnte.

Und an seines Hauses Schwelle
Wird ein jeder festgebannt;
Aber Liebesfäden spinnen
Heimlich sich von Land zu Land

  • Auch zu Beginn der letzten Strophe eine eher negative Formulierung, was dei Bindung an das Zuhause angeht: „festgebannt“.
  • Erweiterungsbeispiel:  Man kann auch mal überlegen, wie man etwas im Gedicht anders hätte formulieren können. So etwas kann in einer Klausur durchaus Zusatzpunkte für kritische Kreativität bringen.
    Das könnte man positiver formulieren, etwa, dass man sich „verzaubert“ fühlt.
  • Die letzten Zeilen sollen dann wohl einen Gegensatz andeuten. Anscheinend will das lyrische Ich am Ende den Freunden sagen, dass zumindest „heimlich“ sich „Liebesfäden“ „von Land zu Land“ spinnen.
  • Erweiterungsbeispiel: Das würde dann etwa so viel bedeuten wie:
    Ja, ja, ich weiß, wo mein Zuhause ist, aber ich will nicht „festgebannt“ sein, also nehme ich mir die Freiheit, wieder loszufahren – aber ihr sollt wissen, dass ich mich durch Liebesfäden mit euch verbunden fühle, auch wenn ein Meer zwischen uns liegt.
  • (Selbst-)Kritische Anmerkung: Es ist immer wichtig, den ersten Gedanken, den man hat, auch wieder in Frage zu stellen. In diesem Falle musste man die Liebesfäden mal probeweise von den Freunden lösen – und schon ergab sich eine neue Aussage, die durchaus Sinn macht 😉
    Man fragt sich aber, warum diese Liebesfäden „heimlich“ sein sollen. Vielleicht ist es aber auch ganz anders: Das Gedicht richtet sich zwar an die Freunde, die Liebesfäden beziehen sich aber auf einen anderen Menschen, der eben in einem anderen Land lebt, was die häufige Abwesenheit des lyrischen Ichs erklärt.

 Wer noch mehr möchte …