Wenn die Liebe verschwindet … kein Problem nach Meinung eines berühmten Psychologen?

Das Video, das wir hier kritisch-konstruktiv vorstellen, ist hier zu finden:
Warum wir uns in Illusionen verlieben | Carl Jung
https://youtu.be/WLZdQrgsUp8?si=QXYklf4L6VCWdyoJ

Kurzübersicht: Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Ein bekanntes YouTube-Video erklärt Carl Gustav Jungs These über Liebe und Projektion — diese Seite stellt sie vor und prüft sie kritisch.
  2. Jungs Kerngedanke: Wir verlieben uns nicht in einen realen Menschen, sondern in ein inneres Bild — die sogenannte Anima (bei Männern) bzw. den Animus (bei Frauen).
  3. Was wir im anderen suchen, ist laut Jung das, was wir in uns selbst verdrängt oder noch nicht entwickelt haben.
  4. „Wir verlieben uns nicht in den Menschen vor uns — wir verlieben uns in das, was wir in ihm zu sehen meinen.“
  5. Der Konkretisierungstest zeigt eine Schwäche von Jungs Modell: Kann man wirklich etwas in sich entwickeln, wofür die Grundlagen fehlen?
  6. Ein Gedankenexperiment mit drei Beziehungsspirale zeigt, wie Enttäuschungen aufeinander folgen können — und wie zwei mögliche Ausgänge aussehen.
  7. Das Gegenmodell: Nicht Selbstentwicklung, sondern Koproduktion. Zwei Menschen bringen ihre eigene Grundlage mit und bauen gemeinsam etwas, was keiner allein hätte schaffen können.
  8. Jung macht einen Fehler, den viele große Denker machen: Was der eigenen Biografie gelungen ist, wird zur Norm für alle erklärt.
  9. Die Evolutionsperspektive hilft: Die „Rosabrille“ beim Verlieben ist kein persönliches Versagen, sondern Biologie — sie sorgt für Nachwuchs, nicht für dauerhaftes Glück.
  10. Diskussionsfrage: Wie viel Risiko bist du bereit einzugehen, wenn du dich verliebst — und was erhoffst du dir davon?

Unser Video und die Dokumentation dazu

Das Video ist hier zu finden.
https://youtu.be/K0HFir3u8Lc

Hier auch die Dokumentation dazu.

Unsere Überlegungen insgesamt zu dem Thema haben wir hier auf dieser Website zusammengestellt.

Was dieses Video leistet — und was wir noch hinzufügen

Das Video oben erklärt eine der faszinierendsten Thesen des Psychologen Carl Gustav Jung über Liebe und Projektion. Es ist gut gemacht, sachlich und für jeden verständlich. Wir empfehlen es als Einstieg.

Was wir hier tun: Wir stellen Jungs These zunächst fair vor. Dann führen wir einen einfachen Test durch — den Konkretisierungstest. Und am Ende zeigen wir, wo wir zu einem etwas anderen Bild von Liebe kommen.

Kein Angriff auf Jung. Nur ein Weiterdenken.

Wir verlieben uns nicht in einen Menschen — sondern in ein Bild

Jungs Kernthese ist so einfach wie irritierend: Wenn wir uns verlieben, projizieren wir ein inneres Bild auf einen realen Menschen. Dieses Bild nennt Jung bei Männern die Anima, bei Frauen den Animus — eine Art unbewusstes Ideal, das wir im anderen zu erkennen glauben.

Wir verlieben uns nicht in den Menschen vor uns — wir verlieben uns in das, was wir in ihm zu sehen meinen.

Was wir im anderen suchen, ist laut Jung das, was wir bei uns selbst vermissen oder verdrängt haben. Der ruhige Mensch zieht den Stürmischen an. Der Rationale die Intuitive. Wir suchen Ergänzung — und nennen es Liebe.

Soweit, so ernüchternd. Doch Jung geht noch einen Schritt weiter: Was wir im anderen suchen, liegt eigentlich bereits in uns selbst. Der Partner macht es nur sichtbar. Er bringt etwas zum Vorschein, das in einem schlummert — etwas Abenteuerlicheres, Kreativeres, Mutigeres. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, diese Anteile in sich selbst zu entwickeln — ein Prozess, den Jung Individuation nennt.

Die Evolutionsperspektive hilft, das Ganze zu rahmen: Die „Rosabrille“ beim Verlieben ist kein persönliches Versagen. Die Evolution hat uns diesen Mechanismus mitgegeben, weil er funktioniert — er sorgt für Nachwuchs. Auf unser dauerhaftes Glück nimmt sie dabei wenig Rücksicht.

Hält die schöne Theorie der Realität stand?

Hier machen wir kurz Pause. Denn an genau dieser Stelle haben wir gedacht: Da stimmt doch was nicht.

Der Konkretisierungstest ist einfach: Nimm Jungs These und prüfe sie an einer konkreten Erfahrung — deiner eigenen oder der von Menschen, die du kennst.

Frage dich: Hast du dich je in jemanden verliebt, der eine Eigenschaft hatte, die du — bei ehrlicher Betrachtung — selbst gar nicht entwickeln könntest? Nicht aus Faulheit, sondern weil die Grundlage schlicht fehlt?

Ein Mensch, der sein Leben lang analytisch und introvertiert ist — nicht aus Verdrängung, sondern weil er so gebaut ist — wird durch eine lebhafte Partnerin nicht plötzlich zum Tänzer. Er kann ihre Lebendigkeit schätzen, sich durch sie bereichern lassen. Aber er wird sie nicht in sich selbst reproduzieren können.

Wenn Jungs Theorie genau das aber impliziert — dass alles Gesuchte in einem selbst schlummert und nur geweckt werden muss — dann stellt sich die Frage: Was, wenn die Anlage gar nicht vorhanden ist?

Was Jung übersieht — und warum das menschlich verständlich ist

Jung hat seinen eigenen langen Individuationsprozess als universelle Schablone beschrieben. Das ist ein Fehler, den viele große Denker machen: Was einem selbst gelungen ist, was einem wichtig wurde, was die eigene Biografie prägte — das wird zur Norm erklärt. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil es das Einzige ist, was man wirklich von innen kennt.

Jung traut dem Menschen zu viel zu — oder genauer: er traut jedem Menschen das zu, was er selbst bewältigen konnte. Das ist großzügig gedacht. Aber es kann auch überfordern, wenn es impliziert: Scheitern bedeutet, man habe sich nicht genug entwickelt.

Menschen beginnen Liebesbeziehungen meistens dann, wenn sie bereits ziemlich fertig sind — nicht im negativen Sinne, sondern im Sinne von: die wesentlichen Charakterzüge sind ausgebildet. Die Vorstellung, man könne in der Beziehung grundlegende neue Anteile in sich entwickeln, die man vorher nicht hatte, unterschätzt, wie weit die Persönlichkeit eines Erwachsenen bereits geformt ist.

Die Spirale der Enttäuschungen — ein Gedankenexperiment

Um zu zeigen, was Jungs Modell nicht erklärt, hilft ein konkretes Beispiel. Eine Frau geht drei Liebesbeziehungen ein. Jede beginnt mit dem Gefühl: Das ist es. Er ergänzt mich genau dort, wo ich selbst nicht bin.

Erste Beziehung: Gegensätze ziehen an

Sie — lebhaft, spontan, voller Energie — verliebt sich in einen ruhigen, analytischen Mann. Die Rosabrille sorgt dafür, dass seine Stille wie Tiefe wirkt. Später, als die Brille beschlägt, stellt sie fest: Er will seine Ruhe, sie möchte tanzen gehen. Was als Ergänzung begann, wird zur dauerhaften Reibung. Die Beziehung endet.

Zweite Beziehung: Schmerzvermeidung führt in die nächste Falle

Diesmal sucht sie kein Gegenteil. Sie sucht jemanden, der ihr Tempo mitgeht. Sie findet einen Mann, der beim Tanzen alle ihre Träume erfüllt — und sich hinterher als knallharter Geschäftsmann zeigt, dem ihre Zugewandtheit und Großzügigkeit fremd sind. Was sie diesmal übersehen hat: Die gesuchte Eigenschaft hatte eine Kehrseite, die sie nicht mitgedacht hatte. Auch das endet.

Dritte Beziehung: Die Weggabelung

Sie verliebt sich in einen warmherzigen, zugewandten Menschen — das genaue Gegenteil des Geschäftsmanns. Was sie nicht sieht: Seine Zugewandtheit gilt allen. Er ist nicht nur für sie da, er ist für jeden da. Es gibt immer jemanden, der seine Hilfe gerade nötiger braucht als sie.

An dieser Stelle gibt es zwei mögliche Ausgänge — und beide bestätigen die Skepsis gegenüber Jung: Die Frau hat in keiner der drei Beziehungen etwas in sich selbst entwickelt. Sie hat reagiert, gelernt, und steht jetzt an einer Weggabelung.

Der konstruktive Ausgang: Sie hört auf, den perfekten Gegenpol zu suchen. Sie erkennt das Problem — und löst es nicht durch eine vierte Partnersuche, sondern durch Kreativität. Vielleicht holt sie den Bruder mit ins Boot, um das zu ergänzen, was der Partner nicht kann. Sie baut ein Netzwerk statt einer Illusion.

Der Schopenhauer-Ausgang: Bitterkeit als Endstation. Nicht böswillig, sondern erschöpft. Die Biologie hat irgendwann aufgehört, Druck zu machen. Was bleibt, ist eine Frau, die klüger geworden ist als ihre Chancen.

Beide Ausgänge zeigen: Jungs Individuation hat dabei keine entscheidende Rolle gespielt.

Zwei Hälften und was entsteht, wenn sie zusammenkommen

Statt Jungs Modell — finde das Fehlende in dir selbst — schlagen wir ein anderes Bild vor: Zwei Menschen bringen je ihre eigene vorgeformte Grundlage mit. Wie zwei Hälften, die nie identisch sind, aber gut genug zusammenpassen. Und dann, gemeinsam, bauen sie etwas obendrauf, was keiner allein hätte bauen können. Das ist keine Illusion. Das ist Koproduktion.

Das Bild dazu: Wie ein geordneter französischer Garten neben der Natürlichkeit eines englischen Gartens. Unterschiedlich — aber gemeinsam etwas, das für sich steht. Wichtig ist nur, dass man einen Weg findet, gemeinsam durch alle Hindernisse hindurchzuwachsen. Wie eine Blume an der Bretterwand.

Das führt zu einer Frage, die jeder für sich beantworten muss: Bist du jemand, dem das Anfangserlebnis allein schon genug gibt — diese Übertreibung, die das Leben für eine Zeit lang färbt? Oder suchst du etwas, das auf Dauer trägt? Beides ist legitim. Beides hat seinen Preis.

  • Im Video wird dieses Bild vorgestellt.
  • Dahinter steht die alte Vorstellung, dass in der Liebe gewissermaßen die zwei Hälften einer kompletten Existenz sich zu einer Kugel zusammenschließen.
  • Dieses Bild präzisiert das dann im Hinblick darauf, dass hier zwei Welten zusammenkommen.
  • Die müssen einen Weg finden, um zu einem gemeinsamen Ziel zu kommen

Weitere Infos, Tipps und Materialien