Anmerkungen zum Gedicht „Vorübergehn“ von August Stramm

Im Folgenden versuchen wir, einem recht schwierigen Gedicht aus der Zeit des Expressionismus mit zwei einfachen Mitteln auf die Spur zu kommen.

Näheres dazu findet sich auf der Seite (mit zwei Videos, von denen das erste besonders interessant ist)

https://textaussage.de/3t-kaestner-eine-frau-spricht-im-schlaf

Zum Verständnis des Gedichtes muss man wissen, dass August Stramm ein Dichter ist, der besonders intensiv mit Sprache spielt.

Auf der Seite:

https://www.endlich-durchblick.de/schnell-und-sicher-verstehen-gedichte-des-expressionismus/

werden andere Gedichte von ihm vorgestellt.

August Stramm

 

Vorübergehn

  • Der Titel bezeichnet nur ein Phänomen, das vor allem mit Menschen verbunden ist, aber im übertragenen Sinne können das auch Dinge oder Abstrakta: „Man muss das Glück im Vorübergehn greifen.“
  • Auf jeden Fall geht es um etwas, was kurz auftaucht und dann verschwindet.

 

Das Haus flackt in den Sternen

  • „Flackt“ dürfte bei Stramm so viel bedeuten wie „flackert“, aber eben nur kurz, siehe den Titel.
  • Das Haus wird also im Sternenlicht einmal kurz sichtbar. Vielleicht wiederholt es sich auch wie beim Flackern“.

 

Mein Schritt verhält und friert.

  • Das Lyrische Ich stoppt äußerlich oder auch innerlich – und stellt fest, dass es friert, also sich in einer kalten Umgebung befindet.
  • Vielleicht wird mit dem Haus Wärme als Gegensatz verbunden.

 

In deinem Schoße schläft mein Hirn.

  • Dann ein Wechsel des Themas – es geht offensichtlich um eine Beziehung, bei der der eigene Verstand ganz im Schoß eines anderen Menschen  zum Schlafen kommt, also still wird – wie früher im Mutterschoß.
  • Im Gedächtnis behalten sollte man, dass das natürlich sexuell gemeint sein kann.

 

Mich fressen Zweifel!

Voll

  • In der aktuellen Situation, in der es friert, verschwindet dieses positive Gefühl in Zweifeln.
  • Das anschließende „Voll“ ist eine Bekräftigung und wirkt erstaunlich aktuell, jugendsprachlich.

 

Schattet deine Büste in dem Fenster

Das Spähen hüllt mich lautlos

  • Hier stellt sich das Lyrische Ich vor, wie es – wohl die Geliebte – am Fenster sieht, aber auch dort wird es schattig, das Schöne schwindet.
  • Statt hinzugehen, schaut das Lyrische Ich nur wie ein Später, will etwas finden – und dieses Spähen ersetzt die frühere Schoß-Freude allerdings in verminderter Form.

 

Die Sterne streifeln glühes Eisen

Mein Herz

Zerkohlt!

An deinem Fenster

Eist

  • Jetzt wird auf die Sterne zurückgegriffen – die mit glühenden Eisen verbunden werden – was wohl für seine Zweifel steht.
  • Vielleicht bedeutet das auch, dass das Glühen der Liebe jetzt Streifen bekommt, also erkaltet.
  • Dafür spricht das anschließende Bild des „Zerkohlens“ des Herzens, das zerfällt, nachdem es verglüht ist.
  • Dann der Rückgriff auf die Fenster-Späh-Aktion, das frierende Lyrische Ich wird jetzt zu Eis.

 

Ein Windhauch Asche.

Die Füße tragen weiter leere Last!

  • Am Ende bleibt nur Asche übrig, die vom Wind davongetragen wird.
  • Zurückbleibt der Mensch, dem die Füße schwer werden, weil sie eine „Last“ tragen müssen, die aber leer ist, also letztlich ein schwer drückendes Verlustgefühl.

 

Intentionalität / Aussagen des Gedichtes

Das Gedicht zeigt:

  1. eine verschwundene Liebe,
  2. von der nichts übrig bleibt
  3. als eine „leere Last“.
  4. All das wird sichtbar gemacht, indem ein Mensch ausdrückt, was er empfindet, wenn er am Haus der (?) Geliebten („Büste“) vorübergeht – und nur noch diese Verbindung hat, die auch schnell verschwindet, weil er ja nicht lange stehenbleibt.
  5. Insgesamt wird eine besondere Situation sichtbar gemacht, die es immer wieder zwischen Menschen gibt, deren Liebe sich in Distanz aufgelöst hat und die damit irgendwie fertig werden müssen.

Weiterführende Hinweise