Anmerkungen zum Gedicht „Romanze zur Nacht“ von Georg Trakl

Georg Trakl

Romanze zur Nacht

  • Hier muss natürlich erst mal klar gemacht werden, was man normalerweise unter einer Romanze versteht.
  • Wikipedia liefert hier drei verschiedene Bedeutungs- oder Verwendungszusammenhänge:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Romanze

    • In der Literatur handelt es sich danach um eine Erzählung in Versform, die auch lyrische Elemente enthält, also Gedichte. Damit sind wir fast schon bei einer Ballade. Goethe hat die der Romanze gleichgesetzt. Allerdings kommt bei der Ballade häufig noch etwas Dramatisches dazu.
    • In der Musik ist eine Romanze „ein lyrisch-romantisches Musikstück ohne festgelegte Formprinzipien“. Das dürfte hier keine Rolle spielen.
    • Interessant sein könnte noch die Erklärung als romantische Beziehung sein.

Einsamer unterm Stenenzelt

Geht durch die Mitternacht.

Der Knab aus Träumen wirr erwacht,

Sein Antlitz grau im Mond verfällt.

  • In der ersten Strophe wird ein Junge beschrieben, der aus Träumen wird erwacht ist. D.h. Er hat geschlafen, geträumt und ist dadurch jetzt in einer gewissen Verwirrung.
  • Das führt dazu, dass er jetzt einsam ist unter dem Sternzelt, also unter dem Nachthimmel.
  • Die Schlusszeile beschreibt dann eine Veränderung im Gesicht, die wohl mit dem Mondenschein zusammen hängt, aber natürlich zugleich den Eindruck des Schrecklichen erzeugt.

 

Die Närrin weint mit offnem Haar

Am Fenster, das vergittert starrt.

Im Teich vorbei auf süßer Fahrt

Ziehn Liebende sehr wunderbar.

  • Die zweite Strophe macht dann deutlich, dass es hier wohl um reale oder in der Fantasie entstandene Vorstellungen geht von dem, was die Menschen in der Nacht machen.
  • In dieser Strophe geht es um eine „Närrin“, der Kontext geht in die Richtung, dass es sich hier um die Insassin einer Heilanstalt handelt.
  • Der Schlussteil dieser Strophe setzt dann einen anderen Akzent als in der vorangehen: Hier wird nämlich der düsteren Situation eine romantische gegenübergestellt.

 

Der Mörder lächelt bleich im Wein,

Die Kranken Todesgrausen packt.

Die Nonne betet wund und nackt

Vor des Heilands Kreuzespein.

  • In der dritten Strophe steigert sich das Ganze bis in das Umfeld eines Mordes . Beschrieben wird die Situation, in der der Mörder sich nach einer Tat betrinkt oder sich vielleicht auch vorher Mut antrinkt.
  • Die zweite Zeile nimmt das Motiv des Todes auf, bezieht es aber auf einen Kranken und das mit seiner hoffnungslosen Situation verbundene Grauen.
  • Die letzten beiden Zeilen beziehen dann über eine Nonne den Bereich der Religion ein und machen bewusst oder unbewusst deutlich, dass das Gebet etwas ist, was in einer extremen Situation stattfindet. Motiviert ist das wohl durch die Leidensgeschichte Jesu.

 

Die Mutter leis′ im Schlafe singt.

Sehr friedlich schaut zur Nacht das Kind

Mit Augen, die ganz wahrhaft sind.

Im Hurenhaus Gelächter klingt.

  • In dieser Strophe wird das Nebeneinander von romantischer und unromantischer Situationen wieder aufgenommen.
  • Der unschuldigen Schlafsituation des Kindes gegenüber steht der Bereich, in dem Frauen sich verkaufen (müssen).

 

Beim Talglicht drunt′ im Kellerloch

Der Tote malt mit weißer Hand

Ein grinsend Schweigen an die Wand.

Der Schläfer flüstert immer noch.

  • Die letzte Strophe wendet sich sozialen Problemen zu, von denen viele Menschen der Zeit des Expressionismus um den Ersten Weltkrieg herum betroffen waren.
  • In diesem Falle geht es offensichtlich um einen Menschen, der irgendwo im Kellerloch nur beim Licht einer Kerze sein Dasein gefristet hat.
  • Dabei scheint er sogar zu Tode gekommen zu sein.
  • Konkret wird nur noch darauf hingewiesen, dass er mit weißer Hand, also erkalteter Hand, noch ein Schweigen an die Wand malt.
  • Dass dieses Schweigen grinsend ist, lässt einen an den Tod denken, der ja als Sensenmann auf ähnliche Art und Weise durch die Gegend läuft und seine Opfer findet.
  • Die letzte Zeile wirkt demgegenüber relativ harmlos, nimmt sich in der Schilderung alles Schrecklichen zurück.
  • Wenn man diese Zeile in eine Beziehung zum Anfang des Gedichts setzt, dann bedeutet das, dass der Junge inzwischen wieder im Schlaf versunken ist und wahrscheinlich wieder etwas Neues träumt.

Insgesamt ein Gedicht,

  1. das menschliche Situationen und Verhaltensweisen herausgreift, die es in der Nacht geben kann.
  2. Das Besondere ist, dass es sich hauptsächlich um negative Dinge handelt, denen allerdings ein bisschen Romantik gegenübergestellt wird.
  3. Es ist nicht ganz klar, was dadurch ausgedrückt werden soll. Es ist ja eine schiere Selbstverständlichkeit, dass es Situationen und in ihnen Menschen gibt, denen es unterschiedlich gut geht.
  4. Vielleicht soll das Gedicht einfach nur einen Gegenpol setzen zu Gedichten, in denen nur die eine Seite der Wirklichkeit, und dann eine schönere, präsentiert wird.

Als Thema könnte man formulieren, dass das Gedicht sich mit der Frage beschäftigt, was es an unterschiedlichen Situationen und Verhaltensweisen in einer Nacht zur Zeit der Entstehung dieses Gedichtes gibt.

Zum Titel: Der ist hier wohl eher ironisch-distanziert zu verstehen. Man vergleiche etwa die „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner.
https://www.endlich-durchblick.de/hilfen-im-fach-deutsch/hilfen-zu-gedichten/erich-k%C3%A4stner-sachliche-romanze-interpretation/

 Wer noch mehr möchte …