Worum es hier geht:

Im Folgenden präsentieren wir eine Analyse der 5. Szene des I. Aktes aus Dürrenmatts Theaterstück „Die Physiker“.

Im Hörbuch: Kapitel 8
https://www.audible.de/pd/Die-Physiker-Hoerbuch/B016Q3LM3I

  1. Vorstellung des Textausschnitts
    1. Es handelt sich um die Seiten 43-53 in der Diogenes-Taschenbuch-Ausgabe – und in einer Einteilung der beiden Akte in jeweils fünf Szenen kann man diesen Teil als 5. Szene des I. Aktes ansehen.
  2. Voraussetzungen:
    1. Vorbemerkung: Hier helfen wir uns selbst, indem wir das Schaubild zu Hilfe nehmen, das wir zum I. Akt erstellt haben
      https://schnell-durchblicken3.de/index.php/themen/die-physiker/62-duerrenmatt-die-physiker-ueberblick-akt-i
    2. Vor diesem Hintergrund lassen sich die Voraussetzunhen ziemlich einfach beschreiben,
    3. weil direkt davor das Treffen von Möbius mit seiner Familie präsentiert wird.
    4. Wenn man weiter zurückgreifen will, müsste man darauf hinweisen, dass die äußeren Geschehnisse von zwei Morden in einer Klinik für Geisteskranke bestimmt werden.
    5. Der erste Mord liegt vor dem Handlungsbereich des Stücks.
    6. Der zweite Mord löst dann die Handlung aus, indem ein Polizeiinspektor mit seinen Mitarbeitern Untersuchungen durchführt.
    7. Dabei bekommt man auch erste Eindrücke von der Klinik und besonders der leitenden Ärztin.
    8. Dahinter wird aber schon ein grundsätzliches Problem deutlich: Im Gespräch mit dem als Kranker in der Klinik lebenden Physiker, der sich Newton nennt, wird deutlich, dass es das Grundproblem gibt, dass die wissenschaftliche und technische Entwicklung einen Stand erreicht, der zum Schaden der Menschheit genutzt werden kann.
    9. Das Treffen von Möbius mit seiner Familie ist insofern ein vorläufiger Höhepunkt, weil er den völligen Gegensatz und dann die Trennung zwischen dem maßgeblichen Physiker und seinem Umfeld außerhalb der Klinik deutlich macht und im sog. „Weltraum-Psalm“ ein absolut negatives Licht auf die wissenschaftlich-technische Entwicklung wirft.
  3. Ablauf des Gesprächs

Spannend sind hier vor allem Bereiche, die in einer Klausur „abgesondert“ werden können, denn die gesamte Szene ist für eine Detail-Analyse zu lang:
Ein Tipp: Man sollte den dramatischen Konflikt im Auge behalten.
Der besteht, wenn man das Ende dieses analytischen Dramas (die wahren Verhältnisse werden erst im Laufe des Stückes deutlich) berücksichtigt, in der Frage:
„Können wissenschaftliche Erkenntnisse geheimgehalten werden, um Schaden von der Menschheit abzuwenden?“

  1. 43/44: Überleitung von der abschließenden gespielten Hassrede von Möbius zum Austausch darüber mit der für ihn zuständigen Schwester Monika
    • Das kommt für Möbius etwas überraschend, so dass er auch „etwas verlegen“ ist.
    • Wichtig ist der Gegensatz von:
      Möbius: „Ich mußte die Wahrheit sagen.“
      und
      Schwester Monika: „Sie verstellten sich.
    • Damit ist ein erster Zusammenhang zum Konflikt gegeben, weil Möbius gleich anschließend die Frage stellt:
      „Sie durchschauen mich?“
    • Schwester Monika antwortet darauf indirekt, indem sie auf ihr lang dauerndes Betreuungs-Verhältnis verweist, das es aus ihrer Sicht selbstverständlich macht, dass man seine Patienten gut kennt.
      Spannend wäre hier die Frage, woran Schwester Monika es gemerkt hat,
      stattdessen gibt Möbius es gleich zu: „Ich spiele den Wahnsinnigen“
    • und begründet es mit Rücksichtnahme auf seine spezielle Familiensituation, nämlich den „Abschied für immer“.
      Das wird dann ausführlich auf S. 44 von Möbius erklärt, wobei deutlich wird, dass Möbius nicht davon ausgeht, dass Schwester Monika ihn komplett durchschaut, denn er ist immer noch auf seinem Salomo-Trip.
    • Dementsprechend sein Versuch eines Abschlusses: „Sie dürfen beruhigt sein, Schwester Monika. Es ist nun alles in Ordnung. Er will abgehen.
  2. Damit könnte auch der Konflikt erst mal wieder zur Ruhe kommen, gefährliche Klippe fast umschifft

    1. „Ich habe mit Ihnen zu reden … Es geht um uns beide.“
    2. Möbius reagiert erstaunlich zustimmend: „Nehmen wir Platz.“
    3. Auch Schwester Monika spricht von Abschied (Überraschung für jeden Leser, der das gesamte Stück kennt.)
    4. Möbius reagiert erstaunlicherweise erschrocken.
    5. Schwester Monika verweist auf die Neuregelung der Betreuung.
    6. Möbius gesteht ihr, welch große Bedeutung sie für ihn hat, ist aber bereit für den Abschied: „Leben Sie wohl.“
  3. 45ff: Konfliktverschärfung: Monika gesteht auch noch die höhere Stufe des Durchschauens
    1. Monika zweifelt am Verrücktsein Möbius und damit an seinem Geheimnisschutz (siehe den zentralen Konflikt)
    2. Möbius reagiert zunächst auf scherzhafte Weise, präsentiert seine Verrücktheit in abgewandelter Form.
    3. Monika zerstört diesen Ausweg, indem sie erklärt, sie glaube auch an das Wunder mit Salomo.
    4. Daraufhin reagiet Möbius verständlicherweise „fassungslos“.
      Als künstlerisches Mittel wird hier ständig leicht variiertes Nachfragen eingesetzt.
    5. Monika erklärt sich eindeutig, sie glaubt nicht, dass Möbius krank ist.
      Interessante Verbindung von „Ich weiß“ und „Ich fühle es“.
  4. 46ff: Möbius versucht, Monika zum Verschwinden zu bewegen – das endet in ihrer Liebeserklärung
    1. „Monika! Gehen Sie!“
    2. „Ich bleibe.“ Die Kürze der Äußerungen fällt auf.
    3. Möbius wird negativ persönlich und versucht es auf diese Weise: „Ich will Sie nie mehr sehen.“
    4. Monika reagiert mit der These, Möbius brauche sie.
    5. Möbius wird noch deutlicher: „Es ist tödlich, an den König Salomo zu glauben.“
    6. Monika reagiert mit einer Liebeserklärung.
  5. 46/47: Möbius verstärkt Warnung – Monika fürchtet für ihn – Möbius offenbart nun auch seine Liebe.
    1. Möbius: „ratlos“
    2. „niedergeschlagen“: „Verderben“ (Verstärkte Warnung)
    3. Monika sorgt sich eher um Möbius – wegen Newton und Einstein (schätzt deren Morde an ihren Pflegerinnen falsch ein, nämlich als mögliche Gefahr für Möbius).
    4. Möbius gesteht nun auch Monika seine Liebe, deutet Zusammenhang von Liebe und Gefahr an.
  6. 47/48: Zwischenspiel mit Einstein: Er unterstützt Möbius mit dem Hinweis auf den Zusammenhang von Liebe und Lebensgefahr
    1. Bekenntnis Einsteins, dass er Schwester Irene erdrosselt habe.
    2. Andeutung, dass er nur eine Rolle – und das auch noch ungern spielt.
    3. Geht dann direkt auf den Punkt der Liebe ein und erklärt sein Schicksal mit Irene.
    4. Unterstützt die Forderung von Möbius, Monika soll fliehen.
  7. 49ff: Aussprache zwischen Möbius und Monika
    1. Möbius greift auf Einsteins Unterstützung zurück und fordert Monika noch mal auf zu fliehen.
    2. Dann spricht er von seiner Schuld und der übernommenen Strafe.
    3. Er will aber Monika da raushalten.
    4. Monika reagiert mit maximalen Vorstellungen einer gemeinsamen Partnerschaftszukunft („schlafen“, „Kinder“)
    5. Erklärt ihr Motiv: will sich nur noch für einen aufopfern.
    6. Gibt dann aber auch zu, dass sie genauso einsam sei wie Möbius.
    7. Gegenseitiges Liebes-Eingeständnis
  8. Die unterschiedliche Sicht auf König Salomo und den Verrat an ihm
    1. Dann die Frage des Verrats an Salomo (Monika meint damit die Nicht-Weitergabe seiner Erkenntnisse) – Möbius reagiert darauf sehr emotional abwehrend.
    2. Monika entwickelt ihr Gegenmodell genauer: Will mit Möbius ein Leben in gemeinsamer Freiheit – und die Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse.
    3. Deutlich wird, dass die Chefärztin Möbius anscheinend auch nicht für krank hält.
      Mit einem unterschwellig satirisch-komischen Hinweis auf die eigene Verrücktheit.
    4. Möbius reagiert mit erstaunlicher Ruhe.
    5. Dann kommt noch eine Verschärfung des Problems für Möbius: Monikas Gespräch mit seinem Professor.
    6. Monika erklärt die Veröffentlichung für eine Frage des Muts (in seltsamer Verkehrung der realen Verhältnisse)
  9. Möbius‘ Lösung: letzte Liebesgemeinsamkeit und Ermordung
    1. Kontrast zwischen Möbius‘ Zögern und Monikas Drängen
    2. Monika bringt die Manuskripte herein.
    3. Beide weinen – aus unterschiedlichen Gründen.
    4. Ermordung
    5. Newton kommt hinzu – Möbius bekennt seine Tat.
    6. Newton reagiert sehr entspannt = Voraussetzung für die gegenseitigen Bekenntnisse – Stoff des II. Aktes
  10. Frage der Bedeutung dieser Szene: Höhepunkt? Wendepunkt?
    1. Letzter Versuch, die Geheimnisse der drei Physiker zu wahren (die allerdings unterschiedlich sind, aber immer auf die gleiche Weise enden – in der Ermordung der Geliebten
    2. Ein Höhepunkt in der Sichtbarmachung des Problems, dass Liebe hier immer tödlich ist.
    3. Aber kein Wendepunkt, denn die Ermordung liegt ja noch ganz auf der Linie des Verheimlichens.
    4. Wenn man das Stück noch nicht kennt, ist es eine Sackgassen-Situation: Das Stück könnte hier zu Ende sein und zeigen, welchen Preis man zahlen muss, wenn man eine wissenschaftliche Erkenntnis verschweigen will.
    5. Man muss jetzt schauen, ob etwas hinausweist: Und das ist die Aktion der Ärztin: „Sie hält dich zwar für krank, aber für ungefährlich.“ Dafür gibt es keinen Grund, also muss was anderes dahinter stecken.
      Außerdem der rätselhafte Hinweis, sie selbst sei verrückter als Möbius – passt nicht zur Krankheitsthese.
      Hier steuert es also schon auf die Ärztin zu, was den nächsten „Schlag“ = Impuls angeht.

wird noch weiter ausgefüllt.

  1. Schon mal vorab der Hinweis auf ein interessantes Detail:
    Möbius spricht davon, dass seine Frau für seinen Aufenthalt in der Klinik „bestialische Summe“ (44) ausgegeben habe. Die Formulierung kommt einem seltsam vor, wenn man daran denkt, dass kurz darauf Schwester Monika sich im Todeskampf befindet. Ein Detail, das dem guten Dürrenmatt übrigens keine Anmerkung wert ist. Auf der Bühne wird für den guten Zweck der Rettung der Menschheit gerne auch relativ still gestorben.
    Nicht ganz so wichtig, aber doch ein Detail, das man prüfen lassen kann:
    Seltsam erscheint nämlich, dass Möbius davon spricht, ein „Schlussstrich“ (44) müsse endlich gezogen werden, was die Kosten angeht. Was heißt das? Er will doch die Klinik nicht verlassen. Weiß er, dass die Ärztin ab jetzt Stiftungen die Kosten übernehmen lassen will (S. 35)? Oder wie ist die Stelle zu verstehen?