Vorab-Infos zu „Der frohe Wandersmann“

  • Bei diesem Gedicht liegt insofern eine Besonderheit vor, als es Bestandteil der Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ist.
  • Aber zunächst kann man es natürlich auch einfach für sich selbst lesen und auswerten.
  • Für eine übergreifende Betrachtung ist es aber natürlich ganz interessant, diesen Wandersmann mit der Titelfigur der Novelle zu vergleichen.
  • Weiter unten verweisen wir auf nähere Informationen zu dieser Novelle und ihrer Hauptfigur.
  • Auf jeden Fall macht der Titel bereits deutlich, dass es um jemanden geht, der einem zentralen Ideal der Romantik genügt, nämlich dem Unterwegssein als Wanderer.
  • Offen bleibt allerdings, ob es hier darum geht, das „Frohe“ jedem Wanderer zuzuordnen, oder ob die Aussagen des Gedichtes nur für den gelten, der beim Wandern bereits froh ist.

Anmerkungen zu Strophe 1

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt;
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.

  • Die erste Strophe macht deutlich, dass dieses Gedicht sich wohl auf jeden bezieht, der in die weite Welt hinausgeht.
  • Denn die Existenz auf dem Weg dahin wird mit der Vorstellung von einer regelrechten Gunst Gottes verbunden.
  • D.h. also, dass jemand, der in die weite Welt hinausgeht, das große Los gezogen hat.
  • Was das Tolle an dieser Existenz ist, wird dann in der dritten und vierten Zeile der Strophe genau ausgeführt.
    • Die weite Welt unterwegs dorthin wird als ein Füllhorn von Wundern Gottes betrachtet.
    • Die sind dann offensichtlich vor allem in den verschiedenen Bereichen der Natur zu finden.

Anmerkungen zu Strophe 2

Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur von Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.

  • Die zweite Strophe betrachtet das wundervolle Unterwegssein aus der Gegenposition: Menschen, die zu Hause „liegen“, sind nach Meinung des lyrischen Ichs nicht in einer aktiven Situation.
  • Interessant ist dabei die Beschränkung des Zu-Hause-Bleibens auf ein „liegen“. Hier zeigt sich möglicherweise ein Vorurteil des lyrischen Ichs, das sich einfach nicht vorstellen kann, dass man auch zu Hause produktiv oder kreativ tätig sein kann.
  • Die nächsten Zeilen erwähnen sehr unterschiedliche Dinge.
    • Zum einen werden „Sorgen“, „Last“ sowie „Not um Brot“ mit dem Zu-HauseBleiben verbunden.
    • Dabei dürfte jeder wissen, dass die Entfernung von dem vertrauten Zuhause eher bestimmte Probleme wachsen lässt.
    • Zur Zeit Eichendorf konnte man an Raubüberfälle denken oder auch an eine Erkrankung ohne das unterstützende familiäre Umfeld.
  • Besonders problematisch erscheint eine gewisse Kinderfeindlichkeit. Das lyrische Ich vertritt hier eine Position, die zum Beispiel kaum im Sinne der Bibel sein kann wo es heißt: „Seid fruchtbar und mehret euch.“ Hier scheint ein Menschenbild verfolgt zu werden, dass doch sehr stark von Ich-Bezogenheit geprägt ist.

Anmerkungen zu Strophe 3

Die Bächlein von den Bergen springen,
Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
Was sollt ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl und frischer Brust?

  • Diese Strophe greift dann aus der Welt der Natur zwei Bereiche heraus, die das lyrische Ich besonders fröhlich stimmen.
  • Offensichtlich empfindet es die Tierwelt als besonders anregend, selbst auch zum Beispiel durch Singen seine Lebensfreude auszudrücken.

Anmerkungen zu Strophe 4

Den lieben Gott lass ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!

  • Die letzte Strophe ist der Höhepunkt einer fröhlich-sorglosen IchBezogenheit.
  • Das lyrische Ich hält sich selbst für so wichtig, dass es glaubt, dass Gott gewissermaßen eine Art Butler ist, der für alles sorgt, was man braucht.

Zusammenfassung

  1. Insgesamt ein Gedicht, dass zum einen zu Recht auf die Schönheit der Natur und des Unterwegsseins in ihr verweist.
  2. Zum anderen wird ein starker Individualismus deutlich. Zum Beispiel an der Distanz zum Kinderkriegen und damit zu familiären Beziehungen und Verantwortlichkeiten.
  3. Außerdem betont dieses Gedicht vor allem das Einsamkeitsideal der Romantik. Denn es iste von keinem anderen Menschen die Rede außer in negativer Abgrenzung zu denen, die zu Hause bleiben.
  4. Das für die Romantik auch wichtige Beziehungsideal vor allem auch in Richtung Freundschaft wird völlig ausgeblendet.
  5. Insgesamt eine recht einseitige und oberflächliche Sicht des menschlichen Lebens, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.

Heranziehung der Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ zum besseren Verständnis

Kreative Anregung:

  • Die Einseitigkeit und Oberflächlichkeit dieses Gedichtes kann einen schon dazu reizen, ein Gegengedicht zu schreiben oder zumindest zu entwerfen.
  • Die Novelle vom „Taugenichts“, aus der dieses Gedicht stammt, beginnt ja schon damit, dass ein Sohn alle familiären Bindungen hinter sich abbricht und auch wenig dafür getan hat, um im elterlichen Betrieb mitzuhelfen.
  • Als nächstes kommt dann passend eine Kutsche vorbei, die den Wanderer davor bewahrt, sich die Füße wund zu laufen.
  • Und auch das weitere Leben unterwegs läuft entweder nur gut oder gerät nur kurzzeitig in Schwierigkeiten. Am Ende bekommt dieser Taugenichts auch noch das geliebte Wesen zur Frau und gleich dazu noch ein Schloss geschenkt.
  • Man muss sich nur mal den Roman „Candide“ des französischen Aufklärungs Voltaire anschauen, dann bekommt man ein Gegenbild geliefert, bei dem der Held zwar am Ende durchkommt und zumindest mit der Geliebten zurückgezogen seinen eigenen Garten bestellen kann. Bis dahin hat er aber so ziemlich alle Scheußlichkeiten erlebt, die auch ein paar Jahrzehnte später in der Welt Eichendorffs noch nicht verschwunden waren.

 

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