Inhaltsangaben – bei Balladen und Kurzgeschichten kein Problem

Aber zum Beispiel bei einer Dramenszene?

Bei Balladen und Kurzgeschichten geht es vor allem um Handlung – und die lässt sich relativ einfach in einer Inhaltsangabe zusammenfassen.

Zur Frage der Inhaltsangabe bei einer Dramenszene haben wir schon ein Video gemacht. Da war das Problem, dass es sich vor allem um Gespräche handelt – und wie will man die zusammenfassen, ohne eigentlich die Konfliktentwicklung zu beschreiben. Das ist aber eine ganz eigene und andere Aufgabe.

Wir haben dann die Lösung gefunden, einfach die Teilthemen zusammenzustellen, die in der Szene eine Rolle spielen. Und sieh da: Es funktionierte, wie man in dem folgenden Video sehen kann:

Szenenanalyse: Inhaltsangabe und Verlaufsanalyse – wie vermeidet man Überschneidungen?
https://textaussage.de/inhaltsangabe-zu-einer-dramenszene-schreiben
https://youtu.be/01E3FmIx_XU

Aber eine Inhaltsangabe bei einem Gedicht?

  • Natürlich gibt es auch Gedichte, die eine Handlung haben, zum Beispiel Balladen. Da ist eine Inhaltsangabe schnell geschrieben.
  • Bei einem Gedicht, das wie eine Dramenszene aus einem Dialog besteht, ist das auch kein großes Problem, denn dann kann man die entsprechende Lösung über die Teilthemen übertragen.
  • Aber wie sieht es bei einem dieser Gedichte aus, wo es weder Handlung noch Dialog gibt?

Probieren geht über studieren: Inhaltsangabe zu Georg Trakl, „Am Moor“

Wir überlegen uns vorab zwei Dinge:

  1. Es muss um den Inhalt gehen.
  2. Aber es darf nicht zu viel von dem vorwegnehmen, was man nachher ja erst in der Detail-Analyse klärt.

Da fallen uns die folgenden zwei Möglichkeiten ein:

  1. Man kann versuchen, wie bei der Szene die Themen oder Bereiche zu nennen, um die im Gedicht geht.
  2. Oder man macht den ersten Eindruck zur Basis einer vorläufigen Inhaltsangabe. Natürlich muss man da ggf. schon ein bisschen heruminterpretieren, aber das kommt einem ja bei der späteren genaueren Analyse zugute.

Auf jeden Fall sollte man wie bei der Szenenanalyse zunächst den Inhalt genauer untersuchen.

Bei der Szenenanalyse untersucht man dazu die Konfliktentwicklung.

Beim Gedicht schaut man sich die Sprecheraktivitäten an – was in den Blick des lyrischen Ichs kommt und was ihm dazu einfällt, das ist ja auch der Inhalt.

Im Unterschied zur späteren genaueren Analyse begnügt man sich bei der „Inhaltsangabe“ mit einer Art knappen Vorschau, die aber nicht völlig neben der späteren Klärung des Inhalts liegen sollte. Da man aber damit begonnen hat, kann nichts schiefgehen.

1. Schritt: Man macht sich die die Abfolge der Sprecheraktivitäten klar

(und stellt die Inhaltsangabe erst mal zurück – einfach eine Spalte in der Klausur oder Klassenarbeit dafür freilassen!)

Georg Trakl,

Am Moor

  • Im Titel wird nur ein Ort genannt, der allerdings – man denke an die Ballade – allgemein mit etwas Schaurigem verbunden wird.

3. Fassung

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
Quere über finsteren Wassern.

  • Zu Beginn nur eine Wendung ohne Prädikat, bei der man überlegen muss, wer dieser oder diese Wanderer sein könnten.
  • Das könnte das lyrische Ich selbst sein, das seine Situation beschreibt.
  • Es könnte sich aber auch – leicht überhöht – auf „das dürre Rohr“ beziehen, dessen Flüstern dem lyrischen Ich wie die Äußerungen von Wanderern vorkommt.  Dafür spricht die deutliche Parallelisierung der ersten beiden Sprecher-Aktivitäten. „Wanderer“ – „das dürre Rohr“.
  • Im zweiten Teil der ersten Strophe geht es dann um Wanderer in der Luft, nämlich einen „Zug von wilden Vögeln“, die sich in einer helleren Umgebung befinden. Es geht nicht mehr um „schwarzen Wind“, sondern man ist am „grauen Himmel“ – und das ist eindeutig eine Aufhellung.
  • Den Schluss bildet dann aber wieder die Rückkehr zu „finsteren Wassern“, die sie überqueren.

Aufruhr. In verfallener Hütte
Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

  • Die zweite Strophe beginnt auf ähnliche Weise, nur dass diesmal nicht „Wanderer im schwarzen Wind“ ohne Prädikat vorgestellt werden, diesmal heißt es nur knapp „Aufruhr“, was aber passt. Denn wer durch so was erschreckt wird, hält sich nicht lange bei Beschreibungen auf, sondern wartet auf das, was ihn verursacht hat.
  • Da wird es dann schwierig, denn es ist die „Fäulnis“ in „verfallener Hütte“, die „aufflattert“. Glücklicherweise geschieht das „mit schwarzen Flügeln“ – so dass man getrost annehmen kann, dass es ein entsprechend gefärbter Vogel war, der den „Aufruhr“ verursacht hat. Was im Blick des lyrischen Ichs aber bleibt, ist nicht der Vogel, sondern dass, was sein Spontanstart anscheinend hinterlässt, nämlich das Runterfallen von fauligem Holz.
  • Lange hält das lyrische Ich sich bei diesem „Aufruhr“ aber nicht auf, sondern es es sind „verkrüppelte Birken“, von denen das lyrische Ich das Gefühl hat, sie würden „seufzen im Wind“. Das ist wohl die einfachste Erklärung, dass das lyrische Ich hier irgendwelche Geräusche mit diesen Birken verbindet, was im Wind durchaus möglich ist. Der optische Eindruck wird dann mit einer Gefühlsvermutung verbunden.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
Die sanfte Schwermut grasender Herden,
Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.

  • Auch die dritte Strophe beginnt in gleicher Weise – ohne Prädikat, nur der Hinweis auf den Tageszeitpunkt und einen Ort, der gut zu dem wahrscheinlich ebenso einsamen Moor passt.
  • Dann geht es um den „Heimweg“ – immer mehr drängt sich doch der Eindruck einer gewissen Handlungsfolge in diesem Gedicht auf.
  • Dort entdeckt das lyrische Ich die „sanfte Schwermut grasender Herden“. Auch hier wird wieder eine optisch eindeutige Realität mit einem Gefühlseindruck beim lyrischen Ich verbunden.
  • Den Schluss bildet dann eine Art abschließender Blick auf die Moorlandschaft, es ist schon eine „Erscheinung der Nacht“ – also ist es inzwischen später geworden.
  • Jetzt sieht das lyrische Ich „Kröten“, die aus „silbernen Wassern“ auftauchen, möglicherweise im Licht des Mondes.

2. Schritt: Verarbeitung der Sprecher-Aktivitäten zu einer Inhaltsangabe

  1. Der Anfang ist eigentlich ganz einfach: Man macht es wie bei jeder einfachen Handlungs-Inhaltsangabe und beginnt mit
    „In dem Gedicht geht es um“
    Das lässt sich bei Gedichten eigentlich immer leicht fortsetzen, indem man die Hauptperson dieses Gedichtes mit dem lyrischen Ich gleichsetzt.
    Also:
    „In dem Gedicht geht es um ein lyrisches Ich …“
  2. Dann braucht man nur noch auf das einzugehen, was dieses lyrische Ich sieht und mit dem Gesehenen macht.
    In dem Gedicht geht es um ein lyrisches Ich, das

    1. sich offensichtlich abends an einem Moor befindet
    2. und dort Elemente beobachtet wie zum Beispiel das Röhricht, oder einen Zug wilder Vögel, die das Moor überqueren.
    3. Später geht es noch um eine verfallene Hütte und verkrüppelte Birken,
    4. bevor es den Heimweg antritt und dabei zum einen grasende Herden sieht und bei einem wohl letzten Blick aufs Moor auch noch auftauchende Kröten.
    5. Einiges, was das lyrische Ich sieht, wird von ihm mit gewissermaßen inneren Sinnen verarbeitet: So hört es das Röhricht flüstern, Birken scheinen ihm zu seufzen und auch die grasenden Herden verbindet es mit Schwermut.

Fazit: Eine Möglichkeit: Beobachtungen und Gefühlsinterpretationen

Das müsste für eine Inhaltsangabe reichen.

Der Ansatz hat funktioniert, hier bereits auf den ersten Blick festzuhalten, dass es um Beobachtungen geht, die mit sehr persönlichen Gefühlsinterpretationen verbunden werden.