Kurzgeschichte „Ausgestochen“ von Jagoda Marinić – Insider-Tipps Mat4185-lv)

Warum Insider-Tipps für Lehrkräfte

Das Bild zeigt eine ältere Lehrkraft, die einer jungen Kollegin und einem jungen Kollegen am Bildschirm Tipps gibt - aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrung.
  • Lehrkräfte haben gute Info-Quellen und viel Erfahrung.
  • Dennoch ist es schön, wenn man jemanden trifft, der noch ein paar mehr Infos und Tipps zum Thema hat.
  • Wir versuchen auch hier, „beyond the books“ zu sein.
  • Also möglichst originelle Ideen und Tipps zum Ausprobieren.

Alles auf einen Blick

  • Spannend: Eine Geschichte, über deren Deutung man sich trefflich streiten kann – und genau das macht sie für den Unterricht so wertvoll.
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  • Der Kern: Der Mann schwärmt nicht von einer anderen Frau, sondern von der Erzählerin selbst. Der Wechsel von „ich“ zu „ihr“ im letzten Satz verrät es.
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  • Unsere Lesart: Die Erzählerin begreift es selbst – im letzten Satz. „Und weiß“: Sie weiß, was in ihm vorgeht, sieht sich mit seinen Augen und versteht nun ihn. Die Wende geschieht in der Figur, nicht nur im Kopf des Lesers.
  • Die Gegenlesart: Sie merkt nichts, nur der Leser durchschaut es. Vertretbar, aber sie muss erklären, woher die Erzählerin weiß, was er denkt.
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  • Kritik: Ist ein Mann glaubwürdig, der so lange schwärmt, ohne ihre Reaktion zu bemerken? Ein Teil der Kritik löst sich auf, wenn man den Schluss genau liest.
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  • Für den Unterricht: Den letzten Satz zunächst zurückhalten, Hypothesen bilden lassen – dann auflösen und die Lesarten an Belegen prüfen.
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  • Diskussionsfrage: Sie hat es begriffen, ist aber schon im Gehen. Sollte sie umdrehen – und was müsste sie ihm sagen?

Nun zu den Details:

Worum es geht – und was diese Seite bietet

In Jagoda Marinićs Kurzgeschichte „Ausgestochen“ sitzt eine Ich-Erzählerin mit einem Mann im Café. Er schwärmt von einer Frau, die er übermenschlich, fast göttlich findet. Die Erzählerin leidet, fühlt sich neben dieser Frau wie nichts, hasst ihn schließlich und verlässt das Café. Erst der letzte Satz zeigt, dass er die ganze Zeit von ihr gesprochen hat.

Für Schüler haben wir eine eigene Seite erstellt, auf der die Geschichte mit unserem LuD-Coach Abschnitt für Abschnitt mitgelesen wird – mit Signalen, sich verändernder Deutungshypothese und einem „zweiten Blick“ nach der Wende:
https://textaussage.de/5-min-tipp-marinic-ausgestochen

Diese Seite hier geht weiter. Sie stellt zwei gut begründbare Lesarten nebeneinander, gibt eine kritische Einschätzung der Geschichte und bietet Ideen für den Unterricht. Gerade für Lehrkräfte in der Ausbildung ist das ein Sicherheitsnetz: Wer beide Lesarten kennt, kann Schülerbeiträge souverän einordnen, statt eine einzige „richtige“ Lösung zu verteidigen.

Zwei Lesarten: Wer begreift am Ende was?

Weitgehend unstrittig ist der Kern: Am Ende sieht der Mann „ihr“ nach, obwohl außer der Erzählerin niemand geht. Gemeint war also sie. Strittig ist dagegen, was die Erzählerin am Ende weiß. Davon hängt ab, wo die Wende eigentlich stattfindet: nur im Kopf des Lesers oder auch in der Figur selbst.

Unsere Lesart: Sie begreift es – im letzten Satz

  • Kern: Bis zum Hassblick hält die Erzählerin die Frau seiner Träume für eine andere. Im letzten Satz begreift sie, dass sie selbst gemeint war, und versetzt sich in seine Lage.
  • Das Schlüsselwort „Und weiß“: Sie weiß, dass er ihr nachsieht und sie plötzlich nicht mehr versteht. Das ist eine Aussage über sein Inneres. Sie ergibt nur Sinn, wenn sie verstanden hat, dass er von ihr gesprochen hat – sonst wäre ihr sein Nachsehen gleichgültig.
  • Der Perspektivwechsel: Mit „ihr“ und „sie“ sieht sich die Erzählerin mit seinen Augen. Sie weiß jetzt: Er hat eine Liebeserklärung gemacht und eher erwartet, dass sie ihm um den Hals fällt. Stattdessen packt sie ihre Sachen und läuft hasserfüllt hinaus.
  • Vom Hass zum Verständnis: Im Satz davor heißt es noch „Ich hasse ihn“. Im letzten Satz ist davon nichts mehr zu spüren. Sie versteht nun ihn – und hat vielleicht sogar ein bisschen Mitleid mit ihm.
  • Was offen bleibt: Sie ist schon im Gehen. Ob sie umdreht und die Sache aufklärt, lässt die Geschichte offen. Im Idealfall müsste sie genau das tun.
  • Stärke: Erklärt „Und weiß“ und den Perspektivwechsel ohne Rest. Die Wende geschieht nicht nur beim Leser, sondern in der Figur, innerhalb eines einzigen Satzes – das ist der eigentliche Clou der Geschichte.
  • Schwäche: Ausgesprochen wird das Begreifen nirgends. Es muss aus „Und weiß“ und dem Perspektivwechsel erschlossen werden.

Zur Vertiefung in der Oberstufe: Auch nach dem Begreifen bleibt der Titel doppelbödig. Ausgestochen wurde sie von einer Frau, die „unerreichbar“, „übermenschlich“, „geradezu göttlich“ ist – also von dem Idealbild, das er von ihr hat. Kann ein Mensch einem solchen Bild gerecht werden? Hier lässt sich über Idealisierung als eine Form des Nicht-Sehens sprechen.

Die Gegenlesart: Sie merkt es nicht – die Wende gilt nur dem Leser

  • Kern: Die Erzählerin begreift bis zum Schluss nichts. Ihr Selbstbild ist so klein, dass sie nicht auf die Idee kommt, gemeint zu sein. Der Wechsel zu „ihr“ ist ein Signal der Autorin über ihren Kopf hinweg.
  • Belege: Ihr Schmerz wirkt echt und körperlich („schnürt … die Kehle zu“), aus Bewunderung wird Hass auf „diese verdammte Person“, und sie fühlt sich verraten („Ich dachte, wir teilen etwas miteinander“).
  • Stärke: Einfach und mit starkem Überraschungseffekt. Für Schüler meist die erste Lesart.
  • Schwäche: Sie kann „Und weiß“ kaum erklären. Woher sollte eine Erzählerin, die nichts begriffen hat, wissen, dass er sie plötzlich nicht mehr versteht – und warum spricht sie ausgerechnet hier von sich in der dritten Person?

Wenig überzeugend: Die andere Frau gibt es wirklich

Diese Lesart taucht im Unterricht oft auf – und auch manche KI-Analyse vertritt sie. Sie kann aber nicht erklären, warum er am Ende „ihr“ nachsieht. Für die Klasse ist sie trotzdem nützlich: An ihr lässt sich zeigen, dass eine Deutung an jedem Signal des Textes bestehen muss, besonders am letzten Satz.

Die beiden Lesarten im Vergleich:

FrageUnsere Lesart: Sie begreift esGegenlesart: nur der Leser begreift
Was weiß die Erzählerin am Ende?Dass sie gemeint war – und wie es ihm jetzt geht.Nichts – sie hält die Frau weiter für eine andere.
Was bedeutet „Und weiß“?Sie kennt sein Inneres, weil sie die Lage durchschaut.Schwer zu erklären.
Was bedeutet der Wechsel zu „ihr“?Sie sieht sich mit seinen Augen.Signal der Autorin an den Leser.
Wo findet die Wende statt?In der Figur und im Leser.Nur im Leser.
Was bleibt offen?Ob sie umdreht und die Sache aufklärt.Ob sie es je erfährt.
Für wen besonders geeignet?Mittel- und Oberstufe, genaues Lesen am Schluss.Einstieg in Leserlenkung, als Durchgangsstation.

Das Sicherheitsnetz: Was in einer Klausur zählt

Beide Lesarten sind vertretbar, auch wenn wir die erste für besser gedeckt halten. In einer Klausur oder einem Unterrichtsgespräch kommt es deshalb weniger darauf an, welche gewählt wird, als darauf, wie sie begründet wird. Ein knapper Erwartungshorizont:

  • Der Wechsel von „ich“ zu „ihr“ im letzten Satz wird erkannt und als Schlüsselsignal gedeutet.
  • „Und weiß“ wird beachtet und zur Frage in Beziehung gesetzt, was die Erzählerin am Ende verstanden hat.
  • Die Wirkung der Ich-Perspektive wird erklärt: Der Leser teilt zunächst die Sicht der Erzählerin.
  • Mindestens drei Signale werden nach der Wende neu gedeutet, zum Beispiel „Er denkt, es freut mich“, „strahlt mich an“ oder „unerreichbar“.
  • Der Titel wird passend zur Lesart erklärt.
  • Für sehr gute Leistungen: Die Gegenlesart wird erwogen und begründet zurückgewiesen oder als gleichwertig anerkannt.

Nicht ausreichend ist eine Deutung, die den Schlusssatz übergeht und die Geschichte als reine Eifersuchtsgeschichte liest.

Ist die Geschichte gelungen? Eine kritische Einschätzung

Wir ermutigen Schüler gerne, nicht vor Autoren auf die Knie zu fallen, sondern Texte auch kritisch zu prüfen. Bei „Ausgestochen“ haben wir selbst zunächst zwei Einwände gehabt:

  • Ist der Mann glaubwürdig? Es wirkt eher unwahrscheinlich, dass jemand so lange von einer Frau schwärmt, ohne auf ihre Reaktion zu achten – zumal sie ihm gegenübersitzt.
  • Ist das Gefühl der Erzählerin nachvollziehbar? Wenn sie weiß, dass sie gemeint ist – warum fühlt sie sich dann „ausgestochen“?

Interessant ist: Der zweite Einwand löst sich auf, wenn man den Schluss genau liest. Die Erzählerin begreift erst im letzten Satz, dass sie gemeint war. Vorher fühlt sie sich mit gutem Grund ausgestochen – von einer Rivalin, die es gar nicht gibt. Und der erste Einwand lässt sich zumindest als Absicht lesen: Seine Blindheit für ihre Reaktion spiegelt ihre Blindheit für sein Lob. Beide sehen den anderen nicht – bis sie im letzten Satz die Perspektive wechselt. Hier zeigt sich, wie fruchtbar Kritik sein kann: Sie zwingt zu einer genaueren Deutung.

Ein Gegenmodell zum Vergleich: Es gibt eine ganz ähnliche Situation, die hilfreich ausgeht. Jemand erzählt einer verzweifelten Person A von einer Person B und ihren Erfolgen. A merkt irgendwann, dass es eigentlich ihre eigenen Erfolge sind, die sie im Augenblick nur nicht im Kopf hatte – und kommt so auf einem Umweg zu einer besseren Einschätzung ihrer selbst. Das ist die Grundsituation und auch die Funktion einer Parabel. Am Ende könnten sich beide in den Armen liegen, zumindest wäre ein bisschen Dank angebracht.

Marinićs Geschichte bricht genau an der Schwelle ab: Das Begreifen ist da, der Hass ist dem Verständnis gewichen – aber sie ist schon im Gehen, und er bleibt irritiert zurück. Den versöhnlichen Schritt, das Umdrehen, überlässt die Geschichte dem Leser. Ob das eine Schwäche ist oder gerade ihre Stärke, ist eine lohnende Frage für den Unterricht.

Ideen für den Unterricht

  • Den Schluss zurückhalten: Die Geschichte ohne den letzten Satz austeilen, eine Deutungshypothese formulieren lassen und dann den Schlusssatz nachreichen. Der Moment der Verunsicherung ist der eigentliche Lerngewinn.
  • Belegjagd in zwei Gruppen: Eine Gruppe vertritt „Sie begreift es“, die andere „Nur der Leser begreift es“. Beide sammeln Belege; anschließend wird geprüft, welche Lesart den letzten Satz besser erklärt. Der Prüfstein ist „Und weiß“.
  • Dreht sie um? Die Geschichte weiterschreiben lassen: Die Erzählerin steht an der Tür, sie hat begriffen. Was tut sie – und was sagt sie ihm? Daran zeigt sich, wie die Schüler den Schluss verstanden haben.
  • Perspektivwechsel: Die Szene aus der Sicht des Mannes erzählen lassen. Was wollte er sagen – und warum hat er es nicht direkt gesagt?
  • Gegenmodell schreiben: Die Geschichte als „hilfreiche Parabel“ umschreiben, in der die Erzählerin rechtzeitig merkt, dass sie gemeint ist, und sich am Ende bedankt. Der Vergleich macht sichtbar, was Marinićs Fassung anders macht.
  • Kommunikationsmodelle anwenden: Mit Watzlawick (Inhalts- und Beziehungsebene) oder Schulz von Thun (vier Seiten einer Nachricht) lässt sich zeigen, wie dieselben Sätze bei beiden ganz unterschiedlich ankommen. Er sendet Bewunderung, sie hört: „Du bist nicht gemeint.“
  • Diskussion zum Abschluss: Warum fällt es manchen Menschen so schwer zu glauben, dass ein Lob ihnen gilt? Und was ist schlimmer – nicht gemeint zu sein oder einem Bild nicht gerecht werden zu können? Die Fragen führen direkt vom Text ins Leben der Schüler.

Fragen und Anregungen

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