Kommunikation – mehr als nur Reden miteinander
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Wenn im Deutschunterricht von Kommunikation die Rede ist, denkt man zuerst an Sender und Empfänger, an Sach- und Beziehungsebene, an Modelle wie das Kommunikationsquadrat. All das setzt voraus: Es gibt mindestens zwei Personen, die miteinander sprechen. [Mehr zu diesen Grundlagen findest du auf unserer Themenseite Kommunikation.]
Es gibt aber eine Form der Kommunikation, die dabei leicht übersehen wird, obwohl sie ständig stattfindet: die Kommunikation mit sich selbst. Jeder kennt das innere Abwägen, das Für-und-Wider im Kopf, bevor man etwas sagt oder tut – ein Gespräch, bei dem Sender und Empfänger dieselbe Person sind. Genau diese Form der Selbstkommunikation steht im Zentrum der beiden Kurzgeschichten, um die es hier geht.
Hier ist die Präsentation im Video
Link zum YouTube-Video
https://youtu.be/__xuPESaqZU
Hier die Sprungmarken zu den einzelnen Stellen des Videos.
0:00 Einstieg: Was ist „Kommunikation mit sich selbst“? 0:43 Geschichte 1 – Suter: „Decision Making“ 1:01 Steffen und der Straßenmagazin-Verkäufer 2:17 Die Kaufentscheidung im Kopf 3:57 Auflösung durch Zufall – und das Fazit 5:00 Exkurs: Schulz von Thun und das „innere Team“ 5:41 Geschichte 2 – Kafka: „Der Nachbar“ 6:46 Der neue Nachbar Harras 7:40 Dünne Wände, große Angst 8:59 Eskalation zur Paranoia 10:06 Fazit & Vergleich beider Geschichten 11:16 Abschluss und Hinweis auf die Doku-Seite
Dokumentation zum Video


Und hier kann man die unbemalte Variante ansehen bzw. herunterladen.
Das innere Team: Wenn mehrere in uns mitreden
Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun hat für dieses Phänomen ein anschauliches Bild geprägt: das „innere Team“. Die Idee dahinter: In uns sitzen gewissermaßen mehrere Personen an einem Tisch, jede mit einer eigenen Stimme, einer eigenen Haltung, einem eigenen Interesse. Da ist der Moralist, der fragt, was richtig ist. Da ist der Pragmatiker, dem es um die praktische Lösung geht. Da ist der Image-Bewusste, der ständig mitdenkt, wie eine Handlung nach außen wirkt. Und im Idealfall gibt es eine Art innere Teamleitung, die zwischen diesen Stimmen moderiert und am Ende eine Entscheidung trifft.
Dieses Bild ist keineswegs nur Theorie – es lässt sich hervorragend an literarischen Figuren beobachten, bei denen wir als Leser genau mitverfolgen können, wie die innere Debatte abläuft. Zwei Kurzgeschichten eignen sich dafür besonders gut, weil sie fast vollständig aus solchen inneren Monologen bestehen.
Zwei Kurzgeschichten als Fallbeispiele
Die erste Geschichte ist „Decision Making“ von Martin Suter, ein moderner Schweizer Autor. Die zweite ist „Der Nachbar“ von Franz Kafka, über hundert Jahre älter. Auf den ersten Blick haben beide Texte nichts miteinander zu tun – anderer Autor, andere Zeit, anderes Thema. Und doch fällt bei genauerem Lesen eine verblüffende strukturelle Verwandtschaft auf: Beide Protagonisten lösen ein winziges äußeres Ereignis aus, das im Kopf zu einer regelrechten inneren Debatte anwächst.
Diese Verbindung ist übrigens kein Zufall, sondern das Ergebnis von genauem Lesen und einem Gedächtnis, das Gelesenes miteinander verknüpft. Das ist an dieser Stelle einen Gedanken wert: Man hört heute oft, die Digitalisierung und speziell die künstliche Intelligenz würden uns davon befreien, uns überhaupt noch etwas merken zu müssen – man könne ja alles nachschlagen oder von einer KI zusammenfassen lassen. Das greift zu kurz. Es gibt den schönen, oft Goethe zugeschriebenen Satz (die genaue Herkunft ist nicht ganz gesichert): „Man sieht nur, was man weiß.“ Die Verbindung zwischen Suter und Kafka entsteht nicht dadurch, dass man beide Texte irgendwo abrufen kann, sondern dadurch, dass ein Kopf beide bereits kennt und im richtigen Moment miteinander in Beziehung setzt. Nachschlagen kann man erst, wenn man schon eine Ahnung hat, wonach man sucht.
Wir behandeln die beiden Geschichten hier bewusst nacheinander statt von Anfang an nebeneinander – das entspricht der üblichen Klausurpraxis (erst Text A vollständig erschließen, dann Text B, dann vergleichen) und ganz nebenbei auch der tatsächlichen Entstehung dieser Seite: Zuerst stand die Beschäftigung mit Suter, erst danach kam die Kafka-Assoziation dazu.
Martin Suter: „Decision Making“ – ein inneres Team mit Vorsitz
Suters Geschichte handelt von Steffen, einer Führungskraft im mittleren Management, der auf der Straße einen Verkäufer eines Straßenmagazins auf sich zukommen sieht. Ab diesem Moment beginnt ein minutiöses inneres Planspiel: Soll er die Straßenseite wechseln? Soll er ein Heft kaufen? Wie würde es wirken, wenn er dabei nervös nach seinem Portemonnaie sucht? Wie, wenn er den Verkäufer einfach übersieht?
In der Sprache des inneren Teams: Hier meldet sich der Moralist („Ich bin nicht knauserig“), gleich darauf der Image-Bewusste („Was denken die Passanten?“), dann wieder ein Pragmatiker, der nach der unauffälligsten Lösung sucht. Bemerkenswert ist, dass Steffen dabei nie wirklich mit dem Verkäufer kommuniziert – er kommuniziert mit imaginierten Beobachtern und vor allem mit sich selbst. Am Ende erledigt sich die ganze aufwendige Debatte von selbst: Eine andere Kundin tritt an den Verkäufer heran, Steffen geht einfach weiter und beruhigt sein Gewissen mit dem Hinweis, ein „vielbeschäftigter Mann“ zu sein.
Wichtig für den Vergleich: Der Erzähler hält zu Steffen eine gewisse ironische Distanz. Wir als Leser merken, dass hier jemand sich selbst etwas vormacht – und genau diese Distanz erlaubt es der Geschichte, komisch zu wirken. Steffens inneres Team hat, bildlich gesprochen, noch eine Art Vorsitz: Die Debatte bleibt kontrolliert, selbst wenn sie absurde Ausmaße annimmt.
Franz Kafka: „Der Nachbar“ – ein inneres Team ohne Vorsitz
Kafkas Ich-Erzähler ist ebenfalls ein Geschäftsmann, stolz auf sein übersichtlich geführtes Unternehmen. Als ein junger Mann namens Harras die Nachbarwohnung mietet, beginnt auch hier ein inneres Planspiel – doch es verläuft völlig anders. Weil der Erzähler über Harras fast nichts weiß, füllt er dieses Vakuum mit Verdacht: Harras höre an der Wand mit, nutze die dünnen Wände, um Geschäftsgeheimnisse zu erlauschen, arbeite ihm heimlich entgegen.
Anders als bei Suter gibt es hier keine ironische Erzähldistanz. Der Ich-Erzähler steckt vollständig in seiner eigenen Gedankenspirale, es gibt niemanden – auch keine erzählerische Instanz –, der moderierend eingreift. Die paranoide Stimme in seinem inneren Team hat gewissermaßen die Teamleitung übernommen und lässt keine Gegenstimme mehr zu. Das Ergebnis ist spürbar: Seine Stimme am Telefon wird zittrig, seine geschäftlichen Entscheidungen werden unsicher. Aus einem inneren Monolog ist eine Lähmung geworden.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Was beide Geschichten verbindet:
- Beide Protagonisten definieren sich stark über ihre berufliche Rolle und lassen das in ihre Gedanken einfließen.
- Beide projizieren ihre inneren Konflikte nach außen – auf imaginierte Beobachter (Suter) beziehungsweise auf eine reale, aber kaum bekannte Person (Kafka).
- In beiden Fällen reicht ein winziger, alltäglicher Anlass, um eine ganze Kette innerer Monologe auszulösen.
Was sie unterscheidet:
- Antrieb der Selbstkommunikation: Bei Steffen ist es soziale Statusangst – wie wirke ich? Beim Kafka-Erzähler ist es existenzielle Paranoia – wird meine Existenz bedroht?
- Adressat der Projektion: Steffen richtet sich an anonyme, austauschbare Passanten. Kafkas Erzähler fixiert sich auf ein einziges, konkretes Feindbild.
- Erzählhaltung: Suters Text hält ironische Distanz zu seiner Figur, wodurch die Geschichte komisch wirkt. Kafkas Ich-Erzähler hat keine Distanz zu sich selbst – daraus entsteht die beklemmende Wirkung des Textes.
- Ausgang: Steffens innere Debatte verpufft folgenlos, sobald ein äußerer Zufall eingreift. Kafkas Erzähler findet keinen Ausweg – die Selbstkommunikation wirkt bei ihm lähmend statt entlastend.
Schluss: Hoffentlich bleibt es bei uns freundlicher
Beide Texte zeigen, wie viel in einem einzigen Kopf passieren kann, bevor überhaupt etwas gesagt oder getan wird. Das eigene „innere Team“ tagt öfter, als man denkt – meistens zum Glück ohne, dass daraus eine tagelange Verfolgungsangst wie bei Kafkas Erzähler wird. Falls euer eigenes inneres Team beim nächsten Mal, wenn ihr einer neuen Nachbarin oder einem Straßenverkäufer begegnet, tagt: Vielleicht hilft es zu wissen, dass sowohl Steffen als auch Kafkas Erzähler es auch nicht besser hinbekommen haben. Wir wünschen euch jedenfalls eine etwas entspanntere Teamsitzung.
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