Kommunikationsanalyse nach Watzlawick zu: Kimia Tivag, „Wenn man nicht merkt, was man alles sagt“ (Mat9473-wmn-low)

Worum es hier geht:

Auf der Seite
https://textaussage.de/kimia-tivag-wenn-man-nicht-merkt-was-man-alles-sagt
haben wir eine Kurzgeschichte präsentiert, in der kommunikativ einiges abgeht.
Man kann sie auch sehr gut unter Kommunikationsaspekten analysieren.
Hier nun Tipps dazu unter Berücksichtigung der Axiome von Watzlawick.

Watzlawick in dieser Kurzgeschichte – kurz erklärt & angewendet

Die fünf Axiome Paul Watzlawicks sind im Alltag extrem hilfreich – aber sie sind sprachlich so knapp (fast mathematisch), dass man ohne Beispiele schwer versteht, wie viel Dynamit darin steckt.

Darum gliedern wir das so:

  1. Kurz: Was meint das Axiom überhaupt?
  2. Worauf muss man achten?(Interpretationshilfe!)
  3. Wo zeigt es sich in der Bus-Geschichte?
  4. Welche Rolle spielt der kommunikative Vorlauf?(Dein zentraler Gedanke!)
  5. Welches „Pulverfass an Vorurteilen“ wird sichtbar?

Axiom 1: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Was meint Watzlawick?

Auch Schweigen, Lächeln, Kopfschütteln, Wegschauen – alles hat Mitteilungscharakter.

Worauf achten?

  • Körperhaltung
  • Pausen
  • Reaktionen, die ohne Wortewirken
  • Nebensätze, die zur Hauptbotschaft werden

In der Bus-Geschichte:

Jonas’ plötzliches Lachen (Z. 1–5) IST Kommunikation.
Es löst etwas aus, bevor er etwas sagt.

Mikas irritierter Blick → Beziehungsbotschaft:
„Wir sind vertraut genug, dass du mir erklären darfst, was los ist.“

Vorlauf:
Der Freund kennt Jonas – deshalb liest er mehr aus dem Lachen, als dort objektiv drinsteckt. Ein perfektes Beispiel dafür, dass Vertrautheit die Deutung potenziert.

Pulverfass:
Mika könnte annehmen: „Er lacht über mich“ – tut er aber nicht.
Alles hängt davon ab, wie gut man die nonverbale Spur lesen kann.

Axiom 2: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.“

Was meint Watzlawick?

Was ich sage = Inhalt.
Wie ich es sage = Beziehung.

Worauf achten?

  • Tonfall
  • Wortwahl
  • Zusätzliche Kommentare („mein lieber Sohn…“)
  • Rollen (Eltern–Kind / Freunde / Chef–Angestellter)

In der Bus-Geschichte:

Mutter sagt (Z. 17–21):
„Das sind die Leute, die zu wenig Selbstbewusstsein haben.“

Inhalt: Analyse eines Verhaltens.
Beziehung: Ich bin erfahrener – nimm dir mich zum Vorbild.
Selbstkundgabe: Erfolgsdruck, Anspruchshaltung, Zuneigung.
Appell: „Sei stark.“

Nachlauf:
Die Mutter verrät später, ohne es zu merken, dass sie selbst Unsicherheit hat.
Das kippt die Beziehungsebene – Jonas erkennt plötzlich:
„Was sie sagt und was sie ist, sind zwei Rollen.“

Axiom 3: „Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung.“

Was meint Watzlawick?

Keiner „fängt an“ – jede Reaktion ist schon Antwort auf etwas Vorheriges.

Worauf achten?

  • Kettenreaktionen („Ich lache → du wirst neugierig → ich erkläre…“)
  • Missverständnisse, die entstehen, weiljemand bereits etwas vermutet
  • „Wer hat angefangen?“ ist sinnlos

In der Bus-Geschichte:

  • Die Selbstdemontage des Reddit-Autors →
  • Jonas’ Verteidigungsimpuls →
  • Das Missverständnis →
  • Das Gespräch mit der Mutter →
  • Deren Selbstkundgabe →
  • Das spätere Lachen des Sohnes

    Kette aus Ursache–Wirkung–Ursache–Wirkung…

Vorlauf:
Jonas kennt seine Mutter als souveräne Businessfrau.
Deshalb wirkt ihr „Sorry, ist noch gar nicht aufgeräumt“ wie ein innerer Erdbeben-Moment.

Axiom 4: „Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten.“

Was meint Watzlawick?

  • Digital= Worte (klar, aber missverständlich)
  • Analog= Tonfall, Gestik, Lachen, Pausen (eindeutig, aber vieldeutig)

Worauf achten?

  • Was sagt jemand?
  • Wie sagt er es?
  • Was sagt sein Körper ohne Worte?

In der Bus-Geschichte:

Digital:
„Typische Leute ohne Selbstbewusstsein.“
„Ist noch gar nicht aufgeräumt!“

Analog:

  • hektischer Ton
  • Verlegenheit
  • Jonas’ lautes Lachen
  • Mikas Stirnrunzeln

Hier kommt dein Punkt fantastisch ins Spiel:
Je besser man jemanden zu kennen glaubt, desto mehr interpretiert man in die analogen Signale hinein.
Das kann trösten – aber auch gefährlich danebenliegen.

Axiom 5: „Zwischenmenschliche Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär.“

Was meint Watzlawick?

  • Symmetrisch= auf Augenhöhe
  • Komplementär= unterschiedlich stark (Eltern–Kind, Lehrer–Schüler)

Worauf achten?

  • Wer „weiß mehr“?
  • Wer „führt“ das Gespräch?
  • Gibt es heimliche Rollenumkehr?

In der Bus-Geschichte:

  • Mutter → Sohn:komplementär
    („Ich erkläre dir die Welt und zeige dir, wie man souverän ist.“)
  • Sohn → Mutter (im Wohnzimmer-Moment):heimliche Rollenumkehr
    Er erkennt ihre Schwäche und deutet sie – aber erzählt es nicht weiter.
    Das gibt ihm eine eigene, reifere Stellung.
  • Jonas ↔ Mika:symmetrisch
    Sie klären gemeinsam und lachen miteinander.

Vorlauf:
Die Mutter KANN in der Berufswelt keine Schwäche zeigen → Rolle wird stabil.
Privat bricht sie aus → das verändert die Hierarchie.

Abschließendes Fazit

Diese Geschichte ist ein Musterfall dafür, wie Watzlawicks Axiome „unter der Alltagsoberfläche“ wirken:

  • Nonverbales Lachen löst eine ganze Kette aus.
  • Die Beziehungsebene formt die Interpretation mehr als der Inhalt.
  • Der psychologische Vorlauf (Rollen, Erwartungen, Selbstbilder) definiert, was verstanden oder missverstanden wird.
  • Menschen zeigen unterschiedliche Gesichter in unterschiedlichen Kontexten.
  • Und: Je vertrauter die Menschen sind, desto schärferinterpretieren sie – und desto schneller entstehen kleine Explosionen oder Einsichten.

Eine ideale Geschichte, um den Schüler*innen zu zeigen:
Man kommuniziert IMMER mehr, als man sagen will – und oft mehr, als man merkt.

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