Lese-Scout zu dem Gedicht „Einleitung“ von Brockes

Hier wird das Gedicht in allen Einzelheiten erklärt, so dass man gut mit dem alten Sprachstil klarkommt.
Eine Interpretation mit Vergleichen zu Goethe und Platon gibt es hier:
https://schnell-durchblicken.de/barthold-heinrich-brockes-einleitung

Wie diese Seite funktioniert

Brockes‘ „Einleitung“ ist über 350 Jahre alt, und das merkt man ihr an: ungewohnte Wortstellungen, veraltete Schreibweisen, Begriffe, die heute etwas anderes bedeuten als damals. Diese Seite geht das Gedicht deshalb in kleinen Häppchen durch – meist vier bis sechs Zeilen auf einmal – und erklärt direkt danach, was dort steht und, wo nötig, was einzelne Wörter bedeuten. Für den schnellen Überblick über das ganze Gedicht gibt es eine eigene Seite; hier geht es um das genaue Lesen, Zeile für Zeile.

Teil 1: Die Höhle und der erste Blick (Z. 1–50)

  1. Wenn iemand irgendswo in einer Höhle,
  2. Allwo desselben Sinn und Seele
  3. Von aller Creatur und allem Vorwurf leer,
  4. In steter Dämmerung erzogen wär;
  5. Und trät‘ auf einmal in die Welt,
  6. Zumal zur holden Frühlings-Zeit,

Das Gedicht beginnt mit einem Gedankenexperiment: Jemand hat sein ganzes Leben in einer Höhle in ständiger Dämmerung verbracht – „ohne Sinn und Seele“ für alles, was über die Höhle hinausgeht. Die letzten beiden Zeilen führen das Experiment weiter: Genau dieser Höhlenmensch tritt nun, ausgerechnet im Frühling, plötzlich in die normale Welt und nimmt sie zum allerersten Mal wahr.

Wortklärung: „Allwo“ = wo (veraltet). „Creatur“ = Geschöpf, Lebewesen. „Vorwurf“ bedeutet hier nicht „Tadel“, sondern in der barocken Bedeutung: das, was sich einem vor Augen stellt – also einfach: Gegenstand, Objekt der Wahrnehmung. „Trät'“ = träte (Konjunktiv von treten).

  1. Und sähe dann der Sonnen Herrlichkeit,
  2. Und säh‘ ein grün beblühmtes Feld,
  3. Und sähe dick bebüschte Hügel,
  4. Und sähe reiner Bäche Spiegel,

Jetzt beginnt die eigentliche Aufzählung dessen, was der Höhlenmensch sieht – und sie beginnt ganz oben, bei der Sonne. Danach folgt, Schritt für Schritt, die Landschaft: ein blühendes Feld, dicht bewachsene Hügel und klare Bäche, die so rein sind, dass sie wie Spiegel wirken. Man merkt schon hier: Brockes zählt nicht wahllos auf, sondern führt den Blick von oben (Sonne) nach unten (Bäche).

  1. Durch einen Schatten-reichen Wald,
  2. Mit seiner sich drin spiegelnden Gestalt,
  3. Umkränzt mit glatten Binsen, fliessen,
  4. Und sähe Flüsse sich ergiessen,
  5. Auch ihrer Bürger schuppicht Heer;
  6. Und säh‘ ein unumschränktes Meer,

Der Bach von eben fließt weiter, mitten durch einen schattigen Wald, dessen Bäume sich im Wasser spiegeln. Das Ufer ist von „Binsen“ gesäumt, dann weitet sich der Blick zu Flüssen, die ins Meer münden – inklusive ihrer Bewohner: Fische. Danach der größtmögliche Kontrast zum engen Höhlenraum vom Anfang: das „unumschränkte“, also grenzenlose Meer.

Wortklärung: „Binsen“ = schilfartige Pflanzen, die am Wasser wachsen. „Ihrer Bürger schuppicht Heer“ = die „schuppige Schar ihrer Bürger“, gemeint sind die Fische im Fluss (Bürger = Bewohner, Heer = große Menge).

  1. Und sähe bunte Gärten prangen,
  2. Auch, wann die Sonn‘ erst untergangen,
  3. Der Abend-Röte güldne Pracht;

Nach Wald, Fluss und Meer folgen bunte Gärten – und der Blick wandert weiter, bis der Tag sich dem Ende zuneigt: Auch der Sonnenuntergang mit seiner goldenen Abendröte gehört zu dem, was der Höhlenmensch zum ersten Mal erlebt.

  1. Und säh‘ in einer heitern Nacht
  2. Den Wunder-schönen Sternen-Himmel;
  3. Zusamt den Silber-reinen Glantz
  4. Der Schatten-Sonne, wenn sie gantz;

Auf den Tag folgt die Nacht – und mit ihr der Sternenhimmel sowie der Vollmond, den Brockes hier poetisch „Schatten-Sonne“ nennt, weil der Mond nur das Licht der Sonne spiegelt, selbst aber kein eigenes Licht hat.

Wortklärung: „Glantz“ = Glanz (alte Schreibweise). „Gantz“ = ganz, hier im Sinne von „voll“ (Vollmond). „Schatten-Sonne“ = poetische Umschreibung für den Mond.

  1. Und hört‘ ein zwitscherndes Getümmel
  2. Der Singe-Vögel, und den Schall
  3. Der angenehmen Nachtigall,
  4. In Luft- und Schatten-reichen Büschen,
  5. Sich mit dem sanften Rauschen mischen,

Nach dem Sehen wechselt Brockes den Sinn: Jetzt geht es ums Hören. Der Höhlenmensch nimmt das lebhafte Durcheinander zwitschernder Vögel wahr, dazu den Gesang der Nachtigall – beides vermischt mit dem sanften Rauschen der Blätter in den Büschen.

Wortklärung: „Getümmel“ = lebhaftes Durcheinander, Gewimmel.

  1. Und hört‘, auf rauh- und glatten Kieseln,
  2. Geschwinde Bäche murmelnd rieseln;

Zwei Zeilen genügen für ein weiteres akustisches Bild: das Murmeln schnell fließender Bäche über Kieselsteine – mal rau, mal glatt.

  1. Und schmeckte tausend süsse Früchte,
  2. Und schmeckte vielerlei Gerichte,
  3. Die Wasser, Luft und Erde geben;
  4. Und schmeckte, voller Geist und Kraft,
  5. Den säurlich-süssen Tranck und Saft
  6. Der lieblichen Tockayer-Reben;

Der dritte Sinn kommt ins Spiel: der Geschmack. Der Höhlenmensch kostet unzählige süße Früchte und Gerichte, die aus Wasser, Luft und Erde stammen – also alles, was die Natur an Nahrung hervorbringt. Den Abschluss bildet ein besonders edler Genuss: ein süß-saurer Wein aus ungarischen Trauben.

Wortklärung: „Tockayer-Reben“ = Tokajer Wein, ein süßer Wein aus der ungarischen Region Tokaj, im Barock ein bekanntes Luxusgetränk.

  1. Und röche Bluhmen mancher Arten,
  2. In Feldern, Wäldern und im Garten;
  3. Und röch‘ auf Bergen und im Thal
  4. Gesunde Kräuter ohne Zahl;
  5. Und röche balsamirte Düfte;

Nun folgt der Geruchssinn: Blumen in Feld, Wald und Garten, dazu unzählige Kräuter auf Bergen und im Tal, und schließlich besonders wohlriechende, „balsamische“ Düfte.

Wortklärung: „Bluhmen“ = Blumen (alte Schreibweise). „Thal“ = Tal. „Balsamirte Düfte“ = wohlriechende, balsamartige Düfte.

  1. Und fühlte sanfte laue Lüfte,
  2. Und fühlte Wunder-süsse Triebe
  3. Von einer zugelaßnen Liebe;
  4. Und fühlte mit vergnügter Brust,
  5. Des süssen Schlafes sanfte Lust;

Der letzte Sinn ist der Tastsinn beziehungsweise das allgemeine Empfinden: milde, laue Luft auf der Haut, dazu das Gefühl einer erlaubten, „zugelassenen“ Liebe – Brockes grenzt das bewusst von verbotener Liebe ab – und schließlich die Lust an einem erholsamen Schlaf.

Wortklärung: „Zugelaßnen Liebe“ = erlaubte, gestattete Liebe.

  1. Und fühlte, wann der Schlaf vorbei,
  2. Daß er dadurch gestärcket sey,
  3. Um alles, was so Wunder-schön,
  4. Aufs neue wiederum zu sehn.

Der erste große Abschnitt endet mit dem Aufwachen: Der Schlaf hat den Höhlenmenschen gestärkt – und zwar genau dafür, all das eben Erlebte gleich wieder von vorn zu sehen. Die Fülle beginnt gedanklich von Neuem, ein Signal dafür, dass diese Welt keine einmalige Erscheinung ist, sondern ein Dauerzustand, den man immer wieder erleben kann.

Teil 2: Wie sich der Höhlenmensch fühlen würde (Z. 51–56)

  1. Auf welche sonderbare Weise
  2. Würd‘ er sich nicht darob ergetzen!
  3. Würd‘ er sich nicht halb selig schätzen?
  4. Er bliebe ganz gewiß dabei,
  5. Dass er, aufs mindst‘ im Paradiese,
  6. Wo nicht schon gar im Himmel sey.

Nach 50 Zeilen reiner Aufzählung zieht Brockes hier die Schlussfolgerung: Wie sehr müsste sich dieser Mensch wohl freuen! Er würde sich „halb selig“ fühlen – ein Begriff, der eigentlich für den Zustand der Erlösung im Jenseits steht, hier aber schon für das Erleben auf Erden verwendet wird. Und er wäre fest überzeugt, sich mindestens im Paradies zu befinden – wenn nicht sogar im Himmel selbst. Die Steigerung von „Paradies“ zu „Himmel“ macht deutlich, wie stark dieses Erlebnis wirken würde.

Wortklärung: „Ergetzen“ = ergötzen, sich erfreuen. „Halb selig“ = fast schon im Zustand der Glückseligkeit, ein Begriff mit religiösem Hintergrund. „Paradeis“ (unten) = Paradies.

Teil 3: Und wir? (Z. 57–62)

  1. Und wir, die alle diese Gaben
  2. Unstreitig um und an uns haben,
  3. Empfindens minder, als ein Stein;

Jetzt kommt der entscheidende Umschwung: Brockes wechselt von „er“ (dem imaginären Höhlenmenschen) zu „wir“ – den wirklichen Lesern. Der Clou: Wir besitzen all diese Gaben längst, ganz ohne Zweifel („unstreitig“). Und trotzdem, so der Vorwurf, empfinden wir sie „minder, als ein Stein“ – also noch weniger, als ein Stein es täte. Da ein Stein überhaupt nichts empfindet, ist das die schärfste Formulierung im ganzen Gedicht: Wir empfinden weniger als nichts.

  1. Ja machen uns, an deren Stelle,
  2. Das Paradeis fast selbst zur Hölle.
  3. Was mag daran wohl Ursach sein?

Die letzten drei Zeilen ziehen die bittere Konsequenz: Statt Dankbarkeit zu empfinden, machen wir uns unser eigenes Paradies fast selbst zur Hölle. Und dann endet das Gedicht mit einer offenen Frage, die Brockes nicht beantwortet: Woran das wohl liegen mag? Diese Frage überlässt er ausdrücklich dem Leser – ein guter Anlass für ein eigenes Unterrichtsgespräch.

Wortklärung: „Paradeis“ = Paradies (alte Schreibweise).

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