Nils Mohl, „Tanzen gehen“ – Insider-Tipps zu einer Kurzgeschichte zum Thema „Vergänglichkeit“ (Mat722-lv)

Warum Insider-Tipps?

  • Lehrkräfte haben gute Info-Quellen und viel Erfahrung.
  • Dennoch ist es schön, wenn man jemanden trifft, der noch ein paar mehr Infos und Tipps zum Thema hat.
  • Wir versuchen auch hier, „beyond the books“ zu sein.
  • Also möglichst originelle Ideen und Tipps zum Ausprobieren.

Worum es geht

An einem verregneten Samstag betrachtet Gus Bloch heimlich eine frische Narbe auf seiner Brust, während seine Frau Ella die Familienanzeigen der Lokalzeitung studiert. Eine Todesanzeige – eine Frau, mit 57 bei einem Unfall gestorben – scheint Gus zu seinem überraschenden Vorschlag zu bringen: „Lass uns tanzen gehen.“ Nach einem missglückten Anlauf tanzen die beiden schließlich ohne Musik einen Walzer im Wohnzimmer. Was Gus seiner Frau eigentlich sagen wollte, bleibt ungesagt. Am Ende steht er wieder vor dem Spiegel.

Eine schülernahe Erklärung mit Erzählschritten, Aussagen und sprachlichen Mitteln gibt es auf unserer Basisseite: Nils Mohl, „Tanzen gehen“ – Vorstellung einer Kurzgeschichte zum Thema Vergänglichkeit. Auf dieser Seite setzen wir das voraus und gehen weiter.

Autor und Entstehung

  • Nils Mohl wurde 1971 in Hamburg geboren und ist am Stadtrand aufgewachsen. Er hat in Kiel, Tübingen und Berlin Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Linguistik und Volkskunde studiert, in Weimar außerdem Kulturmanagement.
  • „Tanzen gehen“ entstand Mitte der 2000er-Jahre. Mit der Geschichte gewann Mohl 2006 den 3. Platz beim 11. MDR-Literaturwettbewerb – übrigens schon zum zweiten Mal nach 2003.
  • Bekannt geworden ist Mohl vor allem als Jugendbuchautor: Für „Es war einmal Indianerland“ erhielt er 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis, 2026 für „Engel der letzten Nacht“ den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis.
  • Interessant für den Unterricht: Ein Autor, den viele Schülerinnen und Schüler als Jugendbuchautor kennen, schreibt hier über ein älteres Ehepaar – ein Blick auf eine Lebensphase, die weit weg von der eigenen zu sein scheint.

Wo man den Text findet

  • Erstdruck: Die Kurzgeschichte auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, erarbeitet von Bettina Greese, hrsg. von Johannes Diekhans = EinFach Deutsch. Unterrichtsmodell, Schöningh, Paderborn 2007 (ISBN 978-3-14-022396-6). Im selben Band steht auch Kai Fischers „Erinnerungsangebote“ – praktisch für einen Vergleich (siehe unten).
  • Erzählband: Nils Mohl, Ich wäre tendenziell für ein Happy End, Plöttner Verlag, Leipzig 2009 (ISBN 978-3-938442-65-4).
  • E-Book: „Schön, dass du da warst“ – eine kleine Sammlung mit vier Geschichten Mohls, darunter „Tanzen gehen“. Zuerst bei Rowohlt E-Book (2013), heute als Neuausgabe bei Fischer Sauerländer (2024, ISBN 978-3-7336-0829-3).

Leicht überlesene Textsignale

Mohl erzählt sehr sparsam. Umso mehr lohnt es sich, auf Kleinigkeiten zu achten – sie tragen oft mehr Bedeutung als die Dialoge.

  • Die Klospülung: Gus betätigt sie, ohne die Toilette benutzt zu haben, damit Ella keinen Verdacht schöpft. Das ist mehr als eine komische Randnotiz: Es zeigt, dass er seine Sorgen bewusst inszeniert verbirgt – ein Verhalten, das schon auf eine länger eingespielte Heimlichkeit hindeutet.
  • Das kleine Wort „wieder“: Gus erwartet von Ella die Frage, ob er „wieder“ vor dem Spiegel gestanden habe. Er rechnet also damit, dass sie es längst bemerkt hat. Dass sie nicht fragt, kann man als Gleichgültigkeit lesen – oder als Rücksicht.
  • „Traurigkeit oder vielleicht auch Mitleid“: Das ist Gus’ Wahrnehmung, nicht Ellas Innensicht. Ob er ihren Blick richtig deutet, bleibt offen – ein schöner Ansatzpunkt, um über die Grenzen der personalen Perspektive zu sprechen.
  • „Vor oder nach dem Essen?“: Gus hört darin eine nüchterne Abfuhr. Man kann Ellas Frage aber auch ganz anders lesen: als pragmatische Zustimmung, die den Vorschlag ernst nimmt. Das Missverständnis entsteht bei Gus, nicht unbedingt bei Ella – der Wendepunkt kommt dann ja auch von ihr („Du könntest Musik auflegen“).
  • Die Reihenfolge der Anzeigen: Hochzeit, Geburt, Tod – Ella liest gewissermaßen den ganzen Lebenslauf in drei Zeitungsrubriken. Bei den ersten beiden lacht sie noch über ausgefallene Namen, bei den Todesanzeigen interessiert sie das Alter.
  • Eine gewagte Hypothese – „Eine Liza mit Zett“: Ella wundert sich über diese Schreibweise. Wer an Liza Minnellis berühmte Show „Liza with a Z“ (1972) denkt, entdeckt eine mögliche versteckte Verbindung: Minnelli ist eine Tanz- und Musicalikone. Dann stünde der Tanz schon ganz unauffällig im Raum, bevor Gus ihn vorschlägt. Belegen lässt sich das nicht – aber als Gesprächsanlass für einen Leistungskurs taugt es allemal.

Die Befund-Deutungs-Falle: Ist Gus herzkrank?

In Schülerarbeiten liest man häufig Sätze wie „Gus hatte eine Herzoperation“ oder „Gus ist herzkrank“. Genau das steht aber nirgends im Text.

  • Befund: eine frische, streichholzlange Narbe zwischen Schlüsselbein und Brustwarze, die in ein paar Monaten kaum noch zu sehen sein wird; Gus berührt die Stelle auch am Ende noch einmal.
  • Naheliegende Deutung: ein kürzlicher Eingriff in der Herzgegend. Die Lage der Narbe passt etwa zu einem Herzschrittmacher – aber das ist bereits Weltwissen, das man in den Text hineinträgt.
  • Warum das wichtig ist: Der Text lässt die Ursache bewusst offen. Entscheidend ist nicht die Diagnose, sondern die Wirkung: Gus fühlt sich verletzlich und sterblich. Wer das sauber trennt („Die Narbe deutet auf eine Operation hin, vermutlich am Herzen“), zeigt genau die Unterscheidung von Beleg und Interpretation, auf die Fachleitungen bei Unterrichtsbesuchen achten.

Deutungskontroverse: Wie endet die Geschichte eigentlich?

Der Schluss lässt sich auf zwei Arten lesen – und beide lassen sich am Text belegen. Das macht ihn ideal für eine argumentative Auseinandersetzung im Unterricht.

  • Lesart 1 – Der Kreis schließt sich: Der letzte Satz über die Pupillen, die sich weiten und wieder zusammenziehen, wiederholt fast wörtlich eine Stelle vom Anfang. Gus steht wieder vor dem Spiegel, berührt wieder die Narbe, Ella ist in der Küche, das Einzige, was man hört, ist der Wasserhahn. Der Tanz war eine kurze Unterbrechung, keine Veränderung.
  • Lesart 2 – Etwas hat sich bewegt: Der zweite Kuss geht „diesmal auf die Lippen“. Die Dinge, die Gus sagen wollte, fallen ihm später ein, und er formuliert sie „sogar“ im Kopf – das ist mehr, als er am Anfang konnte. Und er berührt die Narbe diesmal nur „einmal kurz“ und durch die Kleidung hindurch, statt sie freizulegen und zu betasten. Man kann darin eine gewachsene Gelassenheit sehen.
  • Vermittelnde Position: Der Alltag geht unverändert weiter, aber der Moment ist nicht wertlos. Die Geschichte zeigt dann gerade, dass Nähe nicht an große Aussprachen gebunden ist – und dass solche Momente vielleicht genau so selten und flüchtig sind wie der Hauchfleck an der Fensterscheibe.

Tipp für den Unterricht: Die Klasse nicht auf eine Lesart festlegen, sondern Belege sammeln lassen und am Ende fragen, welche Deutung besser begründet ist. Gerade an dieser Stelle lässt sich zeigen, dass „offener Schluss“ nicht „beliebig“ bedeutet.

Motive und Erzähltechnik

  • Memento mori: Die Todesanzeigen wirken wie eine moderne Form der alten Mahnung, an die eigene Sterblichkeit zu denken. Die Anzeige über die mit 57 verstorbene Frau ist dabei der Auslöser – und ihr Text („Sie war mein Leben“) formuliert genau das, was Gus nicht über die Lippen bringt.
  • Spiegelungen: Badezimmerspiegel, Glas des Bilderrahmens, Fensterscheibe, Garderobenspiegel – Gus sieht sich ständig selbst. Besonders dicht ist die Szene mit dem Foto: Er versucht, seine heutige Silhouette mit dem Gesicht des knapp Dreißigjährigen zur Deckung zu bringen. Selbstbild und Gegenwart passen nicht mehr übereinander.
  • Die Pupillen: Das biologische Detail – weiten, zusammenziehen – wirkt wie eine stumme Selbstprüfung: Reagiere ich noch? Bin ich noch da? Dass es am Anfang und am Ende steht, macht es zum Rahmen der Geschichte.
  • Der Walzer ohne Musik: Ein „unhörbarer Walzertakt“ – die beiden brauchen keine Musik, weil der Rhythmus ein gemeinsam eingeübter ist. Genau das, was sprachlich nicht gelingt, gelingt körperlich.
  • Personale Erzählweise: Erzählt wird in der Er-Form ganz nah an Gus. Ellas Innenleben bleibt eine Leerstelle – und damit auch die Frage, wie viel sie von seinen Sorgen weiß. Für Perspektivwechsel-Aufgaben ist das ein idealer Ausgangspunkt.
  • Raumstruktur: Badezimmer (Alleinsein mit dem Körper) – Wohnzimmer (Begegnung) – Flur (Rückkehr zur Selbstbetrachtung). Der einzige Raum, in dem Nähe möglich wird, ist der gemeinsame.

Ideen für den Unterricht

  • Standbilder in drei Phasen: vor dem Tanz (Distanz), während des Tanzes (Nähe), nach dem Tanz (Rückkehr in den Alltag). Besonders ergiebig ist die Diskussion über das dritte Standbild – dort zeigt sich, welche Lesart des Schlusses die Gruppe vertritt.
  • Vier-Ohren-Modell nach Schulz von Thun: Was steckt in „Lass uns tanzen gehen“ an Selbstoffenbarung und Appell? Und was hört Gus in Ellas „Vor oder nach dem Essen?“ – und was könnte sie gemeint haben?
  • Innerer Monolog: Gus im Moment des „Ella?!“ – oder später im Flur, als ihm die Worte wieder einfallen. Reizvoll ist die Vorgabe, dass es „nichts Großartiges“ sein darf.
  • Perspektivwechsel: Die Szene aus Ellas Sicht erzählen – mit der Frage, was sie von der Narbe weiß.
  • Schaubild: Die drei Räume als Grundgerüst nehmen und die Beziehung der beiden darin sichtbar machen – eine Anregung dazu gibt es auf der Basisseite.

Über den Horizont hinaus: Mohl und Edward Hopper

Die E-Book-Sammlung, in der „Tanzen gehen“ erschienen ist, wird mit dem Vergleich beworben, die Geschichten seien wie Bilder von Edward Hopper. Das ist mehr als ein Werbespruch: Hoppers Gemälde zeigen oft Paare in stillen Innenräumen, nah beieinander und doch jeder für sich – etwa „Room in New York“ (1932), auf dem ein Mann Zeitung liest, während die Frau neben ihm gelangweilt eine Klaviertaste anschlägt.

Der Vergleich lohnt sich im Unterricht doppelt: Bei Mohl sind die Rollen vertauscht – hier liest die Frau Zeitung, der Mann ist der Unruhige. Und anders als bei Hopper bricht die Geschichte das Standbild auf – für die Dauer eines Walzers.

Vergleichstexte

Weitere Infos, Tipps und Materialien