Literatur und Politik – Versuch einer einfachen Klarstellung

  1. Die Frage, ob Literatur politisch sein darf oder sogar soll, hängt natürlich stark von den eigenen Vorstellungen ab. Wer die Welt verändern möchte, braucht jeden Verbündeten – und Schriftsteller genießen immer noch ein recht hohes Ansehen. Das kann natürlich auch mit dem Deutschunterricht zusammenhängen. Denn dort sind ja in der Regel die Texte, die man im Deutschbuch findet, oder die Lektüren, die man liest, „sakrosankt“ – also gewissermaßen heilig, unantastbar. Es gibt kaum Deutschlehrer, die ganz offen sagen: Goethe war nicht immer gut – und das dann auch zeigen.
  2. Damit sind wir bei einem entscheidenden Punkt.  Schriftsteller haben eine gewisse Autorität, die über die meisten „normalen“ Menschen hinausreicht. Diese Autorität kann sich aber nur auf zwei Dinge beziehen:
  3. Schriftsteller beobachten genauer als andere, weil das die Voraussetzungen des Schreibens ist. Vielleicht nehmen sie auch intensiver wahr als andere, wie es einem Menschen geht, wenn sie ihm im Bus gegenübersitzen.
  4. Und Schriftsteller sollten schreiben können, d.h. über die Fähigkeit verfügen, das Beobachtete, Wahrgenommene auch in ein sprachliches Bild – vom Gedicht bis hin zum Roman – zu verarbeiten.
  5. Soweit die gute Nachricht. Kommen wir jetzt zur schlechten Nachricht für alle politischen Schriftsteller: Natürlich dürft ihr politisch sein – aber nur wie jeder andere Bürger auch. Ihr habt keine höhere Kompetenz, politische Fragen zu beantworten als andere. Das heißt: Schriftsteller sollten etwa in einer Talkshow immer darauf hinweisen, dass sie etwas als ganz normale Bürger beurteilen.
  6. Natürlich dürfen sie dabei – wie gute Redner auch – ihre besonderen Fähigkeiten einsetzen, um Wirkung zu erzielen. Sie können zum Beispiel ihre Antwort in eine kleine Geschichte kleiden – und es kann – wie zum Beispiel bei Parabeln – sein, dass diese Geschichte die Zuhörer auf besondere Weise berührt – wie auch ein guter Film. Die Parabel ist ja eine Geschichte, die erst mal etwas auf ein anderes Feld verlagert, da stimmt der Zuhörer dann zu – und dann kommt der Moment, wo der Schriftsteller sagt: Schön, dass du es eingesehen hast. Warum siehst du das Gleiche denn nicht auch in der politischen Frage ein, um die es geht.
  7. Langer Rede kurzer Sinn (auch das ist eine besondere Möglichkeit der Schriftsteller, die können etwas schön ausdrücken und damit auch Wirkung erzielen.
    Schriftsteller haben keine höhere Kompetenz in politischen Fragen als jeder andere Bürger auch. Allerdings können sie zum einen ihre besonderen Fähigkeiten der Wahrnehmung einbringen – und sie können sie besonders gut ausdrücken, in sprachliche Bilder kleiden, die zum einen mehr Wirkung erzielen, zum anderen länger im Gedächtnis bleiben.

    Und jetzt zum Schluss ein Beispiel: Max Frisch hat zum Beispiel in seinem „literarischen Tagebuch“ (also etwas an der Grenze zwischen Autobiografie und Literatur) einen wunderbaren Text geschrieben zu seiner Erkenntnis: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Und er hat dazu sogar ein Theaterstück geschrieben: „Andorra“.

    Und das hat bei uns anscheinend gewirkt – denn es ist uns jetzt gerade eingefallen.
    Ob das aber immer gilt, ist eine andere Frage: Vielleicht brauchen wir auch ein gutes Bildnis von einem Freund oder einer Freundin, das bestehen bleibt, auch wenn der Betreffende uns mal enttäuscht.

Heine und seine Wunschvorstellungen in Richtung einer menschlicheren Gesellschaft

Ganz neu und aktuell hinzugekommen:
Mat5003 LV Heinrich Heine, „Ein neues Lied, ein besseres Lied“
https://textaussage.de/heine-ein-neues-lied-ein-besseres-lied

Wer noch mehr möchte …