
Wie man sieht: Zeichnen ist nicht unsere Stärke. Aber Überblick können wir! Jeder blaue Eintrag im Inhaltsverzeichnis ist ein Link – einfach antippen, und du springst direkt an die passende Stelle. Zurück geht’s mit dem Zurück-Pfeil deines Browsers.
Inhaltsverzeichnis
- Nachahmen statt abschreiben – warum das ein guter Weg ist
- Der Hut vor der Autorin: Sibylle Berg
- So entsteht eine Nachahmung – in drei Schritten
- Variante 1: Jonas an der Bushaltestelle – nur der Anfang
- Variante 2: „Alles wie immer, Raum 204“ – eine Geschichte von Mia Tivag
- Jetzt seid ihr dran: Wie geht es weiter?
- Weitere Infos, Tipps und Materialien
Nachahmen statt abschreiben – warum das ein guter Weg ist

- Hier sieht man das, was wir meinen.
— - Jemand ist begeistert von einem Ausgangstext, lässt sich von seinem Stil inspirieren –
— - Und zwar zu einer ganz eigenen Kreative Idee.
— - Das dürfte etwas sein, was den Deutschunterricht kreativ belebt 🙂
Wie wir auf die Idee gekommen sind: Die Idee ist bei uns nicht neu. Als Marcel Reich-Ranicki die Lyrikerin Ulla Hahn in der Frankfurter Allgemeinen bekannt machte, fiel uns ein kurzes Gedicht von ihr auf – und es reizte einfach, etwas Eigenes in ihrem Stil zu versuchen. Daraus ist Lars Krüsands Gedicht „Versuch in Romantik“ entstanden. Auf diesen Seiten kann man das nachlesen:
- Den Stil eines Autors nachahmen – am Beispiel der Gedichte von Ulla Hahn
https://textaussage.de/den-stil-eines-autors-nachahmen-am-beispiel-der-gedichte-von-ulla-hahn
Lars Krüsands Gedicht „Versuch in Romantik“ – eine Nachahmung im Stil von Ulla Hahn, Strophe für Strophe erklärt. - Wie ahmt man den Schreibstil eines Autors nach?
https://textaussage.de/wie-ahmt-man-den-schreibstil-eines-autors-nach-beispiel-tauben-im-gras
Systematische Anleitung am Beispiel von Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“. - Ulla Hahn – interessante Gedichte, Infos, Tipps und Materialien
https://textaussage.de/ulla-hahn-themenseite
Unsere Themenseite zur Lyrikerin.
Warum Nachahmen so gut funktioniert: (Alle unsere Beispiele dazu stehen auf der Einstiegsseite „Nachahmen erlaubt“.)
- Ein Vorwurf wird zum Vorschlag: Der künstlichen Intelligenz wirft man gern vor, sie könne nur nachahmen. Wir drehen das um: Nachahmen ist eine der besten Möglichkeiten, einen literarischen Text wirklich zu verstehen – wenn man offenlegt, was man nachahmt und warum.
— - Nachahmung als Dankadresse: Wer im Stil einer Autorin schreibt, übernimmt keinen Satz von ihr, sondern ihre Art, die Welt zu sehen. Das ist erlaubt – und eine Verbeugung vor dem Original.
— - Von der Analyse zur eigenen Produktion: Wer nachahmen will, muss zuerst bemerken, was einen Text ausmacht. Die Nachahmung erzwingt also die Analyse – nur von der anderen Seite her.
— - Der Meister zeigt nur den Anfang: Wie in jeder guten Werkstatt macht der Lehrling das Gesellenstück selbst. Deshalb zeigen wir hier, wie man anfangen kann – das Weiterschreiben ist eure Sache.
Der Hut vor der Autorin: Sibylle Berg
Unser Vorbild ist die Kurzgeschichte „Alles wie immer“ von Sibylle Berg: Eine Frau kennt ihren Tag, bevor er begonnen hat – und bleibt am Ende barfuß im Café in der Sonne sitzen. Eine ganz ähnliche Szene findet sich in Bergs Geschichte „Vera geht ins Büro“. Beide stellen wir auf eigenen Seiten vor:
- Sibylle Berg, „Alles wie immer“
https://textaussage.de/sybille-berg-alles-wie-immer
Inhalt in zehn Schritten, Schaubild mit Audio-Erklärung, Deutung des Schlusssatzes und Vergleichstexte.
— - Sibylle Berg, „Vera geht ins Büro“
https://textaussage.de/sibylle-berg-vera-geht-ins-buero
Dieselbe Szene, ein anderer Weg: Vera bleibt beim Tagtraum.
So entsteht eine Nachahmung – in drei Schritten
Wir zeigen nicht nur das Ergebnis, sondern den Weg dahin. Genau diese Überlegungen braucht man auch, wenn man selbst nachahmen will.
Schritt 1: Was ist das Besondere an der Geschichte?
- Eine Figur kennt ihren Tag, bevor er begonnen hat. Die Langeweile entsteht nicht aus dem, was passiert, sondern daraus, dass alles vorhersehbar ist.
— - Berg erzählt das nüchtern, in kurzen Sätzen, ohne Gefühlswörter. Der Ausbruch kommt still und überraschend.
— - Das wollen wir übernehmen: den Ton und das Grundgefühl – nicht die Handlung.
Schritt 2: Welche Welt nehmen wir?
- Der Berufsalltag ist Bergs Welt – aber nicht die unserer Leser.
— - Die Frage lautet also: Wo erleben Schüler dieses „Alles wie immer“? Die Antwort liegt nahe: im Schulalltag.
Schritt 3: Wo fängt die Geschichte an?
Naheliegend wäre der Unterricht selbst, denn dort ist die Routine am deutlichsten. Für Variante 1 haben wir uns trotzdem für die Bushaltestelle entschieden – aus drei Gründen:
- Berg macht es auch so: Beide Berg-Geschichten beginnen vor der Routine – beim Aufwachen und auf dem Weg ins Büro. Dort, wo man theoretisch noch umkehren könnte.
— - Die Bushaltestelle ist eine Schwelle: Im Unterricht sitzt man schon drin. An der Haltestelle gibt es noch die Möglichkeit „nicht einsteigen“. Damit steckt der Keim des Ausbruchs schon im ersten Bild.
— - Der Fahrplan macht Vorhersehbarkeit messbar: 7.12 Uhr, manchmal 7.14. Der Unterricht taucht trotzdem auf – als etwas, das die Figur im Kopf schon vorwegnimmt.
Die Variante mitten in der Stunde hat allerdings eine eigene Stärke: Dort kann die Figur erwischt werden. Daraus ist Variante 2 entstanden.
Variante 1: Jonas an der Bushaltestelle – nur der Anfang
Jonas steht an der Bushaltestelle. Wie jeden Morgen. Der Bus kommt um 7.12 Uhr, manchmal um 7.14. Das ist dann schon das Aufregendste. Jonas weiß, wer einsteigt. Das Mädchen mit dem Fuchs auf dem Rucksack. Der Typ, der immer telefoniert und nie etwas sagt. Jonas weiß auch, wie die erste Stunde läuft. Herr Krämer sagt: So. Dann sagt er: Schlagt mal auf. Jonas könnte die Stunde jetzt schon nacherzählen, mit allen Pausen. Er überlegt, ob jemand merken würde, wenn er nicht einsteigt. Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich in der dritten Stunde.
Was hier von Sibylle Berg übernommen ist:
- Kurze, oft unvollständige Sätze („Wie jeden Morgen.“): der lakonische Ton, der nichts aufbauscht.
— - Kein einziges Gefühlswort: Die Langeweile wird nicht genannt, sondern gezeigt – über Uhrzeiten und Wiederholungen.
— - Vorhersehbarkeit als Motiv: Jonas kennt die Stunde schon – wie die Frau bei Berg, die „jede Minute“ ihres Lebens zu kennen glaubt.
— - Ein trockener, leicht bitterer Witz am Schluss: „Wahrscheinlich in der dritten Stunde.“
— - Der Ausbruchsgedanke ist nur angetippt: Ob Jonas einsteigt, bleibt offen.
— - Bewusst anders: Statt einer Büroangestellten steht ein Schüler im Mittelpunkt – damit die Geschichte in eurer Welt spielt.
Und genau hier hört der Meister auf. Wie es weitergeht, steht weiter unten bei den Aufgaben.
Variante 2: „Alles wie immer, Raum 204“ – eine Geschichte von Mia Tivag
- Die Idee: Während die Klasse brav „Alles wie immer“ analysiert, schreibt eine Schülerin heimlich ihre eigene Berg-Geschichte – über genau diese Stunde.
— - Das Besondere: Die Geschichte spiegelt sich selbst. Jana tut genau das, was diese Seite vorschlägt. Ihr heimlicher Text steht kursiv mitten in der Geschichte.
1. Eine ganz normale Deutschstunde – und eine Geschichte, die Jana gefällt
Deutsch, dritte Stunde. Herr Brandt hat die Geschichte ausgeteilt, zwei Seiten, kopiert, ein bisschen schief. Sibylle Berg, „Alles wie immer“. Er sagt: „Lest mal in Ruhe, dann sammeln wir: Wie wird die Langeweile dargestellt?“
Jana liest. Eine Frau wacht auf und weiß schon, wie ihr Tag wird. Am Ende sitzt sie barfuß im Café und lässt die anderen ihr Leben machen. Jana findet das ehrlich gesagt ziemlich gut. Also nicht die Frau. Die Geschichte.
- Der Einstieg ist so knapp wie bei Berg: Ort, Zeit, Ablauf – alles „wie immer“.
— - „Also nicht die Frau. Die Geschichte.“ – Hier hört man schon Janas Stimme: genau, ein bisschen ironisch, typisch für eine Siebzehnjährige, die sich nicht vereinnahmen lassen will.
2. Lena hat ein System – Jana fängt an zu schreiben
Neben ihr unterstreicht Lena. Gelb für sprachliche Mittel, grün für Inhalt, so wie sie das in der Neunten gelernt haben. Lena hat ein System. Lena hat für alles ein System.
Jana müsste jetzt auch unterstreichen. Stattdessen denkt sie: Das könnte man auch über uns schreiben. Über genau diesen Raum. Und dann schreibt sie es einfach. Hinten ins Heft, da, wo die Spanisch-Vokabeln stehen, die sie nie gelernt hat.
Das Mädchen sitzt in Raum 204. Dritte Stunde. Der Lehrer sagt: Lest mal in Ruhe. Das sagt er immer. Danach sagt er: Was fällt euch auf? Das Mädchen weiß, wer sich meldet. Zuerst Lena. Dann Timo, der nur was sagt, wenn es um Fußball geht oder um Noten.
- Lena ist die Gegenfigur: Sie arbeitet die Aufgabe ab, Jana macht etwas Eigenes daraus.
— - Der kursive Text ist Janas Nachahmung – mit allem, was Berg ausmacht: kurze Sätze, Wiederholung („Das sagt er immer“), Vorhersehbarkeit.
3. Die Stunde läuft genau so, wie Jana sie aufgeschrieben hat
Jana guckt hoch. Lena meldet sich. Jana muss fast lachen. Okay, das ist jetzt kein Kunststück, Lena meldet sich immer. Herr Brandt nickt ihr zu und schreibt „Wiederholung“ an die Tafel, darunter „kurze Sätze“. Jana schreibt weiter.
Das Mädchen könnte die Stunde jetzt schon zu Ende erzählen. Tafelbild. Hausaufgabe. Klingel. Sie überlegt, was passiert, wenn sie einfach aufsteht und geht. Nicht weit. Nur raus. Barfuß wäre übertrieben. Es ist Oktober.
Das mit dem Oktober findet sie gut. So einen Satz würde Berg auch schreiben, glaubt sie. Trocken. Sie merkt, dass sie grinst, und hört sofort damit auf, weil Grinsen in Deutsch verdächtig ist.
- Witzig: An der Tafel steht genau das, was Jana gerade selbst anwendet – „Wiederholung“, „kurze Sätze“. Die Analyse der Klasse und Janas Schreiben laufen parallel.
— - „Barfuß wäre übertrieben. Es ist Oktober.“ – Jana zitiert Bergs Ausbruch und holt ihn sofort auf den Boden ihrer Wirklichkeit zurück.
4. Timo hat recht – nur anders, als er denkt
Herr Brandt fragt: „Und warum erzählt Berg das so knapp? Was macht das mit uns als Lesern?“
Timo sagt: „Damit es schneller vorbei ist.“ Ein paar lachen. Herr Brandt lacht auch, kurz, so wie Lehrer lachen, wenn sie einen Witz gut finden, aber nicht zu gut. Eigentlich hat Timo recht, denkt Jana. Nur anders, als er denkt.
Der Lehrer ist nett. Das ist das Problem. Bei einem netten Lehrer kann man sich nicht mal richtig langweilen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
Den Satz streicht sie durch. Dann schreibt sie ihn noch mal darunter. Er stimmt halt.
- Timos Witz trifft etwas Wahres: Die Knappheit lässt die Zeit schneller vergehen – für den Leser, nicht für die Figur.
— - Der Satz über den netten Lehrer ist der ehrlichste der Geschichte – und der gefährlichste. Dass Jana ihn erst durchstreicht und dann doch stehen lässt, bereitet den Schluss vor.
5. Ein Schatten auf dem Heft – und zum ersten Mal nicht „wie immer“
Dass es leise geworden ist, merkt sie erst, als ein Schatten auf ihr Heft fällt.
Herr Brandt steht neben ihr. Er hat dieses Gesicht, das Lehrer haben, wenn sie noch nicht entschieden haben, welches Gesicht sie machen. Lena hört auf zu unterstreichen. Timo dreht sich um. Natürlich dreht Timo sich um.
„Darf ich?“, fragt Herr Brandt. Das ist keine Frage. Er nimmt das Heft.
Jetzt liest er den Satz mit dem netten Lehrer, denkt Jana. Sie hätte ihn durchgestrichen lassen sollen.
Er liest. Ziemlich lange für eine halbe Seite.
Jana sitzt da und weiß zum ersten Mal in dieser Stunde nicht, was als Nächstes passiert.
- Der Schluss ist ein bewusstes Echo auf Berg: Den ganzen Tag war alles vorhersehbar – jetzt zum ersten Mal nicht.
— - Das Ende bleibt offen. Was Herr Brandt tut, entscheidet ihr.
Jetzt seid ihr dran: Wie geht es weiter?
Zu Variante 1 – Jonas an der Bushaltestelle:
- Steigt Jonas ein? Und wenn nicht – was macht er dann?
— - Wird es ein stiller Ausbruch wie bei Berg – oder einer mit Folgen?
Zu Variante 2 – Jana in Raum 204:
- Wie reagiert Herr Brandt? Schimpft er, ignoriert er es – oder wird er neugierig?
— - Was sagen Jana, Lena und Timo hinterher auf dem Weg in die Pause? Schreibt das kurze, lebhafte Gespräch.
Unser Tipp: Bleibt beim Ton. Kurze Sätze, keine Gefühlswörter, lieber zeigen als erklären. Dann wird eure Fortsetzung auch eine kleine Dankadresse an Sibylle Berg.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Nachahmen erlaubt – Kreativität im Deutschunterricht (Überblick)
https://schnell-durchblicken.de/nachahmen-erlaubt-kreativitaet-im-deutschunterricht-mat6256
Die Einstiegsseite zum Thema – mit allen unseren Nachahmungs-Beispielen. - Sibylle Berg, „Alles wie immer“
https://textaussage.de/sybille-berg-alles-wie-immer
Das Vorbild für unsere Nachahmungen – mit Deutung und Vergleichstexten. - Sibylle Berg, „Vera geht ins Büro“
https://textaussage.de/sibylle-berg-vera-geht-ins-buero
Die Schwestergeschichte mit fast derselben Szene. - Wie ahmt man den Schreibstil eines Autors nach?
https://textaussage.de/wie-ahmt-man-den-schreibstil-eines-autors-nach-beispiel-tauben-im-gras
Die Methode der Stil-Nachahmung allgemein erklärt. - Kreatives Schreiben im Deutschunterricht
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