Schnell erkennen, worum es geht ...

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Szenenanalyse: Tipps zur Einordnung einer Szene in das gesamte Drama

Das Problem der Einordnung der einzelnen Szene

Bei der Analyse der Szene eines Dramas spielt die Einordnung in den Gesamtzusammenhang eine große Rolle. Am wichtigsten ist dabei die Klärung der Voraussetzungen, also der Dinge aus dem bisherigen Verlauf, die in der „akuten“ Szene von Bedeutung sind.

In einem anderen Video sind wir schon darauf eingegangen, welche Rolle dabei sogenannte Momente, also einwirkende Kräfte spielen und wie man sie findet.
https://youtu.be/7oC33GWDXXE

In diesem Video geht es um die praktische Frage, wie man in einer Klassenarbeit oder Klausur möglichst schnell alles zusammen hat, was man für diesen Aufgabenteil braucht.

Das Video selbst ist  hier zu finden:
https://youtu.be/JIiDZ2U8kzY

Die Dokumenation zum Video kann hier heruntergeladen bzw. angeschaut werden:

Mat2028-Tipps zur Einordnung einer Szene

Timeline des Videos:

0:00 Thema
0:26 Überblick
1:31 Auswahl aus Liste
5:39 Früheres Video
6:56 Schaubild-Überblick
8:28 ausführliche Variante
8:50 Dokumentation

Die Lösung: gezielte Vorbereitung mit einem hilfreichen Schaubild

Wir schlagen vor, sich im Rahmen der Vorbereitung die letzte Szene vorzunehmen und von dort aus eine Liste der Momente aufzustellen. Dabei kann es durchaus sein, dass es verschiedene Stränge gibt, je nachdem welches Teilthema des Dramas in der zu untersuchenden (also „akuten“) Szene gerade eine Rolle spielt.

Beispiel:  Das Theaterstück „Terror“

Wir nehmen dieses Beispiel, weil es vergleichsweise einfach aufgebaut ist.

Es geht nur um einen einzigen Konflikt, nämlich die Frage, ob jemand, der in einer Notsituation wenige Menschen tötet, um viel mehr zu retten, vor Gericht wirklich mit einem Mordvorwurf konfrontiert werden kann – mit der entsprechenden Strafe.

In dem Theaterstück geht es um die Entführung einer Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord, die als Waffe gegen ein großes Stadion eingesetzt werden soll, in dem sich 70.000 Menschen befinden.

Ein Pilot, der den Auftrag hat, die Maschine abzudrängen, muss einsehen, dass das nicht möglich ist. In letzter Sekunde entscheidet er sich, diese Maschine gegen eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, der sich der zuständige Verteidigungsminister anschließt, doch abzuschießen. Vor Gericht sieht er sich mit dem Vorwurf des Mordes an 164 Menschen konfrontiert.

Zur Vorbereitung des Urteils wird er selbst vernommen und einem intensiven Verhör durch die Staatsanwältin ausgesetzt. Außerdem gibt es die Einlassung seines Verteidigers, der stellvertretend für den Piloten dessen Sicht der Dinge deutlich macht. Dazu kommen zwei Zeugenaussagen, eines leitenden Beamten im zuständigen Kontrollzentrum und der Witwe eines Absturzopfers, und schließlich die Schlussplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.

Das Stück ist so angelegt, dass die Zuschauer, die als Schöffen betrachtet werden, sich ein eigenes Urteil bilden sollen. Sie können die eigene Entscheidung dann an Hand von zwei gegensätzlichen Urteilen überprüfen.

Übersicht über die dramatische Entwicklung

  1. Die einführende Ansprache des Vorsitzenden Richters macht das Spannungsverhältnis deutlich zwischen dem Gericht als „Bühne“ (S. 8) und dem Hinweis darauf, dass der Angeklagte auch als „Mensch“ (S. 9) zu betrachten sei. Auf jeden Fall wird auch der Ernst der Lage deutlich, denn es gehe darum, „Unordnung wieder in Ordnung zu bringen.“
  2. Die Verlesung der Anklageschrift macht dann die eine Seite ganz deutlich, nämlich die Einschätzung des Verhaltens des Angeklagten als „Verbrechen des Mordes“ (S. 15) an immerhin 164 Menschen.
  3. Der Verteidiger weist diese Einschätzung für den Angeklagten mit dem Hinweis zurück, dass mit dem Einsatz von Passagierflugzeugen als Waffe eine neue Situation entstanden sei, auf die auch mit einem Abschuss zu reagieren, das Bundesverfassungsgericht mit Hinweis auf die Gleichwertigkeit eines jeden Lebens untersagt hat. Demgegenüber habe der Angeklagte „Mut und die Kraft zu handeln“ (S. 19) bewiesen und sei nicht zu verurteilen.
  4. Das Verhör des Zeugen Lauterbach macht dann deutlich, dass unter den Soldaten eine Mehrheit in einem solchen Fall für einen Abschuss sei. Die Staatsanwältin sieht keine Grundlage für einen „übergesetzlichen Notstand“ und fragt, ob das Ganze möglicherweise als Wette behandelt worden sei. Deutlich wird zudem, dass an eine Räumung des Stadions nicht einmal gedacht worden sei, was die Entscheidungssituation für den Angeklagten deutlich verschärft habe.
  5. Beim Verhör des Piloten durch die Staatsanwältin prallen die gegensätzlichen Auffassungen unvereinbar aufeinander. Koch macht einen Punkt, indem er auf die Gefahr verweist, dass die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts Terroristen ermutigen könnte bzw. es ihnen besonders leicht mache, viele Menschen zu töten. Während die Staatsanwältin ihm vorwirft, sich wie eine Art Gott über Menschen zu stellen, verweist der Soldat auf seinen Eid, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Sein Zögern bei der Frage nach seinem Verhalten bei persönlicher Betroffenheit ist menschlich verständlich, schwächt aber seine Position.
  6. Die Vernehmung der Zeugin Meiser nimmt diese persönliche Betroffenheit auf und stärkt damit zumindest emotional die Position der Staatsanwältin, dass jedes Leben zählt und man es nicht einfach verkürzen dürfe.
  7. Das Plädoyer der Staatsanwältin nimmt die zentralen Argumente noch mal auf (Bundesverfassungsgericht, jedes Leben zählt), macht es sich aber zu leicht mit der völligen Ablehnung eines übergesetzlichen Notstandes. Vor allem schwächelt sie bei der Schwarzweißmalerei von Unschuld oder Schuld an Massenmord.
  8. Das Plädoyer des Verteidigers setzt genau bei diesem Verhältnis von Prinzipien und realen Fällen an und zeigt eine Lösung des Dilemmas auf: Dabei kann ein Mensch eigenverantwortlich entscheiden, muss sich aber der Überprüfung stellen, das Urteil kann dann allerdings mildernde Umstände berücksichtigen gegenüber dem kategorisch-einseitigen Mordvorwurf der Staatsanwältin. Außerdem wird noch einmal der Schwachpunkt der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in einer Situation deutlich gemacht, die eigentlich Krieg bedeutet.

Dramatische Entwicklung als rückblickende Liste von „Einflusskräften“

  1. Die einführende Ansprache des Vorsitzenden Richters hat deutlich gemacht,
    1. dass es sich bei dem Prozess zum einen um eine „Bühne“ (S. 8) handelt, auf der der Fall öffentlich verhandelt wird.
    2. Andererseits soll der Angeklagte auch als „Mensch“ (S. 9) betrachtet werden.
    3. Das höchste Ziel aber ist, „Unordnung wieder in Ordnung zu bringen.“
  2. Die Verlesung der Anklageschrift hat dann die eine Seite ganz deutlich gemacht,
    1. nämlich die Einschätzung des Verhaltens des Angeklagten als „Verbrechen des Mordes“ (S. 15) an immerhin 164 Menschen.
    2. Damit bleibt kein Raum für die Besonderheit dieses Falles und die Frage von mildernden Umständen.
  3. Der Verteidiger hat diese Einschätzung für den Angeklagten mit dem Hinweis zurückgewiesen,
    1. dass mit dem Einsatz von Passagierflugzeugen als Waffe eine neue Situation entstanden sei,
    2. in der der Angeklagte „Mut und die Kraft zu handeln“ (S. 19) bewiesen habe und deshalb nicht zu verurteilen sei.
  4. Das Verhör des Zeugen Lauterbach hat deutlich gemacht,
    1. dass unter den Soldaten eine Mehrheit in einem solchen Fall für einen Abschuss sei.
    2. Die Staatsanwältin sieht keine Grundlage für einen „übergesetzlichen Notstand“
    3. und fragt, ob das Ganze möglicherweise als Wette behandelt worden sei.
    4. Deutlich wird zudem, dass an eine Räumung des Stadions nicht einmal gedacht worden sei, was die Entscheidungssituation für den Angeklagten deutlich verschärft hat.
  5. Beim Verhör des Piloten durch die Staatsanwältin sind die gegensätzlichen Auffassungen unvereinbar aufeinandergeprallt.
    1. Koch hat einen Punkt gemacht, indem er auf die Gefahr verweist, dass die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts Terroristen ermutigen könnte bzw. es ihnen besonders leicht mache, viele Menschen zu töten.
    2. Die Staatsanwältin hat ihm vorgeworffen, sich wie eine Art Gott über Menschen zu stellen.
    3. Dem gegenüber hat Koch als Soldat auf seinen Eid verwiesen, Schaden von der Bevölkerung abzuwenden.
    4. Sein Zögern bei der Frage nach seinem Verhalten bei persönlicher Betroffenheit ist menschlich verständlich, hat aber seine Position geschwächt.
  6. Die Vernehmung der Zeugin Meiser
    1. hat diese persönliche Betroffenheit aufgenommen
    2. und damit zumindest emotional die Position der Staatsanwältin gestärkt, dass jedes Leben zählt und man es nicht einfach verkürzen dürfe.
  7. Das Plädoyer der Staatsanwältin hat dann das zentrale Argument der Anklage noch mal aufgenommen:
    1. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass jedes Leben gleich zähle.
    2. Geschwächt hat sie ihre Position allerdings mit der völligen Ablehnung eines übergesetzlichen Notstandes.
  8. Das Plädoyer des Verteidigers
    1. setzt genau bei diesem Missverhältnis von Prinzipien und realen Fällen an
    2. und zeigt eine Lösung des Dilemmas auf:
      Dabei kann ein Mensch eigenverantwortlich entscheiden, muss sich aber der Überprüfung stellen, das Urteil kann dann allerdings mildernde Umstände berücksichtigen gegenüber dem kategorisch-einseitigen Mordvorwurf der Staatsanwältin.
    3. Außerdem wird noch einmal der Schwachpunkt der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in einer Situation deutlich gemacht, die eigentlich Krieg bedeutet.

Kurz-Übersicht: Liste von „Einflusskräften“ im Drama

  1. Einführung durch Vorsitzenden Richter
    1. „Bühne“ (S. 8)
    2. „Mensch“ (S. 9)
    3. „Unordnung wieder in Ordnung zu bringen.“
  2. Die Verlesung der Anklageschrift
    1. „Verbrechen des Mordes“ (S. 15) an 164 Menschen.
    2. kein Raum für Besonderheit des Falles und mildernde Umständen.
  3. Verteidiger: Zurückweisung im Sinne des Angeklagten
    1. Passagierflugzeug als Waffe = neue
    2. Braucht „Mut und die Kraft zu handeln“ (S. 19)
    3. Nicht zu verurteilen
  4. Verhör des Zeugen Lauterbach:
    1. Soldaten:  Mehrheit für einen Abschuss
    2. Staatsanwältin: keine Grundlage für einen „übergesetzlichen Notstand“
    3. Kritische Frage: „Wette“?
    4. Nichträumung des Stadions = Verschärfung der Entscheidungssituation
  5. Verhör des Piloten durch die Staatsanwältin
    1. Koch: Bundesverfassungsgericht – ermutigt Terroristen
    2. Staatsanwältin; Koch verhält sich wie eine Art Gott
    3. Koch: Verweis als Soldat auf seinen Eid (Schutz)
    4. Problem: Frage nach Frau und Kind -> Zögern
  6. Zeugin Meiser als Witwe eines der Opfer
    1. persönliche Betroffenheit
    2. stärkt damit die Position der Staatsanwältin
  7. Plädoyer der Staatsanwältin:
    1. Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts: absoluter Wert des Lebens
    2. Schwach: Ablehnung eines übergesetzlichen Notstandes.
  8. Plädoyer des Verteidigers
    1. Missverhältnis von Prinzipien und realen Fällen
    2. Lösung des Dilemmas: Eigenverantwortung und dann ggf. mildernde Umstände
    3. These: Terror ist Krieg -> anderes „Handeln“ nötig als BVG

 

 

 

Analyse einer Rezension zu dem umstrittenen Roman „Nichts“ von Janne Teller

  • Im Jahre 2000 erschien in Dänemark von Janne Teller ein Roman mit dem Titel „Intet“, der später auch ins Deutsch übersetzt und im Hanser-Verlag im Jahre 2010 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ veröffentlicht wurde.
  • Dazu erschien am 24.08.2010 eine Rezension von Sylvia Schwag, die man im Online-Archiv des Deutschlandfunks Kultur auf der folgenden Seite finden kann:
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-faszination-der-grausamkeit.950.de.html?dram:article_id=139077
  • Im Folgenden wird gezeigt, wie man eine solche Rezension wie jeden anderen Sachtext analysieren kann.
  1. In einem ersten Schritt stellt man das Objekt vor, nämlich die Rezension und ihren Bezugspunkt, den Roman der dänischen Schriftstellerin sowie schließlich die Übersetzung.
  2. Zur Vorstellung gehört normalerweise auch die Angabe des Themas, aber bei einer Rezension kann man eigentlich mit dem Hinweis begnügen, dass hier ein Roman in seinem Kontext von der Rezensentin vorgestellt wird. Allerdings kann es sinnvoll sein, den einen oder anderen zentralen Aspekt als Fragestellung mit hinzuzunehmen. In diesem Falle geht es um die Frage, ob ein Roman, der sich mit einem sehr extremen Experiment unter jungen Menschen beschäftigt, als Schullektüre geeignet ist.
  3. Anschließend wird die Struktur des Sachtextes, in diesem Falle der Rezension, erläutert:
    1. Eingestiegen wird mit dem Hinweis auf die Umstrittenheit des Romans, aus der zur Zeit der Rezension ein großer Erfolg geworden sei.
    2. Im nächsten Schritt wird der Inhalt kurz vorgestellt. Zunächst die Selbst-Absonderung des Schülers Pierre Anthon, der seine Mitschüler provoziert. An dieser Stelle hätte man gerne etwas genauer erfahren, was es mit den „kernigen Sprüchen“ auf sich hat. Ansatzweise erfährt man das, wenn darauf hingewiesen wird, dass die Mitschüler Pierre als „zynischen Nihilisten“ sehen, also an einen Menschen, der an nichts glaubt, der auch nirgendwo etwas sieht, was einen wirklichen Wert hat. Früher hätte man gesagt: Nihilisten sind Leute, denen nichts heilig ist.
    3. Anschließend geht es um die Reaktion der Mitschüler, die Pierre beweisen wollen, dass es doch Dinge gibt, die einem etwas bedeuten. Das führt dazu, dass jeder etwas opfern soll, was für ihn wertvoll ist. Die Rezensentin verweist darauf, dass dieses Experiment beginnt zu „eskalieren“, also gewissermaßen rote Linien übersteigt, etwa, wenn „Sofie ihre Unschuld und Johan seinen Zeigefinger einbüßt“.
    4. Schließlich wird noch der Ausgang der Geschichte kurz vorgestellt. Die Rezensentin stuft das Ganze als „das gespenstische Komplott“ ein, das „endlich auffliegt“. Als Gipfel einer schrecklichen Entwicklung wird darauf hingewiesen, dass sich die „Presse und der Kunstmarkt“ auf den Fall stürzen, ihn also für ihre Zwecke ausnutzen. Sehr zurückhaltend, aber in der Sache wohl eindeutig, wird als Endergebnis feststellt, dass alle Jugendlichen ihren Glauben an irgendeine Bedeutung verlieren – und Pierre sein Leben.“ Besonders die sarkastische Schlussbemerkung lässt – typisch für eine Rezension – doch etwas Wesentliches offen. Denn eine Rezension soll ja die Lektüre nicht ersetzen, sondern sie ermöglichen und im Idealfall auch fördern.
  4. Nach dem Inhalt geht es um das Thema und die Intentionalität, also das Aussagepotential des Romans: Die Rezensentin formuliert als Themafrage die nach der Bedeutung von Dingen für Menschen.  In dem Zusammenhang wird der Autorin des Romans zuerkannt, dass sie „kompromisslos“ diese Fragen stellt. Die Idee der Schüler wird charakterisiert als der Versuch über den Zwang, persönlich Bedeutsames herzugeben, ihrem Mitschüler zu widersprechen, weil sich so ja Bedeutsames anzuhäufen scheint. Deutlich ist in diesem Zusammenhang die Klärung der Kernaussage des Romans, dass die Schüler „in ihrer blinden Bestialität“ gerade das Gegenteil erreicht haben, nämlich die Zerstörung von „Menschlichkeit. Vertrauen, Zuneigung“.
  5. Im nächsten Schritt wendet sich die Rezensentin dem Versuch zu, die Eigenart des Romans zu bestimmen: Sie versteht ihn als „Parabel über Mut und Feigheit, über den Sog und die Faszination von Grausamkeit, über die Verführbarkeit durch Ideologien und die Suche nach dem Sinn des Lebens“. Das Kernproblem wird also unter mehreren Aspekten erfasst: Es geht um negative Kräfte, die von außen die Integrität von Menschen bedrohen, vor allem um die Kraft von Ideologien dann um die Frage, wie man dem begegnen kann, und schließlich darüber hinaus ganz allgemein um eine Suche, die den Alltag der Existenz übersteigt.
  6. Im nächsten Schritt geht es dann um die sprachliche und erzählerische Umsetzung der Intention. Hier vergleicht die Rezensentin diesen Roman mit Morton Rhues „Die Welle“ oder William Goldings „Herr der Fliegen“. Als Gemeinsamkeit stellt sie fest, dass all diese Romane dem Leser das Gefühl geben, „einem hochexplosiven Experiment zuzusehen“. In diesem Zusammenhang erst wird die Ich-Erzählerin Agnes erwähnt, die das Geschehen „mit so abstruser Präzision und kalter Logik, so gleichgültig wie gnadenlos“ präsentiert, „dass sich unter fast jedem Satz ein moralischer bzw. menschlicher Abgrund auftut.“ Das ist so gut formuliert, dass es für sich selbst wirken kann. Vor allem aber sind auch solche Feststellungen Anreize, sich selbst davon durch die Lektüre ein Bild zu machen.
  7. Der Schluss der Rezension wendet sich wieder der Ausgangsfrage zu und geht gewissermaßen zum Gegenangriff gegen die Kritiker mit Hinweis auf die Unzumutbarkeit über. Für die Rezensentin ist dieser Roman „vielleicht besser zuzumuten als Erwachsenen“.  Als Begründung wird angegebene, dass junge Menschen „meist aufrichtiger sind und eher bereit, sich in Frage zu stellen“.
  8. Damit hat man auch schon einen Punkt für eine mögliche kritische Erörterung dieser Position. Dabei muss natürlich im Auge behalten werden, dass man das nur auf Grund dessen beurteilen kann, was die Rezensentin präsentiert.
  9. Ganz am Ende bekommt man noch den Hinweis auf drei verschiedene Betrachtungsmöglichkeiten des Romans, die ihn zugleich mit bestimmten Bereichen der Wissenschaft in Verbindung bringen. Für sie kann das Buch „als philosophische, psychologische oder soziologische Studie“ verstanden werden. Ergänzt wird das um die Möglichkeit, den Roman auch als „literarische Provokation“ zu begreifen.
  10. Sie selbst schließt mit der Annahme, dass niemand das Buch „unberührt“ „aus der Hand legen“ werde. Letztlich wird dadurch ausgedrückt, dass hier etwas geboten wird, was Menschen nicht nur an der Oberfläche trifft. Auch das ist ein guter Impuls für klärendes Selbst-Lesen.
  11. Insgesamt eine relativ kurze Rezension, die aber sehr gut die Thematik deutlich macht, den Roman einordnet und auf vielfältige Weise zum Lesen anregt. Damit erfüllt sie in vorbildlicher Weise das, was von einer Rezension erwartet werden kann.

 

Kurz und „verbindlich“: Wie geht man mit Bildquellen um?

Wie geht man am besten bei der Interpretation von Bildern als Quellen vor?

  1. Grundsätzlich gilt für Bilder das Gleiche, was auch für die Interpretation aller anderen Quellen gilt. Allerdings spielt die Frage der Gattung eine ganz eigene Rolle: Es muss nämlich unterschieden werden zwischen Gemälden, die in besonderer Weise durch einen Künstler gestaltet wurden, und Fotos, die zumindest so tun, als wären es Schnappschüsse. Häufig sind sie auch regelrecht inszeniert. Aber was die Kamera abgelichtet hat, hat zumindest einmal in genau dieser Form vor ihr gelegen oder gestanden. Eine besonders interessante Gattung sind Karikaturen, die man auch als Satire in Bildform bezeichnen könnte und entsprechend behandeln sollte.
  2. Wie bei jeder anderen Quelleninterpretation auch, sollte neben der Gattung auch auf alle anderen wichtigen Elemente des Entstehungskontextes eingegangen werden. Wer ist der Maler bzw. der Fotograf? Wann ist das Bild wo entstanden? Gibt es einen Auftraggeber oder ein besonderes Interesse an der Entstehung?
  3. Ganz entscheidend ist auch bei Bildern die genaue Aufnahme der Details und ihres Verhältnisses zueinander. Aus praktischen Gründen kann man zunächst einen allgemeinen Überblick, möglichst gut geordnet (z.B. vom Vordergrund zum Hintergrund), geben. Im Einzelnen kann man hier auf Formen und Farben, Gegenstände, Personen und ihre Beziehungen zueinander eingehen.
  4. Anschließend sollten die wichtigsten Details aber auch noch genauer erläutert Was genau ist dargestellt? Was bedeutet es an dieser Stelle? So sind rauchende Schornsteine im 19. Jahrhundert unter Umständen auch ein Zeichen für wirtschaftliche Dynamik.
  5. In einem letzten Schritt kommt man zur Auswertung des Bildes oder Fotos – entweder ganz allgemein im Hinblick auf die Zeit, in der und für die es steht. Es kann aber auch schon eine voreingestellte Frage sein, auf die das Bild seine eigene Antwort gibt.

Anmerkungen zu der Kurzgeschichte „Familienbande“ von Julio Cortázar

Thema und Aussagen der Kurzgeschichte „Familienbande“

1. Thema der Geschichte [erst nach der Lektüre einfügen, wenn man die Geschichte verstanden hat!!! Deshalb fügen wir unseren Vorschlag am Schluss an.]



2. Direkter Einstieg: Wer sind „sie“?
Warum „hassen“ sie eine Tante, über die man auch nichts weiter erfährt, was die Beziehungen in der Geschichte angeht?
3. „Ferien“ wird genutzt, um zu „Ansichtskarten“ überzugehen, „voller Beleidigungen“ hängt mit „hassen“ zusammen und stellt eine Auswirkung dar.
4. Sehr schön ist der Kontrast zwischen den Briefträgern, die einen „Wutanfall“ bekommen, und der Feststellung, dass die Tante „glücklich“ ist, wenn sie die Karten bekommt, ja sie ist sogar „entzückt“.
5. Anschließend wird beschrieben, wie die Tante den Umgang mit den Karten in ihren Alltag integriert.
a. Sie „steht früh auf“
b. „Sie liest die Karten,
c. bewundert die Fotografien
d. und liest noch einmal die Grüße.“
e. „Abends holt sie ihr Album mit Andenken hervor
f. und ordnet sehr sorgfältig die Ernte des Tages“
6. Erstaunlich, dass sie die Absender, die sie doch auf jeder Karte beleidigen, als „Die Lieben“ bezeichnet.
7. Hier liegt wohl der Schlüssel der Kurzgeschichte, denn die Tante konzentriert sich nicht auf das Negative, sondern auf das für sie Positive, nämlich, dass man sich überhaupt so viel mit ihr beschäftigt.
8. Dahinter kann man die Lebensweisheit vermuten, dass auch Hass letztlich eine enge Beziehung bedeutet – und die wird anscheinend in diesem Falle als wichtiger empfunden als die Art und Weise, wie sie sich zeigt.
9. Am Ende dann die Wende: Es wird beschrieben, dass die Tante die Karten so feststeckt, dass sie dabei „die Nadeln immer in die Unterschriften sticht“.
10. Auf jeden Fall ist das etwas Negatives, denn mit dem Namen sind am ehesten die Personen verbunden.
11. Offensichtlich hat die Tante ein doppeltes Gefühl, sie freut sich über die „Zu-Wendung, wenn man das mal wörtlich nimmt, gleichzeitig macht sie aber auch deutlich, dass die negativen Gefühle auch in die Gegenrichtung gehen, was die konkreten Mitglieder der „Familienbande“ angeht.
12. Damit wird der Begriff auch sehr schön aufgenommen in seiner Doppeldeutigkeit: Zum einen heißt es Bindung, zum anderen eben auch, einer sehr problematischen Gruppe anzugehören.

13. Man könnte prüfen, inwieweit dieser Umgang mit den Namen etwas mit Voodoo-Zauber zu tun hat, bei dem ja auch in eine Stellvertreterpuppe eines Menschen hineingestochen wird, um ihm Schaden zuzufügen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Voodoo

Hier wird es jetzt interessant, etwas über den Verfasser zu erfahren:

In dem Wikipedia-Artikel wird „Julio Florencio Cortázar (* 26. August 1914 in Brüssel; † 12. Februar 1984 in Paris)“ als „argentinisch-französischer Schriftsteller und Intellektueller“ vorgestellt und als „einer der bedeutendsten Autoren der phantastischen Literatur.“
Besonders interessant ist der Hinweis auf die Eigenart seines Schreibens:
„Da seine Texte die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ausloten, werden sie mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht. Laut seiner eigenen Tunnel-Theorie verwendet Cortázar jedoch lediglich homöopathisch dosierte surrealistische Elemente, um damit die Grenzen der alltäglichen Realität zu sprengen.“

Inwieweit handelt es sich um eine Kurzgeschichte?

Das lässt sich sehr gut an dieser Kurzgeschichte zeigen.
Denn eine Kurzgeschichte ist es auf jeden Fall:
a. Es gibt einen direkten Einstieg.
b. Die Handlung konzentriert sich auf ein Details des Alltags dieser Familie und besonders der Tante.
c. Einen Wendepunkt gibt es eigentlich nur beim Leser, denn der glaubt lange Zeit, diese Tante sei entweder ein echter guter Mensch, der alles liebevoll erträgt, oder aber er nimmt an, dass diese Tante nur das Positive sieht. Am Ende wird dann deutlich, dass es von Anfang an um eine doppelgleisige Beziehung in dieser Familie gegangen ist.
16. Diskutieren kann man zum einen den Umgang mit negativen Gefühlen oder Handlungen, die einem entgegenschlagen: Kann man wirklich dann nur das Positive sehen, nämlich die Aufmerksamkeit?
17. Oder aber man konzentriert sich auf das Phänomen der Hass-Liebe.
Dazu kann man sich zum Beispiel auf der folgenden Seite einer Ärztin informieren:
https://www.medizin-im-text.de/blog/2016/18457/hassliebe/

Nachtrag zum Thema:

Die Geschichte behandelt die Frage, wie man mit Hass umgehen kann, der einem in einer Familie entgegenschlägt.

Weiterführende Hinweise

John F. Kennedys Ich-bin-ein-Berliner-Rede als Beispiel für Rede-Analyse

Wofür wir Kennedys Rede von 1963 verwenden

Im Folgenden wollen wir zeigen, wie wir unser allgemeines Modell der Analyse von Texten auf eine berühmte Rede anwenden können.

Zunächst das allgemeine Modell der Analyse und Interpretation

  1. Klärung der Gattung
  2. Angabe von Titel, Verfasser, Entstehungszeit
  3. Klärung des Themas – als Fragestellung
  4. Deutungshypothese:
  5. (äußere Form wie bei Gedichten = entfällt bei Sachtexten)
  6. Einteilung des Textes in Abschnitte
  7. Erläuterung der einzelnen Abschnitte:
  8. Zusammenfassung des Inhalts zu Aussagen (Intentionalität)
  9. Klärung der Mittel, mit denen die inhaltlichen Aussagen unterstützt werden
  10. Überleitung zur Interpretation:
    Auswertung des Textes: Bedeutung, Zusammenhänge
    Auseinandersetzung mit dem Sachtext

Anwendung auf die Rede von Kennedy

Wir gehen von der Fassung aus, die man auf der folgenden Seite findet:
https://www.berlin.de/berlin-im-ueberblick/geschichte/artikel.453085.php

Das Folgende wird noch gefüllt!

  1. Klärung der Gattung

  2. Angabe von Titel, Verfasser, Entstehungszeit

  3. Klärung des Themas – als Fragestellung

  4. Deutungshypothese:

  5. (äußere Form wie bei Gedichten = entfällt bei Sachtexten)

  6. Einteilung des Textes in Abschnitte

  7. Erläuterung der einzelnen Abschnitte:

  8. Zusammenfassung des Inhalts zu Aussagen (Intentionalität)

  9. Klärung der Mittel, mit denen die inhaltlichen Aussagen unterstützt werden

  10. Überleitung zur Interpretation:Auswertung des Textes: Bedeutung, Zusammenhänge,Auseinandersetzung mit dem Sachtext

 

Analysieren und interpretieren – was ist der Unterschied?

 

Zunächst ein Schaubild zum Unterschied

Keine eindeutige Definition

  1. Grundsätzlich sind die beiden Begriffe nicht eindeutig definiert und werden dementsprechend auch häufig für die gleiche Sache verwendet.
  2. Die Unterscheidung kann aber hilfreich sein. Beginnen wir mit der Analyse.
    1. am besten geht man vom allgemeinen Sprachgebrauch aus.
    2. Hier hilft die Chemie: Wenn man dort eine Substanz analysiert, zerlegt man sie in die Bestandteile und bestimmt diese.
    3. So ähnlich geht man auch bei der Analyse eines Textes vor:
      • Man bestimmt seine Eigenart und seinen Kontext,
        Beispiel: „Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine Kurzgeschichte von Ben Mustermann mit dem Titel „So schön können Geschichten sein“ aus dem Jahr 2014.
      • geht dann auf die Details ein im Hinblick auf Inhalt und Gestaltung.
        Beispiel: Die Geschichte beginnt mit einem Gespräch am Abendbrottisch, in dem der 15jährige Nick über den Deutschunterricht schimpft, weil er nicht weiß, was „das ganze ausgedachte Zeugs“ eigentlich soll.
        Sein Vater tut anschließend so, als würde er gar nicht darauf eingehen, indem er erzählt, was er angeblich am in der Firma erlebt hat. Das geschieht auf eine so anschauliche Weise, dass Nick richtig mitgerissen wird und am Ende feststellt: „Du erlebst wenigstens was – was wäre ich froh, wenn ich die Schule hinter mir hätte.“
        Der Höhepunkt der Geschichte ist dann der Satz des Vaters: „Du ich hatte heute eigentlich auch einen langweiligen Tag – erst als ich mir diese Geschichte ausgedacht …“ Besonders wirkungsvoll ist die lange Pause, die er an dieser Stelle macht, bis es bei Nick endlich Klick macht.
        Erst will er wütend werden, dann aber versteht er, warum sein Vater das gemacht hat.
      • Schließlich fragt man nach der Aussage bzw. der Intention des Textes.
        In diesem Falle zeigt die Geschichte zum einen, wie selten es in der Schule gelingt, Schülern ein wirkliches Verständnis von dem, was sie tun sollen, zu vermitteln.
        Zum anderen zeigt sie, welche Bedeutung die Fantasie hat und wie sehr sie das Leben bereichern kann.
      • Meistens wird jetzt noch einmal zusammenfassend geprüft, mit welchen sprachlichen Mitteln diese Aussage im Text unterstützt wird – etwa durch die eben angesprochene Pause oder vorher durch den scheinbaren Übergang zu einer realen Erlebnisgeschichte.
      • Damit ist die Analyse abgeschlossen. Jetzt beginnt der Bereich der Interpretation, auf den wir weiter unten eingehen.
    4. Das Besondere ist, dass hier eigentlich alle zum gleichen Ergebnis kommen müssten. Auf jeden Fall kann über unterschiedliche Ergebnisse diskutiert werden. Alles bezieht sich auf den Text selbst.
    5. Natürlich kann man auch analysieren, inwieweit die Kindheit des Autors oder seine politische Meinung in einem Gedicht oder einem Roman „durchscheinen“.

Nun zur Interpretation.

    1. Auch hier sollte man vom allgemeinen Sprachgebrauch ausgehen.
    2. Interpretieren heißt „auslegen“ – das ist ein altes Wort für das, was früher die Pfarrer mit der Bibel machten. Sie wendeten Textstellen aus ihr auf die aktuelle Situation der Gläubigen an.
    3. Das kann man auch mit einem Text machen. Wenn man ihn interpretiert, dann nutzt man die Ergebnisse der Analyse, um sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
    4. Bei unserer kleinen ausgedachten Beispiel-Kurzgeschichte wäre ein solcher Zusammenhang zum Beispiel die Frage, inwieweit die Geschichte hilft, Probleme des Deutschunterrichts in der Schule zu verstehen, vielleicht auch Lösungen für Verbesserungen zu finden. Oder aber man nutzt die Geschichte, um ein tieferes Verständnis von Literatur zu erreichen und fragt von daher dann auch nach anderen „Vorteilen“ von Literatur.
    5. Häufig kann man von der Literatur aus auch übergehen zu grundsätzlichen philosophischen Fragen: Das kann man schön am Beispiel von Kafka zeigen. Dessen kurze Geschichten sind so fremdartig, seltsam, dass man sie zum Beispiel einfach als Bild für die Existenz des Menschen nehmen kann. Andere interpretieren sie in einem, religiösen Zusammenhang – die einen beziehen sie auf das Christentum, andere auf das Judentum – und sicher kann man Texte von Kafka auch in einen islamischen Zusammenhang stellen.
    6. Noch eine Ergänzung:  Neben dieser „großen“ Interpretation gibt es noch die „kleine“. Die tauchtd auf, wenn man an schwierige Stellen kommt, die man nur mit dem Text nicht erklären kann. Dann muss man auf seine Erfahrung zurückgreifen – und die ist bei Menschen unterschiedlich. Dementsprechend unterschiedlich ist auch das Verständnis einer solchen Textstelle.

 

Also: Langer Rede kurzer Sinn:

    1. Es gibt keine verbindliche Definition.
    2. Es lohnt sich aber beide Begriffe zu unterscheiden.
    3. Die Analyse ist der erste Schritt des Umgangs mit einer Sache, im Deutschunterricht: mit einem Text. Man schaut ihn sich genau an, zerlegt ihn und bestimmt die Einzelheiten von Inhalt und Form.
    4. Die Interpretation geht dann über die Analyse hinaus und stellt ihre Ergebnisse in einen größeren Bedeutungszusammenhang.
    5. Wichtig ist: Bei der Analyse sollte eigentlich am Ende bei allen das gleiche Ergebnis stehen – ggf. nach längerer Auseinandersetzung 😉
    6. Bei der Interpretation hat man mehr Spielräume – bis hin zur Anwendung eines Textes auf das eigene Leben oder zum Beispiel das Leben der eigenen Gruppe (Schüler z.B.)

Weiterführende Hinweise 

Analyse eines Heiratsantrags aus Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“

Ein Heiratsantrag in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“

In Thomas Manns Roman „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ aus dem Jahre 1901 gibt es eine traurig-schöne Szene, in der der Geschäftsmann Grünlich einer Tochter aus der Familie der Buddenbrooks einen möglicherweise formvollendeten, ansonsten aber ziemlich schrägen Heiratsantrag macht, den Tony bzw. Antonie, wie sie richtig heißt, zunächst entschieden ablehnt, dann aus einer Art Mitleid heraus halb annimmt. Zumindest macht sich der zunächst abgewiesene Bewerber Hoffnungen, dass er mit der Zeit schon ans Ziel kommt. Immerhin weiß er den Vater Tonys aus geschäftlichen Gründen auf seiner Seite.

Ablauf der Handlung in der Episode

  1. Gleich zu Beginn der Episode präsentiert der Erzähler einen starken Kontrast: Da ist die „schlaff vor Ratlosigkeit“ am Fenster sitzende Tony – und an sie immer mehr heran drängt sich Grünlich, der sie „mit bewegter Stimme“ an ihr erstes Zusammentreffen erinnert – so romantisch, wie er es sehen möchte.
  2. Zu dem räumlichen Sich-Herandrängen kommt ein kommunikatives, indem er ihr rein sprachlich schon fast keinen anderen Ausweg als Zustimmung lässt.
  3. Tonys Reaktion wird vom Erzähler vor allem körpersprachlich dargestellt: Es ist von „ängstlich geöffneten Augen die Rede“, einem starren Blick auf eine Warze und auf Augen, „die so blau waren wie diejenigen einer Gans“.
  4. Es folgt eine eindeutige und klare Ablehnung, die allerdings nicht nur „rasch“, sondern auch „angstvoll“ vorgebracht wird, verbunden schon mit Tränen.
  5. Die Reaktion Grünlichs besteht aus einer Kombination aus Jammern und Vorwürfen. Sogar ein Ansatz von Beschimpfung mischt sich drunter, wenn er Tony – sicher zu Recht, aber hier nun wirklich nicht passend – ein „verwöhntes Mädchen“ nennt. Vor diesem Hintergrund ist das Versprechen, dass er sie „auf Händen tragen werde“ eher eine Drohung als eine Verheißung.
  6. So empfindet es wohl auch Tony, denn sie reagiert noch einmal sehr heftig und sagt auch überdeutlich: „Ich gebe Ihnen einen Korb, verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!…“
  7. Bei Grünlich führt das nur zu einer kurzzeitigen en räumlichen Distanzierung – dann kommt wieder ein Vorwurf, in diesem Falle die angebliche „Beleidigung“, die allerdings allein sein Problem ist.
  8. An dieser Stelle kommt es zu einer verhängnisvollen Wende: Tonys Kraft und Selbstbewusstsein sind erschöpft, ja sie bereut sogar, „so heftig gewesen zu sein“. Sie versucht es mit einer etwas gemäßigteren Formulierung, die Grünlich die Chance gibt, sich zurückzuziehen und in Ruhe seine ‚Wunden zu lecken.
  9. Der verhält sich aber ganz anders, fragt noch einmal nach, obwohl doch eigentlich alles klar ist. Tony macht dann möglicherweise den Fehler, ein „Leider“ nachzuschieben. Das nutzt Grünlich dann für eine völlig unangemessene Show, indem er mit „fürchterlicher Stimme“ ihren Namen ausruft, in „aufrichtig erzürnter und gebietender Haltung“ auftritt und dann plötzlich umschaltet auf ein Jammern und Klagen, das sich mit Erpressung verbindet. Immerhin behauptet er, dass er „vor Kummer sterben“ werde. Sicherheitshalber legt er ihr dann auch noch mögliche Worte in den Mund, die sie kaum in einem solchen Gespräch in der Form bejahen kann: „Ich verabscheue Sie -?“
  10. Diese Kombination aus Rührseligkeit, Brualität und Raffinesse funktioniert dann auch bei Tony, die „plötzlich in tröstendem Ton“ zu ihm spricht und sogar „Rührung und Mitleid“ empfindet.
  11. Der Erzähler schaltet eine längere erlebte Rede ein, in der sie das Verhalten Grünlichs als Ausdruck echter Liebe interpretiert, das ihn in ihrer Achtung steigen lässt.
  12. Als sie dann die völlig abwegige Frage „Sie wollen mich nicht töten?“ in „einem beinahe mütterlich-tröstenden Ton“ natürlich mit „Nein“ beantwortet, nutzt das der gewiefte Geschäftsmann gleich für den nächsten Übergriff, indem er aufspringt und damit zeigt, dass er nun so todesnah auch nicht gewesen ist, wird dann aber gleich wieder „ängstlich beschwichtigend“ und verschiebt alles auf die weitere Entwicklung.
  13. Zurück bleibt eine Tony, die „völlig verwirrt und erschöpft“ ist.

Auswertung der Episode

Die Episode zeigt:
  1. eine schon für Tony ungünstige Ausgangssituation, wenn sie „schlaff vor Ratlosigkeit“ das erwarten muss, was kommt,
  2. einen raffiniert agierenden Grünlich, der am Anfang einen auf Romantik macht, was aber wenig ehrlich wirkt. Schnell wird das mit rhetorisch geschicktem Drängen verbunden,
  3. später wird daraus noch eine Kombination aus Vorwürfen und grandiosen Versprechungen.
  4. Der Gipfel ist dann aber die Kombination aus Zorn und dem Versuch, Mitleid zu erregen.
  5. eine Tony, die zunächst nur mit Ängstlichkeit und Ansätzen von Abscheu reagieren kann – angesichts eines Mannes, der ihr in keiner Weise sympathisch erscheint,
  6. dann immer deutlicher wird bzw. werden muss
  7. und schließlich umkippt, weil sie auf Grünlichs Show hereinfällt und wirklich zu glauben beginnt, dass er sie liebt.
  8. Deutlich wird, dass diese junge Frau ernsthaft glaubt, dass das, was sie ganz allgemein in Trivialromanen nicht wirklich glaubt, jetzt vor ihr plötzlich wahr wird.
  9. Am Ende zeigt sich noch einmal die taktische Raffinesse dieses Mannes, der ein bisschen Einlenken, das aber eher aus Empathie und Taktgefühl, denn aus plötzlicher Zuneigung erfolgt, geschickt zu einem halben Sieg erklärt, auf dem man weiter aufbauen kann.
  10. Am schlimmsten ist aber wohl, dass Tony wirklich auf die Show des Mannes reinfällt und vor diesem Hintergrund ihre Meinung über ihn ändert, ihm zumindest etwas Achtung entgegenbringt. Das ist die Schneise, durch die dieser Grünlich gut bis zum Hochzeitsalter durchkommen kann.
  11. Gelungen ist die Kommunikation eher für Grünlich, der mit seinen taktischen Wendungen und Spielchen zumindest halb sein Ziel erreicht. Misslungen ist sie für Tony, der es nicht gelingt, ihre klare Ausgangsposition durchzuhalten.
  12. Symmetrisch ist die Situation nur potenziell, weil Grünlich Tonys Jawort braucht. In Wirklichkeit ist sie es nicht, weil hinter ihm Tonys Vater und seine Interessen stehen und zweitens Grünlich über mehr Mittel und Nervenstärke verfügt als die junge Frau, die eben nicht schon durch die Härten des Geschäftslebens gegangen ist.
  13. Als komplementär kann man die Kommunikation wohl kaum bezeichnen, weil Grünlich ja mit Tricks arbeitet, die Tony nicht durchschaut. Alles spricht dafür, dass sie am Ende alles geben wird und wenig bekommt.

Zur Rolle des Erzählers in der Episode

  1. Der Erzähler hält sich mit Kommentaren u.ä. zurück, hat aber hier eine wichtige Funktion, weil er die Körpersprache vor allem Tonys interpretiert: „ihre Hand, die schlaff war vor Ratlosigkeit“ (nonverbal).
  2. Später ist von „ängstlich geöffneten Augen“ die Rede oder davon, dass Tony „rasch und angstvoll“ (paraverbal) spricht. All das sind Interpretationen des Verhaltens von Tony, die zwar gut nachvollziehbar sind, aber den Leser auch genau dazu bewegen.
  3. Bei Grünlich heißt es, dass er mit dem „Ernst eines Mannes von Ehre und Entschluss“ (paraverbal) spricht – diese Kombination sagt auch viel aus und wirkt schon wie ein künstlerisches Mittel.
  4. Im Bereich der erlebten Rede („Mein Gott, musste gerade ihr dies begegnen …“) verschmilzt der Erzähler zumindest teilweise mit dieser bedrängten, was zugleich Leserlenkung im Sinne von Sympathie bzw. Mitgefühl bedeutet.
  5. Eine ähnlich enge Verbindung ist gegeben, wenn der Erzähler weiß, dass „Rührung und Mitleid“ in Tony aufsteigen.
  6. Die zweite Stelle mit erlebter Rede („Mein Gott, wie sehr musste er sie lieben …“) ist dann nur eine Variante personalen Erzählens. Hier wird der Erzähler sich kaum auf die gleiche Einschätzung einlassen.
  7. Interessant ist Grünlichs Verhalten am Ende: Ihm kann es gar nicht schnell genug gehen beim Verschwinden (nonverbal): „Er hatte sich rasch erhoben …“ Wahrscheinlich ist er froh, dass er dieses Gefecht zumindest zur Hälfte für sich entscheiden konnte.
  8. Sehr gut zusammengefasst wird Tonys Situation am Ende: „völlig verwirrt und erschöpft“ – so sehen mehr als halbe Verlierer aus.
  9. Insgesamt kümmert sich der Erzähler vor allem um die Beziehungsebene , die Appelle kommen meist von Grünlich und zwar in drängender Form. Für einen kritischen Leser bietet dieser Mann aber auch eine Menge Selbstkundgabe, vor allem, wenn es um den schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Gefühlsebenen geht. Die Sachebene tritt deutlich zurück, weil von Grünlich das meiste nur vorgespielt wird und Tony nur selten dazu kommt, ihre Sicht der Dinge vorzutragen.
  10. Einige Stellen zeigen zumindest ansatzweise, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Diese Stellen werden aber vor allem durch erlebte Rede gefüllt, die natürlich nur im Inneren von Tony stattfindet. Eine direkte Reaktion Grünlichs gibt es nicht, man kann nur ahnen, was in der Zeit in ihm vorgeht.

Was unterscheidet diesen Roman-Ausschnitt von einer Kurzgeschichte?

  1. Wenn wir das richtig sehen, wird dieser Romanausschnitt gerne eingesetzt, um die Kommunikation in ihm zu untersuchen.
  2. Spannend wird es jetzt aber erst so richtig, wenn man sich überlegt, ob Thomas Mann diesen Auszug auch hätte als Kurzgeschichte präsentieren können.
  3. Dagegen spricht der Anfang, bei dem zu wenig über die Vorgeschichte präsentiert wird, die wichtig wäre für ein optimales Verständnis des Textes. Deshalb wird dem Ausschnitt ja auch gerne ein entsprechender Info-Text vorangestellt. Der enthält dann zwei entscheidende Infos: Zum einen ist Grünlich ein Geschäftsmann – also jemand, der sich „in Geschäften“ auskennt – und so betreibt er ja auch seinen Heiratsantrag, der eher eine Art Ehe-Werbung ist.
  4. Zum anderen ist eben auch wichtig, dass Tonys Vater dieser Aktion sehr positiv gegenübersteht, weil er sich zum einen die Versorgung der Tochter (damals noch ein Thema) und auch geschäftliche Vorteile für sich selbst erhofft.
  5. Neben dem nicht optimalen direkten Einstieg ist auch das Ende nicht wirklich offen. Denn diese Überrumpelung lässt eigentlich nur zwei Varianten offen: Zum einen könnte Tony zur Besinnung kommen und ihren Widerstand verstärken. Zum anderen könnte sie auf den Trick mit der Erregung von Mitleid bis zur Hochzeit hereinfallen, bevor sich dann das wahre Gesicht Grünlichs zeigt.
  6. Für eine Kurzgeschichte fehlt also eine echte innere Wendung, etwa in der Richtung, dass Tony bei Grünlich doch etwas wirklich Positives entdeckt und dann ihre Voreinstellungen zumindest teilweise ändert: Ob das aber für eine Ehe reicht, ist dann eine wirklich offene Frage.
  7. Das größte Problem ist aber wohl, dass wir zu wenig über die Hauptfigur wissen, wenn wir die Vorgeschichte nicht kennen – und die spielt ja schon am Anfang des Romanauszugs eine Rolle, denn immerhin ist Tonys Hand da ja schon „schlaff vor Ratlosigkeit“, also muss vorher schon Entscheidendes passiert sein.
  8. Auf jeden Fall hilft so ein hypothetischer Untersuchungsansatz zu einem noch tieferen Verständnis sowohl dieser Geschichte als auch der Gattung Kurzgeschichte.

Verweis auf einen parallelen Fall: Walser, „Lebendiger Mittagstisch“

  • Wie bei dem Buddenbrooks-Auszug geht es auch in „Lebendiger Mittagstisch“ um einen Abschnitt aus einem Roman, der durchaus als Kurzgeschichte funktionieren kann.
  • Näheres auf der folgenden Seite – dort gibt es auch einen Vergleich mit Wohmanns Kurzgeschichte „Ein netter Kerl“:
    https://www.schnell-durchblicken2.de/kg-walser-lebendiger-mittagstisch

Historischer Kontext – was versteht man darunter?

Kein Text ohne Kontext 😉

Grundsätzlich geht es beim Kontext immer um den „Text“, der um einen anderen „Text“ herum eine Rolle spielt und auf ihn einwirkt.
Solche Texte müssen nicht geschrieben sein, es kann auch eine Handlung sein, zum Beispiel ein Streit auf dem Schulhof. Da gibt es eben eine Vorgeschichte, aber auch Regeln an der Schule usw.

Kontext im Fachgeschichte

In Geschichte geht es um den sogenannten „historischen“ Kontext, damit sind alle geschichtlichen Fakten und Zusammenhänge gemeint, die auf eine Quelle einwirken.
Es geht meistens um frühere Handlungszusammenhänge, die man reskonstruieren muss, um den Inhalt richtig einordnen zu können.
Dabei sollte man nicht alles aufzählen, was zu der Zeit der Quelle passiert ist oder aktuell war, sondern sich auf das konzentrieren, was für die Quelle von Bedeutung ist.

Die verschiedenen Schichten des Kontextes

Bei einem Vertrag zum Beispiel geht es um das Geschäft, das die Beteiligten abschließen, also um die Leute und zum Beispiel einen Acker.

Wenn das geklärt ist, dann kann man den Kreis der wichtigen Umstände noch erweitern und zum Beispiel nach dem damals geltenden Recht fragen.
Usw.,

Klärung des Kontextes bei einer Quelle

In der Praxis geht man meistens anders vor:

  1. Als erstes wird die Quelle ganz grob in eine Epoche eingeordnet. Dazu gehört auch die allgemeine kulturelle und politische Lage.
  2. Dann in den engeren thematischen Zusammenhang, zum Beispiel in eine bestimmte Regierungszeit.
  3. und am Ende geht es dann um den ganz konkreten Fall, der in der Quelle geschildert wird, zum Beispiel den Kauf eines Stücks Land für eine Fabrik.

Beispiel

Schauen wir uns ein Beispiel an.

Es geht um den Brief eines Soldaten aus den Befreiungskriegen um 1813, in der sehr viel Kriegsbegeisterung zu finden ist

Zum historischen Kontext gehört dann

  1. um die allgemeine Situation Deutschlands im Kampf mit Napoleon: Deutschland hat mit Preußen und Österreich zwei Großmächte, dann einige Mittelstaaten, die zum Teil mit Napoleon zusammengehen. Napoleon selbst hat einen riesigen Herrschaftsraum aufgebaut.
  2. Dann die spezielle Situation im Verlauf der mehrjährigen Befreiungskriege: Zum Beispiel kann es für die Gegner Napoleons gerade sehr schlecht aussehen – oder aber Napoleon hat in Russland eine Niederlage erlitten und jetzt gibt es für die deutschen Patrioten von damals neue Hoffnungen.
  3. dann die Situation des Soldaten, seinen persönlichen Hintergrund. Dazu kann das Verlobtsein gehören, aber auch der Verlust eines Freundes in einer früheren Schlacht.
  4. schließlich noch die unmittelbare Situation, etwa vor einer großen Schlacht, wo dieser Soldat dann einen Brief an seine Verlobte schreibt.
Wenn es um das Verhältnis von Mann und Frau geht, kann es sein, dass man vor dem ersten Punkt oben noch einen vorschalten muss, in dem es um die allgemeine soziale und kulturelle Situation geht. Welche Rechte hatten damals Männer, welche Rechte hatten Frauen? Welche Rechte hatten ihre Eltern oder ihre Familien.

Wer noch mehr möchte …

Peter Bichsel, „Die Löwen“ – Versuch, eine schwierige Geschichte zu verstehen

Wie „knackt“ man eine schwierige Geschichte?

Im Folgenden zeigen wir, wie man eine ziemlich „sperrige“ Geschichte „knacken“ kann. Dazu zerlegen wir den Text in einzelne Erzählelemente und zeigen dann, wie sich Signale herauslösen und schließlich zu einer Aussage bündeln lassen.

  1. Die Kurzgeschichte beginnt mit einem direkten Einstieg. Man hat den Eindruck, dass hier ein Auszug aus einer größeren Beschreibung einer Familie o.ä. präsentiert wird. Von Anfang an stehen drei Dinge im Vordergrund: Anderen etwas beweisen, darüber aber nicht reden und eine Vorgehensweise, bei der man entweder klein anfängt oder sich im Vergleich zum Titel mit Kleinem begnügt.
  2. Der zweite Absatz ist ähnlich konzentriert: Er beschreibt den traurigen Ausgang aus der Wunschwelt dieses Großvaters.
  3. Im dritten Abschnitt gibt es verschiedene Richtungen: Einmal wohl Erfolg in der Liebe, dann aber auch Beschränkung auf Alltagskleinigkeiten, schließlich den Hinweis auf das Erbe und den Umgang damit.
  4. Etwas überraschend geht es im 4. Absatz zunächst um einen anderen Menschen, dann aber wieder um die Frage, ob man in einem bestimmten Alter noch Ziele haben kann. Offen bleibt, es sich bei dem Mustermenschen um den Großvater handelt. Die genannten Eigenschaften sprechen aber dafür.
  5. Im 5. Absatz geht es um den Abbau der Lebendigkeit im Alter – bis hin dazu, dass dieser Mann nicht aus dem Leben gerissen wird durch den Tod, sondern „tot geworden“ ist. Es ist also ein natürlicher Ablauf, allerdings im völligen Kontrast zu den früheren Wünschen und auch einer wohl damit verbundenen Hartnäckigkeit.
  6. Im 6. Absatz geht es um die Schlussphase des Lebens, in der sich dieser Mann schon auf den Tod eingestellt hat.
  7. Im 7. Absatz geht es noch einmal um den Abbau an Lebendigkeit im Alter.
  8. Der 8. Absatz geht dann noch einmal auf den Titelwunsch dieses Mannes ein und stellt fest, dass die Träume im Laufe der Zeit verschwunden sind.
  9. Der 9. Absatz konzentriert sich dann noch einmal auf den Abbau an Durchblick und Entschlusskraft im Alter.
  10. Der 10. Absatz wendet sich wieder den Erben zu und betont, dass sie dem Großvater möglicherweise seine Löwenträume genommen haben und unter ihren Betten versteckt halten. Das kann heißen, dass sie sie dort vor ihm verborgen haben. Es kann aber auch sein, dass sie selbst so etwas scheuen. Am Ende dann ein Kommentar des Ich-Erzählers, der behauptet, dass diese Vorgehensweise für beide Seiten gut gewesen sei.
  11. Der 11. Absatz
      1. bringt dann noch eine Art Zusammenfassung, die zunächst einmal betont, dass man den Großvater nicht für sich genutzt hat, d.h. seine Lebensweisheit.
      2. Was den Hinweis angeht, er sei „nicht weise geworden“, kann man das auch so verstehen, dass es keine Anregungen dafür in seinem Leben gab, weil er eben nicht gefragt worden ist.
      3. Interessant der Hinweis auf die Wichtigkeit des Alt-Werdens – vielleicht soll das deutlich machen, dass man dann zumindest die Chance hat, weise zu werden.
      4. Es folgt ein Konjunktiv, der sich erstaunlicherweise auf die Zukunft richtet und damit wohl die Perspektive des Erzählers wiedergibt. Offensichtlich hätte er auch gerne Löwenträume oder hat Angst davor, sie aufgeben zu müssen.
      5. Am Schluss blickt er noch einmal auf den Großvater und dessen Träume zurück und stellt bedauernd fest, dass er das Verschwinden nicht einmal gemerkt hat.
      6. Der Schluss mit dem Trinken ist zunächst wieder rätselhaft, könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass es ein Versuch war, den Verlust der Träume und das damit wohl zusammenhängende ungute Verhältnis zu den Enkeln irgendwie zu verarbeiten bzw. damit klarzukommen.

Was sagt die Geschichte aus? (Intention)

Die Geschichte zeigt,

  1. wie es einem Menschen geht, der sich ein großes Ziel vornimmt, es aber nicht erreicht.
  2. Eigentlich gibt es gute Voraussetzungen, um zumindest ein bisschen Dompteur zu werden (Enten), wahrscheinlich verfügt er auch über „Ausdauer, Liebe, Geduld“.
  3. Man kann annehmen, dass der Großvater wohl der Mann ist, der zumindest noch mit 64 Jahren das Flötenspiel gelernt hat. Das unterstreicht, dass er auch über Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit verfügt.
  4. Bleibt die Frage, woran der Mann letztlich gescheitert ist. Deutlich ist der Hinweis auf den Alkohol.
  5. Denn kann man wohl mit Kummer verbinden. Der wiederum hängt wohl mit der mangelnden Empathie seiner Enkel zusammen, die ihn gewissermaßen verkümmern lassen, indem sie seine mögliche Weisheit nicht nutzen.

Wer noch mehr möchte … 

 

Anmerkungen zu dem Gedicht „Der Wegweiser“ von Wilhelm Müller

Allgemeines zum Gedicht „Der Wegweiser“

Das Gedicht stammt aus der Zeit der Romantik und steht für die Suche nach Einsamkeit, aber wohl auch für eine Konzentration auf das Wesentliche bis hin zum Bewusstsein der Begrenztheit des menschlichen Lebens.
Für den Schulunterricht ist das Gedicht insofern erst mal problematisch, aber auch interessant, weil es am Ende nicht eindeutig auf den Tod hinweist. Das dürfte heutige Schüler herausfordern, die nicht mehr so in diesem Bewusstsein leben wie in früheren Zeiten. Andererseits bedeutet das aber auch, dass man zum einen nach Auswegen aus dieser einseitigen Aussage sucht, vielleicht auch Lust bekommt, ein Gegengedicht zu schreiben.

1. Strophe

Wilhelm Müller

Der Wegweiser

Was vermeid‘ ich denn die Wege,
Wo die ander’n Wand’rer gehn,
Suche mir versteckte Stege
Durch verschneite Felsenhöh’n?

  • Das Gedicht beginnt mit der kritischen Selbstreflexion des Lyrischen Ichs (ab jetzt: LI), das sich fragt, warum es sich von den Wegen fernhält, auf denen die anderen Wanderer zu finden sind.
  • Deutlich wird am Ende auch die Luste auf eine wilde Natur.

2. Strophe

Habe ja doch nichts begangen,
Dass ich Menschen sollte scheu’n, –
Welch ein törichtes Verlangen

Treibt mich in die Wüstenei’n?
  • In der 2. Strophe wird die Selbstbefragung fortgesetzt. Dabei wird zunächst ausgeschlossen, dass man auf der Flucht ist – etwa als Verbrecher.
  • Dann aber wird die Ausgangsfrage erneut aufgenommen – und zwar in verschärfter Form, indem die Frage angesprochen wird, ob es sich nicht um ein „törichtes Verlangen“ handelt, was das LI antreibt.

3. Strophe

Weiser stehen auf den Wegen,
Weisen auf die Städte zu,
Und ich wand’re sonder Maßen

Ohne Ruh‘ und suche Ruh‘.
  • Die dritte Strophe nimmt den Titel auf und stellt fest, dass es viele „Weiser“ gibt, die am Wegesrand stehen und alle auf die Städte verweisen, also auf die Orte, die normalerweise angestrebt werden – weil dort das normale, sichere Leben zu finden ist.
  • Das Lyrische Ich hält sich davon fern, wird von einer Kombination aus Ruhelosigkeit und Ruhesuchen angetrieben.

4. Strophe

Einen Weiser seh‘ ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muss ich gehen,

Die noch keiner ging zurück.
  • In der letzten Strophe wird es schwierig, weil es um einen besonderen „Weiser“ geht, der aber nicht näher beschrieben ist.
  • Da dieser „unverrückt“ vor dem Iyrischen Ich steht, handelt es sich wohl eher um ein inneres Zeichen auf ein Ziel hin.
  • Am Ende wird lapidar und ohne direkten Zusammenhang zu diesem Weiser davon gesprochen, dass noch „eine Straße“ vor dem LI liegt, „die noch keiner ging zurück“ – es geht also um eine Reise ohne Wiederkehr.

Überlegungen zur Aussage (Intentionalität) des Gedichtes

  • Für die Menschen der Romantik war ziemlich klar, dass es um die Lebensreise geht, die eben im Tod endet.
  • Die Frage bleibt aber, ob das die einzig mögliche Interpretation des Schlusses ist. Genauso könnte sich das LI etwas vorgenommen haben, das dann allerdings nicht näher ausgeführt wird.
  • Umso interessanter dürfte es sein, eine Strophe anzufügen.
  • Zum Beispiel könnte es sich um ein großes Risiko handeln, das keine Rückkehr mehr erlaubt.
  • Dies aber nur als Hypothese für ein eigenes weiterführendes Verständnis des Gedichtes. Der Text selbst erlaubt wohl kein anderes Verständnis als das Denken an den Tod – weil es keine Signale für andere Ziele gibt. Und das „noch keiner“ spricht schon sehr stark für etwas Endgültiges, das alle betrifft – und das ist genau die normale Definition des Todes als Grundbedingung des Lebens. Hierzu kann einem der logische Schluss einfallen: Alle Menschen sind sterblich – ich bin ein Mensch – also bin ich auch sterblich. Das gilt solange, wie die Ausgangsthese stimmt – und im normalen Leben ist bisher keine Ausnahme bekannt.

Anregungen zum Umgang mit dem Gedicht

  • Bleibt die Frage, wie man mit dem Hinweis des Gedichtes umgeht: Zumindest könnte man ein Gegengedicht oder eine Fortsetzung schreiben, in der es darum geht, mit dem Sterben und dem Tod nicht schon unnötig früh zu beginnen. Bei diesem LI scheint ja das ganze Leben ein Vor-Leben auf den Tod hin zu sein. Das erinnert an ein Frauenkloster in Italien, in dem die Nonnen jeden Tag in ein Kellergewölbe geführt wurden, wo man die inzwischen gestorbenen Mitschwestern einfach an der Wand aufgerichtet verwesen ließ. So sollten sie jeden Tag an diese Grundbedingung des Lebens erinnert werden.
    Informationen dazu gibt es auf der folgenden Seite:
    http://www.pica-journalistenbuero.de/media/pdf/perino/perino_KB_31_04_Ischia.pdf
  • Das könnte gut mit Schülern diskutiert werden – Ist das Leben wirklich von vornherein für Einsamkeit, Wildnis, Absonderung bestimmt? Oder kann man es nicht doch mit den antiken Philosophen halten, die sagten: Solange ich lebe, bin ich nicht tot – und wenn ich tot bin, lebe ich nicht mehr.

Vergleich mit dem Gedicht „The Road Not Taken“ von Robert Frost

Auf der Seite:
wird ein Gedicht von Robert Frost zitiert, das die Entscheidung zwischen zwei Wegen und für den weniger begangenen thematisiert.

Das kann man gut zum Vergleich heranziehen.

Besonders spannend wird es, wenn man die Übersetzungsbemühungen verfolgt, die auf der Seite zu finden sind.
Einen größeren Zusammenhang bekommt man auf der folgenden Seite geboten:

Weiterführende Hinweise

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