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Schlagwort: Auswertung

Anmerkungen zu Brechts Stück „Mann ist Mann“

Im Folgenden zeigen wir kurz, wie man eine Dichter-Biografie nutzen kann, um erste Einsichten in ein literarisches Werk zu gewinnen:

Es handelt sich um das Stück „Mann ist Mann“, in dem Brecht lange vor „Der gute Mensch von Sezuan“ und anderen Stücken die Parabelform ausprobierte.

Letztlich wird dieses Stück als Einstieg in die Entwicklung hin zum epischen Theater gesehen.

Die vier Seiten (in der E-Book-Ausgabe) der Biografie Brechts von Reinhold Jaretzky (2014, ISBN: 978-3-644-51751-6) bringen vor allem folgende Infos bzw. Thesen und damit Anregungen für weitere Überlegungen bzw. Recherchen:

  1. Brecht beschäftigt sich schon 1919 in seinen Tagebüchern mit Fragen der Identität und er entwickelt hier schon den Plot für das spätere Theaterstück.
  2. In der frühen Fassung sieht Brecht die Veränderungen zum Massenmenschen sogar etwas Positives – schon ein wenig im Sinne seiner späteren Annäherung an den Marxismus.
  3. Verwiesen wird auf den sogenannten „Fordismus“ des amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford, der den modernen Kapitalismus durchaus mit sozialem Fortschritt verbindet. Und wenn Autos damals durch die Erfindung des Fließbandes billiger wurden, kann man das natürlich durchaus zumindest in diesem Zusammenhang so sehen.
  4. Kleine Anmerkung am Rande: Gerade bei Henry Ford kann man natürlich über Charly Chaplins Film „Moderne Zeiten“ die negativen Folgen der Fließbandarbeit thematisieren.
  5. Später ist Brecht da kritischer geworden, in der zweiten Berliner Aufführung von 1931 sieht er Menschen wie Gay eher als Ausgebeutete, als Opfer, die dann aber durchaus zu Kampfmaschinen des Systems werden können.
  6. Die Erfahrung des Faschismus lässt dann jemanden wie Gay eher zum Opfer einer Volksgemeinschaftsideologie werden, bei der menschliche Bedürfnisse vom Befreiungsziel eher entfernt werden.
  7. Theatergeschichtlich wird das natürlich zu einer Absage an die aristotelische Auffassung von einem Theater, das letztlich im Schicksal eines Helden etwas Positives sieht, auch wenn er tragisch scheitert. Man stelle sich nur einmal vor, Schiller wäre mit einer solchen Idee konfrontiert worden, wie sie Brecht in „Mann ist Mann“ umsetzt.
  8. Diese nicht mehr aristotelische Sicht auf den Wesenskern und die Funktion des Theaters ist dann schon eine Vorstufe zum späteren epischen Theater, in dem es nicht mehr nur um die Veränderung einer Identität geht, sondern um zum Beispiel die große Frage, ob ein Mensch im kapitalistischen System der Moderne überhaupt gut sein kann (Shen Te in „Der gute Mensch von Sezuan“.

Hinweise auf weitere Infos und Tipps:

 

 

 

Erklärung von Zitaten mit Berücksichtigung des Kontextes: Beispiel Goethe, „Faust“

Aufgabe: Klärung der Aussage und der Bedeutung von Textzitaten

Eine interessante „Fingerübung“ beim Umgang mit Lektüren ist die Klärung der Aussage und der Bedeutung eines Zitates unter Berücksichtigung des Kontextes.

Wir zeigen das mal am Beispiel von Goethes „Faust“:

Beispiel: Osterspaziergang – Auferstehung

„Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / Denn sie sind selber auferstanden“

Kleiner Tipp: Wenn man so eine Stelle schnell finden kann, kann man einfach googeln nach

zeno goethe faust textstelle

Dann kommt man zum Beispiel zu dieser Seite:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Dramen/Faust.+Eine+Trag%C3%B6die/Faust.+Der+Trag%C3%B6die+erster+Teil/Vor+dem+Tor

Dort kann man dann einfach im Browser nach „Auferstehung“ suchen und hat das Zitat.

Anschließend schaut man sich den Kontext an – entweder im Internet – oder noch besser – in der eigenen Textausgabe. Da wird man das Zitat in der Szene schon finden.

Nun zur Aussage des Zitates im Kontext:

  1. Zunächst muss man feststellen, dass es eine Textstelle aus der Szene „Vor dem Tor“ ist. Dort erholt sich Faust zusammen mit Wagner von seinen intensiven und zuletzt lebensgefährlichen Erlebnissen bei der Suche nach Wahrheit und einem echten Leben.
  2. Der konkrete Kontext ist das Hinausströmen der Menschen an einem sonnigen Ostermorgen.
  3. Dann muss man sich das Umfeld dieses Zitates genauer anschauen, soweit es etwas zum Verständnis des Mini-Zitates beiträgt:
    • Aus dem hohlen finstern Tor
      Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

      • Hier geht es um den Gegensatz zwischen der Enge der dunklen mittelalterlichen Stadt
      • und der Vorfreude auf einen sonnigen Festtag, die sich schon in der Kleidung zeigt.
    • Jeder sonnt sich heute so gern.
      Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
      Denn sie sind selber auferstanden,
      Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
      Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
      Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
      Aus der Straßen quetschender Enge,
      Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
      Sind sie alle ans Licht gebracht.

      • Die große religiöse Auferstehung
      • wird hier runterreduziert auf die Veränderung von Ort und Atmosphäre.
      • Fünf Beispiele werden genannt – alle sind sie überwunden durch das „Licht“.
    • Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
      Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
      Wie der Fluss, in Breit‘ und Länge,
      So manchen lustigen Nachen bewegt,

      • Hier merkt man, wie die Menschen aufatmen, sich in Bewegung setzen
      • sich in die Natur hinausbewegen, dort Kraft und Lebensfreude schöpfen.
    • Und bis zum Sinken überladen
      Entfernt sich dieser letzte Kahn.
      Selbst von des Berges fernen Pfaden
      Blinken uns farbige Kleider an.

      • Hier wird verdeutlicht, wie das ganze Land von dieser Veränderung ergriffen ist.
      • Noch einmal wird das Festliche und Bunte, Lebensfrohe hervorgehoben.
    • Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
      Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
      Zufrieden jauchzet groß und klein;
      Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

      • All das ergreift auch Faust, bei dem sich eine frohe Erwartung auf noch mehr Schönes herausbildet.
      • Deutlich wird, dass hier das wahre Leben der Menschen stattfindet.
      • Alle sind glücklich
      • und Faust betont, dass er selbst hier auch erst zum Menschen im vollen Sinne des Wortes wird bzw. sein darf.
      • Die letzten drei Wörter zeigen so etwas wie Ehrfurcht vor Höherem und Dankbarkeit.

Weiterführende Hinweise

 

 

 

Wie geht man in Geschichte mit Materialien um? Von Textquellen bis hin zu Diagrammen

Ganz einfach erklärt: Wie geht man mit Geschichtsmaterialien um?

Im Folgenden werden einige der wichtigsten Geschichtsmaterialien vorgestellt, mit denen man umgehen sollte. Wir konzentrieren uns dabei zunächst einmal vor allem auf solche Fälle, die in Klausuren und Prüfungen eine Rolle spielen. Später werden wir auch weitere Materialien mit einbeziehen wie zum Beispiel Tondokumente oder Dokumentar- und Spielfilme.

Die Darstellung folgt dem Modell des „Fünf-Satz-Statements“. Das heißt es wird versucht, die Infos und Tipps so zu konzentrieren, dass in fünf Schritten das Ziel erreicht wird. Der Vorteil ist einfach, dass man sich so viel noch einigermaßen gut merken kann , während 7, 9 oder gar 15 Punkte nur auf einem Zettel sicher aufbewahrt werden – und den hat man in Prüfungen in der Regel nicht zur Verfügung.

Am besten liest man sich die folgenden Hinweise durch und wendet sie dann auf Materialien aus dem eigenen Geschichtsbuch an. Später werden wir die einzelnen Bausteine noch mit Beispielen versehen.

1.     Wie analysiert man grundsätzlich in Geschichte Texte?

  1. Man liest sich die mit dem Text mitgelieferten Informationen durch und stellt fest, ob es sich um einen Primärtext oder um einen Sekundärtext handelt. Ein Beispiel für den ersten Fall wäre etwa eine Rede Hitlers, aber auch ein Zeitungsartikel auf der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Im zweiten Fall kann es ein Auszug aus einer wissenschaftlichen Abhandlung, aber auch ein aktueller Zeitungstext zu einem historischen Ereignis anlässlich eines Jubiläums sein.
  2. Im ersten Falle liegt zugleich eine Quelle vor, d.h. ein Original aus der Vergangenheit, das in einem „ursprünglichen Verwendungszusammenhang“ stand und sich nicht kritisch-wissenschaftlich um eine Optimierung des aktuellen Wissensstandes und des historischen Verständnisses bemüht. Das extremste Beispiel wäre ein Vertrag zwischen zwei Privatleuten oder auch zwischen zwei Ländern. Damit sollen ganz bestimmte Probleme der damaligen Zeit geregelt werden und der Blick in die Zukunft bezieht sich nur darauf, dass die Regelungen dieses Vertrages lange oder gar für immer gelten sollen.
  3. Im Unterschied zu einem solchen Primärtext, wie ihn eine Quelle darstellt, hat ein Sekundärtext nur eine einzige Funktion, nämlich das aktuelle Wissen über ein geschichtliches Thema zusammenzufassen und möglichst zu erweitern. Meistens ist er mit einer Sicht des Themas verbunden, die sich in einer oder in mehreren Thesen äußert.
  4. Ein besonderer Fall sind zum einen Memoiren u.ä.: Die werden zwar mit Blick auch auf die Nachwelt geschrieben, haben aber keinen wissenschaftlichen Anspruch, sondern sind selbst Objekt kritischer Betrachtung.
  5. Ein anderer Fall sind ältere wissenschaftliche Darstellungen: Je mehr sie einer früheren Zeit angehören, desto mehr verlieren sie an wissenschaftlicher Gültigkeit und werden selbst zu Quellen. Solchen „veralteten“ wissenschaftlichen Darstellungen kann man dann entnehmen, wie viel früher die Menschen gewusst und wie sie geschichtliche Themen und Fragen eingeschätzt haben.

2.      Wie analysiert man in Geschichte eine Textquelle?

  1. Weil Quellen in einem „ursprünglichen Verwendungszusammenhang“ stehen, muss dieser zunächst einmal rekonstruiert werden. Entweder bekommt man diese Informationen aus dem Inhalt der Quelle – oder aber sie werden zumindest teilweise mit den Vorab-Informationen zum Text mitgeliefert.
  2. Dabei geht es zum einen um die Klärung, wer sich mit welcher Textgattung an wen und in welcher Absicht wendet. Das könnte zum Beispiel der preußische König bei der Eröffnung des Vereinigten preußischen Landtags kurz vor der 1848er Revolution sein. Sein Ziel ist es, den Abgeordneten deutlich seine Vorstellungen mitzuteilen und vor allem die Grenzen ihres Handelns zu markieren. Am Ende steht ein Einleitungssatz, in dem die wesentlichen Angaben zur Gattung, zum Zeitpunkt, zum Verfasser und zu den Adressaten genannt werden. Außerdem sollte hier das Thema der Textquelle genannt werden.
  3. Der unmittelbare Handlungszusammenhang ist natürlich eingebettet in einen größeren Zeit- und Problemzusammenhang – in diesem Falle die politischen Verhältnisse in Deutschland und besonders Preußen und der Versuch, die demokratische Bewegung möglichst zu bändigen. Wichtig ist, dass man hier wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Text und dem Kontext herstellt, d.h. nur auf Dinge eingeht, die für die Quelle Bedeutung haben. Im Idealfall steht am Ende der Klärung des Handlungszusammenhanges und des größeren Kontextes die Bestimmung des „Vorabquellenwerts“, d.h. die Frage, was kann man von dem Verfasser in dieser Situation an „Textproduktion“ erwarten. Wenn man sich das klarmacht (auch wenn man den Inhalt der Quelle schon kennt) hat man ein besseres Verständnis der Unterschiede zwischen dem, was der Verfasser eigentlich sagen sollte, und dem, was er wirklich sagt.
  4. Die eigentliche Analyse des Inhalts der Textquelle sollte möglichst systematisch und zugleich textorientiert sein. Damit ist gemeint, dass man nicht von einem Punkt zum anderen springt, sondern entweder den Text in Abschnitte einteilt und linear den Gedankengang nachzeichnet und dabei erklärt. Oder aber man greift aus dem Text die entscheidenden Aspekte heraus und erklärt sie in einer vernünftigen Reihenfolge, bei der möglichst das Wichtigste am Schluss steht. Mit „Textorientierung“ ist gemeint, dass man zum einen immer wieder auf den Text verweist (wo steht das, worüber ich gerade rede?), zum anderen ist es sinnvoll, entscheidende Wörter und Wendungen auch wirklich „zum Leuchten zu bringen“ bzw. zu beleuchten.
  5. Am Ende einer jeden Quellenanalyse steht die Auswertung: In der Regel wird es sich um eine Frage handeln, die schon mit den Aufgaben mitgeliefert wird. Im Falle unseres Beispiels könnte es die Frage sein, inwieweit die gegebene Quelle schon erklärt, warum die Revolution von 1848 gescheitert ist. Die ablehnende Haltung des preußischen Königs gegenüber jeder Art von verfassungsmäßigen Einschränkung seiner absoluten Rechte war nämlich ein entscheidender Grund dafür, dass bei der ganzen Revolution nichts Positives herauskam.

3.      Wie analysiert man in Geschichte einen Sekundärtext?

  1. Bei einem Sekundärtext weiß man in der Regel wenig über den Verfasser und den unmittelbaren Kontext, in dem er ihn verfasst hat (brauchte er Geld? Wollte er wissenschaftlich weiterkommen? o.ä.). Auch interessiert der historische Kontext in der Regel nicht, weil es sich ja um einen mehr oder weniger aktuellen Text handelt. Wichtig ist aber die Frage, alles auszuwerten, was man über die wissenschaftliche Richtung und die wissenschaftliche Qualität des Textes annehmen kann. So kann von einem „bekannten Historiker“ oder von einem „Sozialphilosophen“ die Rede sein. Daraus lässt sich schon etwas über die „Fachlichkeit“ des Textes vermuten. Wichtig ist zudem, wo und als was der Text veröffentlicht worden ist. Handelt es sich um einen Handbuchtext, kann man von höchster Qualität ausgehen. Ist es ein Zeitungstext, muss man sehen, ob dort ein Historiker nur etwas „populärwissenschaftlich“, aber auf der vollen Höhe seiner Kenntnisse schreibt – oder ob dort jemand mal eben als Journalist den Auftrag bekommen hat, sich mit einem Thema zu beschäftigen. Auch hier steht am Ende ein Einleitungssatz, in dem Verfasser, Art des Textes, Erscheinungszeit und –ort und das Thema genannt werden.
  2. Im zweiten Schritt analysiert man dann den Text genauso wie einen Quellentext, d.h. man arbeitet entweder linear oder systematisch den Gedankengang und die Position heraus. Darüber hinaus achtet man aber in besonderer Weise auf die drei Beziehungsebenen des wissenschaftlichen Schreibens: Die einfachste ist das „Faktenreferat“, d.h. die einfache sachliche Darstellung dessen, was der Verfasser entweder selbst herausgefunden hat oder (zumindest teilweise) anderen Sekundärtexten entnommen hat.
  3. Zur einfachen Darstellung der Fakten kommen noch zwei Bewertungsebenen: Die eine ist die des Sachurteils, damit ist eine These gemeint, die den Sachverhalt genauer untersucht, einordnet oder auch einschätzt. Zum Beispiel könnte jemand die These aufstellen: „Bismarck war ein genialer Machtpolitiker, dessen Politik aber keine Zukunft gehabt hätte.“ Hier ist man natürlich gespannt auf die Argumente und kann auch sehr begründet anderer Meinung sein. Sachurteile lassen sich also überprüfen und ggf. widerlegen oder optimieren.
  4. Sehr viel problematischer wird es bei Werturteilen. Das sind Urteile, die sich aus einem vorgefassten Bewertungssystem ergeben. Dahinter stecken „Axiome“, also erste Gründe, die man braucht, um überhaupt eine Theorie aufzubauen und die man nicht hinterfragen, sondern nur übernehmen oder aber umstoßen kann. So kann man die These vertreten, dass Bismarck ein Verbrecher war, wenn man davon ausgeht, dass jeder Krieg ein Verbrechen ist und der preußische Ministerpräsident zwischen 1864 und 1870 jede Gelegenheit nutzte, Konkurrenten und Gegner auszumanövrieren und ggf. auch militärisch auszuschalten.
  5. Hat man den Gedankengang und die Position eines Sekundärtextes geklärt und auch geprüft, wie viel davon überzeugend vorgetragene Fakten sind (was ggf. auch verschwiegen wird), wie überzeugend die Sachurteile sind und ob man den Werturteilen folgen kann und mag, sollte man diese Position natürlich entweder selbst hinterfragen, sich damit auseinandersetzen oder sie mit anderen bekannten Positionen in Beziehung setzen. Dazu bekommt man entweder in der Aufgabenstellung bereits Hinweise – oder aber man muss selbst Vergleichspositionen heranziehen.

4.      Wie analysiert man in Geschichte eine Bildquelle?

  1. Bilder sind in einem Punkt völlig anders als Texte, sie sind nicht linear aufgebaut, sondern man nimmt sie auf einen Schlag wahr, allenfalls gesteuert durch entsprechend ins Bild aufgenommene Lenkimpulse: So macht ein Bild sofort einen düsteren Eindruck oder aber etwas sticht besonders heraus.
  2. Wichtig ist natürlich besonders der Unterschied zwischen einem Gemälde und einem Foto. Zumindest bei einem Schnappschuss bildet dieser einen Teil der Wirklichkeit zumindest zweidimensional „richtig“ ab, während bei einem Gemälde der Maler natürlich von vornherein viel stärker auf Manipulation aus ist, ggf. nicht das malt, was ist, sondern was, was seiner Meinung nach sein soll. Aber beide Bildarten können auch durcheinandergeraten, d.h. ein Gemälde kann ziemlich originalgetreu wiedergeben, wie eine Fabrik im 19. Jahrhundert aussah – während ein Foto „lügen kann wie gedruckt“. Man denke nur an einen Kinofilm, wo man nur das sehen soll, was der Regisseur einen sehen lassen will. Mit der ganzen Wirklichkeit – auch der am Set – hat das wenig zu tun. In den Zeiten von Digitalfotos weiß jedes Kind, wie man ein Bild nachträglich bearbeiten kann, so dass von „echter Abbildung der Wirklichkeit“ nur zum Teil die Rede sein kann.
  3. Auch bei einer Bildquelle kommt es also darauf an, zunächst zu klären, wer wann was für wen gemalt oder fotografiert hat. Auch hier sollte man in dem entsprechenden Einleitungssatz das Thema angeben.
  4. Anschließend steht man vor dem Problem, das wir am Anfang beschrieben haben: Man muss etwas, was gleichzeitig vor dem Auge des Menschen erscheint oder erscheinen kann, in ein zeitliches Nacheinander zerlegen. Hier bietet es sich an, in einem ersten Schritt erst mal allgemein auf die Aufteilung des Bildes und die Elemente einzugehen, bevor man sich dann geordnet zum Beispiel dem Vorder- und dem Hintergrund zuwendet. Wichtig ist, dass man möglichst viel schon erklärt – wie ein guter Reiseführer.
  5. In einem letzten Schritt fasst man alles zusammen und überlegt, welche Bedeutung das Bild hat, was es über die Vergangenheit und ggf. auch seinen Hersteller verrät. Hier kann es wie bei einer Textquelle wieder so sein, dass eine Fragestellung vorgegeben ist (Wie wird in einem Bild die Industrie des 19. Jahrhunderts dargestellt?) oder aber man muss selbst Fragen suchen, davon kann es durchaus mehrere geben.

5.      Wie wertet man in Geschichte Zahlenmaterial (Statistiken und Diagramme) aus?

  1. Während man im Erdkunde- und Politikunterricht ziemlich häufig mit Zahlen und ihrer Darstellung zu tun hat, tut man sich in Geschichte häufig schwer damit, einfach weil es seltener vorkommt. Zunächst einmal sind zwei Ebenen wichtig: Auf der untersten Ebene hat man das direkte Zahlenmaterial – meistens in Werten bezogen auf einen bestimmten Zeitpunkt: zum Beispiel die Zahl der Auswanderer aus Deutschland in verschiedenen Zeiträumen des 19. Jahrhunderts. Hier ist es dann wichtig festzustellen, ob es sich immer um die gleichen Zeitabstände handelt. Ebenfalls ist wichtig, in welcher Einheit die Zahlen präsentiert werden (in Tausend, in Millionen o.ä.)
  2. Anschließend geht es um die Auswertung: Hier kann es um besonders niedrige oder hohe Werte gehen, um Phasen des Anstiegs oder der Verminderung, besondere Ausschläge oder auch „Treppenstufen“. Wichtig ist auf jeden Fall methodische und sachliche Ordnung. Das heißt, man beginnt mit einer Beschreibung und versucht anschließend erst, die Zahlen auch zu erklären. Wichtig ist, dass man vor allem versucht, die Relationen der Zahlen festzustellen. Das heißt: Um wie viel Prozent oder um welchen Faktor wachsen sie in bestimmten Zeiträumen? Darin liegt erst einmal die Hauptaufgabe, wenn die Zahlen nicht aufbereitet sind.
  3. Sehr viel besser ist man dran, wenn einem nicht direktes Zahlenmaterial in Säulen oder Kolonnen präsentiert wird, sondern dieses bereits zu einem Diagramm verarbeitet worden ist. Dann sieht man nämlich sehr schnell, wie ein Anstieg sich abflacht oder beschleunigt, wo Tief- und Höhepunkte oder auch Sprünge sind. Ggf. sollte man also versuchen, bei nicht aufbereitetem Zahlenmaterial selbst schnell eine Säulen- oder Tortengrafik herzustellen. Die machen Zahlen nämlich sehr viel anschaulicher.
  4. Es ist natürlich klar, dass man auch bei Zahlen und Diagrammen die Vorstellung mit einem Einleitungssatz beginnt, in dem man sagt, worum es geht (Thema) und woher das Material stammt. Wie alt ist es, stammt es aus einer seriösen Quelle? Wie umfassend bzw. genau ist es? Gibt es Lücken?
  5. Wie bei jedem Material sollte auch am Ende der Untersuchung von Zahlenmaterial eine Auswertung stehen. Was macht es deutlich? Was kann man ihm an Erkenntnissen und Einsichten entnehmen? Womit lässt es sich vergleichen? Welche Anschlussfragen ergeben sich?

Kurz und „verbindlich“: Quelleninterpretation – wie geht man ganz einfach vor?

Eine Quelle ist ein Überbleibsel aus früheren Zeiten.

Wenn man so etwas interpretieren will, gibt es drei einfache Schritte:

  1. Vorklärungen
    1. Deshalb muss es erst mal in seinen historischen Kontext gestellt werden. Wichtig ist, dass man nicht alles erzählt, was vorher passiert ist. Vielmehr sollte man schauen, worum es in der Quelle überhaupt geht und was aus der Vorgeschichte in ihr Bedeutung hat.
      Man spricht hier von „Momenten“: Das ist nicht „der“ Moment als Zeitpunkt, sondern „das Moment“, z.B. Drehmoment in der Physik. Dabei handelt es sich um bewegende Kräfte, die also eine Auswirkung haben auf das, was man in der Quelle zu sehen bekommt und zu analysieren hat.
    2. Neben dem historischen Kontext spielt natürlich auch der „Vorab-Quellenwert“ eine Rolle. Damit ist gemeint: Wie nah ist der Verfasser der Quelle am Geschehen? Verfügt er über Kompetenz, ist er durch „Loyalitäten“ beeinflusst, also Abhängigkeiten?
      Das muss vorher geklärt werden, sonst holt man aus der Quelle Sachen heraus, die „gefärbt“ oder sonstwie problematisch sind.
  2. Nach diesen Vorklärungen geht man auf den Inhalt der Quelle ein.
  3. Schließlich wertet man sie noch aus.
    Das ist dann die eigentliche Interpretation bzw. Deutung der Quelle – im Hinblick auf Fragestellungen.
    Da gibt es zwei Möglichkeiten:

    1. Wenn es keine Vorab-Fragestellung gibt, geht man auf alle wichtigen Dinge ein, die man aus der Quelle erfahren kann.
    2. Ansonsten konzentriert man sich auf das, was man aus der Quelle für eine übergeordnete Fragestellung braucht.

Auswertung: Stefan Zweig, „Die Welt von gestern“

Stefan Zweig, „Die Welt von gestern“

Stefan Zweig, „Die Welt von gestern“ und unsere Gegenwart

Wir beginnen unsere Vorstellung dieses Buches mit der Frage, ob das erste Kapitel mit der Überschrift „Die Welt von gestern“ nicht eine Mahnung an uns heute ist, mit dem Erreichten vorsichtig umzugehen und keine unnötigen politischen oder gesellschaftlichen Experimente zu machen.
Stefan Zweigs Buch ist Ende 2018 bei Amazon kostenlos in der E-Book-Version herunterladbar: hier.
Außerdem ist es komplett bei der Sammlung Gutenberg im Internet zu finden: hier.
Wir präsentieren im Folgenden keine Lese-Fassung, sondern eine, die zum Nachdenken anregt.
Weil unsere Sammlung inzwischen ziemlich umfangreich geworden ist, stellen wir hier ein kleines Inhaltsverzeichnis voran. Man kann dann leicht nach den Stellen suchen, die einen interessieren.
  • Goldenes Zeitalter
  • Brüchigkeit des moralischen Fortschritts
  • Massenwahn vor dem Ersten Weltkrieg
  • Grausamkeit des Krieges – scheinbare Normalität fernab der Front
  • Mitten im Krieg – die Schweiz als unglaublicher Ort friedlichen Glücks
  • Die Not nach dem Krieg
  • Anmerkungen zum Neuanfang der Jugend nach dem Ersten Weltkrieg
  • Das Problem der „Konzessionen“ an den Nationalsozialismus
  • Die Situation in Österreich nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland
  • Bei der Ankunft in England: Die Wohltat relativer Freiheit
  • Das Neue am Zeitzeugentum im 20. Jhdt: Nah dabei und doch auf Zeitungen angewiesen
  • Der Wert erkämpfter Bürgerrechte vor 1934
Stefan Zweig, Auszug aus „Die Welt von gestern“

Die Welt der Sicherheit

Still und ruhig auferzogen
Wirft man uns auf einmal in die Welt,
Und umspülen hunderttausend Wogen,
Alles reizt uns, mancherlei gefällt,
Mancherlei verdrießt uns und von Stund zu Stunden
Schwankt das leicht unruhige Gefühl,
Wir empfinden, und was wir empfunden
Spült hinweg das bunte Weltgefühl.

Goethe

[Das Besondere an der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in Österreich]

[#Goldenes Zeitalter]
Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt.
[Wenn man sich überlegt, wie kurz vor Weihnachten 2018 überall in Deutschland Weihnachtsmärkte in Hochsicherheitszonen verwandelt werden und Leute mit ein bisschen Ahnung den nächsten finanziellen Crash in naher Zukunft erwarten, dann wird man schon nachdenklich. Viel spricht dafür, dass die nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Generation den größten Teil ihres Lebens in einer Welt zumindest relativ hoher Sicherheit verleben durfte. Wie Stefan Zweig es dann bald auch selbst hervorhebt, gilt das natürlich nicht für alle Menschen in diesen Jahrzehnten auf der Welt – aber wir werden wohl genug damit zu tun haben, den aktuellen Stand bei uns noch einige Zeit zu bewahren.]

[Eine Zeit, in der eine Währung noch „wahr“ war – im Sinne von berechenbar]
Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wußte, wieviel er besaß oder wieviel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wieviel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verläßlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wußte, wieviel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wußte man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.
[Wenn man sieht, wie heute der Euro als Währung genutzt wird, um Staatsschulden erträglich zu halten, während am Rande dieses schönen Effekts Millionen von Menschen mit ihrem Geld nicht mehr viel anfangen können und hoffnungslos gegen die inzwischen erwünschte Inflationsrate von 2% ankämpfen, dann merkt man schon, was sich mit dem Beginn der Euro-„Rettung“ verändert hat.
Und wenn ganz offen von einem großen Experiment der Durchmischung der Kulturen und Völker gesprochen wird, dann kann man das natürlich wünschenswert finden, aber es ist sehr zweifelhaft, ob die Vorantreiber des Projekts an mehr gedacht haben als die Vereinheitlichung der Masse der Konsumenten und die Ausschaltung der Nationen als potenzielle Herde des Widerstands gegen die Durchsetzung einer neuen Weltkultur. Und was das Gewaltsame angeht, sprachen wir ja schon von Weihnachtsmärkten, denen mit anderen Gefühlen entgegensieht als früher.]
[Rückblick auf die ständige Ausweitung des Bereichs der sozialen Sicherheit]
Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran; das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die künftige Mitgift. Schließlich organisierten sich sogar die Arbeiter, eroberten sich einen normalisierten Lohn und Krankenkassen, Dienstboten sparten sich eine Altersversicherung und zahlten im voraus ein in die Sterbekasse für ihr eigenes Begräbnis. Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoß mit gutem Gefühl die Gegenwart.
[Man muss sich das mal vorstellen, welche Fortschritte es seit dem 19. Jahrhundert gerade für die Arbeiterbewegung und ganz allgemein für die Unterschichten gegeben hat. Die Großen Koalitionen in Deutschland bemühen sich zwar immer noch um soziale Verbesserungen, etwa eine Wieder-Herabsetzung des Rentenalters, die Verringerung des Arbeitnehmeranteils an den Krankenkosten und vieles mehr. Das ändert aber nichts daran, dass man in keiner Weise den Eindruck hat, dass für die Zukunft wirklich vorgesorgt wird. In einem Gastkommentar der Neuen Zürcher Zeitung vom 15.9.2017  wird man sehr nachdenklich im Hinblick auf die Kosten der Zuwanderung. Großherzigkeit ist sicher völlig in Ordnung gegenüber Menschen in Not – aber es muss eben auch wirkliche Rechenschaft abgelegt werden über die Möglichkeiten und Grenzen.]
[Die Gefahren eines „liberalistischen Idealismus“]
In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik.
[Es ist erstaunlich, wie hellsichtig Stefan Zweig ein Kernproblem der Wohlstandsentwicklung der westlichen Welt beschreibt. Man wird erinnert an das im Hinblick auf die Tierart natürlich nur metaphorisch oder parabolisch zu verstehende Sprichwort: „Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis.“ oder an Goethes Feststellung: „Alles in der Welt läßt sich ertragen, / Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.“ Damit ist ein zentrales Problem aller Zeiten angesprochen. Wer lange keine Not erlebt hat, hält es nicht mehr für notwendig, für ihre Wiederkehr vorzusorgen. Und nach dem Ende des Ost-West-Konflikts muss man wirklich fürchten, dass den Eliten der westlichen Welt jedes Verständnis verloren gegangen ist für die wirklichen Gefahren, sieht man einmal von der Gefährdung der Umwelt ab.]
[Beschreibung des Fortschritts seit der zweiten industriellen Revolution]
In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand?
[Hinweis auf bleibende und leider übersehene Gefahren ]
An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein.
[Besonders erschreckend muss es jedem Beobachter der politischen Szene vorkommen, wenn sich Vertreter des Staates und seiner Organe nach punktuellen Ausbrüchen gemäß der alten Erkenntnis „homo homini lupus“ (der Mensch ist für seinen Mitmenschen ein Wolf, also gefährlich) „betroffen“ zeigen und am liebsten noch an der Spitze des Trauermarsches mitgehen, statt in sich zu gehen und ihre Versäumnisse an Vor-Sicht einzugehen und Besserung zu geloben. Weil wir gerade schon bei den Wölfen sind: Tierfreunde mögen ja ihre Wieder-Ansiedlung mit Tränen der Rührung in den Augen begrüßen – das beantwortet aber nicht die Frage, ob alle ihre Vorgänger-Generationen nicht doch gute Gründe gehabt haben, das „Raubzeug“ von der menschlichen Zivilisation fernzuhalten.]
[Hinweise auf die Brüchigkeit des moralischen Fortschritts]
[#Brüchigkeit des moralischen Fortschritts]
Es ist billig für uns heute, die wir das Wort ›Sicherheit‹ längst als ein Phantom aus unserem Vokabular gestrichen haben, den optimistischen Wahn jener idealistisch verblendeten Generation zu belächeln, der technische Fortschritt der Menschheit müsse unbedingterweise einen gleich rapiden moralischen Aufstieg zur Folge haben. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gelernt haben, von keinem Ausbruch kollektiver Bestialität uns mehr überraschen zu lassen, wir, die wir von jedem kommenden Tag noch Ruchloseres erwarteten als von dem vergangenen, sind bedeutend skeptischer hinsichtlich einer moralischen Erziehbarkeit der Menschen. Wir mußten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann, wir haben allmählich uns gewöhnen müssen, ohne Boden unter unseren Füßen zu leben, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Sicherheit. Längst haben wir für unsere eigene Existenz der Religion unserer Väter, ihrem Glauben an einen raschen und andauernden Aufstieg der Humanität abgesagt; banal scheint uns grausam Belehrten jener voreilige Optimismus angesichts einer Katastrophe, die mit einem einzigen Stoß uns um tausend Jahre humaner Bemühungen zurückgeworfen hat.
[Besonders an dieser Stelle muss man Zweig zustimmen. Wie können intelligente Menschen heute der Meinung sein, die Menschheit habe für alles Mögliche Jahrtausende, wenn nicht Jahrmillionen gebraucht – nur die moralische Entwicklung die gabe seit neuestem einen großen Sprung gemacht – auch wenn der Alltag der Begegnungen zwischen den Menschen ganz andere Erfahrungen bereithält. Aber anscheinend spukt Rousseau immer noch im Kopf der Eliten herum mit seinem unsäglichen Diktum, der Mensch sei von Natur aus gut. Schon sein eigenes Leben stand ja in völligem Widerspruch zu seinen Theorien, wenn man etwa an seine Erziehungsideale und den eigenen Umgang mit den Kindern denkt.]
[Dennoch: Rückgriff auf den Optimismus der Kindheit]
Aber wenn auch nur Wahn, so war es doch ein wundervoller und edler Wahn, dem unsere Väter dienten, menschlicher und fruchtbarer als die Parolen von heute. Und etwas in mir kann sich geheimnisvollerweise trotz aller Erkenntnis und Enttäuschung nicht ganz von ihm loslösen. Was ein Mensch in seiner Kindheit aus der Luft der Zeit in sein Blut genommen, bleibt unausscheidbar. Und trotz allem und allem, was jeder Tag mir in die Ohren schmettert, was ich selbst und unzählige Schicksalsgenossen an Erniedrigung und Prüfungen erfahren haben, ich vermag den Glauben meiner Jugend nicht ganz zu verleugnen, daß es wieder einmal aufwärts gehen wird trotz allem und allem. Selbst aus dem Abgrund des Grauens, in dem wir heute halb blind herumtasten mit verstörter und zerbrochener Seele, blicke ich immer wieder auf zu jenen alten Sternbildern, die über meiner Kindheit glänzten, und tröste mich mit dem ererbten Vertrauen, daß dieser Rückfall dereinst nur als ein Intervall erscheinen wird in dem ewigen Rhythmus des Voran und Voran.
[Kein Mensch kann ohne Hoffnung leben – zumindest nicht gut. Wohl dem also, der aus seiner Kindheit noch genügend an Substanz herübergerettet hat in eine gefährliche Gegenwart. Trotzdem wäre es ganz schön, wenn auch die Eliten im ehemals so fortschrittlichen Westen sich etwas mehr bemühen würden, die Rückfälle abzufedern und sich verantwortungsbewusster gegenüber einer mittleren Zukunft zu zeigen. Wenn man sieht, wie in Singapur auf Jahrzehnte für die „Natürlichkeit“ des Lebens in der Stadt vorgesorgt wird und welche gigantischen Entwicklungsleistungen die Chinesen sich erarbeitet haben, dann wird man schon sehr nachdenklich, mit welcher Leichtfertigkeit bei uns an dem löcherigen Atommüll-Lager Asse  oder an der Fertigstellung des neuen Berliner Flughafens gewerkelt wird – um nur zwei beliebige Beispiele zu nennen.]
Wer jetzt gerne schon mal ein bisschen weiter dem Rückblick Zweigs auf eine „Welt von gestern“ folgen möchte, kann das in dem oben angegebenen E-Book oder aber auch in der Sammlung Gutenberg tun.
Ausblick auf weitere interessante Stellen im ersten Kapitel:
  • S. 19 im E-Book: Vorstellung der Familie, in die Zweig hineingeboren wurde – Betonung der Solidität des Vaters, der allein durch organisches Wachstum zu Wohlstand kam
  • S. 23: Vorstellung der Mutter, deren Familie über der des Vaters stand;
  • S. 25ff: Hervorhebung des Ziels jüdischen Strebens, über das durch die Umstände erzwungene Materielle möglichst bald in den Bereich der Kultur hineinzuwachsen
  • S. 26: Wien als echte Kulturhauptstadt Europas
  • S. 34ff: Das tief empfundene Bedürfnis der Juden, sich an das Milieu des Volkes oder Landes, in dem sie leben, anzupassen
  • S. 38: Die ruhige Gelassenheit der Österreicher im Vergleich zu den Deutschen
  • S. 40: Absage an jeden Jugendwahn bei den Erwachsenen
  • S. 42: Wehmütiger Rückblick auf diese Zeit der kleinen Sorgen im Vergleich zu den eigenen Erfahrungen der Verfolgung und des Exils
Kapitel: „Die Schule im vorigen Jahrhundert“
  • S. 45: Vorgestellt wird eine absolut freudlose Paukschule ohne jede Rücksichtnahme auf die Wünsche der Schüler
  • S. 48: Lehrer selbst sind armselige Funktionäre des Systems, die Vorgegebenes einfach nur weitergeben müssen. Jede Art von mitmenschlichem Kontakt zu Schülern gilt als Gefährdung der autoritären Ordnung.

Das Phänomen des Massenwahns zu Beginn des Ersten Weltkrieges

#Massenwahn vor dem Ersten Weltkrieg
S. 265/266
Hier beschreibt Stefan Zweig ein Phänomen, das offensichtlich zu allen Zeiten immer wieder vorkommen kann, ganz gleich, was für ein intellektueller oder kultureller Stand erreicht zu sein scheint. Man denke etwa an die McCarthy-Jahre in den USA.
„Allmählich wurde es in diesen ersten Kriegswochen von 1914 unmöglich, mit irgend jemandem ein vernünftiges Gespräch zu führen. Die Friedlichsten, die Gutmütigsten waren von dem Blutdunst wie betrunken. Freunde, die ich immer als entschiedene Individualisten und sogar als geistige Anarchisten gekannt, hatten sich über Nacht in fanatische Patrioten verwandelt und aus Patrioten in unersättliche Annexionisten. Jedes Gespräch endete in dummen Phrasen wie: »Wer nicht hassen kann, der kann auch nicht richtig lieben« oder in groben Verdächtigungen. Kameraden, mit denen ich seit Jahren nie einen Streit gehabt, beschuldigten mich ganz grob, ich sei kein Österreicher mehr; ich solle hinübergehen nach Frankreich oder Belgien. Ja, sie deuteten sogar vorsichtig an, daß man Ansichten wie jene, daß dieser Krieg ein Verbrechen sei, eigentlich zur Kenntnis der Behörden bringen sollte, denn ›Defaitisten‹ – das schöne Wort war eben in Frankreich erfunden worden – seien die schwersten Verbrecher am Vaterlande.
Da blieb nur eins: sich in sich selbst zurückziehen und schweigen, solange die andern fieberten und tobten. Es war nicht leicht. Denn selbst im Exil – ich habe es zur Genüge kennengelernt – ist es nicht so schlimm zu leben wie allein im Vaterlande.“
Wenn man sich diese Erfahrungen anschaut und an andere Fälle in der Geschichte denkt, in der auch Demokratien nicht gefeit waren vor Massenwahn – man denke an das Ende der Weimarer Republik oder später an die Jagd auf angebliche Kommunisten in den USA in der McCarthy-Ära der 1950er Jahre, dann taucht vor allem eine Frage auf:
Was befähigt zumindest einige Menschen dazu, dem Massenwahn nicht zu verfallen?
Einige erste Gedanken dazu:
  • Menschen mit einem besonderen Charakter, einem entsprechenden „Selbst-Bewusstsein“ und auch gewissen Spielräumen, sich den Zwängen zu entziehen
  • Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich auch leichter entziehen können und sich vielleicht auch eine natürlichere Sicht auf die Verhältnisse und die Nöte der Mitmenschen bewahrt haben
  • Autodidakten, d.h. Menschen, die auf Grund ihrer besonderen „Selbst-Bildungs-Entwicklung“ immer schon kritischer auf die Vermittler von „Wahrheiten“ geschaut haben, weil sie sich alles selbst erarbeiten mussten
  • Menschen, die einmal einem kollektiven Wahn entkommen sind bzw. sich aus ihm herausgearbeitet haben – man denke an Herbert Wehner, der den totalitären Stalinismus erlebt und überlebt hat und danach zu einem der entschiedensten Demokraten wurde
Darüber hinaus lohnt es sich auf jeden Fall, die entsprechenden Kapitel von Stefan Zweigs Autobiografie zu studieren – auch da wird man manches finden, was zumindest in eine Richtung weist.

#Grausamkeit des Krieges – scheinbare Normalität fernab der Front

Im Folgenden wird der Kontrast zwischen der unglaublichen Brutalität des Krieges und der Pseudo-Normalität des Lebens fernab der Front deutlich:
S. 280-283
[Das Elend in den Sanitätszügen]
„Dem eigentlich Grausigen des Krieges war ich in den ersten Tagen noch nicht begegnet; sein Antlitz übertraf dann meine schlimmsten Befürchtungen. Da soviel wie gar keine regelmäßigen Passagierzüge verkehrten, fuhr ich einmal auf offenen Artilleriewagen, auf der Protze einer Kanone sitzend, ein anderesmal in einem jener Viehwagen, wo die Menschen im Gestank übereinander und durcheinander todmüde schliefen und, während man sie zur Schlachtbank führte, selbst schon ähnlich waren geschlachtetem Vieh. Aber das Furchtbarste waren die Lazarettzüge, die ich zwei- oder dreimal benutzen mußte. Ach, wie wenig glichen sie jenen gut erhellten, weißen, wohlgewaschenen Sanitätszügen, in denen sich die Erzherzoginnen und die vornehmen Damen der Wiener Gesellschaft zu Anfang des Krieges als Krankenpflegerinnen abbilden ließen! Was ich schauernd zu sehen bekam, waren gewöhnliche Transportwagen ohne richtige Fenster, nur mit einer schmalen Luftluke und innen von verrußten Öllampen erhellt. Eine primitive Tragbahre stand neben der andern, und alle waren sie belegt mit stöhnenden, schwitzenden, todfahlen Menschen, die nach Luft röchelten in dem dicken Geruch von Exkrementen und Jodoform. Die Sanitätssoldaten schwankten mehr als sie gingen, so sehr waren sie übermüdet; nichts war zu sehen von dem weiß leuchtenden Bettzeug der Photographien. Zugedeckt mit längst durchgebluteten Kotzen lagen die Leute auf Stroh oder den harten Tragbahren und in jedem dieser Wagen schon zwei oder drei Tote inmitten der Sterbenden und Stöhnenden. Ich sprach mit dem Arzt, der, wie er mir gestand, eigentlich nur Zahnarzt in einem kleinen ungarischen Städtchen gewesen war und seit Jahren nicht mehr chirurgisch praktiziert hatte. Er war verzweifelt. Nach sieben Stationen, sagte er mir, habe er schon voraustelegraphiert um Morphium. Aber alles sei verbraucht, und er habe auch keine Watte mehr, kein frisches Verbandszeug für die zwanzig Stunden bis ins Budapester Spital. Er bat mich, ihm zu helfen, denn seine Leute könnten nicht mehr weiter vor Müdigkeit. Ich versuchte es, ungeschickt wie ich war, konnte mich aber wenigstens nützlich machen, indem ich bei jeder Station hinauslief und mithalf, ein paar Eimer Wasser zu tragen, schlechtes, schmutziges Wasser, eigentlich nur für die Lokomotive bestimmt, jetzt aber doch Labsal, um die Leute wenigstens ein wenig zu waschen und das ständig niedertropfende Blut vom Boden wegzuscheuern. Dazu kam noch für die Soldaten, die aus allen denkbaren Nationalitäten in diesen rollenden Sarg zusammengeworfen worden waren, eine persönliche Erschwerung durch die babylonische Verwirrung der Sprachen. Weder der Arzt noch die Pfleger verstanden ruthenisch oder kroatisch; der einzige, der einigermaßen helfen konnte, war ein alter, weißhaariger Priester, der – so wie der Arzt verzweifelt war, kein Morphium zu haben – seinerseits erschüttert klagte, er könne seine heilige Pflicht nicht tun, es fehle ihm das Öl für die letzte Ölung. In seinem ganzen Leben habe er nicht so viele Menschen ›versehen‹ wie in diesem einen letzten Monat. Und von ihm hörte ich das Wort, das ich nie mehr vergessen habe, mit harter, zorniger Stimme ausgesprochen: »Ich bin siebenundsechzig Jahre alt und habe viel gesehen. Aber ich habe ein solches Verbrechen der Menschheit nicht für möglich gehalten.«
[Kontrast zwischen der Welt des Verwundetenzuges und dem Leben im friedlichen Budapest]
„Jener Hospitalzug, mit dem ich zurückfuhr, kam in den frühen Morgenstunden in Budapest an. Ich fuhr sofort in ein Hotel, um zunächst einmal zu schlafen; der einzige Sitzplatz in jenem Zuge war mein Koffer gewesen. Ich schlief bis etwa elf Uhr, übermüdet wie ich gewesen, und zog mich dann rasch an, ein Frühstück zu nehmen. Aber schon nach den ersten paar Schritten hatte ich ununterbrochen das Gefühl, ich müßte mir die Augen reiben, ob ich nicht träume. Es war einer jener strahlenden Tage, die am Morgen noch Frühling, zu Mittag schon Sommer sind, und Budapest war so schön und sorglos wie nie. Die Frauen in weißen Kleidern promenierten Arm in Arm mit Offizieren, die mir plötzlich wie Offiziere aus einer ganz anderen Armee erschienen als jene, die ich gestern, erst vorgestern gesehen. In den Kleidern, im Mund, in der Nase noch den Geruch von Jodoform aus dem Verwundetentransport von gestern, sah ich, wie sie Veilchensträußchen kauften und den Damen galant verehrten, wie tadellose Autos mit tadellos rasierten und gekleideten Herren durch die Straßen fuhren. Und all dies acht oder neun Schnellzugsstunden von der Front! Aber hatte man ein Recht, diese Menschen anzuklagen? War es nicht eigentlich das Natürlichste, daß sie lebten und versuchten, sich ihres Lebens zu freuen? Daß sie vielleicht gerade aus dem Gefühl heraus, daß alles bedroht war, noch alles zusammenrafften, was zusammenzuraffen war, die paar guten Kleider, die letzten guten Stunden! Gerade wenn man gesehen, ein wie gebrechliches, zerstörbares Wesen der Mensch ist, dem ein kleines Stück Blei in einer tausendstel Sekunde das Leben mit all seinen Erinnerungen und Erkenntnissen und Ekstasen herausfetzen kann, verstand man, daß ein solcher Korso-Vormittag an dem leuchtenden Flusse Tausende drängte, Sonne zu sehen, sich selbst zu fühlen, das eigene Blut, das eigene Leben mit vielleicht noch verstärkter Kraft. Schon war ich beinahe versöhnt mit dem, was mich zuerst erschreckt hatte. Aber da brachte unglücklicherweise der gefällige Kellner mir eine Wiener Zeitung. Ich versuchte sie zu lesen; nun erst überfiel mich der Ekel in der Form eines richtigen Zorns. Da standen alle die Phrasen von dem unbeugsamen Siegeswillen, von den geringen Verlusten unserer eigenen Truppen und den riesigen der Gegner, da sprang sie mich an, nackt, riesenhaft und schamlos, die Lüge des Krieges! Nein, nicht die Spaziergänger, die Lässigen, die Sorglosen waren die Schuldigen, sondern einzig die, die mit ihrem Wort zum Kriege hetzten. Aber schuldig auch wir, wenn wir das unsere nicht gegen sie wendeten.“

#Mitten im Krieg – die Schweiz als unglaublicher Ort friedlichen Glücks

Um das Folgende zu verstehen, muss man wissen, dass es Stefan Zweig erlaubt wurde, kurz in die Schweiz zu reisen, um dort Werbung für österreichische Kultur zu machen.
S. 293-295
[Von der Not des Krieges in den Überfluss des Friedens]
„Am nächsten Tage reiste ich weiter und überschritt die Schweizer Grenze. Es ist schwer sich zu vergegenwärtigen, was damals der Übergang von einem versperrten, schon halb ausgehungerten Kriegsland in die neutrale Zone bedeutete. Es waren nur wenige Minuten von einer zur anderen Station, aber in der ersten Sekunde überkam einen schon das Gefühl, als ob man aus stickiger eingesperrter Luft plötzlich in starke und schneegefüllte trete, eine Art Taumel, den man vom Gehirn durch alle Nerven und Sinne weiterrieseln fühlte. Noch nach Jahren, wenn ich, von Österreich kommend, an dieser Bahnstation vorbeireiste (deren Namen mir sonst nie im Gedächtnis geblieben wäre), erneuerte sich blitzhaft die Sensation dieses jähen Aufatmens. Man sprang vom Zuge, und da warteten schon – erste Überraschung – am Buffet alle die Dinge, von denen man schon vergessen, daß sie vordem zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens gehört hatten; da waren goldene füllige Orangen, Bananen, da lag Schokolade und Schinken offen, die man bei uns nur durch Hintertüren schleichend erhielt, da war Brot und Fleisch ohne Brotkarte, ohne Fleischkarte – und wirklich wie hungrige Tiere stürzten sich die Reisenden auf diese billige Pracht.“
[Kontrast der Lebenswelten]
„Da war ein Telegraphenamt, ein Postamt, von dem man unzensiert schreiben und drahten konnte in alle Windrichtungen der Welt. Da lagen die französischen, die italienischen, die englischen Zeitungen, und man konnte sie straflos kaufen, auffalten und lesen. Das Verbotene war hier, fünf Minuten weiter, erlaubt und drüben das Erlaubte verboten. All der Widersinn europäischer Kriege wurde mir durch das nahe Nebeneinander im Raum geradezu sinnlich offenbar; da drüben in dem kleinen Grenzstädtchen, dessen Schildertafeln man mit freiem Auge lesen konnte, wurden aus jedem Häuschen, jeder Hütte die Männer herausgeholt und nach der Ukraine und nach Albanien verladen, um dort zu morden und sich morden zu lassen – hier fünf Minuten weit saßen die Männer gleichen Alters geruhigt mit ihren Frauen vor den efeuumhangenen Türen und rauchten ihre Pfeifen: ich fragte mich unwillkürlich, ob nicht auch die Fische in diesem Grenzflüßchen auf der rechten Seite kriegführende Tiere wären und die zur linken neutral.“
[Körperlich-seelische Auswirkungen]
„In der einen Sekunde, da ich die Grenze überschritten hatte, dachte ich schon anders, freier, erregter, unserviler, und ich erprobte gleich am nächsten Tage, wie nicht nur unsere seelische Disposition, sondern auch der körperliche Organismus innerhalb der Kriegswelt herabgemindert wurde; als ich, bei Verwandten eingeladen, ahnungslos nach dem Essen eine Tasse schwarzen Kaffee trank und dazu eine Havannazigarre rauchte, wurde mir plötzlich schwindlig, und ich bekam heftiges Herzklopfen. Mein Körper, meine Nerven erwiesen sich nach vielen Monaten der Ersatzstoffe nicht mehr aufnahmefähig für wirklichen Kaffee und wirklichen Tabak; auch der Körper mußte sich nach dem Unnatürlichen des Krieges wieder umstellen auf das Natürliche des Friedens.“
[Die geistigen Auswirkungen des Ortswechsels]
„Dieser Taumel, diese wohlige Schwindligkeit übertrug sich auch ins Geistige. Jeder Baum schien mir schöner, jeder Berg freier, jede Landschaft beglückender, denn innerhalb eines Kriegslandes wirkt dem verdüsterten Blicke der selig atmende Friede einer Wiese wie freche Gleichgültigkeit der Natur, jeder purpurne Sonnenuntergang erinnert an das vergossene Blut; hier im natürlichen Zustand des Friedens war die edle Abseitigkeit der Natur wieder natürlich geworden, und ich liebte die Schweiz, wie ich sie nie zuvor geliebt. Immer war ich gerne in dies bei kleinem Umfang großartige und in seiner Vielfalt unerschöpfliche Land gekommen. Nie aber hatte ich den Sinn seines Daseins so sehr empfunden: die schweizerische Idee des Beisammenseins der Nationen im selben Räume ohne Feindlichkeit, diese weiseste Maxime durch wechselseitige Achtung und eine ehrlich durchlebte Demokratie sprachliche und volkliche Unterschiede zur Brüderlichkeit zu erheben – welch ein Beispiel dies für unser ganzes verwirrtes Europa! Refugium aller Verfolgten, seit Jahrhunderten Heimstatt des Friedens und der Freiheit, gastlich jeder Gesinnung bei treuester Bewahrung seiner besonderen Eigenart – wie wichtig erwies sich die Existenz dieses einzig übernationalen Staates für unsere Welt! Zu Recht schien mir dies Land mit Schönheit gesegnet, mit Reichtum bedacht. Nein, hier war man nicht fremd; ein freier, unabhängiger Mensch fühlte sich in dieser tragischen Weltstunde hier mehr zu Hause als in seinem eigenen Vaterland. Stundenlang trieb es mich noch nachts in Zürich durch die Straßen und am Seeufer entlang. Die Lichter schimmerten Frieden, hier hatten die Menschen noch die gute Gelassenheit des Lebens. Ich meinte zu spüren, daß hinter den Fenstern nicht schlaflos Frauen in den Betten lagen und an ihre Söhne dachten, ich sah keine Verwundeten, keine Verstümmelten, nicht die jungen Soldaten, die morgen, übermorgen in die Züge verladen werden sollten – man fühlte sich hier berechtigter zu leben, während es im Kriegslande schon eine Scheu gewesen und fast eine Schuld, noch unverstümmelt zu sein.“

#Die Not nach dem Krieg

Der folgende Auszug macht auf sehr eindringliche Art und Weise deutlich, welche Not ein Krieg auslöst und wie diese sich schnell zu sehr unschönen Formen des Überlebenskampfes auswächst.
[Hunger]
„Jeder Gang in die Stadt hinab war damals erschütterndes Erlebnis; zum erstenmal sah ich einer Hungersnot in die gelben und gefährlichen Augen. Das Brot krümelte sich schwarz und schmeckte nach Pech und Leim, Kaffee war ein Absud von gebrannter Gerste, Bier ein gelbes Wasser, Schokolade gefärbter Sand, die Kartoffeln erfroren; die meisten zogen sich, um den Geschmack von Fleisch nicht ganz zu vergessen, Kaninchen auf, in unserem Garten schoß ein junger Bursche Eichhörnchen als Sonntagsspeise ab, und wohlgenährte Hunde oder Katzen kamen nur selten von längeren Spaziergängen zurück.“
[Kleidung]
„Was an Stoffen angeboten wurde, war in Wahrheit präpariertes Papier, Ersatz eines Ersatzes; die Männer schlichen fast ausschließlich in alten, sogar russischen Uniformen herum, die sie aus einem Depot oder einem Krankenhaus geholt hatten und in denen schon mehrere Menschen gestorben waren; Hosen, aus alten Säcken gefertigt, waren nicht selten. Jeder Schritt durch die Straßen, wo die Auslagen wie ausgeraubt standen, der Mörtel wie Grind von den verfallenen Häusern herabkrümelte und die Menschen, sichtlich unterernährt, sich nur mühsam zur Arbeit schleppten, machte einem die Seele verstört.“
[Bessere Lage der Bauern – Schwarzmarkt]
„Besser stand es am flachen Lande mit der Ernährung; bei dem allgemeinen Niederbruch der Moral dachte kein Bauer daran, seine Butter, seine Eier, seine Milch zu den gesetzlich festgelegten ›Höchstpreisen‹ abzugeben. Er hielt, was er konnte, in seinen Speichern versteckt und wartete, bis Käufer mit besserem Angebot zu ihm ins Haus kamen. Bald entstand ein neuer Beruf, das sogenannte ›Hamstern‹. Beschäftigungslose Männer nahmen ein oder zwei Rucksäcke und wanderten von Bauer zu Bauer, fuhren sogar mit der Bahn an besonders ergiebige Plätze, um illegal Lebensmittel aufzutreiben, die sie dann in der Stadt zum vierfachen und fünffachen Preise verhökerten. Erst waren die Bauern glücklich über das viele Papiergeld, das ihnen für ihre Eier und ihre Butter ins Haus regnete, und das sie ihrerseits ›hamsterten‹. Sobald sie aber mit ihren vollgestopften Brieftaschen in die Stadt kamen, um dort Waren einzukaufen, entdeckten sie zu ihrer Erbitterung, daß, während sie für ihre Lebensmittel nur das Fünffache verlangt hatten, die Sense, der Hammer, der Kessel, den sie kaufen wollten, unterdes um das Zwanzigfache oder Fünfzigfache im Preise gestiegen war. Von nun ab suchten sie nur industrielle Objekte sich beizulegen und forderten Sachwert für Sachwert. Ware für Ware; nachdem die Menschheit mit dem Schützengraben schon glücklich zur Höhlenzeit zurückgeschritten war, löste sie auch die tausendjährige Konvention des Geldes und kehrte zum primitiven Tauschwesen zurück. Durch das ganze Land begann ein grotesker Handel. Die Städter schleppten zu den Bauern hinaus, was sie entbehren konnten, chinesische Porzellanvasen und Teppiche, Säbel und Flinten, photographische Apparate und Bücher, Lampen und Zierat; so konnte man, wenn man in einen Salzburger Bauernhof trat, zu seiner Überraschung einen indischen Buddha einen anstarren sehen oder einen Rokokobücherschrank mit französischen Lederbänden aufgestellt finden, auf den die neuen Eigner mit besonderem Stolz sich viel zugute taten. ›Echtes Leder! Frankreich!‹ protzten sie mit breiten Backen. Substanz, nur kein Geld, das wurde die Parole. Manche mußten sich den Ehering vom Finger und den Lederriemen vom Leibe ziehen, nur um den Leib zu nähren.“
[Vergebliche Gegenmaßnahmen des Staates]
„Schließlich mengten sich die Behörden ein, um diesen Schleichhandel zu stoppen, der in seiner Praxis ausschließlich den Begüterten zugute kam; von Provinz zu Provinz wurden ganze Kordons aufgestellt, um auf Fahrrädern und Bahnen den ›Hamsterern‹ die Ware abzunehmen und den städtischen Ernährungsämtern zuzuteilen. Die Hamsterer antworteten, indem sie nach Wildwestart nächtliche Transporte organisierten oder die Aufsichtsbeamten, die selbst hungrige Kinder zu Hause hatten, bestachen; manchmal kam es zu wirklichen Schlachten mit Revolver und Messer, die diese Burschen nach vierjähriger Frontübung ebenso gut zu handhaben verstanden wie sich auf der Flucht im Gelände militärisch kunstgerecht zu verbergen.“
[Geldprobleme]
„Von Woche zu Woche wurde das Chaos größer, die Bevölkerung aufgeregter. Denn von Tag zu Tag machte sich die Entwertung des Geldes fühlbarer. Die Nachbarstaaten hatten die alten österreichisch-ungarischen Noten durch eigene ersetzt und dem winzigen Österreich mehr oder minder die Hauptlast der alten ›Krone‹ zur Einlösung zugeworfen. Als erstes Zeichen des Mißtrauens in der Bevölkerung verschwand das Hartgeld, denn ein Stückchen Kupfer oder Nickel stellte immerhin ›Substanz‹ dar gegenüber dem bloß bedruckten Papier. Der Staat trieb zwar die Notenpresse zur Höchstleistung an, um möglichst viel solchen künstlichen Geldes nach Mephistopheles‘ Rezept zu schaffen, kam aber der Inflation nicht mehr nach; so begann jede Stadt, jedes Städtchen und schließlich jedes Dorf sich selbst ›Notgeld‹ zu drucken, das im Nachbardorf schon wieder zurückgewiesen und später in richtiger Erkenntnis seines Unwerts meist einfach weggeworfen wurde. Ein Nationalökonom, der alle diese Phasen plastisch zu beschreiben wüßte, die Inflation in Österreich zuerst und dann in Deutschland, könnte nach meinem Gefühl an Spannung leicht jeden Roman übertreffen, denn das Chaos nahm immer phantastischere Formen an. Bald wußte niemand mehr, was etwas kostete. Die Preise sprangen willkürlich; eine Schachtel Zündhölzer kostete in einem Geschäft, das rechtzeitig den Preis aufgeschlagen hatte, das Zwanzigfache wie in dem anderen, wo ein biederer Mann arglos seine Ware noch zum Preise von gestern verkaufte; zum Lohn für seine Redlichkeit war dann in einer Stunde sein Geschäft ausgeräumt, denn einer erzählte es dem andern, und jeder lief und kaufte, was verkäuflich war, gleichgültig ob er es benötigte oder nicht. Selbst ein Goldfisch oder ein altes Teleskop war immerhin ›Substanz‹, und jeder wollte Substanz statt Papier.“
[Beispiel für kontraproduktive Maßnahmen des Staates]
„Am groteskesten entwickelte sich das Mißverhältnis bei den Mieten, wo die Regierung zum Schutz der Mieter (welche die breite Masse darstellten) und zum Schaden der Hausbesitzer jede Steigerung untersagte. Bald kostete in Österreich eine mittelgroße Wohnung für das ganze Jahr ihren Mieter weniger als ein einziges Mittagessen; ganz Österreich hat eigentlich fünf oder zehn Jahre (denn auch nachher wurde eine Kündigung untersagt) mehr oder minder umsonst gewohnt.“
[Das Ende von Tugend und Gerechtigkeit]
„Durch dieses tolle Chaos wurde von Woche zu Woche die Situation widersinniger und unmoralischer. Wer vierzig Jahre gespart und überdies sein Geld patriotisch in Kriegsanleihe angelegt hatte, wurde zum Bettler. Wer Schulden besaß, war ihrer ledig. Wer korrekt sich an die Lebensmittelverteilung hielt, verhungerte; nur wer sie frech überschritt, aß sich satt. Wer zu bestechen wußte, kam vorwärts; wer spekulierte, profitierte. Wer gemäß dem Einkaufspreis verkaufte, war bestohlen; wer sorgfältig kalkulierte, blieb geprellt. Es gab kein Maß, keinen Wert innerhalb dieses Zerfließens und Verdampfens des Geldes; es gab keine Tugend als die einzige: geschickt, geschmeidig, bedenkenlos zu sein und dem jagenden Roß auf den Rücken zu springen, statt sich von ihm zertrampeln zu lassen.“

#Anmerkungen zum Neuanfang der Jugend nach dem Ersten Weltkrieg

Der folgende Absatz ist besonders interessant, weil er die großen Veränderungen anscheinend recht kritisch beschreibt, die sich mit dem Generationswechsel nach dem Ersten Weltkrieg ergaben.
[Der Versuch eines völligen Bruchs mit der Generation, die den Krieg betrieben hatte]
„Mit einem Ruck emanzipierte sich die Nachkriegsgeneration brutal von allem bisher Gültigen und wandte jedweder Tradition den Rücken zu, entschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, weg von alten Vergangenheiten und mit einem Schwung in die Zukunft. Eine vollkommen neue Welt, eine ganz andere Ordnung sollte auf jedem Gebiete des Lebens mit ihr beginnen; und selbstverständlich begann alles mit wilden Übertreibungen. Wer oder was nicht gleichaltrig war, galt als erledigt. Statt wie vordem mit ihren Eltern zu reisen, zogen elfjährige, zwölfjährige Kinder in organisierten und sexuell gründlich instruierten Scharen als ›Wandervögel‹ durch das Land bis nach Italien und an die Nordsee. In den Schulen wurden nach russischem Vorbild Schülerräte eingesetzt, welche die Lehrer überwachten, der ›Lehrplan‹ umgestoßen, denn die Kinder sollten und wollten bloß lernen, was ihnen gefiel. Gegen jede gültige Form wurde aus bloßer Lust an der Revolte revoltiert, sogar gegen den Willen der Natur, gegen die ewige Polarität der Geschlechter. Die Mädchen ließen sich die Haare schneiden, und zwar so kurz, daß man sie in ihren ›Bubiköpfen‹ von Burschen nicht unterscheiden konnte, die jungen Männer wiederum rasierten sich die Bärte, um mädchenhafter zu erscheinen, Homosexualität und Lesbierinnentum wurden nicht aus innerem Trieb, sondern als Protest gegen die althergebrachten, die legalen, die normalen Liebesformen große Mode.“
[Die Veränderungen in den Kunstvorstellungen]
„Jede Ausdrucksform des Daseins bemühte sich, radikal und revolutionär aufzutrumpfen, selbstverständlich auch die Kunst. Die neue Malerei erklärte alles, was Rembrandt, Holbein und Velasquez geschaffen, für abgetan und begann die wildesten kubistischen und surrealistischen Experimente. Überall wurde das verständliche Element verfemt, die Melodie in der Musik, die Ähnlichkeit im Porträt, die Faßlichkeit in der Sprache. Die Artikel, ›der, die, das‹ wurden ausgeschaltet, der Satzbau auf den Kopf gestellt, man schrieb ›steil‹ und ›keß‹ im Telegrammstil, mit hitzigen Interjektionen, außerdem wurde jede Literatur, die nicht aktivistisch war, das heißt, nicht politisch theoretisierte, auf den Müllhaufen geworfen. Die Musik suchte starrsinnig eine neue Tonalität und spaltete die Takte, die Architektur drehte die Häuser von innen nach außen, im Tanz verschwand der Walzer vor kubanischen und negroiden Figuren, die Mode erfand mit starker Betonung der Nacktheit immer andere Absurditäten, im Theater spielte man ›Hamlet‹ im Frack und versuchte explosive Dramatik. Auf allen Gebieten begann eine Epoche wildesten Experimentierens, die alles Gewesene, Gewordene, Geleistete mit einem einzigen hitzigen Sprung überholen wollte; je jünger einer war, je weniger er gelernt hatte, desto willkommener war er durch seine Unverbundenheit mit jeder Tradition – endlich tobte sich die große Rache der Jugend gegen unsere Elternwelt triumphierend aus. Aber inmitten dieses wüsten Karnevals bot mir nichts ein tragikomischeres Schauspiel als zu sehen, wie viele Intellektuelle der älteren Generation in der panischen Angst, überholt zu werden und als ›unaktuell‹ zu gelten, sich verzweifelt rasch eine künstliche Wildheit anschminkten und auch den offenkundigsten Abwegen täppisch hinkenden Schritts nachzuschleichen suchten. Biedere, brave, graubärtige Akademieprofessoren übermalten ihre einstigen, jetzt unverkäuflich gewordenen ›Stilleben‹ mit symbolischen Würfeln und Kuben, weil die jungen Direktoren (überall suchte man jetzt Junge und besser noch: Jüngste) alle andern Bilder als zu ›klassizistisch‹ aus den Galerien räumten und ins Depot stellten. Schriftsteller, die jahrzehntelang ein rundes, klares Deutsch geschrieben, zerhackten folgsam ihre Sätze und exzedierten in ›Aktivismus‹, behäbige preußische Geheimräte dozierten auf dem Katheder Karl Marx, alte Hofballerinen tanzten dreiviertelnackt mit ›gesteilten‹ Verrenkungen die ›Appassionata‹ Beethovens und Schönbergs ›Verklärte Nacht‹. Überall lief das Alter verstört der letzten Mode nach; es gab plötzlich nur den einen Ehrgeiz, ›jung‹ zu sein und hinter der gestern noch aktuellen eine noch aktuellere, noch radikalere und noch nie dagewesene Richtung prompt zu erfinden.“
[Zusammenfassung und Einordnung]
„Welch eine wilde, anarchische, unwahrscheinliche Zeit, jene Jahre, da mit dem schwindenden Wert des Geldes alle andern Werte in Österreich und Deutschland ins Rutschen kamen! Eine Epoche begeisterter Ekstase und wüster Schwindelei, eine einmalige Mischung von Ungeduld und Fanatismus. Alles, was extravagant und unkontrollierbar war, erlebte goldene Zeiten: Theosophie, Okkultismus, Spiritismus, Somnambulismus, Anthroposophie, Handleserei, Graphologie, indische Yoghilehren und paracelsischer Mystizismus. Alles, was äußerste Spannungen über die bisher bekannten hinausversprach, jede Form des Rauschgifts, Morphium, Kokain und Heroin, fand reißenden Absatz, in den Theaterstücken bildeten Inzest und Vatermord, in der Politik Kommunismus oder Faschismus die einzig erwünschte extreme Thematik; unbedingt verfemt hingegen war jede Form der Normalität und der Mäßigung.“

Dann die überraschende Wende in Richtung Verständnis und Sympathie

Wunderbar, wie Stefan Zweig dann plötzlich die Kurve bekommt – weg von einer einseitigen Verurteilung, hin zu wirklichem Verständnis und einer Einordnung bzw. Einschätzung, der man gerne folgt.
„Aber ich möchte sie nicht missen, diese chaotische Zeit, nicht aus meinem eigenen Leben, nicht aus der Entwicklung der Kunst. Wie jede geistige Revolution im ersten Anschwung orgiastisch vorstoßend, hat sie die Luft vom Stickig-Traditionellen reingefegt, die Spannungen vieler Jahre entladen, und wertvolle Anregungen sind trotz allem von ihren verwegenen Experimenten zurückgeblieben. So sehr uns ihre Übertriebenheiten befremdeten, wir fühlten doch kein Recht, sie zu tadeln und hochmütig abzulehnen, denn im Grunde versuchte diese neue Jugend gutzumachen wenn auch zu hitzig, zu ungeduldig –, was unsere Generation durch Vorsicht und Abseitigkeit versäumt. Im Innersten war ihr Instinkt richtig, daß die Nachkriegszeit anders sein müsse als die des Vorkriegs; und eine neue Zeit, eine bessere Welt – hatten wir Älteren sie nicht ebenso gewollt vor dem Kriege und während des Krieges? „

Zweigs Konzentration auf sein Werk – möchte als Person im Hintergrund bleiben

[Zweig möchte kein Interesse an seiner Person auslösen]
„Aber ich bin ehrlich, wenn ich sage, daß ich mich des Erfolges nur freute, solange er sich auf meine Bücher und meinen literarischen Namen bezog, daß er mir aber eher lästig wurde, wenn sich Neugier auf meine physische Person übertrug. Von frühester Jugend an war nichts in mir stärker gewesen als der instinktive Wunsch, frei und unabhängig zu bleiben. Und ich spürte, daß bei jedem Menschen von seiner persönlichen Freiheit viel des Besten durch photographische Publizität gehemmt und verunstaltet wird.“
[Die unliebsamen Begleiterscheinungen der Berühmtheit]
„Außerdem drohte, was ich aus Neigung begonnen, die Form eines Berufs und sogar eines Betriebs anzunehmen. Jede Post brachte Stöße von Briefen, Einladungen, Aufforderungen, Anfragen, die beantwortet werden wollten, und wenn ich einmal einen Monat wegreiste, dann gingen nachher immer zwei oder drei Tage verloren, um die aufgehäufte Masse wegzuschaufeln und den ›Betrieb‹ wieder in Ordnung zu bringen. Ohne es zu wollen, war ich durch die Marktgängigkeit meiner Bücher in eine Art Geschäft geraten, das Ordnung, Übersicht, Pünktlichkeit und Geschicklichkeit erforderte, um richtig erledigt zu werden – all dies sehr respektable Tugenden, die leider meiner Natur keineswegs entsprechen und das reine, unbefangene Sinnen und Träumen auf das gefährlichste zu stören drohten. Je mehr man darum von mir Teilnahme wollte, Vorlesungen, Erscheinen bei repräsentativen Anlässen, desto mehr zog ich mich zurück, und diese fast pathologische Scheu, mit meiner Person für meinen Namen einstehen zu sollen, habe ich nie überwinden können.
[Zweigs Lust auf Hintergrund-Dasein]
Mich treibt es noch heute vollkommen instinktiv, in einem Saale, einem Konzert, einer Theateraufführung mich in die letzte, unauffälligste Reihe zu setzen, und nichts ist mir unerträglicher, als auf einem Podium oder sonst exponierten Platz mein Gesicht zur Schau zu stellen; Anonymität der Existenz in jeder Form ist mir Bedürfnis.“

#Das Problem der „Konzessionen“ an den Nationalsozialismus

Der folgende Abschnitt macht deutlich, wie schwierig die Lage eines bekannten Komponisten (Richard Strauss) war, der Rücksicht auf sein Werk, aber auch auf die eigene Familie nehmen wollte. Interessant auch wiederum, wie sich Stefan Zweig als Mitbeteiligter an dem Werk verhält – eigentlich verfemt – und jetzt doch mit der Chance, noch einmal im nationalsozialistischen Deutschland erwähnt zu werden.
„Januar 1933, als Adolf Hitler zur Macht kam, war unsere Oper, die ›Schweigsame Frau‹, in der Klavierpartitur so gut wie fertig und ungefähr der erste Akt instrumentiert. Wenige Wochen später erfolgte das strikte Verbot an die deutschen Bühnen, Werke von Nichtariern oder auch nur solche aufzuführen, an denen ein Jude in irgendeiner Form beteiligt gewesen; sogar auf die Toten wurde der große Bann ausgedehnt und zur Erbitterung aller Musikfreunde der Welt Mendelssohns Standbild vor dem Gewandhaus in Leipzig entfernt. Für mich schien mit diesem Verbot das Schicksal unserer Oper erledigt. Ich nahm als selbstverständlich an, daß Richard Strauss die weitere Arbeit aufgeben und eine andere mit jemand anderem beginnen würde. Statt dessen schrieb er mir Brief auf Brief, was mir denn einfiele; im Gegenteil, ich solle, da er jetzt schon an die Instrumentation gehe, für seine nächste Oper den Text vorbereiten. Er denke nicht daran, sich von irgend jemandem die Zusammenarbeit mit mir verbieten zu lassen; und ich muß offen bekennen, daß er im Verlauf der ganzen Angelegenheit mir kameradschaftliche Treue gehalten hat, solange sie zu halten war. Freilich traf er gleichzeitig Vorkehrungen, die mir weniger sympathisch waren ? er näherte sich den Machthabern, kam öfters mit Hitler und Göring und Goebbels zusammen und ließ sich zu einer Zeit, da selbst Furtwängler sich noch offen auflehnte, zum Präsidenten der nazistischen Reichsmusikkammer ernennen.

Diese seine offene Teilnahme war den Nationalsozialisten in jenem Augenblick ungeheuer wichtig. Denn ärgerlicherweise hatten nicht nur die besten Schriftsteller, sondern auch die wichtigsten Musiker ihnen offen den Rücken gekehrt, und die wenigen, die zu ihnen hielten oder überliefen, waren in den weitesten Kreisen unbekannt. In einem solchen peinlichen Augenblick den berühmtesten Musiker Deutschlands offen auf ihre Seite zu bekommen, bedeutete für Goebbels und Hitler im rein dekorativen Sinn unermeßlichen Gewinn. Hitler, der, wie mir Strauss erzählte, schon in seinen Wiener Vagantenjahren mit Geld, das er sich mühsam auf irgendeine Weise verschafft hatte, nach Graz gefahren war, um der Premiere der ›Salome‹ beizuwohnen, ehrte ihn demonstrativ; an allen festlichen Abenden in Berchtesgaden wurden außer Wagner fast nur Strausssche Lieder vorgetragen. Bei Strauss dagegen war die Teilnahme bedeutend absichtsvoller. Bei seinem Kunstegoismus, den er jederzeit offen und kühl bekannte, war ihm jedes Regime innerlich gleichgültig. Er hatte dem deutschen Kaiser gedient als Kapellmeister und für ihn Militärmärsche instrumentiert, dann dem Kaiser von Österreich als Hofkapellmeister in Wien, war aber ebenso in der österreichischen und deutschen Republik persona gratissima gewesen. Den Nationalsozialisten besonders entgegenzukommen, war außerdem von vitalem Interesse für ihn, da er in nationalsozialistischem Sinne ein mächtiges Schuldkonto hatte. Sein Sohn hatte eine Jüdin geheiratet, und er mußte fürchten, daß seine Enkel, die er über alles liebte, als Auswurf von den Schulen ausgeschlossen würden; seine neue Oper war durch mich belastet, seine früheren Opern durch den nicht ›rein arischen‹ Hugo von Hofmannsthal, sein Verleger war ein Jude. Um so dringlicher schien ihm geboten, sich Rückhalt zu schaffen, und er tat es in beharrlichster Weise. Er dirigierte, wo die neuen Herren es gerade verlangten, er setzte für die Olympischen Spiele eine Hymne in Musik und schrieb mir gleichzeitig in seinen unheimlich freimütigen Briefen über diesen Auftrag mit wenig Begeisterung. In Wirklichkeit bekümmerte ihn im sacro egoismo des Künstlers nur eines: sein Werk in lebendiger Wirksamkeit zu erhalten und vor allem die neue Oper aufgeführt zu sehen, die seinem Herzen besonders nahestand.

Mir mußten derlei Konzessionen an den Nationalsozialismus selbstverständlich im höchsten Maße peinlich sein. Denn wie leicht konnte der Eindruck entstehen, als ob ich heimlich mitwirkte oder auch nur zustimmte, daß mit meiner Person eine einmalige Ausnahme in einem so schmählichen Boykott gemacht würde. Von allen Seiten drängten meine Freunde auf mich ein, öffentlich gegen eine Aufführung im nationalsozialistischen Deutschland zu protestieren. Aber erstens verabscheue ich prinzipiell öffentliche und pathetische Gesten, außerdem widerstrebte es mir, einem Genius von Richard Strauss‘ Range Schwierigkeiten zu bereiten. Strauss war schließlich der größte lebende Musiker und siebzig Jahre alt, er hatte drei Jahre an dieses Werk gewandt und während dieser ganzen Zeit mir gegenüber freundschaftliche Gesinnung, Korrektheit und sogar Mut bezeigt. Deshalb hielt ich es meinerseits für das Richtige, schweigend zuzuwarten und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Außerdem wußte ich, daß ich durch nichts den neuen Hütern der deutschen Kultur mehr Schwierigkeiten bereitete als durch vollkommene Passivität. Denn die nationalsozialistische Reichsschrifttumskammer und das Propagandaministerium suchten doch nur nach einem willkommenen Vorwand, um ein Verbot gegen ihren größten Musiker auf stichhaltigere Weise begründen zu können. So wurde zum Beispiel von allen denkbaren Ämtern und Personen das Libretto eingefordert in der geheimen Hoffnung, einen Vorwand zu finden. Wie bequem wäre es gewesen, hätte die ›Schweigsame Frau‹ eine Situation enthalten wie etwa jene im ›Rosenkavalier‹, wo ein junger Mann aus dem Schlafzimmer einer verheirateten Frau kommt! Da hätte man vorgeben können, die deutsche Moral schützen zu müssen. Aber zu ihrer Enttäuschung enthielt mein Buch nichts Unmoralisches. Dann wurden alle denkbaren Kartotheken der Gestapo und meine früheren Bücher durchstöbert. Aber auch hier war nicht zu entdecken, daß ich jemals gegen Deutschland (ebensowenig wie gegen irgendeine andere Nation der Erde) ein herabsetzendes Wort gesagt oder mich politisch betätigt hätte. Was immer sie taten und versuchten, die Entscheidung fiel unabänderlich auf sie allein zurück, ob sie dem Altmeister, dem sie selbst das Banner der nationalsozialistischen Musik in die Hand gedrückt, vor den Augen der ganzen Welt das Recht verweigern sollten, seine Oper aufführen zu lassen, oder ob – Tag der nationalen Schande! – der Name Stefan Zweig, auf dessen Nennung als Textdichter Richard Strauss ausdrücklich bestand, noch einmal wie schon so oft die deutschen Theaterzettel beschmutzen sollte. Wie freute mich im stillen ihre große Sorge und ihr schmerzhaftes Kopfzerbrechen; ich ahnte, auch ohne mein Zutun oder vielmehr gerade durch mein Nichtsdazu-Tun und Nichts-dagegen-Tun würde meine musikalische Komödie sich unaufhaltsam zu einer parteipolitischen Katzenmusik entfalten.


#Die Situation in Österreich nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland

Der folgende Abschnitt macht deutlich, wie gut es für den Geschichtsunterricht wäre, auch solche Quellen möglichst ausführlich heranzuziehen, um historische Ereignisse zu verstehen.
Stefan Zweig macht hier nämlich deutlich, wie die deutschen Nationalsozialisten schon lange vor 1938 ihren Einfluss auf Österreich ausdehnten.
Zugleich bekommt man ein vertieftes Verständnis dafür, warum in Österreich schon vor 1938 die Demokratie abgeschafft bzw. stark eingeschränkt wurde – und das gerade gegen Hitler.
Interessant auch der Hinweis auf die Juden, die sich vor dem Anschluss an Deutschland nicht vorstellen konnten, dass sie auch in Österreich nicht vor dem nationalsozialistischen Vernichtungsfuror sicher waren.
„Während sich diese Angelegenheit unter ziemlichem Getöse vollzog, lebte ich im Ausland, denn ich spürte, daß die Unruhe in Österreich mir ruhige Arbeit unmöglich machte. Mein Haus in Salzburg lag so nahe der Grenze, daß ich mit freiem Auge den Berchtesgadener Berg sehen konnte, auf dem Adolf Hitlers Haus stand, eine wenig erfreuliche und sehr beunruhigende Nachbarschaft. Diese Nähe der deutschen Reichsgrenze gab mir allerdings auch Gelegenheit, besser als meine Freunde in Wien die Bedrohlichkeit der österreichischen Situation zu beurteilen. Dort betrachteten die in den Cafés Sitzenden und sogar auch die Leute in den Ministerien den Nationalsozialismus als eine Angelegenheit, die ›drüben‹ geschah und Österreich nicht im mindesten berühren konnte. War denn nicht die sozialdemokratische Partei mit ihrer straffen Organisation zur Stelle, die beinahe die Hälfte der Bevölkerung geschlossen hinter sich hatte? War nicht auch die klerikale Partei mit ihr in leidenschaftlicher Abwehr einig, seit Hitlers ›deutsche Christen‹ das Christentum offen verfolgten und ihren Führer offen und wörtlich ›größer als Christus‹ nannten? Waren nicht Frankreich, England, der Völkerbund Österreichs Schirmherren? Hatte nicht Mussolini ausdrücklich das Protektorat und sogar die Garantie der österreichischen Unabhängigkeit übernommen? Selbst die Juden sorgten sich nicht und taten, als ob die Entrechtung der Ärzte, der Rechtsanwälte, der Gelehrten, der Schauspieler in China vor sich ginge und nicht drei Stunden weit drüben im gleichen Sprachgebiet. Sie saßen behaglich in ihren Häusern und fuhren in ihren Automobilen. Außerdem hatte jeder das Trostsprüchlein bereit: »Das kann nicht lange dauern.« Ich aber erinnerte mich an ein Gespräch, das ich auf meiner kurzen russischen Reise mit meinem ehemaligen Verleger in Leningrad gehabt. Er hatte mir erzählt, ein wie reicher Mann er früher gewesen, was für schöne Bilder er besessen, und ich hatte ihn gefragt, warum er denn nicht gleich bei Ausbruch der Revolution wie so viele andere weggegangen sei. »Ach«, hatte er mir geantwortet, »wer konnte denn damals glauben, eine solche Sache wie eine Räte- und Soldatenrepublik würde länger als vierzehn Tage dauern?« Es war die gleiche Täuschung aus dem gleichen Lebenswillen, sich selbst zu täuschen.

In Salzburg freilich, knapp an der Grenze, sah man die Dinge deutlicher. Es begann ein fortwährendes Hin und Her über den schmalen Grenzfluß, die jungen Leute schlichen nachts hinüber und wurden einexerziert, die Agitatoren kamen in Autos oder mit Bergstöcken als schlichte ›Touristen‹ über die Grenze und organisierten in allen Ständen ihre ›Zellen‹. Sie begannen zu werben und gleichzeitig zu drohen, daß, wer nicht rechtzeitig sich bekenne, später dafür werde bezahlen müssen. Das schüchterte die Polizisten, die Staatsbeamten ein. Immer mehr spürte ich an einer gewissen Unsicherheit im Betragen, wie die Leute zu schwanken begannen. Nun sind im Leben immer die kleinen persönlichen Erlebnisse die überzeugendsten. Ich hatte in Salzburg einen Jugendfreund, einen recht bekannten Schriftsteller, mit dem ich durch dreißig Jahre in innigstem, herzlichstem Verkehr gestanden hatte. Wir duzten uns, wir hatten uns gegenseitig Bücher gewidmet, wir trafen uns jede Woche. Eines Tages sah ich nun diesen alten Freund auf der Straße mit einem fremden Herrn und merkte, daß er sofort bei einer ihm ganz gleichgültigen Auslage stehenblieb und diesem Herrn mit mir zugewendetem Rücken dort ungemein interessiert etwas zeigte. Sonderbar, dachte ich: er muß mich doch gesehen haben. Aber das konnte Zufall sein. Am nächsten Tage telephonierte er mir plötzlich, ob er nachmittags auf einen Plausch zu mir kommen könne. Ich sagte zu, etwas verwundert, denn sonst trafen wir uns immer im Kaffeehaus. Es ergab sich, daß er mir nichts Besonderes zu sagen hatte trotz dieses eiligen Besuchs. Und es war mir sofort klar, daß er einerseits die Freundschaft mit mir aufrechterhalten, anderseits, um nicht als Judenfreund verdächtigt zu werden, sich in der kleinen Stadt nicht mehr allzu intim mit mir zeigen wollte. Das machte mich aufmerksam. Und ich merkte bald, daß in letzter Zeit eine ganze Reihe von Bekannten, die sonst häufig kamen, ausgeblieben waren. Man stand auf gefährdetem Posten.“


#Bei der Ankunft in England: Die Wohltat relativer Freiheit

Der folgende Abschnitt macht deutlich, was die entscheidenden Kennzeichen einer funktionierenden Demokratie sind.
„Jedoch die eigentliche Wohltat war, daß ich endlich wieder eine zivile, höfliche, unerregte, haßlose Atmosphäre um mich fühlte. Nichts hatte mir das Leben in den letzten Jahren dermaßen vergiftet, als immer Haß und Spannung im Lande, in der Stadt um mich zu fühlen, immer mich wehren zu müssen, in diese Diskussionen hineingezerrt zu werden. Hier war die Bevölkerung nicht in gleicher Weise verstört, ein höheres Maß von Rechtlichkeit und Anständigkeit herrschte hier im öffentlichen Leben als in unseren durch den großen Betrug der Inflation selbst unmoralisch gewordenen Ländern. Die Menschen lebten ruhiger, zufriedener und blickten mehr auf ihren Garten und ihre kleinen Liebhabereien als auf ihren Nachbarn. Hier konnte man atmen, denken und überlegen. „

#Das Neue am Zeitzeugentum im 20. Jhdt: Nah dabei und doch auf Zeitungen angewiesen

Auch der folgende Abschnitt kann im Geschichtsunterricht mehr für ein fundiertes Quellenverständnis sorgen als rein theoretisches Abhaken von Quellen-Kennzeichen. Deutlich wird nämlich, wie es wirklich mit den vielgerühmten Zeitzeugen aussieht – zumindest sieht man sie nach der Lektüre differenzierter.
„Ich war nur einige Tage in Salzburg gewesen und bald nach Wien weitergefahren. Und gerade in diesen ersten Februartagen brach das Gewitter los. Die Heimwehr hatte in Linz das Haus der Arbeiterschaft überfallen, um die Waffendepots, die sie dort vermutete, wegzunehmen. Die Arbeiter hatten mit dem Generalstreik geantwortet, Dollfuß wiederum mit dem Befehl, mit Waffen diese künstlich erzwungene ›Revolution‹ niederzuschlagen. So rückte die reguläre Wehrmacht mit Maschinengewehren und Kanonen gegen die Wiener Arbeiterhäuser an. Drei Tage wurde erbittert gekämpft von Haus zu Haus; es war das letztemal in Spanien, daß sich in Europa die Demokratie gegen den Faschismus wehrte. Drei Tage hielten die Arbeiter stand, ehe sie der technischen Übermacht erlagen.

Ich war in diesen drei Tagen in Wien und somit Zeuge dieses Entscheidungskampfes und damit des Selbstmords der österreichischen Unabhängigkeit. Aber da ich ehrlicher Zeuge sein will, muß ich das zunächst paradox scheinende Faktum bekennen, daß ich von dieser Revolution selbst nichts das mindeste gesehen habe. Wer sich vorgesetzt hat, ein möglichst ehrliches und anschauliches Bild seiner Zeit zu geben, muß auch den Mut haben, romantische Vorstellungen zu enttäuschen. Und nichts scheint mir charakteristischer für die Technik und Eigenart moderner Revolutionen, als daß sie sich im Riesenraum einer modernen Großstadt eigentlich nur an ganz wenigen Stellen abspielen und darum für die meisten Einwohner völlig unsichtbar bleiben. So sonderbar es scheinen mag: ich war an diesen historischen Februartagen 1934 in Wien und habe nichts gesehen von diesen entscheidenden Ereignissen, die sich in Wien abspielten, und nichts, auch nicht das mindeste davon gewußt, während sie geschahen. Es wurde mit Kanonen geschossen, es wurden Häuser besetzt, es wurden Hunderte von Leichen weggetragen – ich habe nicht eine einzige gesehen. Jeder Leser der Zeitung in New York, in London, in Paris hatte bessere Kenntnis von dem, was wirklich vor sich ging, als wir, die wir doch scheinbar Zeugen waren. Und dieses erstaunliche Phänomen, daß man in unserer Zeit zehn Straßen weit von Entscheidungen weniger weiß als die Menschen in einer Entfernung von Tausenden Kilometern, habe ich dann später immer und immer wieder bestätigt gefunden. Als Dollfuß einige Monate später mittags in Wien ermordet wurde, sah ich um halb sechs Uhr nachmittags in London die Plakate auf den Straßen. Ich versuchte sofort, nach Wien zu telephonieren; zu meinem Erstaunen erhielt ich sofort Verbindung und erfuhr zu meinem noch größeren Erstaunen, daß man in Wien, fünf Straßen vom Auswärtigen Amt, viel weniger wußte als in London an jeder Straßenecke. Ich kann also an meinem Wiener Revolutionserlebnis beispielhaft nur das Negative darstellen: wie wenig heutzutage ein Zeitgenosse, wenn er nicht zufällig an der entscheidenden Stelle steht, von den Ereignissen sieht, welche das Antlitz der Welt und sein eigenes Leben verändern. Alles, was ich erlebte, war: ich hatte abends eine Verabredung mit der Ballettregisseurin der Oper, Margarete Wallmann, in einem Ringstraßencafe. Ich ging also zu Fuß zur Ringstraße und wollte sie gedankenlos überschreiten. Da traten plötzlich ein paar Leute in alten, rasch zusammengerafften Uniformen mit Gewehren auf mich zu und fragten, wohin ich wollte. Als ich ihnen erklärte, ich wollte in jenes Cafe J., ließen sie mich ruhig durch. Ich wußte weder, warum plötzlich solche Gardisten auf der Straße standen, noch was sie eigentlich bezweckten. In Wirklichkeit wurde damals schon seit mehreren Stunden erbittert in den Vorstädten geschossen und gekämpft, aber in der inneren Stadt hatte niemand eine Ahnung. Erst als ich abends ins Hotel kam und meine Rechnung bezahlen wollte, weil es meine Absicht war, am nächsten Morgen nach Salzburg zurückzureisen, sagte mir der Portier, er fürchte, das werde nicht möglich sein, die Bahnen verkehrten nicht. Es sei Eisenbahnerstreik, und außerdem gehe in den Vorstädten etwas vor.

Am nächsten Tage brachten die Zeitungen ziemlich undeutliche Mitteilungen über einen Aufstand der Sozialdemokraten, der aber schon mehr oder minder niedergeschlagen sei. In Wirklichkeit hatte der Kampf an diesem Tage erst seine volle Kraft erreicht, und die Regierung entschloß sich, nach den Maschinengewehren auch Kanonen gegen die Arbeiterhäuser einzusetzen. Aber auch die Kanonen vernahm ich nicht. Wäre damals ganz Österreich besetzt worden, sei es von den Sozialisten oder Nationalsozialisten oder Kommunisten, ich hätte es ebensowenig gewußt wie seinerzeit die Leute in München, die am Morgen aufwachten und erst aus den ›Münchener Neuesten Nachrichten‹ erfuhren, daß ihre Stadt in den Händen Hitlers war. Alles ging im inneren Kreise der Stadt ebenso ruhig und regelmäßig weiter wie sonst, während in den Vorstädten der Kampf wütete, und wir glaubten töricht den offiziellen Mitteilungen, daß alles schon beigelegt und erledigt sei. In der Nationalbibliothek, wo ich etwas nachzusehen hatte, saßen die Studenten und lasen und studierten wie immer, alle Geschäfte waren offen, die Menschen gar nicht erregt. Erst am dritten Tag, als alles vorüber war, erfuhr man stückweise die Wahrheit. Kaum daß die Bahnen wieder verkehrten, am vierten Tag, fuhr ich morgens nach Salzburg zurück, wo mich zwei, drei Bekannte, die ich auf der Straße traf, sofort mit Fragen bestürmten, was eigentlich in Wien geschehen sei. Und ich, der ich doch der ›Augenzeuge‹ der Revolution gewesen, mußte ihnen ehrlich sagen: »Ich weiß es nicht. Am besten, ihr kauft eine ausländische Zeitung.«“


#Der Wert erkämpfter Bürgerrechte vor 1934

Auch der folgende Abschnitt hält eine Überraschung bereit – nämlich die Erkenntnis, dass vielleicht auch im Bereich der Bürgerrechte früher nicht alles schlechter war als heute.
„Sonderbarerweise fiel am nächsten Tag im Zusammenhang mit diesen Ereignissen eine Entscheidung in meinem eigenen Leben. Ich war nachmittags von Wien in mein Haus nach Salzburg zurückgekommen, hatte dort Stöße von Korrekturen und Briefen vorgefunden und bis tief in die Nacht gearbeitet, um alle Rückstände zu beseitigen. Am nächsten Morgen, ich lag noch im Bett, klopfte es an die Tür; unser braver alter Diener, der mich sonst nie weckte, wenn ich nicht ausdrücklich eine Stunde bestimmt hatte, erschien mit bestürztem Gesicht. Ich möchte hinunterkommen, es seien Herren von der Polizei da und wünschten mich zu sprechen. Ich war etwas verwundert, nahm den Schlafrock und ging in das untere Stockwerk. Dort standen vier Polizisten in Zivil und eröffneten mir, sie hätten Auftrag, das Haus zu durchsuchen; ich solle sofort alles abliefern, was an Waffen des Republikanischen Schutzbundes im Hause verborgen sei.

Ich muß gestehen, daß ich im ersten Augenblick zu verblüfft war, um irgend etwas zu antworten. Waffen des Republikanischen Schutzbundes in meinem Hause? Die Sache war zu absurd. Ich hatte nie einer Partei angehört, mich nie um Politik gekümmert. Ich war viele Monate nicht in Salzburg gewesen, und abgesehen von all dem wäre es das lächerlichste Ding von der Welt gewesen, ein Waffendepot gerade in diesem Hause anzulegen, das außerhalb der Stadt auf einem Berge lag, so daß man jeden, der ein Gewehr oder eine Waffe trug, unterwegs beobachten konnte. Ich antwortete also nichts als ein kühles: »Bitte, sehen Sie nach.« Die vier Detektive gingen durch das Haus, öffneten einige Kästen, klopften an ein paar Wände, aber es war mir sofort klar an der lässigen Art, wie sie es taten, daß diese Nachschau pro forma geschah und keiner von ihnen ernstlich an ein Waffendepot in diesem Hause glaubte. Nach einer halben Stunde erklärten sie die Untersuchung für beendet und verschwanden.

Warum mich diese Farce damals so sehr erbitterte, bedarf leider bereits einer aufklärenden historischen Anmerkung. Denn in den letzten Jahrzehnten hat Europa und die Welt beinahe schon vergessen, welch heilige Sache vordem persönliches Recht und staatsbürgerliche Freiheit gewesen. Seit 1933 sind Durchsuchungen, willkürliche Verhaftungen, Vermögenskonfiskationen, Austreibungen von Heim und Land, Deportationen und jede andere denkbare Form der Erniedrigung beinahe selbstverständliche Angelegenheiten geworden; ich kenne kaum einen meiner europäischen Freunde, der nicht derlei erfahren. Aber damals, zu Beginn von 1934, war eine Hausdurchsuchung in Österreich noch ein ungeheurer Affront. Daß jemand, der wie ich vollkommen jeder Politik fernstand und seit Jahren nicht einmal sein Wahlrecht ausgeübt hatte, ausgesucht worden war, mußte einen besonderen Grund haben, und in der Tat war es eine typisch österreichische Angelegenheit. Der Polizeipräsident von Salzburg war genötigt gewesen, scharf gegen die Nationalsozialisten vorzugehen, die mit Bomben und Explosivstoffen Nacht für Nacht die Bevölkerung beunruhigten, und diese Überwachung war eine bedenkliche Mutleistung, denn schon damals setzte die Partei ihre Technik des Terrors ein. Jeden Tag erhielten die Amtsstellen Drohbriefe, sie würden dafür zu bezahlen haben, wenn sie weiterhin die Nationalsozialisten ›verfolgten‹, und in der Tat – wenn es Rache galt, haben die Nationalsozialisten ihr Wort immer hundertprozentig gehalten sind die getreuesten österreichischen Beamten gleich am ersten Tage nach Hitlers Einmarsch ins Konzentrationslager geschleppt worden. So lag der Gedanke nahe, durch eine Haussuchung bei mir demonstrativ kundzutun, daß man vor niemandem mit solchen Sicherungsmaßnahmen zurückscheue. Ich aber spürte hinter dieser an sich unbeträchtlichen Episode, wie ernst die Sachlage in Österreich schon geworden war, wie übermächtig der Druck von Deutschland her. Mein Haus gefiel mir nicht mehr seit jenem amtlichen Besuch, und ein bestimmtes Gefühl sagte mir, daß solche Episoden nur schüchternes Vorspiel viel weiterreichender Eingriffe waren. Am selben Abend begann ich meine wichtigsten Papiere zu packen, entschlossen, nun immer im Ausland zu leben, und diese Loslösung bedeutete mehr als eine von Haus und Land, denn meine Familie hing an diesem Haus als ihrer Heimat, sie liebte das Land. Mir aber war persönliche Freiheit die wichtigste Sache auf Erden. Ohne irgend jemanden meiner Freunde und Bekannten von meiner Absicht zu verständigen, reiste ich zwei Tage später nach London zurück; mein erstes dort war, der Behörde in Salzburg die Mitteilung zu machen, daß ich meinen Wohnsitz definitiv aufgegeben hätte. Es war der erste Schritt, der mich von meiner Heimat loslöste. Aber ich wußte, seit jenen Tagen in Wien, daß Österreich verloren war – freilich ahnte ich noch nicht, wieviel ich damit verlor.“


Wir hoffen, wir konnten deutlich machen, wie interessant diese Lebenserinnerungen sind. Schön wäre es, wenn sich der eine oder die andere jetzt selbst noch auf eine Entdeckungstour in diesem Werk machen würde.

Weiterführende Hinweise 

Helmut Schelsky, „Die skeptische Generation“ (1957) – Auswertung eines Auszugs

Was versteht Schelsky unter der „skeptischen Generation“?

Im folgenden geht es um die Analyse und Auswertung eines Auszugs aus: Helmut Schelsky, Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend, 1957.
In der Deutschen Nationalbibliothek zu finden unter dem Datensatz: http://d-nb.info/454327811

1. Ausgangsthese: Die Besonderheit der 50er-Jahre-Jugendgeneration

  1. [Schelsky beginnt mit einer These, in der er eine Besonderheit der Jugend der 50er Jahre meint feststellen zu können:]
    „Die in Kriegs- und Nachkriegszeit erfahrene Not und Gefährdung der eigenen Familie durch Flucht, Ausbombung, Deklassierung, Besitzverlust, Wohnungsschwierigkeiten, Schul- und Ausbildungsschwierigkeiten oder gar durch den Verlust der Eltern oder eines Elternteils haben einen sehr großen Teil der gegenwärtigen Jugendgeneration frühzeitig in die Lage versetzt, für den Aufbau und die Stabilisierung ihres privaten Bereichs Daseinsverantwortung oder Mitverantwortung übernehmen zu müssen.“

    1. Analyse und Auswertung:
      Schelsky sieht also ein höheres Maß an „Daseinsverantwortung“ in der Generation zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches
    2. Und führt sie auf die Erfahrungen der „Not und Gefährdung der eigenen Familie“ zurück.
    3. Damit wird schon ein zentraler Punkt seiner Argumentation deutlich, nämlich die Konzentration auf sich selbst und das unmittelbare Umfeld.

2. Vergleich mit der Jugendbewegung

[These: Abwendung von der Besonderheit der Jugendbewegung um den Ersten Weltkrieg herum]
„Damit hat sich das typisch jugendliche Suche nach Verhaltenssicherheit in dieser Generation genau auf die sozialen Bereiche zurückgewendet, deren Anliegen einst von der Generation der Jugendbewegung im gleichen Streben nach Verhaltenssicherheit als unjugendlich abgelehnt und verlassen worden waren:

    1. die eigene Familie,
    2. die Berufsausbildung und das berufliche Fortkommen,
    3. die Meisterung des Alltags.“
    4. Recherche-Anmerkung
      „Als Jugendbewegung wird eine besonders im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einflussreiche Strömung bezeichnet, die dem von der Industrialisierung geprägten städtischen Leben eine vor allem in Kreisen der bürgerlichen Jugend sich ausbreitende Hinwendung zum Naturerleben entgegensetzte. Ein weiteres Merkmal war der romantische Rückgriff auf hergebrachte Kulturelemente, wobei die Wiederaneignung von Volksliedern und unmittelbare Formen der Geselligkeit eine herausragende Rolle spielten.“
      https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendbewegung
    5. Auswertung dieses Absatzes:
      • Schelsky geht hier von einem typischen Phänomen einer jeden Jugendgeneration aus, nämlich der „Suche nach Verhaltenssicherheit“
      • Er hält das für eine „Zurückwendung“ zu Verhaltensweisen vor der sogenannten Jugendbewegung aus dem ersten Drittel des 20. Jhdts.
      • Die hatten nämlich vor dem Hintergrund des ungeheuren Aufschwungs in der Zeit des Kaiserreichs sich gewissermaßen den Luxus geleistet, die unmittelbare Lebensbewältigung hinanzustellen und sich tieferen oder auch höheren Sehnsüchten zu widmen.
      • #

3. Contra und Pro der Jugendgeneration der 50er Jahre

Im Folgenden geht Schelsky genauer auf diese Abgrenzung der 50er-Jahre-Jugendgeneration von der Jugendbewegung ein und schätzt das als „distanzierenden Skeptizismus“ ein.
Dabei werden drei Elemente genannt, von denen man sich abgrenzt.
„Der Skeptizismus als geistige Einstellung dieser Jugend ist zunächst eine Absage

      1. an romantische Freiheits- und Naturschwärmerreien,
      2. an einen vagen Idealismus, denen die Konkretisierungsmöglichkeiten fehlen,
      3. aber auch an intellektuelle Planungs- und Ordnungsschemata, die das Ganze in einem Griff zu erfassen und zu erklären glauben. [Anmerkung: Hiermit sind große Glücksentwürfe gemeint, wie sie zum Beispiel den Sozialismus kennzeichnen!]
      4. Aber sicher ist dieser distanzierende Skeptizismus nur eine Facette in der ganzen
        • auf das praktische, handfeste, nahe liegende,
        • auf die Interessen der Selbstbehauptung und Durchsetzung
      5. gerichteten Denk- und Verhaltensweise dieser Jugendgeneration.
      6. Sie ist bestimmt durch einen geschärften Wirklichkeitsinn und ein unerbittliches Realitätsverlangen.
      7. Analyse und Auswertung:
        • Schelsky sieht Distanz und Skepsis,
          1. Die sich richten auf Freiheits- und Naturschwärmerei,
          2. Einen Idealismus, der zu wenig konkret ist
          3. Und große Zukunftsentwürfe, in denen das Wohl der Menschen von oben nach unten geregelt wird und nicht von unten hochwächst.

4. Die Negativ-Seite des Verhaltens der 50er-Jahre-Jugendgeneration

Nun kommt Schelsky zu einer Einschätzung bzw. auch Bewertung dieser skeptischen Haltung
„Dieser Konkretismus der gegenwärtigen Jugend hat sicher seine zwei Seiten:

    1. man kann ihn ihm einen krassen Egoismus und Vulgärmaterialismus erkennen,
      • der unfähig macht, mit den Gedanken über die gegenwärtige Situation hinauszugehen, einen Blick auf das Ganze zu tun
      • oder geistige Verpflichtungen zu erleben,
      • ja der zur bloßen Geschäftemacherei und Genusssucht als Lebenszielen,
      • wenn nicht gar kurz schlüssig zur Kriminalität führt.
    2. Analyse und Auswertung:
      • Schelsky sieht zwei Seiten und beginnt mit einer eher negativen
      • So sieht er er zu wenig Orientierung hin auf die Zukunft und das Ganze, also bis hin zur allgemeinen Entwicklung der Welt.
      • Was ihm da fehlt, gibt es aber zusätzlich als „Geschäftemacherei und Genusssucht“.
      • Das kann für ihn bis hin zur Kriminalität gehen.

5. Positive Seite des Verhaltens der 50er-Jahre-Jugendgeneration

Nachdem er negative Aspekte abgehandelt hat, geht Schelsky über zur positiven Seite:
„Man muss sehen,

      1. dass sich auch die Verantwortungsbereitschaft, die Initiative und Hingabe, ja der Idealismus dieser Jugend „konkretistisch“ äußert:
      2. gerade in den kleinen Zirkeln Jugendlicher kann man heute immer wieder irgendwelche Vorhaben konkreter Hilfsaktionen entstehen sehen, die gerade in ihrer praktischen Begrenztheit ihren eindeutigen Wert offenbaren;
      3. Einsatz und Opferbereitschaft sind vorhanden, wenn man sie für Handlungen und Maßnahmen anspricht, die der jugendlichen Erfahrung überschaubar und ihrem Wirklichkeitssinn praktikabel erscheinen.
      4. Analyse und Auswertung:
        • Schelsky sieht durchaus auch bei dieser Generation „Verantwortungsbereitschaft“
        • Allerdings bezeichnet er sie als „konkretistisch“, konkret auf das eigene und unmittelbare Umfeld bezogen.
        • Hier verweist er allgemein auf entsprechende Aktionen, die für ihn einen „eindeutigen Wert“ haben, gerade weil sie konkret und damit auch überprüfbar sind.

6. Der Hintergrund des Positiven: Betonung des Verbindlichen und Absage an Phrasen

„Hinter der kaltschnäuzig wirkenden skeptischen Weltklugheit steckt ein durchaus lebendiges Bedürfnis, das substantielle und im normativen Sinne Verbindliche an den Dingen und den Menschen zu erkennen und ihm zu folgen, aber zugleich die tiefe Scheu, sich durch Phrasen, ja durch Worte überhaupt, täuschen zu lassen.“

        1. Analyse und Auswertung
          • Schelsky sieht äußerlich durchaus so etwas wie Kaltschnäuzigkeit, weil man sich großen Zielen eben auch verweigert
          • Er hält das allerdings für „Weltklugheit“
          • Dahinter sieht er aber durchaus ein Bedürfnis, das „Verbindliche“ zu erkennen. Eine sehr schöne Formulierung, weil in ihr gerade auch das „Verbindende“ steht, aber eben auch das Verpflichtende, Ernstnehmende, auf Wirkung ausgerichtete Verhalten.
          • Diese positive Einstellung hat ihr Gegenstück, nämlich in der Nicht-Bereitschaft, noch einmal hohlen Phrasen zu folgen, wie sie in der NS-Zeit propagiert wurden.

7. Zusammenstellung zukunftsfähiger Kennzeichen der Jugendgeneration der 50er Jahre

[Zusammenstellung zukunftsfähiger Kennzeichen der Jugendgeneration der 50er Jahre]
Am Ende fasst Schelsky noch einmal alles Positive und Zukunftweisende zusammen:
„Aus dem gleichen Ursprünge heraus zeigt die Jugend heute

        1. auch das Bestreben, diejenigen sozialen Beziehungen zur Grundlage ihres Daseins positiv zu bewerten und zu pflegen, die ihr einen Halt im persönlichen und privaten Dasein vermitteln.
        2. Die starke Berufszugewandtheit (die ja nicht nur ein Kennzeichen der auf Prüfungen hin studierenden Jugend ist),
        3. die durchaus solidarische Einstellung zur eigenen elterlichen Familie,
        4. die Neigung zu einer frühen festen partnerschaftlichen Bindung, der zur Frühehe,
        5. die Häufigkeit Jugendlicher Cliquenbildung bei Ablehnung ihrer organisatorischen Verfestigung,
        6. ja ein verhältnismäßig zahlreich vorhandenes Einzelgängertum in dieser Generation
        7. zeigen schon in der Jugend eine Bejahung und Betonung der sozialen Bindungen des privaten Bereichs, die dann als Lebens und Berufsgrundlage Des Erwachsenen dienen.“
        8. Analyse und Auswertung:
          • Schelsky sieht eine Konzentration auf das, was im unmittelbaren Umfeld einen Halt vermittelt.
          • Dazu kommt eine starke Berufsorientierung. Schelsky verbindet das mit einem kleinen Seitenhieb gegenüber der studentischen Jugend, die sich für ihn wohl manchmal in diesem Bereich zu sehr anderen Berufsgruppen (etwa Handwerker) überlegen fühlt. Man denke etwa an den Doktortitel, der als einzige Möglichkeit zu einem Namensbestandteil wird, während das für den Meistertitel nicht gilt.
          • Positiv ist für Schelsky auch die Bereitschaft zur konkreten Übernahme von Verantwortung. Für uns heute eher seltsam mutet an, dass er dazu auch die Frühehe zählt. Das wird aber verständlich, wenn man bedenkt, dass früher eine Heirat nur in Frage kam, wenn die berufliche und soziale Sicherheit als Voraussetzung für die Gründung einer Familie bereits gegeben war.
          • Im Schlussteil gibt es dann einen kleinen Abfall, wenn Schelsky auf Cliquenbildung und Einzelgängertum eingeht. Aber bei den Cliquen betont er auch den Verzicht auf größere Zusammenschlüsse. Und das Einzelgängertum bedeutet für ihn wohl, dass es Menschen gibt, die sich vor allem auf sich selbst beziehen. Auf das Spannungsverhältnis eines solchen Verhaltens im Hinblick auf soziale Verantwortung geht er nicht ein.

Zusammenfassung und Anregung

Insgesamt eine Position, die die Jugend der 50er Jahre vor allem mit Skepsis gegenüber großen Entwürfen und Hervorhebung von Verantwortung im engeren Umkreis verbindet.

Dies „schreit“ geradezu danach zu fragen, wie es mit späteren Generationen aussieht. Wer etwa die Kurzgeschichte bzw. Novelle „Sommerhaus später“ von Judith Hermann gelesen hat, kann da einiges feststellen.
https://www.schnell-durchblicken2.de/hermann-sommerhaus

Wer mehr wissen will …

Ein interessantes Dokument kann im Internet unter der folgenden Adresse heruntergeladen werden:

https://www.lwl.org/lja-download/pdf/Kersting_Helmut_Schelskys_Skeptische_Generation_von_1957.pdf

Da geht es auch um die Wirkung, die diese bis heute berühmte Schrift von Schelsky entwickelt hat.

Weiterführende Hinweise

  • Ein alphabetisches Gesamtverzeichnis unserer Infos und Materialien gibt es hier.
  • Eine Übersicht über unsere Videos auf Youtube gibt es hier.

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