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Schlagwort: Expressionismus

Franz Werfel, „Der rechte Weg“ – oder: Wie Expressionismus in einem Gedicht entsteht (Mat1975)

Auswertung der Überschrift und Formulierung eines Themas

Franz Werfel

Der rechte Weg

  • Die Überschrift gibt eine Richtung vor, bei der es um richtige Orientierung geht.
  • Später wird deutlich, dass dieses Gedicht dabei vom Konkreten ins Allgemeine geht und sich fragt, wie es grundsätzlich mit dem „rechten Weg“ für den Menschen und/oder die Gesellschaft aussieht.

Strophe 1

Ich bin in eine große Stadt gekommen.
Vom Riesenbahnhof trat den Weg ich an,
Besah Museen und Plätze, habe dann
Behaglich eine Rundfahrt unternommen.

  • Das lyrische Ich beginnt sehr zurückhaltend – von Expressionismus ist noch nicht so richtig was zu spüren.
  • „Riesenbahnhof“ reicht als Signal allein dafür nicht aus.
  • Völlig „unexpressionistisch“ ist das Wort „Behaglich“, das eher in die Goethezeit passt.

Strophe 2

Den Straßenstrom bin ich herabgeschwommen
Und badete im Tag, der reizend rann.
Da! Schon so spät!? Ich fahre aus dem Bann.
Herrgott, mein Zug! Die Stadt ist grell erglommen.

  • Auch die zweite Strophe bietet noch wenig Expressionistisches.
  • „Straßenstrom“ ist allerdings schon ein Zeichen für das Lebensgefühl der Menschen in der Großstadt.
  • Es bleibt aber dabei, dass das lyrische Ich regelrecht in der Stadt „badete“, eher etwas sehr Positives. Und „reizend“ geht in die gleiche Richtung.
  • In der dritten Zeile der Strophe dann die Veränderung. Das lyrische Ich erwacht geradezu aus einem wohl positiven „Bann“. Jetzt ist es das Diktat der Zeit und der industriellen Pünktlichkeit, das die Herrschaft übernimmt.
  • Dazu passt auch die Veränderung der Umgebung: „grell erglommen“ – statt dass sich der Abend in ein romantisches Zwielicht mit Mondenschein taucht.

Strophe 3

Verwandelt alles! Tausend Auto jagen,
Und keines hält. Zweideutige Auskunft nur
Im Ohr durchkeuch´ ich das Verkehrs-Gewirre.

  • Im ersten Terzett wird das dann näher ausgeführt.
  • Hervorgehoben wird die Verwandlung durch den Abend.
  • Jetzt wird der Verkehr auch intensiver wahrgenommen.
  • Dass „keines hält“, soll wohl die Vereinzelung und die Hilflosigkeit des lyrischen Ichs deutlich machen.
  • Fast schon an Kafka, der ja auch zum Expressionismus gehört, ist der Hinweis auf „Zweideutige Auskunft“.
  • Die dritte Zeile ist dann schon ziemlich „neologistisch“ gestimmt, wenn das lyrische Ich davon spricht, dass es das „Verkehrs-Gewirre“ im Ohr „durchkeucht“. Da passt einiges nicht zusammen, typisch für viele expressionistische Gedichte.

Strophe 4

Der Bahnhof?! Wo?! Gespenstisch stummt mein Fragen.
Die Straßen blitzen endlos, Schnur um Schnur,
Und alle führen, alle, in die Irre.

  • Am Ende zeigt sich das lyrische Ich orientierungslos, was möglicherweise über den Bahnhof hinausreicht.
  • Das „gespenstische“ „Verstummen“ macht dann zunehmende Unruhe deutlich, auch Resignation.
  • Das Schlussbild gehört den Straßen, die zwar alle geradlinig verlaufen, aber „in die Irre“ führen.

 

Aussagen / Intentionalität

Das Gedicht zeigt:

  1. Die Konfrontation eines Einzelnen mit einer Großstadt,
  2. die zunächst „behaglich“ auf touristische Weise verläuft,
  3. dann aber plötzlich dem Diktat der Zeit ausgesetzt wird
  4. zum Abend hin alles im grellen Licht eher negativ und bedrohlich empfindet
  5. und schließlich zunehmend in eine unsichere Situation gerät,
  6. in der das lyrische Ich schließlich aufgibt und nichts Sicheres mehr zu erkennen glaubt.
  7. Insgesamt betont das Gedicht vor allem den Kontrast zwischen der scheinbaren Sicht des Tages und dem Unheil der Nacht,
  8. was genau im Gegensatz zur Romantik steht. Von daher ergeben sich interessante Vergleichsmöglichkeiten.

Vergleich dieses Gedichtes mit Eichendorff, „Nachts“

Joseph von Eichendorff

Nachts

Ich wandre durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Tal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen –
Wirrst die Gedanken mir,
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

  • Hier geht es nur um die Nacht, die als eine „stille“ empfunden wird, in der Mond „heimlich sacht“ „schleicht“. Eine völlig andere Atmosphäre als bei Werfel.
  • Auch hier durchaus eine gewisse Verwirrung, aber keine, die mit irgendwelchen Verpflichtungen und Zielnöten verbunden ist.
  • Stattdessen ist es eben „ein Rufen nur aus Träumen“, d.h. es gehört zur Nacht und zeigt vielleicht Übergänge in eine andere Welt.
  • Hervorzuheben ist ein „wunderbarer Nachtgesang“, der auf ähnliche, wenn auch etwas andere Weise deutlich macht, dass die Nacht ein Ort der Poesie ist.

Vergleich dieses Gedichtes mit Eichendorff, „Nachtzauber“

Joseph von Eichendorff

Nachtzauber

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie dus oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen –
Komm, o komm zum stillen Grund

  • Hier ist die Nacht mit dem gesamten Programm der Romantik verbunden, die in einer „schönen Einsamkeit“ stattfindet.
  • Auch hier gibt es die „uralten Lieder“ und ist es eben eine „wunderbare Nacht“, in der der Mensch anders fühlen kann als am Tage.
  • Die Nacht ist aber auch eine Zeit des Lebens, wenn auch auf  etwas andere Art. Man kann dabei durchaus „vor Liebe todeswund“ werden.
  • Das passiert, wenn man anfängt „zu klagen [,,,] Von versunknen schönen Tagen.“
  • Aber das nimmt man in Kauf – das lyrische Ich bleibt bei der Vorstellung von einem „stillen Grund“.

Insgesamt wird hier in beiden Gedichten deutlich, dass die Nacht in der Romantik eine Zeit der Stille, der Verwandlung in ein anderes Leben ist, in dem nicht mehr „Zahlen und Figuren“ und die Hektik des Tages bestimmend sind.

Wer noch mehr möchte … 

Ernst Stadler, „Bahnhöfe“

Ernst Stadler

Bahnhöfe

01 Wenn in den Gewölben abendlich
02 die blauen Kugelschalen
03 Aufdämmern, glänzt ihr Licht in die Nacht hinüber
04 gleich dem Feuer von Signalen.

  • Wenn man die Überschrift einbezieht, ist klar, dass es um eine Situation abends in Bahnhöfen geht,
  • bei denen ein Licht in „blauen Kugelschalen“ nach außen in die Nacht hinein wirkt.
  • Wichtig ist das Signal am Ende, dass das Licht mit dem „Feuer von Signalen“ verbunden wird.

05 Wie Lichtoasen ruhen in der stählernen Hut
06 die geschwungenen Hallen
07 Und warten. Und dann sind sie

  • Als nächstes geht der Blick innen im Gebäude in die Runde. Hervorgehoben wird die Sicherheit der „stählernen Hut“ (Vertrauen in die Technik) sowie das Warten.
  • Das wird dann direkt in eine Aktion übergeführt. Überhaupt fällt auf, dass jetzt ein sehr langes Satzgefüge folgt, das wohl die beginnende Bewegung sichtbar machen soll.

08 mit einem Mal von Abenteuer überfallen,
09 Und alle erzne Kraft
10 ist in ihren riesigen Leib verstaut,

  • Bemerkenswert ist, dass jetzt von einem „Abenteuer“ die Rede ist,
  • bei der aber zunächst noch die „erzne Kraft“, also das, was sich in dem Eisenungetüm der Lokomotive verbirgt, als im „riesigen Leib verstaut“ betrachtet wird.

11 Und der wilde Atem der Maschine, die wie ein Tier
12 auf der Flucht stille steht und um sich schaut,

  • Der „wilde Atem“ leitet dann noch mehr über zu dem, was kommt.
  • Interessant der Vergleich mit einem Tier, das „auf der Flucht“ (ein sehr extremes Bild für eine startende Lokomotive), das um sich schaut.
  • Ausgedrückt werden soll wohl die Anspannung, das Wissen, dass es gleich mächtig los geht – und gewartet wird nur noch auf das entscheidende Signal.

13 Und es ist,
14 als ob sich das Schicksal vieler hundert Menschen
15 in ihr erzitterndes Bett ergossen hätte,

  • Hier kommen zum ersten Mal die Menschen ins Spiel, die ihr „Schicksal“ mit dieser Maschine verbinden.
  • Der Hinweis auf ein „erzitterndes Bett“ macht deutlich, dass die Maschine sich immer mehr dem Start nähert,
  • „ergossen“ erweckt aber auch den Eindruck, dass die Menschen jetzt der Maschine und dem Zug ausgeliefert sind.

16 Und die Luft ist kriegerisch erfüllt
17 von den Balladen südlicher Meere
18 und grüner Küsten und der großen Städte.

  • Dieser lange Abschnitt des Beginns der Bewegung mündet hier in den seltsamen Vergleich mit Kriegsgeschrei.
  • Das kann man nur vor dem historischen Hintergrund erklären, der stark durch Krieg bestimmt war.
  • Man könnt mal überlegen, wie man heute diesen steigenden Lärm in einem Bild oder Vergleich fassen würde.
  • Dann wird es aber friedlicher, wenn von „Balladen südlicher Meere“ die Rede ist. Hier kommt die Sehnsucht vieler Deutscher zum Beispiel nach Italien bzw. nach dem Mittelmeer durch.

19 Und dann zieht das Wunder weiter.
20 Und schon ist wieder Stille und Licht
21 wie ein Sternhimmel aufgegangen,
22 Aber noch lange halten die aufgeschreckten Wände,
23 wie Muscheln Meergetön, die verklingende Musik
24 eines wilden Abenteuers gefangen.

  • Das Gedicht endet damit, dass „das Wunder“ weiterzieht
  • und die gewohnte Abendatmosphäre wieder zu herrschen beginnt.
  • Die drei Schlusszeilen versuchen dann, die Wirkung des abgefahrenen Zuges noch etwas festzuhalten.
  • Betont werden noch einmal ein gewisser Schrecken, der mit diesen immer noch etwas ungewöhnlichen Verkehrsmaschinen verbunden ist, dann aber auf fast schon romantische Weise verbunden wird mit Natur, Musik und Abenteuer.

Insgesamt zeigt das Gedicht die Gefühle und Gedanken des lyrischen Ichs beim Beginn einer Zugfahrt, die es wohl von außen wahrnimmt.

Man merkt, wie ungewöhnlich und aufregend das zur Zeit der Entstehung des Gedichtes noch war.

Interessant sind einige romantische Anklänge in Richtung Abenteuer und Aufbruch, auch wenn sich Leute wie Eichendorff wohl kaum über Bahnhöfe und Eisenbahnen mit entsprechendem Getöse gefreut hätten.

Weiterführende Hinweise

Georg Heym, „Die Dampfer auf der Havel“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

Heym, „Die Dampfer auf der Havel“

Heym, Georg:

Die Dampfer auf der Havel

  • Zwei Akzente: Dampfer und Havel
  • Man könnte an Ausflugsdampfer denken

 

01 Der Dampfer weißer Leib. Die Kiele schlagen
02 Die Seen weit in Furchen, rot wie Blut.
03 Ein großes Abendrot. In seiner Glut
04 Zittert Musik, vom Wind davongetragen.

  • Vergleich mit Lebewesen („Leib“)
  • Ansätze von Gewalt („schlagen“, „rot“)
  • Doppeldeutigkeit von „zittert“, auch bei Gewalt
  • Expressionistische Tendenzen

05 Nun drängt das Ufer an der Schiffe Wände
06 Die langsam unter dunklem Laubdach ziehn.
07 Kastanien schütten all ihr weißes Blühn
08 Wie Silberregen aus in Kinderhände.

  • Interessante Umkehrung der Perspektive, was Schiffe und Ufer angeht
  • Entspannung am Ende – so eine Art Geschenk

09 Und wieder weit hinaus. Wo Dämmrung legt
10 Den schwarzen Kranz um einen Inselwald,
11 Und in das Röhricht dumpf die Woge schlägt.

  • Erweiterung der Reise
  • Farbe Schwarz und „dumpf“ sowie „schlägt“ schaffen eine eher unheimliche Atmosphäre.

12 Im leeren Westen, der wie Mondlicht kalt,
13 Bleibt noch der Rauch, wie matt und kaum bewegt
14 Der Toten Zug in fahle Himmel wallt.

  • Erweiterung des Unheimlichen durch „leer“, „kalt“
  • Schließlich Verbindung des Rauchs der Schiffe mit „Der Toten Zug“
  • unterstützt durch das Wort „fahl“ = bleich, düster, farblos

Fazit:

Das Gedicht zeigt …

  1. einen sehr eigenständigen, originellen Blick auf die Fahrt der Dampfer auf der Havel
    das ist typisch für den Expressionismus
  2. eine Vorliebe für Wörter, die etwas mit Gewalt und Tod zu tun haben
  3. eine zunehmende Veränderung der Atmosphäre in Richtung des Unheimlichen
  4. schließlich am Ende eine eindeutige Hinwendung zum Motiv des Todes
  5. Bezeichnend: Es ist nirgendwo von Menschen die Rede.

Wer noch mehr möchte … 

 

Georg Heym, „Columbus“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

 

Auswertung des Titels und Vor-Erwartungen

Georg Heym

Columbus

  • Der Titel enthält nur einen Namen, mit dem aber in der Regel viel verbunden wird.
  • Dieser Mann gilt als der Entdecker Amerikas,
  • der die anschließende Herrschaft vor allem durch Spanier hervorgerufen hat.
  • Einige wissen wohl auch, dass dieser Mann nur durch Zufall ein Ziel gefunden hat, weil das damals den Europäern noch nicht bekannte Amerika günstig im Wege lag und er sein eigentliches Ziel, China und Indien nie erreicht hätte.
  • Von daher kann man gespannt sein, welche besonderen Akzente ein Dichter des Expressionismus mit diesem Mann verbindet.
  • In der Regel erwartet man inhaltlich Aufrührerisches in einer extremen Sprache, um es mal so zu formulieren.
  • Wer sich erst mal genauer informieren möchte, kann das zum Beispiel hier tun:
    • Mit Hilfe des folgenden Youtube-Films kann man sehen, wie man expressionistische Gedichte erkennt. Dabei wird der Schwerpunkt auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Eindruck und Ausdruck gelegt.
      https://youtu.be/tOpmqX2PyJk
      Die entsprechende Dokumentation ist hier zu finden:
      https://www.schnell-durchblicken2.de/video-expressionismus-ausdruck
    • Expressionistische Gedichte schnell erkennen:
      Das Entscheidende: Nicht irgendwelche Checklisten auswendig lernen, sondern möglichst viele Gedichte kurz checken und so ein Gefühl für die Epoche bekommen

Auswertung des Inhalts

Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere,
drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall.
Nicht mehr der großen Horizonte Leere,
draus langsam kroch des runden Mondes Ball.

  • Das Gedicht beginnt mit der Aufzählung von Elementen einer Situation, die nicht mehr gegeben ist.
  • Alles bezieht sich, wenn man den Titel mit einbezieht, auf die lange Seereise des Kolumbus Richtung Westen.

Schon fliegen große Vögel auf den Wassern
mit wunderbarem Fittich blau beschwingt.
Und weiße Riesenschwäne mit dem blassem
Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.

  • Diese Strophe beschreibt die Situation nach den Strapazen und Gefahren der langen Seefahrt.
  • Für einen Expressionisten klingt das erstaunlich positiv.

Schon tauchen andre Sterne auf in Chören,
die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn.
Die müden Schiffer schlafen, die betören
die Winde, schwer von brennendem Jasmin.

  • Dies ist eigentlich eine Fortsetzung der vorangegangenen Strophe.
  • Allenfalls könnte man etwas misstrauisch werden, wenn von „betören“ die Rede ist.

Am Bugspriet vorne träumt der Genueser
in Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähn
im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser,
und tief im Grund die weißen Orchideen.

  • In dieser Strophe geht es um Kolumbus selbst, der hier distanziert als „Genueser“ bezeichnet wird.
  • Ansonsten steht auch hier die fremdartige und möglicherweise verlockende Natur im Vordergrund.

Im Nachtgewölke spiegeln große Städte,
fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos,
und wie ein Traum versunkner Abendröte
die goldnen Tempeldächer Mexikos.

  • Hier verlässt das Gedicht das, was Columbus noch wissen konnte.
  • Was hier angedeutet wird, haben erst seine Nachfolger unter den Eroberern zu sehen bekommen.
  • Was bei dieser Zukunftsvision ausgeblendet wird, sind die Schrecken und Zerstörungen, die auf die indigende Bevölkerung zukam.

Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne
zittert ein Licht im Wasser weiß empor.
Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne.
Dort schlummert noch in Frieden Salvador.

  • Die letzte Strophe deutet dann an, was eben angesprochen worden ist, nämlich den Noch-Friedenszustand einer Stadt, die natürlich diesen spanischen Namen zu dem Zeitpunkt noch nicht haben konnte.
  • In der Wikipedia heißt es über eine Stadt „San Salvador“
    „Nach der Eroberung des Aztekenreichs überquerte Pedro de Alvarado am 6. Juni 1524 den Río Paz. Nach zwei Schlachten in Acaxual (8. Juni) und bei Tacuzcalco (13. Juni) erreichte er am 17. Juni 1524 die Stadt Cuzcatlan, die er jedoch nicht einnehmen konnte. Am 21. Juli zog er wieder ab
    1525 gründete Gonzalo de Alvarado unweit von Cuzcatlan die Stadt San Salvador, die er jedoch nach einem Aufstand wieder verlassen musste. Diego de Alvarado gründete die Stadt San Salvador 1528 zum zweiten Mal und zwang am 23. November 1528 Cuzcatlan zur Aufgabe. 1540 war das gesamte Gebiet der einstigen Herrschaft von Cuzcatlan unterworfen.“
  • Was dieses Gebiet angeht, heißt es in der Wikipedia:
    „Cuzcatlan (Nawat Tekuyut Kuskatan, Nahuatl Tēucyōtl Cōzcatlān, spanisch Señorío de Cuzcatlán) war ein Staat der zu den Nahua gehörenden Pipil. Das Gebiet lag im heutigen westlichen El Salvador und bestand von ungefähr 1200 bis zur Eroberung durch die Spanier 1528.“
    Stand: 8.8.2020, 22:04 Uhr
    https://de.wikipedia.org/wiki/Cuzcatlan

Aussagen (Intentionalität) des Gedichtes

Das Gedicht zeigt:

  1. den Gegensatz zwischen den Entbehrungen und Gefahren der langen Seereise und den Wundern der neuen Welt.
    Es muss dabei aber festgehalten werden, dass der Rückblick doch insgesamt recht entspannt wirkt.
    Hier könnte man in einem Referat feststellen, inwieweit es dort doch etwas härter zur Sache ging.
  2. in vielfältiger Hinsicht die Schönheit des erreichten Landes,
  3. aber nur in einer Andeutung den Noch-Frieden einer einzigen Stadt, die wohl stellvertretend für das ganze spanische „Latein-Amerika“ steht.

Kritische Anmerkungen zum Gedicht

  • Wenn man nur ein bisschen etwas weiß über das, was die Spanier der indigenen Bevölkerung und ihrer Kultur angetan haben, ist man sehr erstaunt über diese Konzentration auf die ersten Gefühle der Entdecker und potenziellen Eroberer, während sie die neue Welt anstaunen.
  • Man muss schon genau hinschauen, um etwas von der wichtigeren Wirklichkeit der Ereignisse festzustellen.
    • Da ist zum einen der Noch-Frieden am Schluss.
    • Aber schon vorher ist die Rede von „goldnen Himmeln“ – und die beziehen sich vielleicht doch auch auf die Goldgier, die die Eroberer antrieb.
    • Und dann ist da von „versunkner Abendröte“ die Rede – vielleicht eine Anspielung auf die bald untergehenden Kulturen der Maya, Azteken und Inka.
  • „Sinn macht“ das Gedicht eigentlich nur, wenn man es für die grandiose Idee einer besonderen Bewältigung der Kolumbus-Problematik (Eroberung, Zerstörung, Ausbeutung) hält. Heym hält nämlich hier den Moment fest, in dem alles noch unschuldig war und man sich einfach als Mensch nach der entbehrungsreichen Seefahrt an der schönen Natur erfreuen konnte.
  • Und am Ende gibt es dann den äußerst kargen, aber desto wirkungsvolleren Hinweis auf den Noch-Frieden von Millionen Menschen, auf die Misshandlung und Ausbeutung wartete – vor allem auch der Verlust ihrer Kultur.
  • Hier wäre es jetzt spannend, mal zu recherchieren, inwieweit die Nachfahren der indigenen Bevölkerung sich heute noch an ihre Kulturen erinnern und vielleicht sich etwas davon zurückholen.
    Hier einige schnelle Funde, die vielleicht Lust machen, sich damit intensiver zu beschäftigen.

  • Und was den Expressionismus angeht, so kann er hier wohl wirklich nur darin gesehen werden, dass der Untergang vieler Kulturen und das menschliche Leid, das mit der Eroberung und Ausbeutung verbunden war, am Ende nur kurz angedeutet wird. Gerade das macht die ganze Schönheit eines Lebens nach langen Entbehrungen in einer ganz neuen Welt auf besondere Art und Weise brüchig. Man fragt sich, wie hätte die Begegnung der Menschen aus verschiedenen Kulturen anders aussehen können. Bedrückend dabei die Berichte über vielfältige freundliche Aufnahme am Anfang.
  • Wer sich übrigens ein anderes „Reisegedicht“ von Georg Heym ansehen will, das mehr von dem enthält, was man normalerweise unter Expressionismus versteht, der sollte sich das folgende Gedicht anschauen:
    Georg Heym, „Die Dampfer auf der Havel“:
    http://textaussage.de/heym-dampfer-auf-der-havel

Mat1727 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

Justinus Kerner, „Im Eisenbahnhofe“ – Hilfen zum Verständnis und zur Interpretation (Mat1720)

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

Audio-Erklärung des Gedichtes in Form einer mp3-Datei

Wer Schwierigkeiten hat, das Gedicht einfach nur vom Text in ziemlich altertümglicher Sprache zu verstehen, kann sich eine „Schnell-verstehens-mp3-Datei“ auf dieser Seite abrufen.

https://textaussage.de/1720mp3

Zu diesem Gedicht von Justinus Kerner

Im Folgenden zeigen wir, wie man die Textaussage bei dem folgenden Gedicht feststellen kann:

Justinus Kerner

Im Eisenbahnhofe

  • Die Überschrift macht schon ungefähr klar, worum es geht, nämlich um die Eisenbahn. Interessant ist dann allerdings,  dass durch den Wortbestandteil „Hof“ nicht die Bewegung in den Blick genommen wird, sondern das Stehen.
  • Hier darf der Leser gespannt sein, was das Gedicht zu diesem speziellen Aspekt des Eisenbahnwesens zu sagen hat.

Hört ihr den Pfiff, den wilden, grellen,
Es schnaubt, es rüstet sich das Tier,
Das eiserne, zum Zug, zum schnellen,
Her braust’s wie ein Gewitter schier.

  • Die erste Strophe wendet sich mit einer Frage an die Leser oder fiktive Zuschauer und bezieht sich genau auf die Übergangssituation vom Stehen zur Bewegung.
  • Bezeichnend ist der Vergleich mit einem wohl als mächtig zu verstehenden Tier, dem die Lokomotive zugeordnet wird und das insgesamt vorgestellt wird, als ginge es zur Schlacht.

In seinem Bauche schafft ein Feuer,
Das schwarzen Qualm zum Himmel treibt;
Ein Bild scheint’s von dem Ungeheuer,
Von dem die Offenbarung schreibt.

  • Die zweite Strophe wendet sich dann vom Akustischen dem Visuellen zu und hebt die Elemente Feuer und Qualm hervor, die für den Antrieb einer Dampflokmotive ja charakteristisch sind.
  • Der zweite Teil der Strophe hebt dann das Phänomen der gleich startenden Lokomotive ins Apokalyptische – mit Bezug zum letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes,. Da geht es um den Untergang der Welt am Ende aller Zeiten.

Jetzt welch ein Rennen, welch Getümmel,
Bis sich gefüllt der Wagen Raum!
Drauf »Fertig!« schreit’s, und Erd und Himmel
Hinfliegen, ein dämonscher Traum.

  • Die dritte Strophe wendet sich der nächsten Phase einer Zugfahrt zu, nämlich dem Zusteigen der Passagiere. Hier werden die Elemente Hektik und Durcheinander hervorgehoben.
  • Das endet mit einem abschließenden und zusammenfassenden Schrei wohl des Schaffners, des Zugführers oder eines anderen Bahnbeamten, bevor noch hingewiesen wird auf die Unatürlichkeit der Eindrücke, die man beim Fahren im Zug hat. Auch hier noch mal eine Verstärkung des Eindrucks der Rastlosigkeit, die ein zentrales Kennzeichen der Moderne ist.
  • Am Ende dann wieder eine Kennzeichnung des Ganzen als „dämonischer Traum“, was wohl nicht weit von Albtraum entfernt ist und an die oben angesprochene Apokalypse anschließt.

Dampfschnaubend Tier! Seit du geboren,
Die Poesie des Reisens flieht;
Zu Ross mit Mantelsack und Sporen
Keine Kaufherr mehr zur Messe zieht.

  • Diese Strophe wendet sich jetzt direkt an die Lokmotive, die immer noch als Tier angesehen wird.
  • Was eben nur vom Laser vermutet werden konnte, wird jetzt ausdrücklich hervorgehoben, nämlich der Verlust der „Poesie des Reisens“.
  • Interessant, welches Gegenbild aus früheren Zeiten in den letzten zwei Zeilen der Strophe vorgestellt wird, nämlich die Reise eines Kaufmanns mit dem Pferd.
  • Inwieweit das sehr viel mühsamer und möglicherweise auch gefährlicher gewesen ist, darauf wird in keiner Weise eingegangen.
  • Man merkt deutlich, dass die Vergangenheit verklärt wird, während die Gegenwart dämonisiert wird.

Kein Handwerksbursche bald die Straße
Mehr wandert froh in Regen, Wind,
Legt müd sich hin und träumt im Grase
Von seiner Heimat schönem Kind.

  • Diese Strophe setzt noch einen drauf in Richtung eine sehr einseitige, beschönigende Vorstellung von der Vergangenheit.
  • Bezeichnend ist, dass als schöner Begleitumstand früherer Wanderungen von Handwerksburschen Regen und Wind hervorgehoben werden. Das dürften die wirklich so Reisenden anders gesehen haben.
  • Ähnliches gilt für die Vorstellung, dass diese Handwerksburschen sich dann abends einfach ins Gras gelegt haben und glücklich gewesen sind. Von Rheuma bei entsprechender Feuchtigkeit des Untergrundes keine Rede.
  • In die gleiche Richtung geht auch die letzte Zeile, wo es um den Traum von einem schönen Kind geht, das dieser Handwerksbursche möglicherweise als junger Vater in seiner Heimat zurücklassen musste. So etwas wie Trennungsschmerz oder Heimweh taucht nicht einmal in Ansätzen auf.

Kein Postzug nimmt mit lustgem Knallen‘
Bald durch die Stadt mehr seinen Lauf
Und wecket mit des Posthorns Schallen
Zum Mondenschein den Städter auf.

  • Im gleichen Stil geht es weiter, wenn in dieser Strophe die Schönheit des Reisens mit der Postkutsche gepriesen wird. Dabei wird völlig vergessen worden, was dieses Reisen konkret bedeutete – einschließlich häufiger Unfälle und natürlich sehr viel größerer Beschwerlichkeit im Vergleich zum Fahren mit der Eisenbahn.

Auch bald kein trautes Paar die Straße
Gemütlich fährt im Wagen mehr,
Aus dem der Mann steigt und vom Grase
Der Frau holt eine Blume her.

  • Die nächste Strophe wendet sich dem privaten Bereich zu. Hier wird so getan, als ob Ehepaare in der damaligen Zeit vorwiegend im Kutschwagen unterwegs gewesen sind und der Mann vor allem damit beschäftigt gewesen ist, der Frau eine Blume zu pflücken.

Kein Wandrer bald auf hoher Stelle,
Zu schauen Gottes Welt, mehr weilt,
Bald alles mit des Blitzes Schnelle
An der Natur vorübereilt.

  • Etwas besser wird es in dieser Strophe, weil dort völlig zu Recht die verminderte Wahrnehmung der Wirklichkeit und vor allem der Natur angesprochen wird.

Ich klage: Mensch, mit deinen Künsten
Wie machst du Erd und Himmel kalt!
Wär ich, eh du gespielt mit Dünsten,
Geboren doch im wildsten Wald!

  • Diese Strophe enthält eine allgemeine Anklage gegenüber dem Menschen, der hier vor allen Dingen als Betreiber von Technikgläubigkeit gesehen wird.
  • Zum einen wird als Folge die Abkühlung von „Erd und Himmel“ angesprochen.
  • Zum anderen wird die Kritik verbunden mit dem etwas seltsam klingenden Wunsch, lieber im „wildsten Wald“ geboren zu sein als in einer solchen Welt.
  • Auch hier noch einmal wieder in einer Art Zusammenfassung eine völlig beschönigende Sicht eines solchen Lebens außerhalb der Zivilisation.

Fahr zu, o Mensch! Treib’s auf die Spitze,
Vom Dampfschiff bis zum Schiff der Luft!
Flieg mit dem Aar, flieg mit dem Blitze!
Kommst weiter nicht als bis zur Gruft.

  • Die letzte Strophe geht dann noch einen Schritt weiter und ermuntert den Menschen in drastischer und natürlich nicht ernst gemeinter Weise, den eingeschlagenen Weg der Technisierung und des Verlustes der natürlich keit weiter zu gehen.
  • Mit dem Übergang vom Dampfschiff bis zum „Schiff der Luft“ wird schon in eine Zukunft geblickt, die allerdings erst einige Jahre später eingetreten ist.
  • Hier könnte man mal genauer recherchieren, wie sich die Entwicklung der Luftfahrt von den Gebrüdern Mongolfiere bis zu den Brüdern Wright entwickelt hat.
  • Drastisch ist dann die Schlussperspektive, die deutlich macht, dass der Versuch des Menschen, sich auch in die Lüfte zu erheben, am Ende doch nur zu einem Grab führt.
  • Hier wird man an die antike sage von Ikarus erinnert, der versucht, mit künstlichen Flügeln sich der Sonne zu nähern, und dann abstürzt.

Das Gedicht zeigt:

  1. … eine sehr einseitige Sicht sowohl auf die Gegenwart als auch auf die Vergangenheit.
  2. Während man im Hinblick auf die Gegenwart einen gewissen Realismus durchaus erkennen kann, denn natürlich bedeutet Geschwindigkeit auch einen Verlust von Nähe,
  3. ist die Vorstellung von dem angeblich schöneren früheren Leben des Unterwegsseins einfach nur lächerlich, weil alles ausgeblendet wird, was an Unschönem damit auch verbunden gewesen ist. Außerdem wird im Falle des Ehepaares, bei dem der Mann der Frau eine Blume unterwegs pflückt, ein seltener Einzelfall zur Regel gemacht.
  4. Was auffällt, ist die Dämonisierung der Veränderung, die sich aus historischen Quellen ja auch belegen lässt. Mit der neuen Eisenbahn werden alle möglichen gesundheitlichen Gefahren verbunden.
  5. Spannend ist die Frage, inwieweit dieses Gedicht typisch ist für den poetischen Realismus, denn hier wird ja nicht der Akzent auf realistische Beschreibung mit etwas Beschönigung und Verklärung gerichtet. Vielmehr sind im Ansatz ja fast schon expressionistische Ansätze erkennbar (negative Sicht der Technik, Entfernung von der Natürlichkeit, Vermassung der Menschen, die Perspektive der Apokalypse).

Mat1720 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

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