Was wichtig zu wissen ist:

  • Bei der Interpretation des Gedichtes kann eine Deutungshypothese eine große Hilfe sein.
  • Sie sorgt nämlich dafür, dass man sich relativ früh Gedanken macht, was das Gedicht aussagen könnte.
  • Wichtig ist dann, diese Deutungshypothese bei der genaueren Analyse des Textes immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und zu optimieren.

Unser Beispiel

Wir schauen uns das hier mal an einem Beispiel genauer an, vor allem die Veränderung im Lesevorgang. Außerdem verweisen wir auf weitere Gedichte, bei denen man das Verfahren gut üben kann.

Joseph von Eichendorff

Auswertung der Überschrift: „Sehnsucht“

  • Die Überschrift ist das erste Signal, das zeigt, in welche  Richtung das Gedicht sich äußert.
  • Damit hat man bereits eine erste Deutungshypothese:
    • Das Gedicht zeigt ein Beispiel für Sehnsucht.

Auswertung der Signale der Strophe 1

Es schienen so golden die Sterne,

Am Fenster ich einsam stand

Und hörte aus weiter Ferne

Ein Posthorn im stillen Land.

Das Herz mir im Leib entbrennte,

Da hab ich mir heimlich gedacht:

Ach, wer da mitreisen könnte

In der prächtigen Sommernacht!

  • Die erste Strophe gibt dann weitere wichtige Signale:
    • Es ist eine schöne Sommernacht. Die Sterne funkeln.
    • Das lyrische Ich ist einsam.
    • Es hört Signale, die auf das Reisen anderer Leute hinweisen.
    • Daraus entsteht die Sehnsucht, mit diesen Leuten mitzureisen.
  • Jetzt kann man die Deutungshypothese präzisieren:
    • Das Gedicht zeigt die Beobachtungen und Gefühle eines Menschen, der in einer Sommernacht mitbekommt, wie andere Menschen reisen.

Auswertung der Signale der Strophe 2

Zwei junge Gesellen gingen

Vorüber am Bergeshang,

Ich hörte im Wandern sie singen

Die stille Gegend entlang:

Von schwindelnden Felsenschlüften,

Wo die Wälder rauschen so sacht,

Von Quellen, die von den Klüften

Sich stürzen in die Waldesnacht.

  • Schauen wir uns jetzt die Signale der zweiten Strophe an, die man für die Deutungshypothese verwenden kann:
    • Zur Wahrnehmung des Posthorns kommt hinzu, dass das lyrische Ich zwei singende jungen Gesellen auf ihrer Wanderschaft sieht.
    • Das wird kombiniert mit fantasievollen und aufregenden Vorstellungen von der Gegend, der diese beiden jungen Männer wandern.
  • Jetzt kann man die Deutungshypothese erweitern beziehungsweise präzisieren.
    • Das Gedicht zeigt,
    • wie ein Mensch das Reisen beziehungsweise Wandern anderer Menschen wahrnimmt
    • und sich dabei vorstellt, wie aufregend schön das wohl ist.

Auswertung der Signale der Strophe 3

Sie sangen von Marmorbildern,

Von Gärten, die überm Gestein

In dämmernden Lauben verwildern,

Palästen im Mondenschein,

Wo die Mädchen am Fenster lauschen,

Wann der Lauten Klang erwacht

Und die Brunnen verschlafen rauschen

In der prächtigen Sommernacht.

  • Bei der vorläufigen Deutungshypothese kommen noch die folgenden Textsignale hinzu:
    • Das Gedicht zeigt,
    • wie ein Mensch das Reisen beziehungsweise Wandern anderer Menschen wahrnimmt
    • und sich vorstellt, wie aufregend schön das wohl ist.
    • Dabei ist besonders anregend, was unterwegs gesungen wird.
    • Es fällt auf, wie das lyrische Ich immer mehr von Wahrnehmungen zu fantasievollen eigenen Vorstellungen übergeht.

Ausblick:

  • Die Deutungshypothese bleibt meistens zunächst bei der Auswertung der Oberfläche des Textes.
  • Erst später erkennt man auch tiefer reichende Dinge, wie zum Beispiel, dass dieses lyrische Ich sich von der Wanderschaft anderer Menschen anregen lässt, aber nur zur Entwicklung fantasievoller Vorstellungen.
  • Daraus entsteht dann eine weiterreichende Frage, die man an anderen Gedichten der Romantik überprüfen müsste:
    • ob die Sehnsucht da auch von äußeren Eindrücken nach innen geht
    • und nicht  zu eigenen Aktivitäten führt.
    • In diesem Falle könnte das lyrische Ich schließlich seine Sachen packen und sich selbst auf den Weg machen.
    • Das wäre übrigens eine gute Gelegenheit, dem Gedicht eine entsprechende weitere Strophe hinzuzufügen.
    • Kleine Hilfestellung: Wenn man das als eine Art Kommentarstrophe anfügt, muss man nicht im Eichendorffschen Rhythmus bleiben und auch nicht mühsam nach Reimwörtern suchen.

Beispiel für eine kreative Erweiterung

Wir probieren es mal und strengen uns dabei auch nicht übermäßig an, schließlich wollen wir anderen Leuten die Gelegenheit geben, noch besser zu sein 😉

 

Ach Eichendorff, was soll das bloß.

Natürlich ist es schön zu sehn,

Wie andre Leute reisen.

Schön ist es auch,

In seiner Fantasie auch loszureisen.

Jedoch: Was ist von Fantasie zu halten,

Die nicht auch hin und wieder

Nach neuem Futter sucht

Denn: Wärst du niemals losgereist,

Würd‘st du nur fremden Liedern lauschen,

Dein eigner Kopf blieb still.

Wohlan denn: Lass das Schreiben sein

Und raus mit dir

In eine weite Welt,

Die dich zu neuen Liedern treibt.

Und solltest du nur fremdes Zögern

In dem Gedicht uns zeigen wollen.

Dann freu dich mit,

Dass wir verstanden haben,

Was du uns wirklich sagen wolltest.

Weitere Beispiele für das Finden und Formulieren einer Deutungshypothese:

 Wer noch mehr möchte …