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Wieso ist ein solcher Vergleich interessant
- Ein Vergleich zwischen Christian Hofmann von Hofmannswaldau (,,Beschreibung vollkommener Schönheit“) und Andreas Gryphius (,,An eine Jungfrau“) verdeutlicht die unterschiedlichen Perspektiven, mit denen das Barock der weiblichen Schönheit und ihrer Wirkung begegnete.
1. Grundlage des Vergleichs
- Beide Gedichte lassen sich vergleichen, da sie typische Barockgedichte sind, die die Beziehung zwischen einem lyrischen Ich und einer (idealerweise) schönen Frau thematisieren. Sie behandeln beide das Motiv der Gefährdung des Mannes durch weibliche Anziehungskraft und nutzen dabei die bildgewaltige Sprache der Epoche.
2. Gemeinsamkeiten
- Die zentralen Gemeinsamkeiten liegen in der negativen Bewertung der Wirkung von Schönheit:
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- Schönheit als Gefahr: Beide Werke betrachten die Frau als potenzielle Quelle des Unglücks für den Mann. Bei Hofmannswaldau trägt das „zünglein“ ein „gifft vor tausend hertzen“. Auch bei Gryphius stehen „negative Erfahrungen mit einer jungen Frau“ im Zentrum.
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- Ambivalenz: Es herrscht eine Spannung zwischen äußerer Pracht und innerer Destruktivität. Hofmannswaldau beschreibt die Schönheit als „zierrath […] im paradieß gemacht“, die jedoch das „verderben“ des Ichs bewirkt. Dies korrespondiert mit dem bei Gryphius erwähnten Bild der „Frau Welt“, deren Vorderseite „hinreißend schön“, die Rückseite aber „hässlich und krank“ ist.
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- Destruktive Wirkung auf die Seele: In beiden Fällen wird die emotionale Verstrickung als schädlich wahrgenommen. Bei Hofmannswaldau umhüllt ein „süsses gifft die seele selbst“.
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3. Unterschiede
- Trotz der thematischen Nähe unterscheiden sich die Gedichte in ihrer Auflösung und in der Rolle des lyrischen Ichs:
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- Kapitulation vs. Souveränität: Das lyrische Ich bei Hofmannswaldau ist der Schönheit vollkommen unterworfen. Er bilanziert am Ende: „[Es] Hat mich um meinen witz und meine freyheit bracht“. Im Gegensatz dazu betont Gryphius am Ende eine „Verherrlichung männlichen Scharfblicks“. Sein Ich verfügt über genügend „Selbstbewusstsein und Durchblick“, um eben nicht in Gefahr zu geraten.
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- Individuum vs. Idealtyp: Während Hofmannswaldau eine katalogartige „Beschreibung vollkommener Schönheit“ als allgemeines Phänomen vornimmt, richtet sich Gryphius laut Titel spezifisch „An eine [bestimmte] Jungfrau“, was eine Pauschalisierung des Negativurteils auf alle Frauen einschränkt.
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- Formale Gestaltung: Hofmannswaldau arbeitet stark mit einer Anreihung (Anaphern) von Körpermerkmalen („Ein…“, „Ein…“, „Zwey…“). Gryphius nutzt die klassische Sonettform mit dem typischen Alexandriner, dessen Zäsur die „inhaltliche Gespaltenheit“ der Zeit widerspiegelt.
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4. Zusammenfassung: Die Spannweite der Beurteilung
- Diese beiden Gedichte zeigen die enorme Spannweite der barocken Literatur in Bezug auf weibliche Schönheit:
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- Einerseits wird sie als übermächtige, fast göttliche Kraft dargestellt, der der Mann rational nichts entgegenzusetzen hat und die ihn seine Autonomie kostet (Hofmannswaldau).
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- Andererseits erscheint sie als durchschaubare Verführung, der ein gefestigtes, vernunftgesteuertes männliches Ich mit Spott oder souveräner Distanz begegnen kann (Gryphius).
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- Während Hofmannswaldau das Ausgeliefertsein an die Sinne betont, feiert Gryphius die Überlegenheit des Verstandes.
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