Warnung vor Seitensprüngen: Gedichtinterpretation – nicht jedem Einfall gleich folgen (Mat8691-3)

Zum Video und zu seiner Dokumentation

Das Video ist hier zu finden:
https://youtu.be/CAAPvdo49Os

Hier auch die Dokumentation:

Das Problem der „Seitensprünge“

  • Das folgende Bild wird im Video erklärt.
  • Wir präsentieren das hier, um auf das entscheidende Problem schon mal hinzuweisen, das wir weiter unten erklären
  • Das größte Problem bei der Interpretation eines etwas schwierigeren Gedichtes sind sogenannte Seitensprünge.
  • Diese Bezeichnung stammt von uns. Wir meinen damit, dass man beim Lesen eines Gedichtes eine Idee hat, was damit gemeint sein könnte. Dann verfolgt man diese Idee ohne Rücksicht auf Verluste.
  • Am Ende stellt sich dann häufig raus, dass das eigene Verständnis hatte wenig mit der eigentlichen Aussage des Sechses zu tun.
  • Deshalb erklären wir hier, wie man mit vier Farben beim Lesen des Gedichtes sich Klarheit verschaffen kann.
  • Zunächst einmal machen wir am Beispiel eines früheren Gedichtes im Abitur deutlich, was da schief gelaufen ist.
  • In einem zweiten Video zeigen wir dann, wie man es bei einem anderen Gedicht von vorne bis hinten sicher machen kann.


Ab hier findet man jetzt unsere ausführliche Darstellung, die wir auch für das Video verwendet haben. Der Unterschied besteht darin, dass wir es dort direkt erklärt haben. Hier hat man dann den vollständigen Text. Weiter unten werden wir dann auch das zweite Video noch einfügen.
Da haben wir schon mal das Bild von der Kaufhauskasse eingefügt, das dann im zweiten Video eine Rolle spielen wird.

Die Ausgangssituation

Zentralabitur 2026 – NRW – Deutsch:
http://Zentralabitur 2026 – NRW – Deutsch: https://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/system/files/media/document/file/anlage_a_termine_2026_ht_0.pdf

  • Wohl dem, der schon gut vorbereitet ist – alles wiederholt hat, inhaltlich und methodisch.
  • Wir wollen hier nur kurz zeigen, wie man bei einer Gedicht-Aufgabe den Super-Gau verhindern kann.
  • Den erlebten nämlich einige Leute im Jahr 2024 – ein eigentlich ganz einfaches Gedicht, aber:
  • Wenn man „übertrainiert“ war, sah man den Aussage-Wald vor lauter Fehldeutungs-Bäumen nicht.
  • Wir zeigen jetzt kurz, was das für komische, aber sehr gefährliche Bäume sind.
  • Und dann zeigen wir an einem neuen Gedicht, wie man sie „ausblendet“ und sich auf den „Wald“ konzentriert.

Der Gedichttext von 2024

Hier auch die Seite, auf der das Gedicht vom Verlag bereitgestellt wurde, anscheinend nicht mehr verfügbar – aber hier ja auch nur Ausgangspunkt..
https://files.hanser.de/Files/Article/ARTK_LPR_9783446250758_0001.pdf

Was damals zum Teil schief gegangen ist

  • Das Besondere unserer Art, ein Gedicht zu interpretieren, besteht aus zwei Dingen:
  • Zum einen gehen wir induktiv vor – das heißt, wir lassen den Text auf uns wirken – und versuchen dabei, ein erstes Verständnis zu entwickeln.

Die Überschrift

  • „unterwegs im nebel“
  • Das ist eine sehr schöne Überschrift. Denn sie eröffnet zwei klare Perspektiven.
    • Zum einen kann da jemand ganz konkret im Nebel unterwegs sein.
    • Oder aber: Es ist im übertragenen Sinne gemeint.
    • Darauf wird es jetzt ankommen, um Sicherheit zu gewinnen.

Der Anfang des Gedichtes – eine klare Sache

  • Die Überschrift wird in der ersten Zeile direkt fortgesetzt:
    „ragte die autobahn plötzlich auf zu den wolken“.
  • Damit verschiebt sich das zunächst offene Doppelverständnis in Richtung einer realen Autofahrt.
  • Wichtig ist jetzt, sich in die Situation hinein zu versetzen: wer jemals im Nebel mit dem Auto unterwegs war, weiß, wie nahe sich plötzlich die Straße und die Nebelwolken kommen. Etwas Besonderes ist hier, dass nicht die Nebelwolken sich auf die Autobahn herabsetzen in der Vorstellung des lyrischen Ichs, sondern umgekehrt, dass die Autobahn dort hinein ragt.
  • Das ist eigentlich auch eine natürlichere Vorstellung für einen Autofahrer.Denn er ist ja auf der Straße und fährt jetzt gewissermaßen in die Wolken hinein, die ja von oben kommen.
  • Methodischer Hinweis:
    Den Text ernst nehmen und sich möglichst in die Situation des lyrischen Ichs versetzen, dann wird vieles klarer, was gemeint sein könnte.

Übergang von der Realität in die Fantasie

  • Eben hatte das lyrische Ich noch eine ganz realistische Sicht auf die Umgebung entwickelt.
  • Jetzt fängt sie an, ihre Fantasie spielen zu lassen:
    „oder hatten die wolken sich entschlossen, / den schlaf von jahrhunderten zwischen uns nachzuholen?“
  • Jetzt einfach in der Perspektive des lyrischen Ichs bleiben: es wird einfach eine fantasievolle Hypothese entwickelt. Der Nebel wird so interpretiert, als würde er die günstige Gelegenheit nutzen, die lange Zeit, in der er gewissermaßen im Schlaf gewesen ist, jetzt nachzuholen.
  • Das mit den Jahrhunderten muss einen nicht weiter irritieren. Das ist eben eine Übertreibung. Wenn dieser lyrische Autofahrer lange keinen Kontakt mehr mit Nebel gehabt hat, dann kann ihm das schon so vorkommen, als ob er diese subjektiv empfundene lange Zeit jetzt so ausdrückt.
  • Methodischer Hinweis:
    Jetzt nicht anfangen, da irgendwas rein zu interpretieren. Sondern streng bei der Situation bleiben und sich in das lyrische Ich als Autofahrer versetzen.

Auch weiter:
Bitte keine unnötigen Seitensprünge!

  • Unter einem Seitensprung verstehen wir bei der Interpretation von Gedichten die Entwicklung eigener Fantasie.
  • Der könnte in diesem Gedicht so etwa aussehen.
    Es heißt dort in den nächsten Zeilen: „
    „die scheinwerferkegel tasteten – klägliche / insektenfühler – nach der verborgenen sonne: / alles war kleiner und enger geworden.“
  • Jetzt darf man nicht ausrasten und den Nebel jetzt plötzlich auf Umweltprobleme beziehen – oder auch die Verkleinerung der Lebensräume für die Lebewesen.
  • Der Grund dafür ist brutal:
    Es gibt keinen Grund, sich bei der Analyse hier einzumischen.
  • Denn das lyrische Ich setzt seine besondere Art des Sehens fort: es geht von der Realität aus und verbindet sie mit eigenen bildlichen Vorstellungen.
    Damit das ganz klar ist: diese Metapher der Insektenfühler kommen aus der Fantasie des lyrischen Ichs. Und die Vorstellung des Kläglichen ist seine Vorstellung. Wir als Leser müssen uns bei der Analyse völlig zurückhalten. Unsere Gefühle, unsere Lebenserfahrung spielen hier überhaupt keine Rolle.
  • Die kommen erst ins Spiel, wenn es im Gedicht heißen würde:
    „die scheinwerferkegel tasteten – klägliche / insektenfühler – irrläufer und opfer unserer Gegenwart – ohne das himmlische angebot der sonne, das uns aus aller enge befreien könnte“
  • Jetzt sind wir als Leser gefragt: warum spricht das lyrische Ich nicht nur von der fehlenden Sonne, sondern von einem himmlischen Angebot. Man könnte die Vermutung hier äußern, dass hier die irdische Schöpfung als Geschenk gesehen wird, das uns aus irgendeiner Enge befreien könnte.“
  • Das wäre dann eine Deutungshypothese vom Leser, die im weiteren Verlauf überprüft werden muss.
  • Hier ist sie überhaupt nicht angebracht. Wer in der Abiturklausur unnötigerweise hier zu einem Seitensprung ausholt, kann nur noch hoffen, dass der Rest des Gedichtes ihn von den Folgen befreit.
  • Methodik:
    Um es ganz klar zu sagen: es gibt nur einen einzigen Grund, bei einer Stelle im Gedicht die eigene Fantasie spielen zu lassen.
    Dabei handelt es sich um eine Stelle, die im Gedicht nicht klar genug entwickelt wird.
    Wir nennen so etwas immer „lokale Deutungshypothesen“: Lokal bezieht sich dabei auf eine bestimmte Textstelle und man versucht, die Lücke mit eigenen Überlegungen und Erfahrungen zu füllen. Methodisch ist es hilfreich, wenn man das einleitet mit Doppelpunkt.
    „Vielleicht ist hier mit gemeint, dass …“
    Aber das ist kein Sprung in die eigene Fantasie hinein.Sondern die eigene Fantasie wird nur genutzt, um eine Andeutung verständlich zu machen.

Das Lächeln der Kassiererin: Hermeneutik im echten Leben (Analyse zu Bild 1)

Das Bild zeigt eine Szene, die jeder kennt: Ein junger Mann (ca. 19) steht an der Supermarkt-Kasse. Ihm gegenüber sitzt eine junge Kassiererin im gleichen Alter. Sie lächelt ihn an. Ihre Blickrichtung geht leicht nach rechts, direkt zu ihm. Er fängt ihr Lächeln auf – seine Miene zeigt Überraschung und eine aufkeimende, hoffnungsvolle Interpretation.

Hier beginnt der hermeneutische Prozess, der dem bei einer Gedichtinterpretation verblüffend ähnlich ist. Die Situation ist nicht eindeutig. Sie ist, in gewisser Weise, ein Text, den man verschieden deuten kann:

  • Die erste Hypothese (Die „romantische Projektion“): Der junge Mann steht vor der Frage: „Ist diese junge Frau, die so freundlich zu mir ist, vielleicht jemand, mit dem sich etwas anfangen lässt?“ Er bezieht ihr Lächeln sofort auf sich persönlich. Das ist wie die Interpretation bei Jan Wagners „Nebel“-Gedicht, wenn Schüler in den „Waben aus Blech“ sofort Kritik an Social Media Filterblasen sahen. Es ist die Versuchung, ein Signal (das Lächeln, den Nebel) isoliert zu betrachten und mit der eigenen Erwartungshaltung aufzufüllen.
  • Der „Seitensprung“ (Die Fehlinterpretation): Ein vorschneller „Seitensprung“ wäre es, wenn er jetzt sofort das Handy zückt und sagt: „Ich habe heute Abend noch nichts vor. Sollen wir uns nicht treffen?“ Er würde damit eine weitreichende Hypothese (sie mag mich) als Tatsache behandeln, ohne weitere „Textstellen“ (Indizien) geprüft zu haben. Im Abitur führt das zur Note Mangelhaft – hier könnte es zu einer peinlichen Abfuhr führen.

Der Weg zur „Texttreue“ (Zur Realität)

Wie kommt er nun zur Realität, zur „Texttreue“? Er darf sich nicht von der ersten emotionalen Welle verführen lassen, sondern muss, genau wie bei der Gedichtanalyse, auf weitere Signale achten. Ein kluger Weg wäre zum Beispiel eine unverfängliche Bemerkung nach dem Motto: „Du, ich sehe dich jetzt zum ersten Mal. Bist du schon länger hier?“

Wenn er keine klare Antwort erhält oder die Situation uneindeutig bleibt, wird er wohl häufiger in diesen Laden gehen müssen. Er muss „den Text“ (die Situation) mehrmals lesen und mit anderen „Stellen“ vergleichen, bis er weiß, was dieses Lächeln wirklich für ihn bedeutet. Das ist die hermeneutische Prüfung in der Praxis.

Der Unterschied: Es geht nicht um Noten, sondern um Lebenskunst

Der einzige Unterschied zum Gedicht im Deutschunterricht ist: Hier geht es nicht um Noten. Hier geht es um den optimalen Umgang mit den Angeboten, die das Leben bereithält. In der Klausur musst du die objektiv belegbare Textaussage finden. Im echten Leben kannst du, wenn du klug vorgehst, durchaus eine eigene Sinnstiftung der Realität werden lassen.

Der junge Mann verhält sich klug bei den nächsten Begegnungen. Vielleicht bringt er die junge Frau durch sein charmantes Interesse irgendwann auf den Gedanken, dass dieser Mann möglicherweise für sie ein interessanter Kontakt mit Perspektive sein könnte.

Es kann aber auch sein, dass sie bei einer weiteren Begegnung sagt, sie sei gerade mit ihrem Freund in diese Stadt gezogen. Dann hat er sein Navigationssystem korrigiert und weiß: „Finger weg, wenn ich keinen Ärger und Probleme will.“

Fazit: Die Fähigkeit, einen „Text“ – sei es ein Gedicht von Jan Wagner oder das Lächeln an der Kasse – nicht blind zu projizieren, sondern hermeneutisch korrekt zu prüfen, ist weit mehr als nur ein Tool fürs Abitur. Es ist eine Kernkompetenz für das Navigieren im echten Leben.

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