Anders Freistein, „Wir Menschen sind mehr, als Tests zeigen“ (Mat5033-mat)

Wir präsentieren hier einen Text. den man zunächst einfach als Sachtext untersuchen kann. Wie ist er aufgebaut? Worauf will er hinaus? Welche Mittel setzt er ein?

Aber dann wird es spannend, wenn man die Grundidee umsetzt – und alle in der Lerngruppe mal anzufangen, bei sich selbst oder auch anderen besondere Talente zu suchen.

Hier zunächst eine Vorschau und die pdf-Datei

Druckvorlage

Nun zum Aufbau dieses Textes

Die Provokation als Türöffner

Dieser Einstieg über das „Leiden an Hochbegabung“ ist wichtig – nämlich um das starre Bild von „IQ = Glück“ aufzubrechen.

Anders Freistein

Wir Menschen sind mehr, als Tests zeigen

Ich will ganz ehrlich sein. Ich habe in meinem ganzen Leben an keinem Intelligenztest teilgenommen und trotzdem in meinem Leben eine ganze Menge erreicht. Und das gilt sicherlich auch für viele andere Menschen. Es lohnt sich für jeden Menschen auf jeden Fall, herauszufinden, was er besonders gut kann.

Die sogenannten Intelligenztests sind wichtig, aber vor allem für die, die unter einer sogenannten Hochbegabung leiden. Ich meine das hier keineswegs ironisch.

Denn wer eine weit überdurchschnittliche Begabung hat, steht oft vor Herausforderungen, die andere gar nicht sehen. Es ist das Gefühl, ständig auf einer anderen Wellenlänge zu funken als das Umfeld, oder der massive Druck, aus dem großen Potenzial auch etwas „Riesiges“ machen zu müssen. Viele leiden unter Einsamkeit oder dem Gefühl, nie wirklich verstanden zu werden. Für diese Menschen ist ein Test oft eine Erleichterung, weil er ihnen schwarz auf weiß zeigt: „Du bist nicht falsch, du tickst nur anders.“

Aber was ist mit dem Rest von uns? Da gibt es die gute Nachricht: Intelligenz ist viel komplexer und hat viele Gesichter. Da ist zum Beispiel die soziale Intelligenz: die Fähigkeit, Konflikte zu lösen und eine Gruppe zusammenzuhalten. Das ist im echten Leben oft wichtiger als jede mathematische Formel. Oder die praktisch-handwerkliche Intelligenz, die es braucht, um ein Moped zu zerlegen oder etwas Einzigartiges aus Holz zu schaffen. Sogar Profisportler zeigen eine eigene Form von Intelligenz durch ihr tiefes Verständnis von Timing und Intuition.

Der Blickwechsel:

Die Passage mit der Schülerin ist der emotionale Ankerpunkt, der zeigt: Begabung braucht einen Moment der Sichtbarkeit.

Und es gibt auch besondere Fähigkeiten, die man gar nicht gleich mit Intelligenz verbindet. Da ist zum Beispiel eine Schülerin der siebten Klasse, die sich im Unterricht nicht besonders hervortun. Aber dann geht es um Balladen. Eine Freundin zeigt auf sie und sagt: „Die kann die Ballade wunderbar vortragen.“ Nach kurzem Zögern hört man dann etwas, was erst fassungsloses Staunen und dann begeistertes Klatschen auslöst.

Später erzählt die Schülerin dann, dass sie gerne in verschiedene Rollen schlüpft, und wir hoffen, dass sie vielleicht Schauspielerin geworden ist.  Aber eins sollte man wissen: Es geht nicht nur um den Spaß an einer Sache. Es gibt auch diesen Satz von Thomas Edison: „Genie ist 1 % Inspiration und 99 % Transpiration – also Schweiß“. Ein hohes Potenzial ist nur ein ungeschliffener Diamant; es glänzt erst durch Arbeit. Der Wille, an einer Sache dranzubleiben, ist oft viel entscheidender für den Erfolg als die reine Rechenpower im Kopf.

Der Handlungsauftrag

Wichtig ist das Edison-Zitat. Es nimmt den Druck, „genial geboren“ sein zu müssen, und gibt die Kontrolle zurück an den eigenen Willen und die Übung.

Auf jeden Fall lohnt es sich, selbst für sich herauszufinden, was man gerne macht und was man dann auch besonders gut kann. Eins steht auf jeden Fall fest: Jede gute Lehrkraft ist froh, wenn sie nicht nur eine Lerngruppe unterrichtet, sondern junge Menschen mit ganz vielen, ganz eigenen Talenten.

Also dann:  Viel Erfolg beim Finden von besonderen Fähigkeiten – bei sich und anderen.

Beispiele für Talente ganz unterschiedlicher Art

Die folgende Liste soll helfen, selbst etwas zu entdecken, was nach Talent aussieht.

  • Die „Krisen-Managerin“ (Soziale Intelligenz): Jemand, der in einem Streit zwischen Freunden genau spürt, was los ist, und durch die richtigen Worte die Wogen glättet.
  • Der „Event-Architekt“ (Planung & Freizeit): Das Talent, für das nächste Wochenende einen Ausflug oder eine Party zu organisieren, bei der an alles gedacht wurde – von der Route bis zum Proviant.
  • Die „Empathie-Expertin“ (Verhaltens-Ratgeber): Eine Person, die instinktiv weiß, wann ein Freund einfach nur Ruhe braucht und wann ein guter Ratschlag oder Aufmunterung angebracht ist.
  • Der „Technik-Flüsterer“ (Praktische Intelligenz): Jemand, der ohne Anleitung versteht, warum ein Fahrrad bremst oder ein Computer streikt, und das Problem handwerklich löst.
  • Die „Bühnen-Präsenz“ (Künstlerisches Talent): Wie das Beispiel der Schülerin mit der Ballade zeigt: Jemand, der eine unglaubliche Ausstrahlung hat, sobald er in eine Rolle schlüpft oder vor Menschen spricht.
  • Der „Strategie-Profi“ (Logik im Hobby): Ein Talent für komplexe Gaming-Strategien oder Schachzüge, das zeigt, wie schnell man Systeme durchschauen und vorausplanen kann.
  • Die „Ausdauer-Königin“ (Wille & Fokus): Jemand, der sich nicht durch einen schnellen Test definieren lässt, sondern die „Transpiration“ besitzt, monatelang an einem Trick beim Skaten oder einem Musikstück zu üben, bis es perfekt ist.
  • Der „Intuitions-Sportler“ (Körperliche Intelligenz): Ein Teammitglied, das auf dem Platz Spielsituationen „liest“, bevor sie entstehen, und genau im richtigen Moment am richtigen Ort steht.
  • Die „Kreative Querdenkerin“ (Problemlösung): Jemand, der beim Tagträumen oder Abschweifen auf völlig ungewöhnliche Ideen für ein Geschenk oder eine Zimmergestaltung kommt, auf die sonst keiner gekommen wäre.
  • Der „Gerechtigkeits-Wächter“ (Kritisches Denken): Jemand, der Regeln nicht einfach schluckt, sondern mutig hinterfragt, ob sie fair sind, und sich so für das Wohl der Klasse einsetzt.

Und hier noch ein Gedicht zu dem Thema

Mia Freistein

Nicht mehr …

verkannt, denn das war doch
das Schicksal 
vieler Menschen 
die es eigentlich waren 
nämlich ein Genie. 

Aber eben eins
das nicht erkannt wurde.

Und wer sucht es schon bei sich
wenn überall 
die im Hochglanz 
präsentiert werden
die haben es geschafft haben
irgendwie
oder mit irgendwem
der den Rahmen schuf 
in dem sich ihr Talent
entfalten konnte.

Warum also nicht
den Rahmen Schule nutzen
und die etwa 30 Stunden
die da jede Woche
zwischen Langeweile
und Stress
Im wahrsten Sinne des Wortes 
ver-lebt
werden
für die Suche
nach verborgenen Talenten

Es reicht ein einziger Goldfund
um einen Run zu erzeugen
und das Schöne daran:
die Claims leeren sich nicht
denn am Ende
entdeckt jeder
sein Nugget in sich selbst. 

Weitere Infos, Tipps und Materialien