Schnell erkennen, worum es geht ...

Kategorie: aktuell

Wie klärt man die Aussagen eines Theaterstücks – Beispiel „Die Physiker“ (Intentionalität)

Worum es geht:

  1. Es geht um die „Aussagen“ des Stücks, nicht um das, was Dürrenmatt mit ihm „sagen“ wollte. Beides kann (weitgehend) identisch sein, aber bei literarischen Werken zählt nur das, was man aus ihm selbst herausholen kann. Deshalb äußern sich die meisten Schriftsteller auch nicht zu den Aussagen dessen, was sie sich ausgedacht haben. Denn es kann im Extremfall falsch sein – auf jeden Fall enthält es mehr, als der Autor sich überlegt hat.
  2. Man muss sich also die Signale anschauen, die im Werk – und in diesem Beispielfall – in Dürrenmatts Stück „Die Physiker“ zu finden ist. Denn ihre Summe, ihre Bündelung ist das, was das Drama aussagt. Am besten schaut man sich eine entsprechende Übersicht über den Inhalt und Schlüsselzitate an und hält die entsprechenden Signale fest. Wir werden das im Folgenden mal durchspielen.

Ausgangspunkt ist die Übersicht auf der folgenden Seite:

https://www.schnell-durchblicken2.de/lv-phy-physiker-inhalt-und-zitate

Auswertung der Übersicht im Hinblick auf Aussage-Signale

Wir haben das hier erst mal einfach reinkopiert und werden dann jeweils die Signale, die für die Aussagen des Stücks von Bedeutung sein könnten, rot hervorheben.

Auf S. 17 fragt sich ein Inspektor: „Bin ich eigentlich verrückt?“

    • Dieser Inspektor ermittelt in einer „Irrenanstalt“, wie man das früher nannte, in der ein angeblich kranker Physiker seine Pflegerin umgebracht hat.
    • Dieser Inspektor leidet zunächst einmal darunter, dass er bei seiner Arbeit nicht rauchen kann und auch keinen Schnaps angeboten bekommt.
    • Außerdem muss er es ertragen, dass die Chefärztin einen anderen angeblich erkrankten Physiker, der sich für Einstein hält, bei einer Konzertübung auf der Geige begleitet.
    • Bei solchen Verhältnissen kommt er „ganz durcheinander“ und fühlt sich „fertig“ gemacht, wie er sagt. (S. 17)
    • Signalauswertung:
      Der Anfang zeigt schon, dass hier ungewöhnliche Verhältnisse vorliegen, mit denen die Vertreter der öffentlichen Ordnung, des Staates nicht fertig werden bzw. überfordert sind.

Auf S. 23 wird es für ihn noch heftiger:

    • In einem Gespräch mit dem Mörder, der sich für den Physiker Newton hält, sagt der ihm kühl: „Sie sind hier der Kriminelle […] Sie sollten sich selber verhaften“.
    • Dahinter steht ein Dialog, den der Physiker mit dem Inspektor kurz vorher geführt hat. Auf S. 26 wird deutlich, dass es gefährliche Erfindungen bis hin zur Atombombe gibt.
    • Aber schon die Elektrizität ist etwas, was Techniker bereitstellen und was die Menschen dann später einfach nur nutzen und auch missbrauchen.
    • Signalauswertung:
      Offensichtlich sind nicht einmal Mörder die größte Gefahr, sondern Erfindungen bzw. Entdeckungen wie die Elektrizät, die von Menschen auch missbraucht werden können und werden.

Auf S. 24 sagt dann die Chefärztin etwas sehr Wichtiges,

  • sie spricht nämlich (bzw. übernimmt das von ihrem Vater), dass es „menschliche Abgründe“ gibt , „die uns Psychiatern auf ewig verschlossen sind.“ Und was die Morde angeht, gibt sie auch zu: „Wenn hier jemand versagte, so ist es die Medizin […] Diese Unglücksfälle waren nicht vorauszusehen, ebensogut könnten Sie oder ich Krankenschwestern erdrosseln.“ (27)
  • Das passt zu dem, was der sog. Newton vorher zum Inspektor gesagt hat, er solle sich selbst verhaften.
  • Und es zeigt die Hilflosigkeit auch der Fachleute.
  • Signalauswertung:
    • Deutlich werden die Grenzen menschlicher Moral und Wissenschaft.

Die nächste interessante Stelle findet sich auf S. 37.

  • Dort sagt nämlich der dritte Physiker namens Möbius zu einem seiner Söhne, der ihn besucht und Physiker werden will: „Das darfst du nicht […] Ich hätte es nie werden dürfen […] Ich wäre jetzt nicht im Irrenhaus.“
  • Auch dies entspricht dem, was Newton auf S. 26 dem Inspektor gesagt hat: Physiker machen wichtige Erfindungen, Techniker verbreiten sie und am Ende wird alles falsch und gefährlich genutzt.
  • Signalauswertung:
    • Betont wird die Gefährlichkeit von Erfindungen beziehungsweise wissenschaftlichen Entdeckungen.

Auf S. 41

  • trägt Möbius seinen drei Söhnen, seiner Ex-Frau und deren neuem Mann, einem Missionar, einen „Psalm Salomos“ vor,
  • der das Leben von Weltraumfahrern in den schlimmstmöglichen Farben malt.
    Sie „verreckten“ im Staub des Mondes oder starben auf den Planeten, die Sonne erscheint „radioaktiv“, also lebensfeindlich. Es tauchen auch Wörter auf wie „vollkotzen“ und „unanständige Witze“. Am Ende erreichen sie nichts, sind nur „Mumien in unseren Schiffen / Verkrustet von Unrat [Dreck, Müll].“
  • Signalauswertung: Offensichtlich soll hier deutlich werden, dass eine Heldentat des menschlichen Geistes und der von ihm entwickelten Technik letztlich nichts Positives bringt, sondern eher das Gegenteil.
  • Das Stück präsentiert hier eine sehr einseitige und auch übertrieben erscheinende Sicht auf die Raumfahrt.
  • Zurecht wird auch darauf hingewiesen, dass der berühmte Blick auf den aufgehenden blauen Planeten Erde den Menschen ein neues und durchaus positives Bild von ihrer Existenz geben kann. Vor allem wird immer wieder argumentiert, dass mit einer solchen Perspektive auch die Schutzbedürftigkeit unseres Heimatplaneten veranschaulicht wird. Hier eine interessante Fundstelle dazu.

Auf S. 44

  • erklärt Möbius dann nach der Vertreibung seiner Familie sein Verhalten gegenüber Schwester Monika, die für ihn zuständig ist:
  • „Die Vergangenheit löscht man am besten mit einem wahnsinnigen Betragen aus, wenn man sich schon im Irrenhaus befindet: Meine Familie kann mich nun guten Gewissens vergessen.“
  • Signalauswertung: Deutlich wird hier eine ausgeprägte Selbst Herrlichkeit von Möbius. Er gibt vor, alles zu wissen, und handelt dementsprechend auch, ohne Rücksicht auf andere. Angesichts seines Scheiterns kann man das natürlich auch als ungewollte Satire verbuchen. Dann wäre der Fall Möbius selbst ein Beispiel für die Selbstüberhebung des Verstandes und das damit verbundene Scheitern.
  • Es bleibt aber die Frage, warum die Leiterin der Klinik  als Vertreterin der Macht selbst verrückt sein muss. Das entschuldigt sich ja in gewisser Weise und enthält ein Element Hoffnung, das der Wirklichkeit wohl kaum standhält. Dort verbindet sich und Moral durchaus erfolgreich mit Vernunft.

Auf S. 49

  • macht Möbius deutlich, warum er im „Irrenhaus“ ist: „Ich habe mein Geheimnis verraten, ich habe Salomos Erscheinung nicht verschwiegen. Dafür lässt er mich büßen. Lebenslänglich. In Ordnung.“
  • Salomo steht hier als weiser König für all die Entdeckungen, die Möbius auf dem Feld der Physik gemacht hat – und die er besser für sich behalten sollte. Das meint er aber nur im Irrenhaus zu können.
  • Signalauswertung: Möbius konstruiert sich hier auf sehr aufwändige Weise eine Art Mythos zurecht.  Das ist eine Überhöhung der Realität, die zugleich den Blick verstellt auf die Vielfalt der wissenschaftlichen Phänomene.

Auf der gleichen Seite 49

  • warnt er Schwester Monika, die ihm dann doch ihre Liebe gesteht: „Sie laden nur Unglück auf sich. Verlassen Sie die Anstalt, vergessen sie mich. So ist es am besten für uns beide.“
  • Monika begreift aber nicht, dass Möbius seine Forschungen vor der Welt verbergen will, weil er ihren Missbrauch fürchtet. Stattdessen erklärt sie auf S. 52: „Du bist auswählt […] die Weisheit des Himmels wurde dir zuteil. Nun hast du den Weg zu gehen […] er führt in die Öffentlichkeit.“ Sie hat sogar schon mit dem ehemaligen Lehrer von Möbius gesprochen, der will seine Manuskripte prüfen, um sie ggf. zu veröffentlichen.
    Das ist ihr Todesurteil – Möbius bringt sie genauso um, wie die beiden anderen Schwestern ermordet wurden, wenn auch unter Tränen.
  • Signalauswertung:
    • Hier wird deutlich, dass es neben der Vernunft auch die Liebe gibt als das vielleicht tiefste Gefühl, das Menschen antreibt.
    • In diesem Fall geht es in zwei ganz unterschiedliche Richtungen: Schwester Monika ist offensichtlich eine kluge, starke Frau, die sogar für Möbius, den sie liebt, mit plant.
    • Dieser wiederum hat möglicherweise auch Gefühle für die junge Frau, denn immerhin tötet er sie unter Tränen.
    • Man kann diese Passage gut vergleichen mit der Feststellung in Brechts Parabelstück „Der gute Mensch von Sezuan“,  in der die Liebe als die tödlichste aller Schwächen des Menschen bezeichnet wird.
    • Kritisch diskutieren kann man bei Möbius natürlich das Missverhältnis zwischen seiner scheinbar menschenfreundlichen Ideologie und seinem mörderischen Verhalten. Hat der Mensch das Recht, einen anderen für einen angeblich guten Zweck zu opfern und in diesem Fall ja noch für eine nur angenommene Gefahr.

Auf S. 55

  • ist zu Beginn des II. Aktes der Inspektor wieder im Haus, aber er sagt gleich zu Ärztin: „Möbius besichtige ich nicht. Den überlasse ich Ihnen. Endgültig. Mit den anderen radioaktiven Physikern.“ Hier merkt man, dass die Staatsgewalt völlig kapituliert hat.
  • Signalauswertung:
    • Hier wird auf schon fast satirische Weise die Aussage des Stückes deutlich, dass Staatsorgane nicht in der Lage sind, ihrer Aufgabe gerecht zu werden.
    • Denn dieser Zigaretten rauchende  und nach Alkohol dürstende Inspektor hat weder Möbius im Visier noch hat er irgendetwas mitbekommen von den Aktivitäten der Ärztin.
  • Kritik:
    • Hier wird wieder auf besonders drastische Art und Weise deutlich, dass es sich bei dem Stück von Dürrenmatt um eine Satire mit geringem Wirklichkeitsbezug handelt.
    • Denn wenn die Staatsorgane und im Extremfall sogar die Geheimdienste so lächerlich unprofessionell arbeiten würden, wie Dürrenmatt sie hier präsentiert, dann müsste man vielleicht auch weniger Angst haben vor Diktaturen.
    • Es ist wirklich unglaublich, wie sehr hier ein Einzelner die Verantwortung auf die eigenen Schultern nimmt. Die Gegenposition dazu, die sich zum Beispiel in den nachgeschoben „21 Punkten“ findet, wird in keiner Weise geprüft. Letztlich hat Dürrenmatt das falsche Stück geschrieben, wenn er wirklich sich politisch äußern wollte.

Etwas später, auf S. 60,

  • wird er gegenüber Möbius erklären: „Die Gerechtigkeit macht zum ersten Male Ferien, ein immenses Gefühl. Die Gerechtigkeit, mein Freund, strengt nämlich mächtig an, man ruiniert sich in ihrem Dienst, gesundheitlich und moralisch, ich brauche einfach eine Pause.“
  • Signalauswertung:
    • Hier liegt eine andere Form von Überheblichkeit vor, denn als Vertreter des Staates hat der Inspektor gar nicht das Recht, selbst zu entscheiden, wann er Urlaub macht, ohne wichtige Angelegenheiten dann an einen Vertreter zu übergeben.
    • Auch hier merkt man wieder, wie wirklichkeitsfremd und realitätsfern das Stück von Dürrenmatt ist.
    • Der Hinweis auf das Groteske bei Dürrenmatt ist legitim, beschränkt den Aussagewert des Stückes aber auf eine These, der man leicht widersprechen kann. Darauf werden wir noch separat eingehen, weil das ein grundsätzlicher Einwand gegenüber Dürrennmatts Anspruch auf Beschreibung von Realität ist – zumindest in diesem Stück. Das sieht in „Der Besuch der alten Dame“ ganz anders aus.

Auf S. 62

  • wird es dann zwischen den drei Physikern langsam ernst: Newton leitet das ein mit em Hinweis: „Sie wünschen ja offenbar Ihr ganzes Leben im Irrenhaus zu verbringen. Aber für mich spielt es eine Rolle. Ich will nämlich hinaus.“ Direkt darauf verrät er seine wahre Identitä, er ist genauso Agent wie der Pseudo-Einstein, beide wollen Möbius entführen, um seine Erfindungen und Entdeckungen für ihr Land zu nutzen. Deshalb mussten sie auch morden, weil die anderen Pflegerinnen sie auch durchschaut hatten.
  • Signalauswertung:
    • Der Hinweis auf die konkurrierende Bestrebungen der Großmächte, vertreten durch ihre Geheimdienste, ist natürlich grundsätzlich richtig.
  • Kritik:
    • Aber sehr originell ist er natürlich nicht, für jemanden, der im Zeitalter des Kalten Krieges das Werk geschrieben hat, auch wenn er in der neutralen Schweiz lebte.

Auf den Seiten 68 und 69

  • wird dann der Gegensatz zwischen den Agenten und Möbius noch einmal ganz deutlich:
    Newton: „Sie sind ein Genie und als solches Allgemeingut.“
    Möbius dagegen zum Ergebnis seiner Entdeckungen: „Das Resultat ist verheerend“ – nämlich, wenn es missbraucht wird, was er erwartet.
  • Signalauswertung:
    • Hier wird natürlich deutlich, dass der durchaus richtige Anspruch, den Newton äußert, der realen Konkurrenzsituation zwischen den Mächten widerspricht.
    • Damit bestätigt er ja im Rahmen des Stückes das, was Möbius ihm entgegenhält. Denn die Weltmächte strebten im Kalten Krieg durchaus eine Überlegenheit an, die die Gegenseite waffenlos gemacht hätte.
  • Kritik:
    • Ansonsten bleibt auch hier der grundsätzliche Einwand, dass der Einzelne sich wohl überfordert, wenn er mögliche wissenschaftliche Erkenntnisse zurückhält.
    • Das mag einen Zeitgewinn bringen, ist aber keine Lösung auf Dauer, vor allem nicht, wenn die damit gewährte Frist nicht genutzt wird.
    • Interessant übrigens (und das wäre auch eine negative Aussage des Stückes), dass nirgendwo die Rede ist von moralischer oder demokratischer Erziehung. Selbst die Theoretiker der Abschreckung im Kalten Krieg haben weiter gedacht als Dürrenmatt.

Auf S. 71

  • schockt Möbius die beiden Agenten: „Meine Manuskripte? Ich habe sie verbrannt.“ Die beiden „stecken ihre Revolver ein und setzen sich vernichtet aufs Sofa.“
  • Signalauswertung:
    • Hier zeigt sich die einzige Lösung, die Dürrenmatt in diesem Stück thematisiert, nämlich die eigenmächtige Vernichtung von Erkenntnissen.
  • Kritik:
    • Dass man so etwas im Falle einer Entführung durch Folter oder ähnliche Einwirkung rückgängig machen kann, spielt in diesem doch sehr einfach gestrickten Stück keine Rolle.

Auf den Seiten 72 und 73

  • gibt Möbius den beiden Agenten noch einmal die Gelegenheit, ihm eine mögliche Zukunft in ihrem Land zu beschreiben. Am Ende stellt er fest: „Jeder preist mir eine andere Theorie an, doch die Realität, die man mir bietet, ist dieselbe: ein Gefängnis. Da ziehe ich mein Irrenhaus vor. Es gibt mir wenigstens die Sicherheit, von Politikern nicht ausgenützt zu werden.“
  • Signalauswertung:
    • Hier wird eine Sicht auf die Weltmächte des kalten Krieges deutlich, die von Gleichwertigkeit der Systeme ausgeht.
  • Kritik:
    • Die meisten Menschen haben das allerdings anders gesehen, wenn man an die Richtung denkt, in die viele versucht haben, den Eisernen Vorhang zu überwinden.

Wir setzen das hier noch fort.

Auf S. 74

  • macht Möbius den beiden anderen Physikern noch einmal das Dilemma der Physik deutlich: „Wir haben das Ende unseres Weges erreicht. Aber die Menschheit ist noch nicht soweit […] Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen. Es gibt keine andere Lösung, auch für euch nicht.“
  • Signalauswertung/Kritik:
    • Hier zeigt sich wieder die unglaubliche elitäre Arroganz der Physiker.
    • Dass Dürrenmatt sie am Ende scheitern lässt, macht das Stück natürlich nicht besser.
    • Er hätte sich vielleicht wirklich lieber darauf konzentrieren sollen, was die Menschheit positiv tun kann.

S. 75 Zum Wendepunkt

  • in der Haltung der anderen beiden Physiker wird der Kurzdialog auf S. 75:
  • Möbius: „Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. […] In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“
    Newton: „Wir sind doch schließlich nicht verrückt.“
    Möbius: „Aber Mörder.“
    Da wird ihnen klar, dass sie eine rote Linie überschritten haben, hinter die sie nicht mehr zurück können.
  • Signalauswertung:
    • Hier zeigt sich wieder die einseitige Sicht, die völlig übersieht, dass neue Gedanken auch neue Freiheiten mit sich bringen können.

Auf S. 76

  • bringt es Möbius auf die drastische Formel: „Wir sind wilde Tiere. Man darf uns nicht auf die Menschheit loslassen.“
  • Daraufhin erklären sich die anderen beiden auch bereit, mit Möbius im Irrenhaus zu bleiben: Newton: „Verrückt, aber weise.
    Einstein: „Gefangen, aber frei.“
    Möbius: „ Physiker, aber unschuldig.“ (77)‘
  • Signalauswertung:
    • Die Selbsteinschätzung von Möbius ist an Menschenverachtung nicht zu überbieten.
    • Ganz problematisch sind auch die pastoralen Schlussformeln, die von der Tonlage her an das Finale des „Besuchs der alten Dame“ erinnern.
    • Es ist sehr zu bezweifeln, ob diese drei Physiker wirklich weise sind.
    • Mit dem Gefühl der Freiheit dürfte es auch bald vorbei sein, wenn sie erst mal einige Zeit ohne Hoffnung hinter Gittern verbracht haben.
    • Am dreistesten ist allerdings die Selbsteinschätzung als „unschuldig“, wenn man an den Tod von drei jungen Frauen denkt.
    • Dürrenmatt macht es sich zu einfach, wenn er diese drei Überzeugungstäter nur an einem Zufall scheitern lässt. Das müsste sehr viel grundsätzlicher angegangen werden, wenn das Groteske zu irgendeiner Einsicht führen soll.

Auf S. 82

  • dann der Schock, die Ärztin erscheint und erklärt: „Der goldene König hat mir den Befehl gegeben, Möbius abzusetzen und an seiner Stelle zu herrschen […] Ich war Ärztin und Möbius mein Patient. Ich konnte mit ihm tun, was ich wollte. Ich betäubte ihn, jahrelang, immer wieder, und photokopierte die Aufzeichnungen Salomos, bis ich auch die letzten Seiten besaß.“
  • Sie hat inzwischen ein Unternehmen aufgebaut, das die Forschungsergebnisse von Möbius nutzen wird. Als Möbius die Ärztin vor der Welt anklagen will, verweist die cool auf ihren „Irre-Mörder-Status“ und bekennt, dass sie die drei Pflegerinnen regelrecht auf die Physiker „gehetzt“ hat, alles ist also von ihr arrangiert worden.
  • Signalauswertung:
    • Man fragt sich wirklich, was Dürrenmatt damit erreichen wollte, dass er die Ärztin, die in ihrem  moralischen Koordinatensystem ja durchaus vernünftig handelt, als irre präsentiert.
    • Diese egoistische Machtgier gibt es doch in der Realität und das schon seit Jahrtausenden.
    • Natürlich ist sie in den Zeiten der Massenvernichtungsmittel noch gefährlicher geworden, aber Dürrenmatts Stück bietet nicht den geringsten Ansatz für bessere Lösungen als die der Physiker.
  • Am Ende

  • übernehmen die Physiker wieder ihre Krankheitsrollen, Möbius gibt am Ende noch einen Hinweis auf die Ursachen der Katastrophe und ihre weitere Entwicklung:
    „Ich bin der arme König Salomo. Einst war ich unermesslich reich, weise und gottesfürchtig.  […] Aber meine Weisheit zerstörte meine Gottesfurcht, und als ich Gott nicht mehr fürchtete, zerstörte meine Weisheit meinen Reichtum. Nun sind die Städte tot […] und irgendwo um einen kleinen, gelben, namenlosen Stern kreist, sinnlos, immerzu, die radioaktive Erde.“ (86/7)
  • Signalauswertung:
    • Das ist eigentlich die einzige Stelle, in der Dürrenmatts Stück auf ein wirkliches Problem hinweist, nämlich die fehlende moralische Grundhaltung, die das Zünden von Atombomben genauso verhindert wie das Töten von Krankenschwestern.
    • Da die Geschichte der Menschheit allerdings zeigt, dass es nie genügend Moralität gegeben hat, sondern immer die brechtsche Erkenntnis galt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, sollte man wenigstens auf andere Selbstbegrenzungsmechanismen verweisen, wie Gewaltenteilung und demokratische Kontrolle.

Weiterführende Hinweise

Kafka über seine Grundmuster „verstehen“ – was man immer wieder bei ihm findet

Kafka als Herausforderung

Kafka erscheint vielen Schülern als ein besonders schwieriger Fall, was das Verstehen seiner Erzählungen angeht.

Je mehr man kennt, desto größer das Verstehen

Wir haben die Erfahrung gemacht, die wohl dem sogenannten „qualitativen Sprung“ entspricht. Der besagt, dass eine Anhäufung von Quantität irgendwann eine neue Qualität schafft. Gemeint ist damit, dass man irgendwann begreift, dass es wiederkehrende Vorstellungen gibt.

Unser allgemeines Kafka-Verständnis

Wir sind an anderer Stelle auf Kafkas Erzählungen als „einarmige“ Parabeln eingegangen. Das sind Erzählungen, die auf einen besonderen Punkt hinauslaufen – in diesem Fall auf die Situation des Menschen in der Welt. Die wird auf unterschiedliche Art und Weise in einer Art erzählter Bildhandlung verdeutlicht.

Näheres dazu in dem Video:

Videolink

Vorläufige Übersicht über die gefundenen Grundmuster

Suche nach Grundmustern in Kafkas Erzählung

Im Folgenden versuchen wir, einen Schritt weiterzugehen, und Grundmuster zu beschreiben, die bei Kafka immer wieder deutlich werden. Es geht gewissermaßen um seine besondere Weltanschauung, die verschiedene Facetten enthält.

Was die Lücken angeht, wir arbeiten dran 😉

  1. „Eine kaiserliche Botschaft
    • Unsere Interpretation:
      https://www.relevantia.de/kafkakleinefabelheimkehr
    • Dort ist das Phänomen der unüberbrückbaren Distanz
    • beziehungsweise der vielfältigen Hindernisse besonders gut zu sehen.
    • Interessant das rhetorische Mittel der Steigerung
    • Querbezug zu “Heimkehr”
    • Querbezug zu “Vor dem Gesetz”
    • Zitat(e):
      „Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müsste er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt vor ihm“
  2. „Der plötzliche Spaziergang“
    Das ist wohl die kleine Erzählung Kafkas, die am stärksten positiv ausgerichtet ist.
    https://textaussage.de/muendliche-abiturpruefung-kafka-spaziergang-einordnung-grundmuster-gesamtwerk
  3. „Das Schweigen der Sirenen“
    (nachträglich aufgenommen und zugeordnet)
    https://textaussage.de/kafka-das-schweigen-der-sirenen
    In dieser Geschichte geht am Ende alles gut aus – sowohl für die Sirenen als auch für Odysseus.
    Allerdings geht es dem griechischen Mythos ziemlich an den Kragen – er wird letztlich ins Vage, Vieldeutige hineingedichtet.
  4. Franz Kafka, Poseidon
    (nachträglich aufgenommen und zugeordnet)
    Auch in dieser Erzählung wird eine griechische Sage neu gedeutet. Poseidon bleibt zwar der Gott der Meere, ist aber nur mit eintöniger Rechenarbeit beschäftigt. Aus der gibt es anscheinend kein Entkommen. Aber im Unterschied zu anderen Erzählungen besteht die Ausweglosigkeit hier anscheinend aus einem Treten auf der Stelle. Letztlich handelt es sich wohl um die Präsentation eines verfehlten Lebens, das man wieder als Bild für die Existenz des Menschen in der Welt verstehen kann.
    https://textaussage.de/kafka-poseidon
  5. Der Schlag ans Hoftor“

  6. Gib‘s auf
      • Unsere Interpretation:
        https://textaussage.de/kafka-gibs-auf
      • der plötzliche Verlust der Sicherheit, der Orientierung und der Unmöglichkeit der Hilfe
      • beziehungsweise der Verkehrung des Schutzmannes (Polizisten) in sein Gegenteil
      • Querbezug zu “Kleine Fabel”
      • Zitat(e):
        “… glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.”
  7. „Der Aufbruch“
        • Der Ich-Erzähler sattelt sein Pferd und bricht auf, weil er nur so meint, sein (nicht klar benanntes) Ziel erreicht zu können.
        • Die Frage nach den Nahrungsmitteln wird mit der seltsamen Begründung zurückgewiesen, dass man unterwegs Nahrung bekommen müsse, sonst sei der Weg sowieso zu weit.
        • Ergänzung: Franz Kafka , „Die Wahrheit über Sancho Pansa“ – zumindest in der Fiktion kann man sich sogar vom Teufel befreien
          https://textaussage.de/kafka-sancho-pansa
  8. Kleine Fabel“
          • Unsere Interpretation:
            https://www.relevantia.de/kafkakleinefabelheimkehr
          • In kürzest möglicher Form die Erfahrung der Verengung der Welt beziehungsweise der Lebensmöglichkeiten
          • mit dem perversen Ausweg des Vernichtetwerdens
          • Querbezug zu „Gib‘s auf“
          • “»Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag.”
          • “Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.”
  1. Der Nachbar
  2. Der Kaufmann“:
    • https://www.einfach-gezeigt.de/klausur-kafka-kaufmann-vergleich-gregor-verwandlung
    • Das Gefühl der Überforderung bis hin zum Verfolgungswahn
    • Bei gleichzeitigem Leben in einer eigenen Unwahrheit, man macht sich etwas vor.
    • Zitate:
      • „Es ist möglich, daß einige Leute Mitleid mit mir haben, aber ich spüre nichts davon. Mein kleines Geschäft erfüllt mich mit Sorgen, die mich innen an Stirne und Schläfen schmerzen, aber ohne mir Zufriedenheit in Aussicht zu stellen, denn mein Geschäft ist klein.“
      • „Wenn nun am Abend eines Werktages das Geschäft gesperrt wird und ich plötzlich Stunden vor mir sehe, in denen ich für die ununterbrochenen Bedürfnisse meines Geschäftes nichts werde arbeiten können, dann wirft sich meine am Morgen weit vorausgeschickte Aufregung in mich, wie eine zurückkehrende Flut, hält es aber in mir nicht aus und ohne Ziel reißt sie mich mit.“
      • „Ich gehe dann wie auf Wellen, klappere mit den Fingern beider Hände, und mir entgegenkommenden Kindern fahre ich über das Haar.“
      • „Als der Lift sich zu heben anfängt, sage ich: »Seid still, tretet zurück, wollt ihr in den Schatten der Bäume, hinter die Draperien der Fenster, in das Laubengewölbe?«“
      • „Ich rede mit den Zähnen und die Treppengeländer gleiten an den Milchglasscheiben hinunter wie stürzendes Wasser.“
  3. „Der Steuermann“
    • Infragestellung und dann Verlust der eigenen Position durch einen plötzlich auftauchenden Konkurrenten
    • Keine Unterstützung durch die Untergebenen, die Mannschaft: vergleichbar mit dem Schutzmann in der Erzählung „Gib’s auf“
  4. „Heimkehr
    • https://textaussage.de/kafka-heimkehr-zwischen-literatur-und-autobiografie
    • Die Fremdheit des Menschen
    • Aber auch die innere Vorwegnahme möglicher negativer Beziehungserfahrungen
    • Zitate:
      • „Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn.“
      • „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.“
  5. Vor dem Gesetz
        • https://www.einfach-gezeigt.de/kafka-vor-dem-gesetz
        • Die Sehnsucht nach Sinn unter einem größeren Ordnungszusammenhang
        • Das Stoßen auf reale oder auch nur behauptete Widerstände
        • Die größtmögliche Zuspitzung auf das Nicht-zu-Einander-Kommens dessen, was zusammen gehört
        • Zitate
          • „Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.«“
          • „Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstartenden Körper nicht mehr aufrichten kann Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich.« »Alle streben doch nach dem Gesetz«, sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?« Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«“
  6. Auf der Galerie
    • https://www.schnell-durchblicken2.de/kafka-auf-der-galerie-mp3
    • Die scheinbare Ordnung/Schönheit der Welt
    • Im Gegensatz dazu die Ahnung ihrer Brüchigkeit oder auch Schlechtigkeit
    • Querbezug zu “Eine kaiserliche Botschaft” und “Vor dem Gesetz”: Es gibt offensichtlich eine bessere Welt, aber sie ist unerreichbar.
    • Zitate:
      • „Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, „
      • „vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das: Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.“
      • „Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt;“
      • „da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlussmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.“
  7. Franz Kafka, „Der Kreisel“

Weiterführende Hinweise

Ideen für die Inszenierung einer Dramenszene im Deutschunterricht

Das Vorspielen von Szenen als Motivationsschub im Deutschunterricht

Eine gute Idee ist es sicherlich, das Interesse von Schülern an einer Dramenlektüre dadurch zu steigern, dass sie eine Szene inszenieren.

Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, dass große Teile des Textes auswendig gelernt werden müssen. Vielmehr reicht es, wenn man sich intensiv mit den einzelnen Figuren und ihren Sprechsituationen auseinandergesetzt hat. Ob man am Ende noch etwas vom Blatt abliest oder nicht, ist dabei für eine vertiefte Annäherung an den Text zweitrangig.

Auch kann es sinnvoll sein, eine lange Szene zu kürzen und auch an der einen oder anderen Stelle sprachlich zu modernisieren.

Wichtig ist, dass der ursprüngliche Gehalt und die Aussage der Szene (Intentionalität) erhalten bleiben.

Natürlich kann man das Ganze auch im Sinne von Brechts Epischem Theater kritisch kommentieren.

Zum Beispiel können Anmerkungen zu besonders interessanten Stellen der Kommunikation in der Szene sehr hilfreich sein und auch ein anschließendes Gespräch zwischen den Schauspielern und den Zuschauern erleichtern.

Beispiel: Überlegungen zum „Vorspielen“ von zwei Dramenszenen

Als Basis nehmen wir mal die genauere Vorstellung zweier Szenen aus Lessings Drama „Emilia Galotti“:

Die folgenden Informationen stammen von dieser Seite:

https://www.einfach-gezeigt.de/emilia-galotti-akt-3u4-inhalt-zitate

Dies schon mal als Anregung.

Klärung des Kontextes der Szene

Als erstes muss man sich natürlich den Kontext und besonders die Voraussetzungen der Szenen klarmachen.

Hier helfen entsprechende Übersichten, wie sie z.B. in den folgenden Videos vorliegen:

Lessing, „Emilia Galotti“ – Akt 4 – Textkenntnis in 12 Minuten plus Ausflug zu Kleists „Penthesilea“
Videolink

Klärung der Entwicklung des Konflikts in der Szene und ihrer Aussagen:

Das kann man auch schon der folgenden Übersicht entnehmen.

Klärung des Ziels, des Umfangs und der Akzentsetzung

  1. Als erstes muss natürlich geklärt werden, was die kleine „Inszenierung“ vor den Mitschülern leisten soll. Natürlich kann man eine Szene modernisieren oder sogar karikieren. Aber das sollte nicht der erste Zugang sein. Denn erst mal geht es darum, ein möglichst gutes Verständnis des Textes sichtbar zu machen – und zwar nicht auf dem Weg der Analyse, sondern des verstehenden Spiels.
  2. Dann muss man sich gemeinsam überlegen, inwieweit die Szene vielleicht gekürzt werden könnte und welche Akzente man setzen will.
  3. Was soll besonders betont, was hinterfragt und zur Diskussion gestellt werden.
  4. Inwieweit will man mit der eigenen „Inszenierung“ auch besondere Interpretationsrichtungen ansteuern?
  5. Emilia Galotti, IV,1

„Emilia Galotti“, IV,1: Der Prinz und Marinelli tauschen sich über den Stand der Dinge aus

Der Wortlaut des Textes wird zum Beispiel hier zur Verfügung gestellt und kann dann leicht für die Inszenierung bearbeitet werden:

https://www.projekt-gutenberg.org/lessing/galotti/chap005.html

  • Marinelli und der Prinz sprechen über den Zorn von Emilias Mutter. Marinelli versucht den Prinzen zu beruhigen, indem er behauptet, die Mutter sei bei seinem Anblick beeindruckt gewesen und still geworden. Der Prinz akzeptiert diese Erklärung aber nicht, sondern sieht den Grund für das Ende des Ausbruchs in der mitleidigen Umarmung der verzweifelten Tochter.
  • Tipp: Dieser Teil, in dem es um die Mutter geht, könnte weggelassen werden, wenn man sich auf ganz wichtige Dinge konzentrieren will. Außerdem sollte das vorspielen vor den anderen Kursteilnehmern auch nicht zu lange dauern.
  •  Was den Tod des Grafen angeht, macht der Prinz zunächst Marinelli Vorwürfe, Der verteidigt sich aber mit dem Hinweis, dass angesichts seiner Duellforderung der Tod des Grafen gar nicht in seinem Interesse habe liegen können.
  • Tipp:  Hier ist es wichtig, dass die Situation deutlich wird, d.h. vor allem die unterschiedlichen Rollen von Fürst und Ratgeber und die damit verbunden unterschiedlichen Interessen. Man könnte überlegen, wie man deutlich macht, dass dieser Verteidigungsversuch von Marinelli natürlich ziemlich schwach ist. Denn er reduziert damit nur ein mögliches Motiv, ändert aber nichts an den tödlichen Folgen wer von Ihnen zu verantwortenden  Aktion. Das könnte zum Beispiel durch ein kommentieren das Plakat im Hintergrund deutlich gemacht werden, was eine Inszenierung im Sinne des „Epischen Theaters“ von Bertolt Brecht deutlich machen würde.
  • Endgültig hat sich Marinelli aus der Schusslinie gebracht, als er den Prinzen darauf hinweist, dass erst seine Attacke auf Emilia in der Kirche ihn überhaupt in Verdacht gebracht hat.
  • Zitat: Der Prinz: „Auch ich erschrecke vor einem kleinen Verbrechen nicht. Nur, guter Freund, muss es ein kleines stilles Verbrechen, ein kleines heilsames Verbrechen sein.“ (56)
  • Daraufhin Marinelli: „Da ich die Sache übernahm, nicht wahr, da wusste Emilia von der Liebe des Prinzen noch nichts? Emilias Mutter noch weniger. Wenn ich nur auf diesen Umstand baute? Und der Prinz indes den Grund meines Gebäudes untergrub?“ (56)
  • „Der Prinz (sich vor die Stirn schlagen). Verwünscht!“ (56)
  • Tipp: Diese Stelle kann vor allem körpersprachlich gut unterstrichen werden.

„Emilia Galotti“: IV,3

IV,3: Die Gräfin Orsina setzt deutliche Akzente für die Frauen und gegen den angeblichen „Zufall“

Der Wortlaut des Textes wird zum Beispiel hier zur Verfügung gestellt und kann dann leicht für die Inszenierung bearbeitet werden:

https://www.projekt-gutenberg.org/lessing/galotti/chap005.html

  • Die Gräfin ist empört, dass sie nicht so freundlich empfangen wird wie sonst.
  • Gegenüber Marinelli verweist sie auf den Brief, in dem sie um ein Treffen mit dem Prinzen in seinem Lustschloss gebeten hat.
  • Dann hat sie von seiner Fahrt dorthin gehört und glaubt nun, dass das ihr gilt.
  • Für Marinelli ist das ein „sonderbarer Zufall“.
  • Für die Gräfin nicht, sie will zum Prinzen in das Zimmer, aus dem sie „weibliches Gekreusche“ gehört hat. Gemeint ist das wütende Schreien der Mutter.
  • Als Marinelli darauf verweist, dass der Prinz den Brief nicht einmal gelesen hat, meint die Gräfin „Verachtung! Verachtung! Mich verachtet man auch! mich! – (Gelinder, bis zum Tone der Schwermut.) „Freilich liebt er mich nicht mehr. Das ist ausgemacht. Und an die Stelle der Liebe trat in seiner Seele etwas anders. Das ist natürlich. Aber warum denn eben Verachtung? Es braucht ja nur Gleichgültigkeit zu sein.“
  • Tipp: Das ist natürlich eine Kernstelle. Etwas schwierig wird es dadurch, dass Marinelli noch in der Nähe ist, denn eigentlich eignet sich eine solche Offenbarung des eigenen Denkens mehr für den Monolog. Eine Idee wäre, Marinelli kurz unter einem Vorwand hinausgehen zu lassen.
  • Dann äußert die Gräfin sich geradezu „höhnisch“ gegenüber Marinelli, den sie „ein nachplauderndes Hofmännchen“ nennt,
  • Dann nimmt sie Partei für jedes „Frauenzimmer, das denket“. „Lachen soll es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herrn der Schöpfung bei guter Laune zu erhalten.“
  • Dann setzt sie sich kritisch mit dem angeblichen „Zufall“ ihrer Anwesenheit auseinander: „das Wort Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unter der Sonne ist Zufall; – am wenigsten das, wovon die Absicht so klar in die Augen leuchtet.“
  • Tipp: Diese etwas komplizierte Passage könnte weggelassen werden, um die anderen Elemente deutlicher hervortreten zu lassen.
  • Dann verlangt sie mit aller Entschiedenheit, mit dem Prinzen sprechen zu können.
  • Anmerkung: Diese Szene ist besonders interessant, weil die Gräfin sich hier schon fast im Stil des Sturm und Drang äußert, vergleichbar der entsprechenden Szene der Lady Milford in Schillers „Kabale und Liebe“. Auch dort distanziert sich jemand von der höfischen Welt – so wie es in dieser Szene die Gräfin mit dem Hofmann Marinelli macht.“
  • Interessant ist auch die Äußerung zum „Zufall“, die man mit Dürrenmatts Sicht darauf vergleichen kann, wie er sie in „Die Physiker“ zeigt.

Weiterführende Hinweise

 

 

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