Goethes Gedicht „Das Göttliche“ und seine Bedeutung

Goethes Gedicht „Das Göttliche“ entstand 1783, mitten im Übergang von seiner Sturm-und-Drang-Zeit zur Weimarer Klassik – und genau diesen Übergang kann man an dem Text sehr gut ablesen. Wer kurz vorher noch den trotzigen Prometheus gelesen hat, der sich als „zweiter Gott“ gegen den ersten auflehnt, findet hier fast das Gegenprogramm: Der Mensch soll sich nicht gegen etwas Höheres behaupten, sondern sich freiwillig an ihm orientieren.

Im Kern geht es um eine einfache, aber folgenreiche Behauptung: Nur der Mensch ist zu einem moralischen Verhalten fähig, das ihn von der übrigen Natur unterscheidet. Diese Natur selbst wird als völlig gleichgültig gegenüber Gut und Böse beschrieben – sie verteilt Glück und Unglück blind und ohne Rücksicht auf Verdienst. Genau in diese moralische Lücke, die Natur und Schicksal offenlassen, soll der Mensch mit eigenem Handeln hineintreten.

Spannend ist dabei, wie vorsichtig Goethe formuliert: Von den „höheren Wesen“, denen der Mensch nacheifern soll, weiß man nichts Sicheres – man kann sie nur „ahnen“. Erst das vorbildliche Handeln des Menschen soll im Nachhinein diesen Glauben stützen. Das ist ein bemerkenswerter Rollentausch: Nicht Gott begründet die Moral des Menschen, sondern der moralische Mensch macht so etwas wie Göttliches erst plausibel.

Genau an dieser Stelle lohnt sich eine kritische Nachfrage, die über die übliche Schulbuch-Lesart hinausgeht: Wer oder was sind diese „unbekannten höhern Wesen“ eigentlich – die griechischen Götter, der christliche Gott, oder nur eine Projektion des Menschen, die er selbst braucht, um sein Handeln zu rechtfertigen? Das Gedicht beantwortet diese Frage nicht, und gerade diese Unschärfe ist ein guter Ausgangspunkt für eine Diskussion im Unterricht.

Auf den folgenden Seiten haben wir das Gedicht Strophe für Strophe erklärt, mit Videos und Schaubildern veranschaulicht und mit anderen Texten der Klassik, der Romantik und der Gegenwart verglichen – von Goethes eigenem „Prometheus“ über Schillers „An die Freude“ bis zu einer modernen Neufassung des Gedichts.

Nun zu den verschiedenen Aspekten des Gedichtes

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