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Knigge und die Frauenfeindlichkeit des 18. Jhdts – was kann man entgegnen?

Texte, die zu Stellungnahmen geradezu auffordern

Ein wichtiges Thema in der Schule ist der kritische Umgang mit Sachtexten, der am Ende dann auch zu einer entsprechenden Stellungnahme führt.

Ein besonders lohnenswertes Beispiel ist ein Auszug aus Knigges Schrift über den Umgang mit Menschen:

Knigge, Adolph Freiherr von, Schriften, Über den Umgang mit Menschen, Zweiter Teil, 5. Kapitel – Zeno.org

Überblick über den Inhalt des Auszugs aus dem „Knigge“

  1. [Zugeständnis an Frauen, dass sie sich zumindest etwas bilden]
    „Ich tadle nicht, dass ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch keusch gewählte Lektüre zu verfeinern suche, dass sie sich bemühe, nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu sein;
  2. [Grenzziehung: Literatur als Handwerk und komplette Einarbeitung in Gelehrsamkeit]
    aber sie soll kein Handwerk aus der Literatur machen; sie soll nicht umherschweifen in allen Teilen der Gelehrsamkeit.
  3. [Ärger über Frauen, die angeblich leichtfertig über schwierige Dinge urteilen]
    Es erregt wahrlich, wo nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche armen Geschöpfe sich erkühnen, über die wichtigsten Gegenstände, die Jahrhunderte hindurch der Vorwurf der mühsamsten Nachforschungen großer Männer gewesen sind, und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit behauptet haben, sie sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib darüber am Tee- oder Nachttische in den entscheidendsten Ausdrücken Machtsprüche wagt, indes sie kaum eine klare Vorstellung von der Materie hat, wovon die Rede ist.
  4. [Kritik an Männern, die Frauen für die kritisierten Bildungsbemühungen auch noch bewundern]
    Aber der Haufen der Stutzer und Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse der gelehrten Dame und bestärkt sie dadurch in ihren unglücklichen Ansprüchen.
  5. [Beschreibung der angeblichen Folgen zu großer weiblicher Bildungsbestrebungen]
    Dann

    1. sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirtschaft, die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung unstudierter Mitbürger als Kleinigkeiten an,
      [Interessant ist hier der dritte Punkt, bei dem deutlich wird, dass Männer offensichtlich Angst haben, dass Frauen ihnen überlegen sein könnten.]
    2. glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen Herrschaft abzuschütteln,
      [Hier ist Knigge am deutlichsten und vertritt eine Auffassung, die ganz eindeutig Frauen den Männern unterordnet.]
    3. verachtet alle andren Weiber,
      [Das ist eine ganz seltsame Vorstellung, die nicht näher begründet wird. Aber Knigge geht wohl davon aus, dass eine gebildete Frau sich damit auch schon andere Frauen zu Feinden macht, siehe den nächsten Punkt.]
    4. erweckt sich und ihrem Gatten Feinde,
      [Hier wird das noch weiter ausgeführt, dass Bildung angeblich zu Feindschaft führt.]
    5. träumt ohne Unterlass sich in idealische Welten hinein;
    6. ihre Phantasie lebt in unzüchtiger Gemeinschaft mit der gesunden Vernunft;
      [Interessant ist die Verbindung von Fantasie mit Unzucht.]
  6. [Beschreibung angeblicher negativer Auswirkungen auf den Haushalt]
    es geht alles verkehrt im Hause:

    1. die Speisen kommen kalt oder angebrannt auf den Tisch;
      [Völlig unbewiesene Behauptung!)]
    2. es werden Schulden auf Schulden gehäuft;
      [Wieso mehr Bildung zu mehr Schulden führen soll, bleibt auch Knigges Geheimnis.]
    3. der arme Mann muss mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln;
      [Hier kann man Knigge daraufhin weisen, dass es ein gutes Zeichen von Selbstbildung im Sinne von allseitiger Entwicklung ist, wenn er sich selbst die Strämpfe stopfen kann.]
    4. wenn er nach häuslichen Freuden seufzt,
      [Hier hätte man gerne gewusst, was Knigge darunter versteht]
      unterhält ihn die gelehrte Frau mit Journalsnachrichten oder rennt ihm mit einem Musenalmanach entgegen, in welchem ihre platten Verse stehen,
      [Wieso ihre Verse, wenn sie denn selbst schreiben will, platt sein sollen, wird auch nicht erklärt]
      und wirft ihm höhnisch vor,
      [Auch dies wieder eine Frage von Charakter und Art der Beziehung.]
      wie wenig der Unwürdige, Gefühllose
      [Warum die Frau Bildung mit Herabwürdigung verwechseln sollte, bleibt auch unklar.]
      den Wert des Schatzes erkennt, den er zu seinem Jammer besitzt.“

Was bei einer Stellungnahme helfen könnte …

Man kann natürlich darüber streiten, ob man sich mit diesen glücklicherweise völlig überholten Ansichten überhaupt noch auseinandersetzen soll.

Andererseits ist die Massivität der Vorurteile möglicherweise ein „Reaktionsbeschleuniger“ 😉

Also könnte man sich aus der Sicht einer zeitgenössischen Frau mal zu einer kritischen Stellungnahme aufraffen. Immerhin gab es ja zur Zeit Knigges schon Frauen, die – unter schwierigsten Bedingungen – sich nicht nur um Bildung bemüht haben, sondern sogar als Schriftstellerin erfolgreich waren.

Eine interessante Informationsquelle dazu:

Barbara Sichtermann, „50 Klassiker Schriftstellerinnen: Von Madame de La Fayette bis Ingeborg Bachmann“ (Gerstenbergs 50 Klassiker)
zu bekommen zum Beispiel hier.

Sophie von La Roche

Sehr interessant sind das Leben und Werk von Sophie von La Roche (1730-1807), die in Wikipedia immerhin geführt wird „als erste finanziell unabhängige Berufsschriftstellerin in Deutschland.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_von_La_Roche

Und was die Wertschätzung ihres Hauptwerkes angeht:

„Geschichte des Fräuleins von Sternheim“

so ist dieser kleine Auszug aus Wikipedia sicher anregend:

„Die Aufnahme des Werkes im Kreis der Aufklärer war durchweg positiv, die Zustimmung bei den Stürmern und Drängern steigerte sich hingegen bis zur Überschwänglichkeit. Johann Gottfried von Herder, Maria Karoline Flachsland, Johann Heinrich Merck und Johann Wolfgang von Goethe wetteiferten nahezu in ihren begeisterten Positionen zum Roman. In Briefen an seinen Freund Merck äußerte Herder: ‚Alles, was Sie mir von der Verfasserin der Sternheim sagen, sind für mich wahre Evangelien'“

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Fr%C3%A4uleins_von_Sternheim

Und was den Herrn von Knigge angeht, so hat er angesichts seiner Lebensdaten (1752-1796) ja noch Gelegenheit gehabt, den Hype um den „Sternheim“ Roman von 1771 noch mitzubekommen. Er wusste also, wovon er schrieb – und hätte wenigstens auf eine solch außergewöhnliche Frau und Schriftstellerin verweisen können oder sich um eine sehr viel „aufgeklärtere“ Haltung gegenüber Frauen kümmern können. Dies könnte man ihm zum Beispiel nachträglich ins Stammbuch schreiben.

Anregungen für eine Kritik an Knigges Äußerungen

  1. Ihr Buch hat mit „Über den Umgang mit Menschen“ einen sehr anspruchsvollen Titel – leider werden Sie ihm zumindest an einer Stelle in Ihrem Werk nicht gerecht:
  2. Denn was sie über Frauen als Schriftstellerinnen schreiben, hat mit Aufklärung nichts zu tun, sondern vielmehr mit den gängigen Vorurteilen Ihrer Zeit.
  3. Es ist erschütternd zu lesen, was Sie den Frauen alles unterstellen, die einfach Mensch sein wollen – und damit auch interessiert an Bildung und an poetischer Produktion.
  4. Hier soll gar nicht auf die Vermutungen im Einzelnen eingegangen werden, die Sie im Hinblick auf solche Frauen und ihr Verhalten äußern. Es reicht schon, daran zu erinnern, dass Frauen in Ihrer Zeit als Hausfrau und Mutter in der Regel sehr viel vielfältiger beschäftigt waren als ihre durch einen festen Beruf in gewisser Weise „beschränkten“ Männer.
  5. Und wenn sie mehr wollten, mussten sie ganz viele Hindernisse überwinden – und vor allem die von Ihnen so leichtfertig verbreiteten und damit geförderten Vorurteile.
  6. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Sophie von La Roche, von deren berühmtem Roman über das Fräulein von Sternheim Sie sicher im Alter von um die 20 Jahre gehört haben sollten.
  7. Meinen Sie nicht auch, dass ihr Werk, das sogar von Goethe und Herder gelobt worden ist und bis heute als Meisterstück der Entwicklung der Epik angesehen wird, eine größere Bedeutung hat als Ihr Werk, das heute nur noch Ihren Namen für Benimmbücher zur Verfügung stellt.
  8. So wollen wir denn auch vergessen, was Sie damals über Frauen als Schriftsteller geschrieben haben und uns über jeden freuen, der in der Literatur Großes hinterlassen hat – ganz gleich, ob …
  9. Weiterführende Hinweise

 

 

 

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