Anmerkungen zum Gedicht „Auf dem Strome“ von Christian Morgenstern“ (Mat4225)

Wir werden hier noch ein Video einbauen

Dort kann man sich direkt auf der Seite ansehen, wie wir eine Art Speed-Dating mit dem Gedicht machen.

Hier schon mal die handschriftlichen Anmerkungen zum Gedicht. Darunter haben wir sie digitalisiert.

1. Äußere Form

  • Struktur: 3 Strophen mit jeweils 8 Zeilen.
  • Reimschema: 2 x 4 = Kreuzreim; es gibt eine regelmäßige Unterbrechung.
  • Rhythmus: Nicht alternierend, sondern durchgehend mit Doppelsenkungen.
  • Interpretation der Form: Die Unterbrechungen im Rhythmus werden als Entsprechung zu einer Bootsfahrt gedeutet.

2. Inhaltsbeschreibung

  • Zeilen 1–4: Unheimliche Dämmerung.
  • Zeilen 5–8: Verstärkung der Stimmung (Hinweis auf das Wort „tot“).
  • Zeilen 9–12: Thematisierung von Gefahr und Einsamkeit.
  • Zeilen 13–16: Vergleich mit dem Wasser; Frage nach der Fahrt zum Meer.
  • Zeilen 17–20: Ungewissheit und Lockung.
  • Zeilen 21–24: Zielsetzung? Morgen; es scheint keine Veränderung zu geben.

3. Aussagen

  • Das Gedicht schildert eine Bootsfahrt, die metaphorisch für eine Reise steht.
  • Vermittelte Gefühle sind Schauer und Einsamkeit.
  • Zentrale Motive sind Ungewissheit und Lockung.

4. Mittel

  • Einsatz von Licht und Farben.
  • Starke Naturnähe.
  • Gegensätze: Schrei versus Stille.
  • Personifikation der Welle.
  • Verwendung von Wiederholungen (Wdh.).
  • Thematisierung der Auflösung von Rationalität.

Allgemeine Einordnung (am Seitenende)

  • Es wird eine Zuordnung zum Impressionismus oder der Romantik in Betracht gezogen.

Zusätzlich finden sich direkt im Text des Gedichts Markierungen zu sprachlichen Mitteln wie Personifikationen (Pers.) und Wiederholungen (Wdh.) sowie Unterstreichungen wichtiger Begriffe wie „Wolken“, „Strome“, „tot“, „Einsamkeit“ und „Reise“.

Was ist interessant an dem Gedicht?

  • Wir probieren hier mal etwas Neues aus:
    Und zwar geht es darum, erst mal klar zu machen, ob man das, was im Gedicht gleich zu lesen ist, mit irgendetwas im eigenen Leben verbinden könnte.
    Man könnte sich zum Beispiel folgende Frage stellen:
  • Hast du dich schon mal nachts in dein Zimmer zurückgezogen, Musik angemacht und dich gefragt: „Was mache ich hier eigentlich gerade mit meinem Leben?“
  • Morgensterns Gedicht ist genau dieser Moment als Text.
  • Es geht um das Gefühl, sich treiben zu lassen, einsam zu sein, aber darin auch eine krasse Freiheit zu finden.
  • In einer Welt, in der wir ständig erreichbar sein müssen, beschreibt dieses Gedicht eine ultimative „Me-Time“, die fast schon ein bisschen unheimlich, aber auch faszinierend ist

    Zu finden ist das Gedicht zum Beispiel hier.
  • Und am Ende probieren wir mal das, was im Deutschunterricht viel zu selten geschieht.
    Wir reagieren einfach mal mit einem eigenen Gedicht auf diese Vorlage.

Ganz kurz etwas zum Autor

  • Wer war dieser Christian Morgenstern (1871–1914)?
  • Die meisten kennen ihn als den Typen, der lustige und total verrückte Sprachspielereien gemacht hat. Aber Morgenstern hatte auch eine ganz andere, sehr tiefe Seite. Er war ein Suchender. Er war oft krank, viel auf Reisen (oft allein in Kurorten) und hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, was hinter der sichtbaren Welt steckt.
  • Für ihn war die Natur kein Postkartenmotiv, sondern ein Spiegel für die menschliche Seele. Wenn er also über ein Boot schreibt, das ziellos auf einem dunklen Fluss treibt, dann beschreibt er eigentlich sich selbst: Einen Menschen, der sich von der lauten Welt der anderen entfernt hat, um herauszufinden, wer er eigentlich ist, wenn niemand zuschaut.

Der Strophen-Aufbau

  • Das Gedicht ist sehr klar und ruhig gebaut, fast wie das Fließen eines Flusses:
  • Strophen: Es besteht aus 3 Strophen, die auf interessante Art und Weise jeweils aus zwei Vier-Zeilen-Gruppen bestehen.

Analyse des Reims

  • Wenn man sich die erste Strophe anschaut
    Dann erkennt man, dass man zwei Vierergruppen vor sich hat, mit einem Kreuzreim, der aber bei der ersten und dritten Zeile nicht durchgehalten wird.
    Das ist so eine Stelle, bei der man überlegen kann, ob das mit dem Inhalt zu tun hat.

    Am Himmel der Wolken
    erdunkelnder Kranz.
    Auf schauerndem Strome
    metallischer Glanz.
    Die Wälder zu seiten
    so finster und tot.
    Und in flüsterndem Gleiten
    vorüber mein Boot
  • Das prüft man dann kurz weiter durch und freut sich darüber, dass es in den nächsten Strophen genau so aussieht.

Die Analyse des Rhythmus

  • Als erstes schaut man sich die mehrsilbigen Wörter an.
    Am Him-mel der Wol-ken
    Das ist gewissermaßen die fixe Betonung, an der man nichts ändern kann.

    Und hier haben wir drei einsilbige Wörter, und da legen wir die Betonung auf die zweite Wortsilbe.
    Sonst hätte man nämlich drei unbetonte Silben, und das gibt es nicht.
  • weiß selbst nicht, wo-hin.

Das rhythmische Skelett (Silben-Trennung)

  1. Am Him-mel der Wol-ken
  2. er-dun-keln-der Kranz.
    Hier sieht man schon, dass es keine regelmäßige Abwechslung von betonter und unbetonter Silbe gibt.
    Das heißt, Jambus und Trochäus kommen nicht in Frage.

    Dann schaut man sich weiter unten noch die eine oder andere Zeile an.
    Und dann kann man sagen, dass hier ein eher „daktylischer“ Rhythmus vorliegt, also wie in einem Walzertakt.
  3. Auf schau-ern-dem Stro-me
  4. me-tal-li-scher Glanz.
  5. Die -lder zu sei-ten
  6. so fin-ster und tot.
  7. Und in flü-stern-dem Glei-ten
  8. vor-ü-ber mein Boot
  9. Ein Schrei aus der Fer-ne –
  10. dann still wie zu-vor.
  11. Wie weit sich von Men-schen
  12. mein Le-ben ver-lor! …
  13. Ei-ne Wel-le läuft lei-se
  14. schon lang ne-ben-her,
  15. sie denkt wohl, ich rei-se
  16. hi-nun-ter zum Meer
  17. Ja, ich rei-se, ich rei-se,
  18. weiß selbst nicht, wo-hin.
  19. Im-mer wei-ter und wei-ter
  20. ver-lockt mich mein Sinn.
  21. Schon kün-det ein Schim-mer
  22. vom mor-gen-den Rot, –
  23. und ich trei-be noch im-mer
  24. im flü-stern-den Boot.

Inhaltsbeschreibung & Verständnis

  • Strophe 1 & 2: Die Szenerie (Z. 1–8)
  • Das lyrische Ich befindet sich nachts auf einem Fluss. Alles wirkt dunkel, metallisch glänzend und fast schon ein wenig gruselig („tot“).
  • Verständnishorizont: Man steigt mit dem lyrischen Ich ein in eine düstere, melancholische Stimmung . Man merkt: Hier geht es nicht um eine lustige Kanutour, sondern um Einsamkeit .
  • Strophe 3 & 4: Isolation und Sehnsucht (Z. 9–16)
  • Ein ferner Schrei betont die Stille nur noch mehr. Das Ich stellt fest, wie weit es sich von der Gesellschaft entfernt hat. Eine Welle scheint es fast schon wie ein Freund zu begleiten.
  • Präzisierung: Die Einsamkeit wird hier zur Isolation. Das Ich scheint die Verbindung zu anderen Menschen verloren zu haben, findet aber Trost in der Natur .
  • Strophe 5 & 6: Die Ziellosigkeit (Z. 17–24)
  • Das Ich gibt zu, gar nicht zu wissen, wo die Reise hingeht. Obwohl es langsam hell wird (Morgenrot), bleibt es in diesem Zustand des Treibens.
  • Erweiterung: Das „Boot“ wird zum Symbol für das Leben selbst. Die Reise ist wichtiger als das Ziel .

Zusammenfassung der Textsignale und ihrer Mittel

  • Das Gedicht zeigt eine tiefe Sehnsucht nach Selbstfindung durch Abkehr von der Welt.
  • Verlust der Orientierung: Das Ich weiß „selbst nicht, wohin“. Dies verdeutlicht die existenzielle Ratlosigkeit.
  • Natur als Spiegel der Seele: Der „schauernde Strom“ und der „metallische Glanz“ unterstützen die kühle, nachdenkliche Stimmung des Ichs.
  • Personifikation der Natur: Die Welle, die „denkt wohl“, macht deutlich, dass das Ich in der Natur einen Ersatz für menschliche Gesellschaft sucht.
  • Kontrast zwischen Licht und Dunkel: Das „morgende Rot“ gegen das „erdunkelnde“ zeigt den zeitlichen Verlauf einer langen Nacht des Grübelns.

Was man im Unterricht damit anfangen kann

  • Kreatives Schreiben:
    Man könnte sich selbst mal in eine Situation hineinversetzen, in der man über sein Leben nachdenkt. Es muss ja nicht unbedingt eine Bootsreise sein.
  • Interessant wird es, wenn plötzlich eine Unterbrechung dieser Situation auftaucht. Die vielleicht sogar eine Entscheidung erfordert.
  • Wir probieren das hier einfach mal aus.

    An der Haltestelle

    Den Bus verpasst
    Kein Handy-Empfang?
    Was tun?

    Man könnte mal wieder
    Den Wolken zuschaun,
    Ständig neue Formationen
    Die gleich wieder vergehn.

    Zerfließe ich auch
    Und forme mich neu?
    Getrieben wovon?

    Ich könnte die Bilder
    Am Himmel
    Mit meinem Handy
    Festhalten.

    Vielleicht sollte ich
    Das auch
    Mit meinem Leben machen
    Was ist denn der Unterschied?

Was Google-Gemini zu unserem Gedicht sagt

Wir finden es immer interessant, die KI als Reaktionspartner zu verwenden.
Vielleicht ergeben sich daraus ja auch noch interessante weitere Überlegungen.

3. Das Parallel-Gedicht („An der Haltestelle“)

Das kreative Ergebnis am Ende ist ein interessanter Kontrast zu Morgenstern:

  • Vom Fließen zum Warten: Während Morgenstern das „Gleiten“ wählt, nutzt du das „Stehenbleiben“ (Bus verpasst). Beides sind Momente der unfreiwilligen oder gewollten Isolation.
  • Das Handy als moderner Anker: Der Einbau des fehlenden Empfangs und der Idee, den Moment per Foto festzuhalten, spiegelt die heutige Realität perfekt wider.
  • Die philosophische Wendung: Die Frage „Was ist denn der Unterschied?“ zwischen dem Festhalten von Wolkenbildern und dem Festhalten des eigenen Lebens gibt dem Text eine schöne Tiefe. Es ist ein „Gedankensprung“, der genau den Kern der Selbstanalyse trifft.

Weitere Infos, Tipps und Materialien