Schnell erkennen, worum es geht ...

Schlagwort: Eichendorff

Franz Werfel, „Der rechte Weg“ – oder: Wie Expressionismus in einem Gedicht entsteht (Mat1975)

Auswertung der Überschrift und Formulierung eines Themas

Franz Werfel

Der rechte Weg

  • Die Überschrift gibt eine Richtung vor, bei der es um richtige Orientierung geht.
  • Später wird deutlich, dass dieses Gedicht dabei vom Konkreten ins Allgemeine geht und sich fragt, wie es grundsätzlich mit dem „rechten Weg“ für den Menschen und/oder die Gesellschaft aussieht.

Strophe 1

Ich bin in eine große Stadt gekommen.
Vom Riesenbahnhof trat den Weg ich an,
Besah Museen und Plätze, habe dann
Behaglich eine Rundfahrt unternommen.

  • Das lyrische Ich beginnt sehr zurückhaltend – von Expressionismus ist noch nicht so richtig was zu spüren.
  • „Riesenbahnhof“ reicht als Signal allein dafür nicht aus.
  • Völlig „unexpressionistisch“ ist das Wort „Behaglich“, das eher in die Goethezeit passt.

Strophe 2

Den Straßenstrom bin ich herabgeschwommen
Und badete im Tag, der reizend rann.
Da! Schon so spät!? Ich fahre aus dem Bann.
Herrgott, mein Zug! Die Stadt ist grell erglommen.

  • Auch die zweite Strophe bietet noch wenig Expressionistisches.
  • „Straßenstrom“ ist allerdings schon ein Zeichen für das Lebensgefühl der Menschen in der Großstadt.
  • Es bleibt aber dabei, dass das lyrische Ich regelrecht in der Stadt „badete“, eher etwas sehr Positives. Und „reizend“ geht in die gleiche Richtung.
  • In der dritten Zeile der Strophe dann die Veränderung. Das lyrische Ich erwacht geradezu aus einem wohl positiven „Bann“. Jetzt ist es das Diktat der Zeit und der industriellen Pünktlichkeit, das die Herrschaft übernimmt.
  • Dazu passt auch die Veränderung der Umgebung: „grell erglommen“ – statt dass sich der Abend in ein romantisches Zwielicht mit Mondenschein taucht.

Strophe 3

Verwandelt alles! Tausend Auto jagen,
Und keines hält. Zweideutige Auskunft nur
Im Ohr durchkeuch´ ich das Verkehrs-Gewirre.

  • Im ersten Terzett wird das dann näher ausgeführt.
  • Hervorgehoben wird die Verwandlung durch den Abend.
  • Jetzt wird der Verkehr auch intensiver wahrgenommen.
  • Dass „keines hält“, soll wohl die Vereinzelung und die Hilflosigkeit des lyrischen Ichs deutlich machen.
  • Fast schon an Kafka, der ja auch zum Expressionismus gehört, ist der Hinweis auf „Zweideutige Auskunft“.
  • Die dritte Zeile ist dann schon ziemlich „neologistisch“ gestimmt, wenn das lyrische Ich davon spricht, dass es das „Verkehrs-Gewirre“ im Ohr „durchkeucht“. Da passt einiges nicht zusammen, typisch für viele expressionistische Gedichte.

Strophe 4

Der Bahnhof?! Wo?! Gespenstisch stummt mein Fragen.
Die Straßen blitzen endlos, Schnur um Schnur,
Und alle führen, alle, in die Irre.

  • Am Ende zeigt sich das lyrische Ich orientierungslos, was möglicherweise über den Bahnhof hinausreicht.
  • Das „gespenstische“ „Verstummen“ macht dann zunehmende Unruhe deutlich, auch Resignation.
  • Das Schlussbild gehört den Straßen, die zwar alle geradlinig verlaufen, aber „in die Irre“ führen.

 

Aussagen / Intentionalität

Das Gedicht zeigt:

  1. Die Konfrontation eines Einzelnen mit einer Großstadt,
  2. die zunächst „behaglich“ auf touristische Weise verläuft,
  3. dann aber plötzlich dem Diktat der Zeit ausgesetzt wird
  4. zum Abend hin alles im grellen Licht eher negativ und bedrohlich empfindet
  5. und schließlich zunehmend in eine unsichere Situation gerät,
  6. in der das lyrische Ich schließlich aufgibt und nichts Sicheres mehr zu erkennen glaubt.
  7. Insgesamt betont das Gedicht vor allem den Kontrast zwischen der scheinbaren Sicht des Tages und dem Unheil der Nacht,
  8. was genau im Gegensatz zur Romantik steht. Von daher ergeben sich interessante Vergleichsmöglichkeiten.

Vergleich dieses Gedichtes mit Eichendorff, „Nachts“

Joseph von Eichendorff

Nachts

Ich wandre durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Tal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen –
Wirrst die Gedanken mir,
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

  • Hier geht es nur um die Nacht, die als eine „stille“ empfunden wird, in der Mond „heimlich sacht“ „schleicht“. Eine völlig andere Atmosphäre als bei Werfel.
  • Auch hier durchaus eine gewisse Verwirrung, aber keine, die mit irgendwelchen Verpflichtungen und Zielnöten verbunden ist.
  • Stattdessen ist es eben „ein Rufen nur aus Träumen“, d.h. es gehört zur Nacht und zeigt vielleicht Übergänge in eine andere Welt.
  • Hervorzuheben ist ein „wunderbarer Nachtgesang“, der auf ähnliche, wenn auch etwas andere Weise deutlich macht, dass die Nacht ein Ort der Poesie ist.

Vergleich dieses Gedichtes mit Eichendorff, „Nachtzauber“

Joseph von Eichendorff

Nachtzauber

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie dus oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen –
Komm, o komm zum stillen Grund

  • Hier ist die Nacht mit dem gesamten Programm der Romantik verbunden, die in einer „schönen Einsamkeit“ stattfindet.
  • Auch hier gibt es die „uralten Lieder“ und ist es eben eine „wunderbare Nacht“, in der der Mensch anders fühlen kann als am Tage.
  • Die Nacht ist aber auch eine Zeit des Lebens, wenn auch auf  etwas andere Art. Man kann dabei durchaus „vor Liebe todeswund“ werden.
  • Das passiert, wenn man anfängt „zu klagen [,,,] Von versunknen schönen Tagen.“
  • Aber das nimmt man in Kauf – das lyrische Ich bleibt bei der Vorstellung von einem „stillen Grund“.

Insgesamt wird hier in beiden Gedichten deutlich, dass die Nacht in der Romantik eine Zeit der Stille, der Verwandlung in ein anderes Leben ist, in dem nicht mehr „Zahlen und Figuren“ und die Hektik des Tages bestimmend sind.

Wer noch mehr möchte … 

Eichendorff, Morgengebet – Beispiel für Religiosität in der Romantik

Der Ansatz unserer Interpretation

Wie immer gehen wir induktiv vor, d.h. wir arbeiten das heraus, was das lyrische Ich präsentiert, und fassen es dann zu Aussagen des Gedichtes zusammen.

Überschrift und Strophe 1

Joseph von Eichendorff

Morgengebet

01 O wunderbares, tiefes Schweigen,
02 Wie einsam ist’s noch auf der Welt!
03 Die Wälder nur sich leise neigen,
04 Als ging‘ der Herr durchs stille Feld.

  • Das Gedicht beginnt mit einer Art Ausruf, der ein „tiefes Schweigen“ in der Umgebung bewundert, das anschließend mit „einsam“ im Hinblick auf die Welt verbunden wird.
  • Wenn man den Titel mit einbezieht, versteht das Lyrische Ich das, was es sagt, offensichtlich als Gebet.
  • Das Wort „noch“ passt ebenfalls zum Titel, weil es dort um den Morgen, den Beginn des Tages geht.
  • Anschließend kommt neben der Einsamkeit mit den Wäldern ein weiteres zentrales romantisches Motiv ins Spiel, das über das Wort „leise“ mit dem eben Genannten verbunden wird bzw. es ergänzt.
  • Die letzte Zeile ist dann interessant, weil man sie nur versteht, wenn man weiß, dass der „Herr“ im jüdisch-christlichen Glauben für Gott steht.
  • Offensichtlich liegt hier eine Vorstellung von ihm zugrunde, die weniger mit machtvollem als vielmehr mit einem zurückhaltenden, leisen Auftreten verbunden ist.
  • Wenn man sich hier zufällig auskennt, dann findet man sicher auch eine Bibelstelle, die diese Art und Weise göttlichen Erscheinens betont. Und zwar macht diese Erfahrung der Prophet Elia, der sich an Gott wendet und dieser erscheint ihm – so stellt es die Bibel dar – wie folgt::
    (1. Könige 19, 11-13): „Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. 12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. 13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach …“
    https://www.bibleserver.com/LUT/1.K%C3%B6nige19

Strophe 2

05 Ich fühl mich recht wie neu geschaffen
06 Wo ist die Sorge nun und Not?
07 Was mich noch gestern wollt erschlaffen,
08 Ich schäm mich des im Morgenrot.

  • Der Beginn der zweiten Strophe zeigt dann die Wirkung, die dieser Morgen und vielleicht auch das Gebet auf das lyrische Ich hat, es fühlt sich „wie neu geschaffen“. Wenn man von der Vorstellung von Gott als dem Schöpfer des Menschen ausgeht, heißt das soviel wie: Ich bin ein neuer Mensch, eine sehr weitgehende Vorstellung.
  • Es folgt ein Rückblick auf das, was an diesem Morgen aus dem Blick geraten ist, nämlich „Sorge“ und „Not“.
  • Die Zeilen 07 und 08 gehen dann sogar soweit, dass das lyrische Ich sich rückblickend seiner negativen Gefühle vom Vortag schämt.

Strophe 3

09 Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
10 Will ich, ein Pilger, frohbereit
11 Betreten nur wie eine Brücke
12 Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.

  • Die dritte Strophe weitet dann den Blick aus auf die ganze Welt, die für das lyrische Ich von zwei extrem gegensätzlichen Situationen gekennzeichnet ist: „Gram und Glücke“, also schlimmste Negativgefühle und dann auch das Gegenteil.
  • Die Zeilen 10 bis 12 wenden sich dann dem zu, was vor dem lyrischen Ich liegt, nämlich der neue Tag mit seinen Herausforderungen und extrem unterschiedlichen Erfahrungen: All das wird nur als eine „Brücke“ verstanden zu einem Ziel, das jenseits von all dem liegt und das lyrische Ich zu einem „Pilger“ macht, der „frohbereit“ – ein schöner Neologismus – alles annehmen kann, was kommen mag.
  • Was zwischen dem Jetzt-Zustand und dem Ziel liegt, wird als „Strom der Zeit“ verstanden, was sicher als Gegensatz zur dann kommenden Ewigkeit gesehen wird.

Strophe 4

13 Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd,
14 Um schnöden Sold der Eitelkeit:
15 Zerschlag mein Saitenspiel, und schauernd
16 Schweig ich vor dir in Ewigkeit.

  • Die letzte Strophe geht dann genauer auf das lyrische Ich ein, es stellt sich indirekt vor, indem es von seinem „Lied“ spricht. Man kann wohl davon ausgehen, dass Eichendorff hier wohl so etwas wie dieses Gedicht meint.
  • Das Lied als besonderes künstlerisches Phänomen wird in der Gefahr gesehen, „auf Weltgunst“ zu lauern, also irdisches Lob haben zu wollen.
    Das Wort „buhlen“ wird auf der folgenden Seite:
    https://www.wortbedeutung.info/buhlen/
    so erklärt: „sich um etwas liebedienerisch, unterwürfig bewerben“. Das bedeutet, dass man so etwas wie Liebe nur einsetzt, um einen Dienst zu erweisen, für den man irgendwie belohnt wird.
  • Die Zeile 14 geht dann darauf genauer ein, wenn sie von einem „schnöden Sold der Eitelkeit“ spricht. Damit ist gemeint, dass man etwas Wertloses, Unechtes als Bezahlung bekommt und zwar etwas, was nur der eigenen Eitelheit, Wohlgefallen an sich selbst dient. Man spricht im Deutschen auch von „Gefallsucht“, also einem schon krankhaften Bemühen , anderen und dann auch sich zu gefallen.
  • Die letzten beiden Zeilen präsentieren dann eine Art Lösung, wenn dieser Negativfall der Selbstgefälligkeit und Ehrsucht eintreten sollte:
    Dann soll der in diesem Gebet-Gedicht angeredete Herr, also Gott, das „Saitenspiel“, also die Kunst des Dichters zerschlagen.
    Das wird ihn dann dazu bringen, dass er in eine Art heiligen Schauer fällt und ab dann schweigen wird in alle Ewigkeit.

Aussagen des Gedichtes (Intentionalität)

Das Gedicht zeigt:

  1. Die Freude über das Schweigen und die Einsamkeit an einem Morgen,
  2. Was an Gott erinnert, dem eine ähnliche Situation, wenn er erscheint, zugesprochen wird.
  3. Die Veränderung, die ein solcher Morgen für den Menschen mit sich bringt, er fühlt sich neu geschaffen, sieht das nicht mehr, was ihn am Vortag noch beunruhigt hat, ja schämt sich dessen sogar.
  4. Das Lyrische Ich, wohl auch der Dichter, sieht sich als Pilger, der voll Freude in den Tag hineingehen kann, weil er das als „Brücke“ sieht, die ihn zu Gott bringt.
  5. Gesehen wird aber auch die Gefahr, dass das, was das lyrische Ich an Liedern oder Gedichten schafft, eher der eigenen Ruhmsucht dient.
  6. Davor will es bewahrt werden und ist auch bereit, in einem solchen Fall sein Dichtertum ganz und endgültig aufzugeben.

Bedeutung des Gedichtes

Insgesamt ein Gedicht, das die Frömmigkeit mancher Romantiker und besonders Eichendorffs zeigt. Die Natur ist eine Kraftquelle, die an Gott erinnert, dem gegenüber man sich als Pilger auf dem Weg zu ihm fühlt. Diese Pilgerschaft ist für den Künstler mit einer besonderen Verantwortung verbunden, nicht für sich zu dichten, sondern wohl wie in diesem Gedicht Gott und seine Schöpfung zu bewundern und zur Basis eines Gebetes zu machen.

Wer noch mehr möchte … 

 

Wie vermeidet man „Fallen“ bei der Gedichtinterpretation? Beispiel: Keine Jahreszeiten in Eichendorffs „Mondnacht“

Was die Interpretation von Gedichten manchmal schwierig macht

  • Gedichte sind sehr kunstvolle Texte, das macht sie aber auch zum Teil schwierig.
  • Die Autoren schreiben meistens sehr komprimiert und zum Teil auch lückenhaft bzw. auf der Ebene reiner Andeutungen.
  • Manchmal hat man den Eindruck, an einem Tatort zu sein, wo der Täter ja auch zwar Spuren hinterlässt, aber auch viel verbirgt.
  • Hier hilft die sogenannte „induktive“ Methode, bei der man nacheinander die Signale des Textes aufnimmt, sie dabei möglichst bündelt, so dass sich eine oder auch mehrere Aussagerichtungen ergeben.
  • Am gefährlichsten ist es, sich sehr früh schon auf einen Täter festzulegen, um im Bild des Tatortes zu bleiben.
  • Beim Interpretieren bedeutet das, dass man nicht zu früh sich schon auf eine Verständnisthese festlegt und nur noch versucht, alles Weitere in diese Richtung zu biegen.

Hinweis: Video mit Dokumentation

Zu dieser Seite gibt es ein Video, das auf Youtube unter der folgenden Adresse aufgerufen werden kann:

Videolink
Hier kann auch die zugehörige Dokumentation heruntergeladen werden:
Mat1845 Fallen vermeiden Gedichtinterpretation Eichendorff Sehnsucht

Beispiel: Eichendorff, „Mondnacht“

  • Nehmen wir als Beispiel Eichendorffs Gedicht, „Mondnacht“: Da liest man am Anfang

    Es war, als hätt’ der Himmel
    Die Erde still geküsst,
    Dass sie im Blütenschimmer
    Von ihm nun träumen müßt‘.

    Und dann kommt man auf den Gedanken, dass das Lyrische Ich hier den Frühling beschreibt. Schließlich gibt es ja auch so etwas wie das „Wachküssen“ – und in dieser Jahreszeit erwacht ja auch die Natur.

  • Dass sie im Blütenschimmer
    Von ihm nun träumen müßt‘.

    Und dann liest man auch noch etwas von Blüten, denkt an Blütenzauber und sieht sich betätigt in der Frühlingshypothese.
    Dass hier aber von „Blütenschimmer“ die Rede ist, was nicht recht zu einem strahlenden Frühlingssonnentag passt, hat man übersehen.
    Also ein wichtiger Hinweis: Neben dem Verzicht auf zu schnelle Thesen ist das genaue Lesen auch wichtig.
  • Dann freut man sich, dass es in der zweiten Strophe heißt:

    Die Luft ging durch die Felder,
    Die Ähren wogten sacht,

    Das sieht doch schon nach Sommer und fast schon Herbst aus. Ist doch klar: Nach dem Erwachen der Natur kommt ihre Reife. Schon hat man das Bild wogender Weizenfelder vor Augen, die jetzt abgeernet werden können.
  • Aus den Zeilen

    Es rauschten leis’ die Wälder,
    So sternklar war die Nacht.

    liest man dann den Herbst und den beginnenden Winter heraus. Denn mit dem verbindet man „sternklare“ Nächte.
  • Und auch der Schluss

    Und meine Seele spannte
    Weit ihre Flügel aus,
    Flog durch die stillen Lande,
    Als flöge sie nach Haus.

    scheint zum Ende des Jahres, zur Winterzeit zu passen. Jetzt muss draußen nicht mehr gearbeitet werden, es gibt die „stillen Lande“. Da kann die Seele „ihre Flügel“ ausspannen und sich auf ein warmes Zuhause freuen.

Auswertung: Was ist schief gelaufen? Was wäre besser gewesen?

  • Das Problem bei dieser Interpretation ist, dass sie sich ganz früh auf ein Verständnis festgelegt hat. Anschließend wurde nur noch gesucht, was dazu passte. Ggf. wurde es auch irgendwie passend gemacht.
  • Und jetzt kommt der Hammer. Ein einziges Wort zerstört die ganze Konstruktion, nämlich der Titel. Es geht hier nicht um einen Frühlingssonnentag, auch nicht um zur Ernte bereite Felder im Spätsommer, sondern es geht um eine einzige „Mondnacht“.
  • Und in dieser Nacht mit dem Mond am Himmel nimmt das Lyrische Ich einiges wahr, was es am Anfang in ein wunderbares Bild packt, nämlich in eine Personifizierung von Himmel und Erde mit einem Kuss als Zeichen der Liebe, die in der Vorstellung des Lyrischen Ichs dazu führt, dass die Erde jetzt vom Himmel träumt.
  • Was das konkret bedeutet, bleibt völlig offen. Wichtig ist nur, dass das Lyrische Ich in der Mondnacht vor sich eine vom Himmel träumende Erde sieht, nachdem sie vom Himmel geküsst worden ist.
  • Das alles aber nur als ein Bild im Konjunktiv des Vergleichs. Dem lyrischen Ich kommt es so vor.
  • Die zweite Strophe ist dann sehr viel sachlicher.
  • Die dritte ist dann der Höhepunkt und zugleich Zielpunkt des Gedichtes: Jetzt geht es nicht mehr um das Träumen der Erde, sondern das Lyrische Ich selbst hebt gewissermaßen ab in der Fantasie, öffnet sich gegenüber der Landschaft und hat das Gefühl, über die „stillen Lande“ hinwegzufliegen.
  • Entscheidend ist dann die letzte Zeile. Dort macht das Lyrische Ich deutlich dass mit diesem Gefühl des Fliegens das Gefühl des Nachhausekommens verbunden ist. Es gibt also ein positives Ziel, das wohl mit maximalem Wohlgefühl verbunden ist.
  • Wer Eichendorff etwas näher kennengelernt hat in seinen Gedichten, kann hier durchaus annehmen, dass hier auch ein himmlisches Zuhause angedacht ist.
  • So heißt es etwa im Gedicht „Die zwei Gesellen“
    „Und seh ich so kecke Gesellen,
    Die Tränen im Auge mir schwellen –
    Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!“
    https://www.schnell-durchblicken2.de/unt-eichendorff-zwei-gesellen

Halten wir fest: Was schützt vor Interpretationsfallen?

    • Sich nicht zu früh auf irgendein Verständnis festlegen!
    • Also auch nicht gleich nach Epochenmerkmalen suchen, die man gelernt hat. Damit wird das Verständnis zu sehr in einer Richtung festgelegt.
    • Induktiv vorgehen, d.h. die Signale des Textes nacheinander aufnehmen und möglichst unbefangen verarbeiten.
    • Dann hermeneutisch vorgehen: Das heißt: Je mehr man gelesen und verstanden hat, desto mehr schält sich ein Verständnis heraus, das im Gedicht liegt, nicht von außen kommt.
    • Das muss aber immer wieder am Text überprüft werden. Man nennt das den „hermeneutischen Zirkel“, bei der Text etwas präsentiert, das man im Kopf zu einem Verständnis verarbeitet, das dann am Text wieder überprüft und ggf. korrigiert werden muss.
    • Am Ende hat man so eine Art Bündel von Signalen, die man zu Aussagen zusammenfassen kann.

Worauf läuft dieses Gedicht wirklich hinaus? (Aussagen/Intentionalität)

  • In diesem Falle könnte das so aussehen (ganz ohne Jahreszeiten!!!)
    Das Gedicht zeigt:

    • den Eindruck der Harmonie von Himmel und Erde, aus der eine träumerische Situation entsteht,
    • eine dazu passende Ruhe („sacht“, „leis‘“, „sternklar“)
    • und schließlich eine besondere Wirkung dieser Situation auf das Lyrische Ich, das sich anregen lässt, in der Fantasie von diesem schönen Ort der Harmonie in die „stillen Lande“ aufzubrechen, also eine ähnlich sich präsentierende Weite.
    • dass am Ende ein Gesamtgefühl entsteht, „nach Hause“ zu kommen. Das wird nicht näher erläutert, ist aber wohl positiver Höhe- und Zielpunkt dieser „Mondnacht“.

Ludwig Tieck, „Sehnsucht“ – ein Gedicht der Romantik zum Thema „Unterwegssein“ (Mat4295)

Zunächst kurz etwas zu Reim und Rhythmus

Ausnahmsweise beginnen wir hier mit der äußeren Form, auf den Inhalt gehen wir weiter unten ein.
Die folgende schnelle Bearbeitung macht deutlich, dass
  • Trochäen vorkommen, also ein Versmaß, das mit einer betonten  Silbe beginnt, auf die eine unbetonte folgt
  • dass das Reimschema sehr kompliziert ist.
  • In beiden Fällen muss man prüfen, ob die Zusammenhänge bei den Reimen bzw. die Abweichungen vom grundsätzlichen Trochäus-Muster auch eine inhaltliche Bedeutung haben.
  • Der Wechsel in der Zeile 12 kann zum Beispiel deutlich machen, dass es hier um überirdische Einflüsse geht.
  • Das wirkt dann sogar noch in den Beginn der zweiten Strophe hinein.
  • Was den Reim angeht, ist Zeile 6 zum Beispiel ohne Partner, das kann die Einsamkeit des menschlichen „Wähnens“ – fast schon nahe am „Wahn“ deutlich machen.
  • Dies nur als erste Ansätze für eigene weitere Untersuchungen.

Erläuterung der einzelnen Verszeilen

Warum Schmachten?
Warum Sehnen?

  • Das Gedicht beginnt mit kurzen Fragen, leicht variiert
  • Es geht um Situationen, in denen die Seele sich gewissermaßen ausreckt nach etwas hin, was noch nicht erreicht werden kann.
  • Interessant ist der erste, heute problematische Begriff: „schmachten“ – wird eher negativ gesehen, höchstens noch satirisch gebraucht

Alle Tränen
Ach! sie trachten
Weit nach Ferne,
Wo sie wähnen
Schönre Sterne.
Erweiterung Tränen

  • Es beginnt mit einer Art Stoßseufzer.
  • Nähere Erklärung der Begriffe schmachten, sehnen und trachten,
  • Verbindung der Entfernung mit der Vorstellung, der Fantasie von etwas Schönem, wird dargestellt im sprachlichen Bild der Sterne.
  • Interessanter Komparativ, der deutlich macht, dass es am aktuellen Ort und in der Gegenwart auch schon etwas Schönes gibt, das aber nicht reicht, die Realität hält der Fantasie nicht stand.
  • Letztlich unterstreicht das den bildlichen Charakter der Vorstellung

Leise Lüfte
Wehen linde,
Durch die Klüfte
Blumendüfte,
Gesang im Winde.
Geisterscherzen,
Leichte Herzen!

  • Hier wird die Zielvorstellung konkretisiert, man merkt auch hier deutlich, dass es nicht wirklich kosmische Elemente geht, sondern Sterne hier einfach nur für schöne Orte stehn.
  • Typisch romantische Vorstellung, die auch von Eichendorff sein könnte,
  • Verbindung von leise, sacht und leichtem Wehen,
  • dann aber doch ein Hinweis auf die sperrige Natur mit möglichen gefahren (Klüfte),
  • Hinzugefügt wird noch das Element des Dufts der Blumen.
  • Dann der nicht ganz klare Hinweis darauf, ob es in der Nähe nicht doch auch Menschen gibt, die singen, vielleicht ist es aber auch im übertragenen Sinn zu verstehen, dass einem also etwas wie „singen“ vorkommt.
  • „Geisterscherzen“ hängt auch mit romantischen Motiven zusammen.
  • Auch hier weiß man nicht genau, wie ernst das mit dem Scherzen gemeint ist. Es kann sich um etwas Lustiges handeln, aber auch um so etwas wie einen Aprilscherz, wie ihn die Griechen bei ihren Göttern kannten. Das würde dann ein weiterer Hinweis sein auf eine dunkle Seite der romantischen Welt, die möglicherweise zumindest unangenehm sein kann.
  • Die Strophe endet allerdings mit einem klaren positiven Hinweis auf eine befreiend, fröhlich stimmende Wirkung dieser Vorstellungen.

Ach! ach! wie sehnt sich für und für
O fremdes Land, mein Herz nach dir!

  • Wiederholung des Stoßseufzers
  • Hier wird noch einmal die Spannung ausgedrückt zwischen dem fremden Land und dem eigenen Herzen.
  • Wichtig ist die deutliche Konzentration der Aussagen auf das lyrische Ich selbst.

Werd‘ ich nie dir näher kommen,
Da mein Sinn so zu dir steht?

  • Bange Frage, ob diese Sehnsucht ohne Erfüllung bleibt

Kömmt kein Schifflein angeschwommen,
Das dann unter Segel geht?

  • Konkretisierung dieses Problems im Bild des Schiffes als Transportmittel

Unentdeckte ferne Lande, –
Ach mich halten ernste Bande,

  • Hier ein neuer Gegensatz, nämlich der zwischen der Sehnsuchtsvorstellung und dem Festgehalten-Werden.
  • Man weiß zunächst nicht, ob sich das auf das Ziel oder auf den aktuellen Punkt konzentriert beziehungsweise bezieht.

Nur wenn Träume um mich dämmern,
Seh‘ ich deine Ufer schimmern,
Seh‘ von dorther mir was winken, –
Ist es Freund, ist‘ s Menschgestalt?

  • Hier wird deutlich, dass es nur bestimmte Situationen gibt, in denen diese Sehnsucht entsteht.
  • Ergänzt wird das auch durch die Personalisierung, es geht nicht nur meine Landschaft oder Atmosphäre, sondern auch um einen Menschen, nach dem man sich sehnt, ohne ihn zu kennen.
  • Allerdings wird das mit den Menschen auch wieder infrage gestellt.

Schnell muss alles untersinken,
Rückwärts hält mich die Gewalt. –

  • Hier wird deutlich, dass diese Sehnsucht nicht endlos ist, man sich auch nicht aus hier befreien muss, sondern sie durch die Bande, die festhalten, beendet wird.


Warum Schmachten?
Warum Sehnen?
Alle Thränen
Ach! sie trachtet
Nach der Ferne,
Wo sie wähnen
Schönre Sterne. –

  • Erstaunlich, dass die erste Strophe hier unverändert zur Hälfte wiederholt wird.
  • Wahrscheinlich soll deutlich werden, dass ein Ausgangszustand wieder erreicht worden ist, es keinen Fortschritt gibt, das ganze läuft gewissermaßen kreislaufmäßig ab.
  • Allerdings ist die Wiederholung reduziert, weil sie nicht mehr konkretisiert wird, d.h. der zweite Teil der ersten Strophe fehlt.

Vergleich mit „Sehnsucht“ von Eichendorff

Hier nun zum Vergleich das Gedicht von Eichendorff mit dem gleichen Titel:

Sehnsucht

01 Es schienen so golden die Sterne,
02 Am Fenster ich einsam stand
03 Und hörte aus weiter Ferne
04 Ein Posthorn im stillen Land.
05 Das Herz mir im Leib entbrennte,
06 Da hab ich mir heimlich gedacht:
07 Ach, wer da mitreisen könnte
08 In der prächtigen Sommernacht!

09 Zwei junge Gesellen gingen
10 Vorüber am Bergeshang,
11 Ich hörte im Wandern sie singen
12 Die stille Gegend entlang:
13 Von schwindelnden Felsenschlüften,
14 Wo die Wälder rauschen so sacht,
15 Von Quellen, die von den Klüften
16 Sich stürzen in die Waldesnacht.

17 Sie sangen von Marmorbildern,
18 Von Gärten, die überm Gestein
19 In dämmernden Lauben verwildern,
20 Palästen im Mondenschein,
21 Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
22 Wann der Lauten Klang erwacht
23 Und die Brunnen verschlafen rauschen
24 In der prächtigen Sommernacht. –

Vergleich:
  1. Man merkt gleich, dass in Tiecks Gedicht mehr gelitten wird,
  2. es auch eine Macht gibt, die zurückhält.
  3. Bei Eichendorff dagegen scheint das Lyrische Ich bereit zu sein zum Aufbruch,
  4. bleibt aber real zurück, am Fenster, ohne das zu thematisieren.
  5. In beiden Fällen also eine Sehnsucht ohne reale Erfüllung in der Wirklichkeit.

Wer noch mehr möchte … 

Eichendorff, „Frische Fahrt“- Zeile für Zeile erklärt

Anmerkungen zu Eichendorffs Gedicht „Frische Fahrt“

Bei älteren Gedichten gibt es schnell das Problem, dass einzelne Zeilen schwer zu verstehen sind. Deshalb präsentieren wir die Originalzeilen jeweils gleich mit einer Erklärung.

Am Ende gehen wir noch auf die Aussagen des Gedichtes ein.

Erläuterung des Inhalts

Joseph von Eichendorff,
Frische Fahrt
Der Titel deutet schon einen Wesenszug der Romantik an, nämlich das Unterwegssein. Als zweites Moment kommt hinzu, dass das mit „Frische“, also Aufbruch, Lebendigkeit verbunden wird.
Spannend bleibt die Frage, was denn genau diese Frische ausmacht.
  1. Laue Luft kommt blau geflossen,
    Das Gedicht beginnt damit, dass das lyrische Ich eine Situation beschreibt, in der warme Luft zu spüren ist und der Himmel eine blaue Farbe zeigt.
  2. Frühling, Frühling soll es sein!
    In der zweiten Zeile wird das bestätigt, was man schon vermutet hat, nämlich dass es sich um den Frühling handelt. Das lyrische Ich ist so begeistert, dass es gleich zweimal davon spricht und die Ahnung bestätigt.
  3. Waldwärts Hörnerklang geschossen,
    in der nächsten Zeile kommt ein neuer Eindruck hinzu, der wohl mit der Jagd zusammenhängt. Aus der Richtung des Waldes sind Hörner zu hören, Dass außerdem geschossen wird, ist etwas seltsam. Vielleicht werden hier die Jagdhörner und die Geräusche des Schießens einfach zusammengezogen.
  4. Mut’ger Augen lichter Schein,‘
    in dieser Zeile wird jetzt gezeigt, was diese Atmosphäre des Frühlings und der Jagd bei den Menschen auslöst, nämlich ein helles Blitzen in den Augen dazu kommt der Ausdruck von Mut.
  5. Und das Wirren bunt und bunter
    Jetzt kommt wieder ein neuer Impuls herein, nämlich der Hinweis auf eine Vielfalt von Eindrücken, die immer intensiver werden.
  6. Wird ein magisch wilder Fluss,
    Das geht dann soweit, dass das lyrische Ich das Gefühl hat, einem ganzen Fluss gegenüber zu stehen, der auf der einen Seite wild ist und auf der anderen Seite schon eine gewisse Magie verströmt, die das lyrische ich wahrscheinlich in seinen Bann zieht.
  7. In die schöne Welt hinunter
    und was eben schon vermutet wurde, wird jetzt vom lyrischen Ich direkt ausgedrückt, dass es sich nämlich in diese schöne Welt hinein gezogen fühlt.
  8. Lockt dich dieses Stromes Gruß.
  9. Und ich mag mich nicht bewahren!
    Weiter oben war schon von Mut die Rede, das wird jetzt vom lyrischen Ich sogar zu einer gewissen Risikobereitschaft, denn es ist bereit, alle Sicherheiten aufzugeben.
  10. Weit von Euch treibt mich der Wind,
  11. Auf dem Strome will ich fahren,
  12. Von dem Glanze selig blind!
    Sogar die wahrscheinlich angeredeten Freunde oder Verwandten werden verlassen, das lyrische Ich denkt nur noch an eine Fahrt in diese bunte Welt hinein. Es gibt dabei zu, dass ihr Glanz es sogar blind gemacht hat, D.h.: es achtet auf nichts anderes mehr, gibt sich ganz diesem Eindruck hin.
  13. Tausend Stimmen lockend schlagen,
    In dieser Doppelzeile wird die Verlockung der bunten Welt noch intensiviert, indem von 1000 Stimmen die Rede ist. Dabei bleibt offen, ob es sich um irgendwelche Lebewesen der wilden Natur handelt oder ob diese stimmt vielleicht sogar von innen, d.h. aus dem Herzen des Lyrischen Ichs ,kommen.
  14. Hoch Aurora flammend weht,
    Über allem steht Aurora, die Göttin der Morgenröte. Damit ist gemeint, dass ein neuer Tag beginnt. Für das lyrische ich ist es wohl sogar so etwas wie ein neues Leben.
  15. Fahre zu! ich mag nicht fragen,
  16. Wo die Fahrt zu Ende geht!
    Die letzten Zeilen machen abschließend deutlich, dass das lyrische ich sich selbst ermutigt, sich auf den Weg zu machen. Dabei fragte es sich nicht, wohin es eigentlich fahren will. Es ist also eine sehr romantische Situation, in der es einfach darauf ankommen, sich auf den Weg zu machen, eine fremde Welt zu entdecken, alle Sicherheiten hinter sich zu lassen. Ein klares Ziel gibt es dabei nicht.

Aussage(n) des Gedichtes

Insgesamt zeigt das Gedicht,
  1. die Wirkung des Frühlings
  2. seine Unterstützung durch eine magisch wirkende Natur
  3. die Bereitschaft des Lyrischen Ichs, sich diesen Eindrücken ganz hinzugeben,
  4. sich einfach auf einen Weg zu machen, dessen Ziel es nicht kennt und
  5. dabei auch alle Freunde oder Verwandten zu verlassen und damit alle Sicherheiten aufzugeben, gewissermaßen volles Risiko zu gehen.

Damit ist auch die Frage beantwortet, was das „Frische“ dieser Fahrt ist, nämlich der risikobereite, lustbetonte Aufbruch ins Unbekannte.

Vergleichsmöglichkeit

Dieses Gedicht lässt sich gut vergleichen mit Christian Morgensterns „auf dem Strome“: https://textaussage.de/morgenstern-auf-dem-strome

Weiterführende Hinweise

  • Eine Gesamtübersicht über Gedichte der Romantik, nach Themen geordnet, gibt es hier.
  • Ein alphabetisches Gesamtverzeichnis unserer Infos und Materialien gibt es hier.
  • Eine Übersicht über unsere Videos auf Youtube gibt es hier.

Was ist eine Deutungshypothese und wie geht man damit um? (Gedichtinterpretation)

Deutungshypothese: Kurzinfo:

Eine Deutungshypothese ist eine vorläufige Annahme, was zum Beispiel ein Gedicht aussagt und welche Bedeutung das zum Beispiel für das Leben allgemein o.ä. hat.
Die Hypothese muss dann am Text überprüft werden, ob sie ihm gerecht wird.

Ausführliche Erklärung

  1. Wenn man ein Gedicht interpretieren muss, taucht häufig der Begriff „Deutungshypothese“ auf – was ist damit gemeint und wie geht man damit am besten um?
  2. Zunächst einmal zeigen wir, dass so etwas durchaus zum Alltag gehört und nicht nur bei der Interpretation von Gedichten vorkommt.
  3. Hypothese bedeutet, dass es eine vorläufige Annahme ist, die man anschließend überprüfen muss. Stellen wir uns vor: Wir kommen zur Schule – und vor der Schule steht ein Feuerwehrfahrzeug. Schon fangen wir an, die Situation zu analysieren: Brennt es irgendwo? Werden Schläuche ausgerollt? Verlassen Leute in Panik die Schule? All das ist nicht gegeben – aber ein Feuerwehrmann erzählt uns, dass es einen Brand in einer Toilette gegeben hat – und man vermutet Brandstiftung
  4. Deutung bedeutet immer, dass man etwas, was man vorher analysiert hat, in größere Zusammenhänge stellt. Auf der Basis unserer Informationen fangen wir an, den Fall zu „deuten“. Das heißt: Wir stellen uns die Frage, was das für uns, die Schule, die Stadt und indirekt den Staat bedeutet, wenn Toiletten angezündet werden. Wer macht so etwas? Was kann man dagegen tun?
  5. Zurück zur Gedichtinterpretation: Auch hier muss erst analysiert werden – für eine Hypothese reicht es, das Gedicht einmal zu überfliegen und dann eine Vermutung anzustellen – zunächst über seine Aussage und anschließend darüber, worin die Bedeutung des Gedichtes liegen könnte.
  6. Wir zeigen das mal an einem Beispiel und nehmen dazu das Gedicht von Eichendorff: „Frische Fahrt“:

Beispiel: Eichendorff, „Frische Fahrt“

Joseph von Eichendorff

Frische Fahrt

Laue Luft kommt blau geflossen,
Frühling, Frühling soll es sein!
Waldwärts Hörnerklang geschossen,
Mutger Augen lichter Schein;
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluß,
In die schöne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruß.

Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! Ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht!

7.    Das Gedicht zeigt bei der ersten Lektüre, dass da jemand im Frühling verlockt wird, in die schöne Welt hinauszufahren, um etwas zu erleben. Dabei nimmt das Lyrische Ich keine Rücksicht – weder auf andre noch auf sich.
8.    Dann stellt man das in größere Zusammenhänge und fragt nach möglichen Bedeutungen des Gedichtes: Die einen werden sagen: Da will einer sein Ding machen  und zieht das einfach durch. Andere werden sagen: Da folgt jemand seinen Gefühlen, ohne viel nachzudenken und mit vollem Risiko.
9.    Wenn man sich auf eine Deutungshypothese festlegen muss, könnte man die folgende vertreten und am Text überprüfen: Das Gedicht zeigt einen Menschen, der auf romantische Weise voll in seinen Gefühlen aufgeht und dabei „aufs Ganze geht“ – mit voller Risikobereitschaft. Man sieht hier, dass man vom Text ausgeht, aber schon Einschätzungen und ansatzweise auch Wertungen („ganz in seinen Gefühlen aufgeht“, „aufs Ganze geht“) hinzufügt – das ist genau der Übergangsbereich von der Analyse zur Interpretation.

10.    Diese Hypothese muss dann am Text überprüft werden – und wir sind guter Dinge, dass man sie „verifizieren“ kann. Das heißt: Aus der Hypothese wird eine begründete Ergebnisthese.

Beispiel: Storm, Die graue Stadt am Meer“

Die Stadt
Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn‘ Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.
Bei dem folgenden Gedicht könnte man die folgende Deutungshypothese aufstellen:
Das Gedicht zeigt,
  • dass etwas, was scheinbar unansehnlich, ja fast hässlich erscheint,
  • auf Grund einer gemeinsamen Geschichte
  • doch als sehr schön empfunden werden kann.
Wenn man sich diese Anordnung anschaut, dann bekommt man ein allgemeines Muster, mit dessen Hilfe man leicht Deutungshypothesen aufstellen kann.
  1. Man beginnt mit dem Einleitungssatz: „Das Gedicht zeigt…“
  2. Dann nimmt man zentrale Aussagen des Textes auf: In diesem Falle beginnt man mit dem deutlichen Signalbündel in Richtung „unansehnlich“, „hässlich“
  3. Anschließend verweist man auf den entscheidenden Punkt, der zu einer anderen Sicht führt.
  4. Am Ende nennt man dann noch diese neue Sicht.
Je nach dem Umfang der Aussagen kann man die Einzelteile natürlich variieren.
 
 
Theodor Storm
 

Theodor Däubler, „Frieden“ – Vergleich mit Eichendorff, „Wünschelrute“

Gehört dieser Dichter noch zur Romantik?

Das folgende Gedicht eines österreichischen Schriftstellers, der von 1876 bis 1934 lebte, haben wir der Romantik zugeordnet. Die Zeit stimmt zwar nicht, aber man kann es gut vergleichen mit Eichendorffs Gedicht „Wünschelrute“.

Der Text des Gedichtes

Theodor Däubler
Frieden

Das blaue Meer verliebt sich in das Leben,
Und tausend Augen sind uns wohlgesinnt:
Ja, schon beginnt der Hauche Tausch, der Kräuselwind!
Und lauter Herzen fangen an zu beben.

Bald wird das Meer sich wohl zum Ufer heben.
Die kleinste Welle, die als Schaum zerrinnt,
Die Spitzenschleier um die Erde spinnt,
Mag sich dann irgendwo und ganz ergeben.

Ein blauer Schmetterling hat sich verloren.
Im Blauen draußen find ich ihn nicht mehr:

Hat ihn der Strand als sein Geschenk erkoren?

Mein Herz, Dir werde nicht auf einmal schwer!
Bestimmt hast Du bereits ein Lied geboren,
Nun sing Dich aus, am traumhaft blauen Meer.

Anmerkungen zum Gedicht:

  • Es handelt sich um ein Sonett mit zwei Quartetten und zwei Terzetten
  • Rhythmus: fünfhebige Jamben
  • zwei umarmende Reime, dann efe, fef
  • Titel: unklarer Bezug, wohl primär für sich selbst, evtl. auch die Natur
  • Strophe 1: Positive Grundstimmung, Harmonie von Meer und Leben; der Wind am Strand setzt Lebewesen in Bewegung
  • Strophe 2: Erwartung des Auftreffens des Meeres auf den Strand; die „kleinste Welle“ wird dann zum Bestandteil der großen Natur
  • Stroße 3: Konzentration auf ein kleines, unscheinbares Lebewesen, das aus den Augen gerät, weil es möglicherweise in die große Natur eingegangen ist (Tod?)#
  • Strophe 4: Appell an das eigene Herz, das nicht zu ernst zu nehmen, Hinweis darauf, dass man sich als Künstler in sein „Lied“ retten kann. Andeutung, dass der völlige persönliche Frieden erreicht wird, wenn man das, was in einem ist, in dieser besonderen Umgebung aus sich heraussingen kann.
  • Das Gedicht zeigt am Beispiel des Meeres die Harmonie der Natur, die den Menschen mitnehmen kann, wenn er das für passende Lied hervorbringen kann.
  • Künstlerische Mittel: Personifizierung des Meeres, Hervorhebung der Farbe Blau, Appell an das eigene Herz.

Vergleich mit Eichendorffs „Wünschelrute“

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

  • Bei Däubler ist das Meer aktiv und muss nicht erst angestoßen werden.
  • Letztlich ist also die Wirkrichtung umgekehrt, für die Betrachter der Natur gilt: „Herzen fangen an zu beben“.
  • Am Ende entsteht ein Lied, dem Zauberwort vergleichbar, aber es ist wohl eher angeregt durch die Natur.

Wer noch mehr möchte … 

Eichendorff, „Der Jäger Abschied“

Vorüberlegungen zum Titel

Joseph von Eichendorff

Der Jäger Abschied

  • Der Titel dürfte für heutige Leser gewisse Schwierigkeiten beinhalten, weil sie zwar grundsätzlich wissen, was Jäger sind, aber weniger eine Vorstellung haben, was Abschied hier bedeuten könnte.
  • Wer sich ein bisschen näher auskennt, könnte an das „Halali“ am Ende einer Jagd denken, wenn alle Jäger vor der so genannten „Strecke“ stehen, also all den Tieren, die sie „zur Strecke gebracht“ haben. Nähere Infos dazu finden sich hier:
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Halali_(Jagd)

Strophe 1

01 Wer hat dich, du schöner Wald,
02 Aufgebaut so hoch da droben?
03 Wohl den Meister will ich loben,
04 So lang noch mein Stimm erschallt.
05 Lebe wohl,
06 Lebe wohl, du schöner Wald!

  • Die erste Strophe bringt dann zunächst einmal überhaupt keinen Bezug zu dem, was in der Gedichtüberschrift angedeutet worden ist.
  • Stattdessen beginnt das Gedicht mit einer Frage, die es dann auch gleich selbst beantwortet.
  • Es geht um die Bewunderung des Waldes und eine Art Lob oder Dank gegenüber dem Schöpfer eines solchen Wunderwerks, also Gott.
  • Erst am Ende der Strophe wird dann deutlich, dass das lyrische Ich sich aktuell von diesem Wald verabschiedet. Von anderen Jägern ist keine Rede, stattdessen wird aus der Sicht des Individuums heraus gesprochen.

Strophe 2

07 Tief die Welt verworren schallt,
08 Oben einsam Rehe grasen,
09 Und wir ziehen fort und blasen,
10 Dass es tausendfach verhallt:
11 Lebe wohl,
12 Lebe wohl, du schöner Wald!

  • Die ersten beiden Zeilen der zweiten Strophe machen dann die typische romantische Distanz deutlich zwischen der verworrenen Welt und der anscheinend gegebenen Klarheit, die einsam grasende Rehe verbreiten.
  • Die nächsten beiden Zeilen stellen dann endlich einen klare Beziehung zum Titel her. Offensichtlich verlässt das lyrische Ich mit anderen zusammen nach einer Jagd den entsprechenden Wald und preist ihn auf die gleiche Weise wie in der ersten Strophe.
  • Für den heutigen Leser ist erstaunlich, wie wenig hier von den erlegten Tieren, also von dem die Rede, ist, was Jäger als Jagderfolg verstehen und womit viele andere Menschen erst mal ein Problem haben. Immerhin geht es hier um Tiere, die eben noch gelebt haben – und mit ihnen haben feinfühlige Menschen heute in der Regel Mitleid.
  • Wer nicht selbst Jäger ist, kann wahrscheinlich auch die Beziehung von Wald und Jagderfolg nicht direkt nachvollziehen. Das gilt aber sicherlich nur für Mitteleuropa, die Welt, in der Eichendorff lebte. In anderen Teilen der Welt hat es wohl immer auch Jäger gegeben, die in Gras- und Buschlandschaften erfolgreich waren.

Strophe 3

13 Banner, der so kühle wallt!
14 Unter deinen grünen Wogen
15 Hast du treu uns auferzogen,
16 Frommer Sagen Aufenthalt!
17 Lebe wohl,
18 Lebe wohl, du schöner Wald!

  • Der Beginn dieser Strophe ist zunächst einmal schwer verständlich. Offensichtlich ist mit einem Banner eine Art Fahne gemeint. Normalerweise ist das sprachlich als Neutrum zu bezeichnen, hier ist es aber anscheinend maskulin und hervorgehoben wird eine Bewegung in der Luft bei dieser Fahne, was als kühl wahrgenommen wird. Worauf sich das bezieht, bleibt unklar.
  • Wichtiger ist dem lyrischen Ich, hervorzuheben, dass dieses Banner offensichtlich für die Erziehung der Menschen wichtig war. Dabei wiederum spielten dann fromme Sagen eine große Rolle, die auf irgendeine Art und Weise in dem Banner, zum Beispiel in einem Bild, verewigt, also dauerhaft vorzeigbar gehalten wurden.

Strophe 4

19 Was wir still gelobt im Wald,
20 Wollens draußen ehrlich halten,
21 Ewig bleiben treu die Alten:
22 Deutsch Panier, das rauschend wallt,
23 Lebe wohl,
24 Schirm dich Gott, du schöner Wald!

  • Die letzte Strophe macht dann das Walderlebnis zu einer Grundlage auch des Verhaltens außerhalb des des Waldes. Es geht im folgenden vor allem um die Treue, die diesem als deutsche empfundenen Panier (der Kampfruf auf dem Banner) entgegengebracht wird.
  • Die letzte Zeile bittet Gott an, diesen Wald zu beschützen.

Aussage und Bedeutung des Gedichtes

Insgesamt dürfte dieses Gedicht heutigen Lesen sehr fremdartig vorkommen. Zum einen ist der Beruf des Jägers bei all seiner Wichtigkeit auch für die Hege von Jagdrevieren, eher in die öffentliche Kritik geraten.

Dann bleibt die Bedeutung des Waldes doch etwas unklar. Dass er für Jäger wichtig ist, kann man noch nachvollziehen. Aber hier geht es ja ganz offensichtlich auch um eine größere Dimension der Bedeutung.

Neben dem Wald spielt die Tradition in diesem Gedicht auch noch eine große Rolle. Hier hätte man als Leser gerne etwas Genaueres erfahren, um was für Sagen es sich da handelt, die als eine Art erstrebenswertes Vorbild auf dem Banner sichtbar gemacht worden sind.

Im Zeitalter der Distanzierung von allem, was das national empfunden wird, ist darüber hinaus diese Stelle im Gedicht fragwürdig und es sollte überlegt werden, was damit positiv gemeint sein könnte.

Vergleich mit dem Gedicht „Ausflug“ von Wulf Kirsten

Noch spannender und vielleicht leichter zu klären ist die Frage, was das Gedicht von Eichendorff mit dem Gedicht „Ausflug“ zu tun hat, immerhin wird es in einer Sammlung für die Schule nebeneinander gestellt.
https://www.cornelsen.de/produkte/kursthemen-deutsch-lyrik-reisen-vom-sturm-und-drang-bis-zur-gegenwart-schuelerbuch-9783062001680

In dem Gedicht „Ausflug“ geht es ganz eindeutig um ein vordergründiges Freizeitritual, bei dem man sich offensichtlich auf dieses Gedicht von Eichendorff bezieht, indem man es gemeinsam singt.

Nun ist es bei häufig gesungen Liedern immer so eine Sache, inwieweit der schon häufig gehörte Inhalt überhaupt noch wahrgenommen wird.

Hier geht es wohl darum, dass einfach nur eine Tradition aufrecht erhalten wird, die genauso fragwürdig ist wie das Tragen von Tirolerhüten bei Leuten, die mit Tirol sonst nichts „am Hut haben“.

Die Gemeinsamkeit der beiden Gedichte dürfte also vor allem in der Oberflächlichkeit kultureller Rituale liegen. Dabei ist natürlich zu beachten, dass Eichendorff wahrscheinlich das, was er im Gedicht geschrieben hat, durchaus ernst genommen hat. Er hatte es beim Schreiben ja noch nicht schon 1000 mal gesungen 😉

Letztlich geht es um zwei verschiedene Zeit–, Wahrnehmungs– und Verwendungsebenen.

Abschließend könnte man fragen, welche Vorstellungen heute ähnlich wirksam sind bei Menschen wie es damals Wald, Tradition und Religion waren.

Mat1748 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

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