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Kafka, „Die Verwandlung“ (Video) Inhalt, Zitate, Interpretation

Im Folgenden wird Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ in mehreren Videos vorgestellt.

Die Videos sind auf Youtube zu finden:

Video 1: https://youtu.be/Q8pZEoyXGrk
Vorgestellt wird der erste Teil der Erzählung, vom Erwachen Gregor Samsas als „Ungeziefer“ bis zum Verschwinden des Prokuristen, wodurch sich seine Situation sehr verschärft.

Eingegangen wird auf die ersten 6 Abschnitte der Textpräsentation, wie sie das Projekt Gutenberg liefert.
https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/verwandl/verwandl.html

Das erleichtert die Orientierung, außerdem kann man checken, inwieweit die dort vorgenommene Einteilung überzeugend gewählt erscheint.

Mat2898 Vf Kafka Verwandlung T1 bis Flucht des Prokuristen

  • Neben der inhaltlichen Entwicklung und Schlüsselzitaten werden auch an wichtigen Stellen Interpretationsthesen präsentiert,
    • so im Hinblick auf die Frage, ob das Verwandelt-Sein am Anfang nicht Ergebnis einer früheren Fehlentwicklung ist.
    • Oder es geht um die Frage, warum Gregor bei der Frage lächelt, ob er sich beim Aufstehen helfen lassen sollte.
    • Die dritte Frage bezieht sich darauf, dass Gregor fest davon ausgeht, dass er trotz seiner Ungeziefer-Situation fast schon am Ende all seiner Probleme angelangt ist. Auch das kann bedeuten, dass Gregor sich nicht nur etwas vormacht, sondern dass sein Körper den erhofften Schnitt in fünf oder sechs Jahren auf extreme Weise vorgezogen hat. Das wäre dann eine zumindest ansatzweise positive Betrachtung seiner ansonsten schrecklichen Ausgangssituation zu Beginn der Erzählung.

Video 2: https://youtu.be/Bbui3s0wubA
Vorgestellt wird der zweite Teil der Erzählung, vom Verschwinden des Prokuristen bis zur Verteidigung des Schreibtisches gegen die Absicht der Schwester, sein Zimmer freizuräumen.

Mat2898 Vf Kafka Verwandlung T2 bis Schreibtisch

Video 3: https://youtu.be/VFu_kVilwQM
Vorgestellt wird der dritte Teil der Erzählung, von der Verteidigung des Schreibtisches gegen die Absicht der Schwester, sein Zimmer freizuräumen bis zum Rauswurf der Zimmerherren.

Dokumentation zum Video 3:
Mat2899 vf Video Kafka Verwandlung T3 Inhalt, Zitate, Interpretation

Video Nr. 4: Das Ende Gregors, die Verwandlung der Schwester zum neuen Star der Familie; Zusammenfassung der Aussagen der Erzählung und Tipps für kreative Bearbeitungen sowie ein Vergleich mit den kurzen Parabeln Kafkas

Dazu die Dokumentation:

Zur Interpretation der Erzählung

Worauf kann man „naiv“ / unbefangen kommen bei der Lektüre dieser Erzählung?

  • „Ungeziefer“-Zustand = Bild für den Ausbruch aus einem falschen Leben
  • Gregor wird um ein richtiges Leben betrogen (Kapital des Vaters)
  • betrügt sich eben auch selbst und bringt die Familie in unnötige Abhängigkeit
  • Gregor be„lächelt“ die Idee, man könnte ihm helfen, sieht am Ende die „endgültige Besserung alles Leidens“ nur noch in seiner „Ungeziefer-Existenz“
  • Die Verdrängung und Vertreibung funktioniert aber nicht auf Dauer: Gregor wird als „Ungeziefer“ lästig, Schwester wechselt die Fronten, will das „Untier“ loswerden -> Vernachlässigung u. Entwürdigung
  • Schließlich will Gregor nur noch „verschwinden“ und stirbt still und einsam.
  • Die eigentliche Gewinnerin ist die Schwester, sie gewinnt an Ansehen, übernimmt das Kommando und ist am Ende der neue Star der Famili

Kreative Anregungen

Interessant ist ein kreatives Weiterdenken oder Weiterschreiben der Erzählung:

  • Im Umgang mit Gregor hat die Familie moralische Grenzen überschritten, die sich vor allem gegen die ältere Generation der Eltern richten kann; die Schwester könnte erneut den Weg der Vernachlässigung von Unangenehmem gehen.
  • Aber auch die Schwester muss nicht unbedingt in der anvisierten Ehe glücklich werden – sie könnte dort auch in eine „Ungeziefer“-Existenz geraten.
  • Es könnte aber auch sein, dass sie soviel Durchsetzungskraft und Selbstbewusstsein gewonnen hat, dass ihr Ehemann in Schwierigkeiten geraten könnte.

Vergleich dieser Erzählung mit den kurzen Parabeln Kafkas

  • Die zeigen jeweils einen Aspekt der Existenz des Menschen in der Welt.
  • Das trifft auch hier zu. Allerdings geht es hier weniger um die äußere Welt als um das Leben von Individuen und ihren Umgang miteinander im familiären Zusammenhang.
  • Deshalb die These: Diese Geschichte wirkt sehr viel normaler als viele andere (etwa „Der Schlag ans Hoftor“ – die persönlichen und Beziehungsprobleme werden nur in ein sehr extremes „Ungeziefer“-Bild gepackt. Darauf könnte auch verzichtet werden – die Probleme würden trotzdem bleiben einschließlich Versagen, Ausgrenzung u. Tod.

Wer noch mehr möchte

 

Kafka, „Der Nachbar“ – ausnahmsweise nur leicht übertrieben

Das Besondere an der Parabel „Der Nachbar“

In der Regel zeigen Kafkas Erzählungen – wie es sich für eine Parabeln gehört – eine fremde Welt, die man sich erst einmal erschließen muss.

Die Geschichte „Der Nachbar“ bleibt demgegenüber weitestgehend in einer möglichen Realität, die allerdings satirisch überspitzt wird.

Schauen wir uns das mal genauer an.

Die Entwicklung des Erzählprozesses

Franz Kafka

Der Nachbar

 

  1. [Allgemeine Situation des Ich-Erzählers
    1. Mein Geschäft ruht ganz auf meinen Schultern.
    2. Zwei Fräulein mit Schreibmaschinen und Geschäftsbüchern im Vorzimmer, mein Zimmer mit Schreibtisch, Kasse, Beratungstisch, Klubsessel und Telephon, das ist mein ganzer Arbeitsapparat.
    3. So einfach zu überblicken, so leicht zu führen.
    4. Ich bin ganz jung und die Geschäfte rollen vor mir her.
    5. Ich klage nicht, ich klage nicht.
      1. [Bereits hier am Anfang fällt auf, dass da etwas sehr hervorgehoben wird, was man normalerweise glücklich auf sich beruhen lassen und vergessen würde.
      2. Geradezu verräterisch ist der Schlusssatz, der so klingt, als wollte jemand sich da etwas einreden.
      3. Vor dem Hintergrund ist das Bild: „die Geschäfte rollen vor mir her“ viel problematischer, als es auf den ersten Blick zu sein scheint: Die Geschäfte sind immer schneller als er selbst – und er hat wahrscheinlich das Gefühl, ihnen hinterherhetzen zu müssen.]
  2. [Veränderung seit Neujahr]
    • Seit Neujahr hat ein junger Mann die kleine, leerstehende Nebenwohnung, die ich ungeschickterweise so lange zu mieten gezögert habe, frischweg gemietet.
    • Auch ein Zimmer mit Vorzimmer, außerdem aber noch eine Küche. –
    • Zimmer und Vorzimmer hätte ich wohl brauchen können – meine zwei Fräulein fühlten sich schon manchmal überlastet -, aber wozu hätte mir die Küche gedient?
    • Dieses kleinliche Bedenken war daran schuld, dass ich mir die Wohnung habe nehmen lassen.
      • [Wie häufig bei Kafka, kommt jetzt die Veränderung, meistens zum Negativen.
      • Der Gegensatz zwischen „ungeschickterweise“ und „frischweg“ macht schon deutlich, dass die geschäftliche Situation wohl nicht so gut sein wird, wie sie am Anfang dargestsellt worden ist.
      • Ganz offensichtlich hat dieser Unternehmer keinen klaren Blick für seine Situation und denkt zu wenig an die Zukunft.]
      • Die Formulierung „kleinliche Bedenken“ passt gut zu der Reaktion des Ich-Erzählers.
      • Auch hier wird aus etwas Kleinem später etwas Übergroßes – so wie auch in der Parabel „Der Schlag ans Hoftor“ – nur dass dort die Veränderung von außen an den Ich-Erzähler herangetragen wird, hier geht sie von ihm aus.
  3. [Reaktion – Erkundigungen]
    • Nun sitzt dort dieser junge Mann. Harras heißt er.
    • Was er dort eigentlich macht, weiß ich nicht.
    • Auf der Tür steht: „Harras, Bureau“.
    • Ich habe Erkundigungen eingezogen, man hat mir mitgeteilt, es sei ein Geschäft ähnlich dem meinigen.
    • Vor Kreditgewährung könne man nicht geradezu warnen, denn es handle sich doch um einen jungen, aufstrebenden Mann, dessen Sache vielleicht Zukunft habe, doch könne man zum Kredit nicht geradezu raten, denn gegenwärtig sei allem Anschein nach kein Vermögen vorhanden.
    • Die übliche Auskunft, die man gibt, wenn man nichts weiß.
      • [Zu den „kleinlichen Bedenken kommt jetzt auch noch feiges Hinten-herum-Recherchieren.
      • Ohne Not wird auf ein kurzes Gespräch verzichtet, stattdessen wird hier vorgegangen, als habe man es mit einem potenziell Kriminellen zu tun.]
      • Zumindest enthält die Auskunft eigentlich Positives. Zwar ist der junge Mann in der gleichen Branche tätig, aber er hat nur „vielleicht Zukunft“ und es ist noch „kein Vermögen“ vorhanden.
      • So bleibt als einziges Problem, dass immer wieder im Text „jung“ erwähnt wird. Damit wird unausgesprochen deutlich, dass der Ich-Erzähler sich anscheinend demgegenüber alt und offensichtlich überfordert fühlt, auch wenn das zunächst nur den Mitarbeitern zugeschrieben wird.
  4. [Begegnungen ohne Kommunikation]
    • Manchmal treffe ich Harras auf der Treppe, er muss es immer außerordentlich eilig haben, er huscht formlich an mir vorüber.
    • Genau gesehen habe ich ihn noch gar nicht, den Büroschlüssel hat er schon vorbereitet in der Hand.
    • Im Augenblick hat er die Tür geöffnet.
    • Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten und ich stehe wieder vor der Tafel ‚Harras, Bureau‘, die ich schon viel öfter gelesen habe, als sie es verdient.
      • [Hier ist zum ersten Mal von Ansätzen oder Resten von Normalität die Rede – man trifft sich „manchmal“.
      • Dass es dabei nicht zur genauso normalen Kommunikation kommt, schiebt der Ich-Erzähler ganz dem Nachbarn zu.
      • Vor dem Hintergrund des zumindest leicht neurotischen Verhaltens des Ich-Erzählers muss man die hier präsentierten Vorstellungen wohl mehr seinem Innenleben als der Realität zuschreiben.
      • Erschreckend der Vergleich eines Menschen mit einer Ratte. Aber Kafka hat ja an verschiedenen Stellen das Phänomen der Entmenschlichung beschrieben, hier ist es zumindest in Ansätzen vorhanden. Man ahnt, was passieren kann, wenn so kleine Menschen wie dieser mit Macht ausgestattet werden und ihre Fantasien dann möglicherweise auch in Gewalt- und Vernichtungsorgien austoben können – wie man es mit Ratten immer wieder gemacht hat.
        Das mag dem einen oder anderen weit hergeholt erscheinen – und tatsächlich bewegen wir uns hier bereits im Bereich der Interpretation, also der Herstellung von Querbezügen, über die man ergebnisoffen diskutieren kann.]
  5. [Gefühl des Bedrohtseins]
    • Die elend dünnen Wände, die den ehrlich tätigen Mann verraten den Unehrlichen aber decken.
    • Mein Telephon ist an der Zimmerwand angebracht, die mich von meinem Nachbar trennt.
    • Doch hebe ich das bloß als besonders ironische Tatsache hervor.
      • [Hier folgt die Klage über etwas, was der Ich-Erzähler sich nur in seinem Kopf vorstellt.
      • Interessant, wie selbstverständlich er hier schon Zuordnungen zwischen den Guten und den Bösen vornimmt. Auch das ein Kennzeichen des Faschismus.
      • Es folgt die Feststellung einer angeblich ungünstigen Situation im eigenen Bereich – auf die naheliegende Idee, sie zu ändern, kommt der Ich-Erzähler nicht. Auch hier wird wieder deutlich: Sein Problem ist nicht der Nachbar, sondern sein eigenes Gehirn – und das kann er natürlich nicht von der Wand entfernen oder auf andere Weise vor einem möglichen Mithören sichern.
      • Wenn einem mitten in der Analyse etwas Kreatives einfällt, kann man das durchaus schon mal erwähnen: Hier fehlt nur noch, dass der Ich-Erzähler sich jetzt selbst eine Wanze besorgt und sie passend anbringt oder anbringen lässt. Noch eine Steigerung wäre dann, wenn er dann die Erkenntnisse, die er von dem angeblich Bösen erthält, dazu einsetzt, um nun seinerseits gegen ihn zu arbeiten.
  6. [Verfolgungswahn]]
    • Selbst wenn es an der entgegengesetzten Wand hinge, würde man in der Nebenwohnung alles hören.
    • Ich habe mir abgewöhnt, den Namen der Kunden beim Telephon zu nennen.
    • Aber es gehört natürlich nicht viel Schlauheit dazu, aus charakteristischen, aber unvermeidlichen Wendungen des Gesprächs die Namen zu erraten. –
    • Manchmal umtanze ich, die Hörmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt, auf den Fußspitzen den Apparat und kann es doch nicht verhüten, dass Geheimnisse preisgegeben werden.
      • [Hier kommt nun doch noch die Idee einer Verlagerung des Telefons. Sie wird aber nicht zu Ende gedacht. Denn man könnte natürlich einiges dazwischenschieben, um ein Mithören zu verhindern.
      • Wenn man das Naheliegende nicht tut, muss man zu Fernliegendem greifen – wie zum Beispiel zu einer Art Geheimdiensttelefonat.
      • Aber natürlich gehört es zur Eigenart dieses Menschen, dass er keiner Hilfsmaßnahme wirklich Erfolg zutraut.
      • Implizit wird somit die mögliche Gefahr immer mehr ins Unermessliche vergrößert.
      • Der Schluss dieses Absatzes schreit gewissermaßen nach Verfilmung. Es ist nur noch krank, wie sich der Ich-Erzähler hier in seiner Hilflosigkeit beschreibt.
      • Man fragt sich als Leser, was seine beiden Mitarbeiterinnen wohl denken, wenn sie ihren solchermaßen tanzenden Chef sehen oder hören.]
  7. [Folgen des Wahns]
    • Natürlich werden dadurch meine geschäftlichen Entscheidungen unsicher, meine Stimme zittrig.
    • Was macht Harras, während ich telephoniere?
    • Wollte ich sehr übertreiben – aber das muss man oft, um sich Klarheit zu verschaffen -, so könnte ich sagen: Harras braucht kein Telephon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand gerückt und horcht, ich dagegen muss, wenn geläutet wird, zum Telephon laufen, die Wünsche des Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschlüsse fassen, großangelegte Überredungen ausführen – vor allem aber während des Ganzen unwillkürlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten.
    • Vielleicht wartet er gar nicht das Ende des Gespräches ab, sondern erhebt sich nach der Gesprächsstelle, die ihn über den Fall genügend aufgeklärt hat, huscht nach seiner Gewohnheit durch die Stadt und, ehe ich die Hörmuschel aufgehängt habe, ist er vielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten.
      • [Was jetzt an Folgen beschrieben wird, ist wahrscheinlich nur die eigene Wahrnehmung von etwas, was schon vorher gegeben gewesen ist und damit der Selbstbeschreibung zu Beginn des Textes widerspricht und auf eine andere Weise auch wieder entspricht. Die Unsicherheit, das Versagen hat es ja schon vor Neujahr gegeben, es wird jetzt nur einfach einem anderen Menschen als angeblichem Verursacher zugeschrieben.
      • Was am Schluss kommt, ist nur noch eine krankhafte Angstfantasie. Interessant ist, dass der Ich-Erzähler zumindest hier erkennt, dass er übertreibt. In Wirklichkeit hat das schon mit den ersten Sätzen begonnen, in denen er seine Situation schönfärbte, bevor sich seine ganze Fantasie einer angeblichen Gefahr zugewendet hat.]

Das Aussagepotenzial des Textes – Intentionalität

Der Text zeigt:

  1. wie jemand sich seine eigene Situation schönreden kann,
  2. wie er sich zugleich in eine negative Vergleichssituation hineinfühlt, eine Art selbstgewählte Underdog-Phänomen,
  3. die Problematik der Nicht-Offenheit im Umgang mit anderen,
  4. die Übertreibungstendenzen in Angstzuständen,
  5. der Verzicht auf einen rationalen Umgang in der Situation,
  6. in der man sich auch woanders Hilfe holt als dort, wo sie nicht zu erwarten oder zu bekommen ist,
  7. die Folgen neurotischen Verhaltens, die das noch verschlimmern, was offensichtlich am Anfang schon da gewesen ist,
  8. letztlich einen Prozess der Selbstzerstörung.

Zum Parabelcharakter dieses Textes

  • Kafkas kurze Erzählungen können als sogenannte „einarmige“ Parabeln verstanden werden.
  • Bei denen gibt es nur einen Bildteil, der Sachteil muss vom Leser erschlossen werden.
  • Das geht am besten über den sogenannten „gemeinsamen Punkt“, denn das ist ja die intentionale Leitlinie, die in eine bestimmte Richtung weist.
  • Bei Kafkas Erzählungen hat es sich bewährt, von einem weiten Verweishorizont auszugehen, der die Situation des Menschen ganz allgemein in der Welt in den Blick nimmt. Das wäre also der maximal mögliche Sachteil.
  • In diesem Falle würde das bedeuten, dass Kafkas Gleichniserzählung den Menschen in einer Situation zeigt, in der er aus einer vermeintlichen erträglichen oder gar guten Normalität plötzlich herausgerissen wird und sich dann in einer Situation absoluten Bedrohtseins, verbunden mit kompletter Hilflosigkeit vorfindet.
  • Das Besondere an dieser Parabel ist, dass sie sich noch im einigermaßen nachvollziehbaren Bereich bewegt. Der Ich-Erzähler ist ganz offensichtlich neurotisch, also auf eine besondere Sicht der Wirklichkeit fixiert, aber er ist noch nicht so wahnhaft – wie etwa in der Erzählung „Der Kaufmann“.
  • Dementsprechend kann man diese Geschichte noch zu denen zählen, die einen nicht in Verzweiflung stürzen müssen, sondern zu einer anderen Art des Handelns auffordern können. Statt sich in sich selbst zurückzuziehen: kommunizieren, auf den anderen zugehen, um dann in den meisten Fällen festzustellen, dass nicht alles so schlecht oder böse sein muss, wie es einem die Anfangsangst einhämmert.
  • Insgesamt kann man diese Geschichte also in eine Reihe stellen mit „Eine kaiserliche Botschaft“, wo diese zwar nicht ankommt, man sie sich aber erträumen kann – ein wundervolles Plädoyer für eine positive Fantasie.
  • Oder man denke an „Auf der Galerie“, wo man zumindest weinen kann – um dann vielleicht auch über Kafkas literarischen Beschreibungsschritt hinauszugehen, in die Arena zu springen und mit der Kunstreiterin ein besseres Leben zu führen.

Agathe Keller, „Frische Blutwürste“ – Inhaltsangabe und Intentionalität

Inhaltsangabe der Kurzgeschichte „Frische Blutwürste“ von Agathe Keller

  1. In der Kurzgeschichte „Frische Blutwürste“ von Agathe Keller geht es um ein Mädchen namens Christine, das das erste Mal in den Ferien bei Verwandten ist, die einen Bauernhof betreiben  und bei denen an einem Donnerstag das Schlachten  einer Sau ansteht.
  2. Während sich alle auf das Ereignis zu freuen scheinen, hat Christine als Ich-Erzählerin Mitgefühl mit dem Tier, das zu einem Bottich geschleppt und dort erschossen wird.
  3. Im weiteren Verlauf muss das Mädchen sich dann auch noch am Säubern und später an der weiteren Verarbeitung des toten Tieres beteiligen.
  4. Als Christine schließlich von ihrem Onkel gefragt wird, wie ihr das Ganze gefallen hat, ist sie einfach nur traurig, weil hier ein Leben auf diese Weise beendet worden ist.
  5. Das Bild des toten Tieres verfolgt sie bis in den Schlaf hinein, es ist für sie ohne Kopf, weil der im Schaufenster der Metzgerei geschmückt ausgestellt worden ist.

Überlegungen zur Intentionalität und zur Bedeutung der Geschichte

  1. Die Geschichte zeigt den Gegensatz zwischen dem historisch gewachsenen und von den Beteiligten als natürlich empfundenen Umgang mit dem Schlachten von Tieren auf dem Land und dem Grauen und dem Mitleid, das wohl jeden Menschen befällt, der so einen Vorgang zum ersten Mal sieht.
  2. Damit ist ein guter Ausgangspunkt gegeben, um unseren heutigen Umgang mit Nutztieren zu hinterfragen. Dabei muss sicher unterschieden werden zwischen der Verletzung von Tierschutzgesetzen und einem Umgang mit solchen Tieren, der ihre Bestimmung akzeptiert, aber versucht, ihnen unnötiges Leiden bzw. Schmerz zu ersparen.

Marlene Röder, „Scherben“ – Beispiel für die dialektische Erörterung einer Textstelle

Wenn man sich über eine Textstelle streitet oder unsicher ist …

Typisch für literarische Texte ist, dass es dort Stellen gibt, die nicht eindeutig sind, bei denen man  aber doch Klarheit haben möchte.

Hier hilft die sogenannte „dialektische“ Erörterung einer Textstelle.

Wir zeigen das mal am Beispiel einer Stelle aus der Kurzgeschichte „Scherben“ von Marlene Röder.

Hierzu gibt es auch ein Video

Videolink
Die Dokumentation ist hier zu finden:
Mat1885-fertig-Röder Scherben dialektisches Verständnis
Das vorangehende Video, das diese Diskussion ausgelöst hat, ist hier zu finden:

 

Zunächst ein Überblick über den Inhalt

Am besten ist es natürlich, man liest sich die Geschichte selbst einmal durch.

Ansonsten hilft sicher diese Übersicht über die Erzählschritte.

  1. Es geht um einen Ich-Erzähler (IE).
  2. Der stellt am Anfang fest, dass er „unvorsichtig“ geworden sei.
  3. Er ist als knapp 14jähriger Junge bei einer Pfarrersfamilie untergekommen und hat dort ein Zimmer mit Modellflugzeugen bekommen, das ihm wie ein „Babyzimmer“ vorkommt.
  4. Von der Tochter des Pfarrers erfährt er, dass es das Zimmer ihres Bruders ist,
  5. der an Muskelschwund gestorben ist.
  6. Der IE stellt sich das plastisch, ja drastisch  vor, wie ein Mensch sich gewissermaßen auflöst.
  7. Er hätte gerne dazu so etwas wie Anteilnahme ausgedrückt, aber es fällt ihm nichts Passendes ein, worüber er sich ärgert.
  8. Er bastelt an einem Modellflugzeug herum, das dem toten Jungen gehörte und jetzt gewissermaßen heilig gehalten wird. Als Grund gibt er an, dass er die Pfarrersfamilie ärgern wollte.
  9. Als der Pfarrer herein kommt, schimpft er wider Erwarten nicht, sondern lächelt sogar.
  10. Der IE merkt, dass ihn das beeindruckt, er gewissermaßen in seiner Abwehrhaltung “lasch” wird.
  11. Im Badezimmer wird der IE dann von der Tochter überrascht, weil er vergessen hat, die Tür abzuschließen.
  12. Sie sieht seinen Rücken mit den Striemen – er ist vom Vater verprügelt worden, die Mutter hat nur hilflos zugeschaut
  13. IE fühlt sich “scheißnackt”
  14. ist aber zugleich vom Mädchen beeindruckt: “makellos”
  15. Er reagiert dann aber aggressiv, weil er glaubt, dass das Mädchen ihn bemitleidet, was er nicht will.
  16. Er wirft mit verschiedenen Gegenständen, trifft das Mädchen und verletzt es leicht.
  17. Erst als der Wandspiegel zerbricht, läuft sie weg.
  18. Der IE will seine Haut, “das zerknüllte Ding in den Korb für die schmutzige Wäsche werfen”.
  19. denkt, dass sein Aufenthalt im Pfarrhaus jetzt beendet ist.
  20. denkt an das halbfertige Modellflugzeug, an dem er gebastelt hat.
  21. Pfarrer kommt, IE erwartet Wutausbruch, der Pfarrer will ihn aber nur raustragen wegen der Scherben: “wie einen kleinen Jungen”
  22. Das tut dem IE mehr weh, als wenn er geschlagen worden wäre.
  23. Der IE lehnt das ab, weil er nicht Ersatz für den sein will.
  24. Im Gesicht des Pfarrers “sinkt etwas”, d.h. er ist betroffen.
  25. IE läuft über die Scherben zur Tür – er verletzt sich dabei, “aber ich laufe weiter”.

Dokumentation, Seite 1

Dokumentation, Seite 2

Dokumentation, Seite 3

 

 

 

Noch ein Nachtrag über das Video hinaus

Der folgende Kommentar hat uns dann doch auch noch überzeugt:

Was eine weiterhin positive Sichtweise [gemeint ist: im Hinblick auf die Einstellung und das Verhalten des Jungen] meiner Meinung nach jedoch schwierig macht, ist an der Stelle die spezifische Auswahl des Wortes ‚makellos‘. Wie Sie richtig anmerken, denkt der Junge sogar länger darüber nach, mit welchem Wort er das Mädchen nun beschreiben soll – und er wählt eben nicht ‚wunderschön‘ oder ‚bezaubernd‘. Das Wort ‚makellos‘ beinhaltet in sich schon den ‚Makel‘, den er selbst im Gegensatz zu dem Mädchen aufweist.“

Dagegen kann man dialektisch nichts mehr sagen. Man ist gewissermaßen gemeinsam auf dem Gipfel des Austausches angelangt 🙂

Weiterführende Hinweise

 

Kurz und „verbindlich“: Wie geht man mit Bildquellen um?

Wie geht man am besten bei der Interpretation von Bildern als Quellen vor?

  1. Grundsätzlich gilt für Bilder das Gleiche, was auch für die Interpretation aller anderen Quellen gilt. Allerdings spielt die Frage der Gattung eine ganz eigene Rolle: Es muss nämlich unterschieden werden zwischen Gemälden, die in besonderer Weise durch einen Künstler gestaltet wurden, und Fotos, die zumindest so tun, als wären es Schnappschüsse. Häufig sind sie auch regelrecht inszeniert. Aber was die Kamera abgelichtet hat, hat zumindest einmal in genau dieser Form vor ihr gelegen oder gestanden. Eine besonders interessante Gattung sind Karikaturen, die man auch als Satire in Bildform bezeichnen könnte und entsprechend behandeln sollte.
  2. Wie bei jeder anderen Quelleninterpretation auch, sollte neben der Gattung auch auf alle anderen wichtigen Elemente des Entstehungskontextes eingegangen werden. Wer ist der Maler bzw. der Fotograf? Wann ist das Bild wo entstanden? Gibt es einen Auftraggeber oder ein besonderes Interesse an der Entstehung?
  3. Ganz entscheidend ist auch bei Bildern die genaue Aufnahme der Details und ihres Verhältnisses zueinander. Aus praktischen Gründen kann man zunächst einen allgemeinen Überblick, möglichst gut geordnet (z.B. vom Vordergrund zum Hintergrund), geben. Im Einzelnen kann man hier auf Formen und Farben, Gegenstände, Personen und ihre Beziehungen zueinander eingehen.
  4. Anschließend sollten die wichtigsten Details aber auch noch genauer erläutert Was genau ist dargestellt? Was bedeutet es an dieser Stelle? So sind rauchende Schornsteine im 19. Jahrhundert unter Umständen auch ein Zeichen für wirtschaftliche Dynamik.
  5. In einem letzten Schritt kommt man zur Auswertung des Bildes oder Fotos – entweder ganz allgemein im Hinblick auf die Zeit, in der und für die es steht. Es kann aber auch schon eine voreingestellte Frage sein, auf die das Bild seine eigene Antwort gibt.

Geschichte: Was sind Quellen und wie geht man mit ihnen am besten um?

1. Was sind Quellen überhaupt?

… „im Idealfall absichtslose Überbleibel“

Das hört sich erst einmal ein bisschen seltsam an, aber die Formulierung enthält bereits alles Wesentliche.

Zunächst einmal handelt es sich Dinge unterschiedlichster Art, die aus der Vergangenheit übrig geblieben sind und uns über sie Auskunft geben.

Das kann zum Beispiel ein Gefäß sein, das einigermaßen unzerstört aus den Zeiten der Griechen und Römer bis zu uns „durchgehalten“ hat.

Wichtig ist nun der Idealfall: Dann handelt es sich nämlich in jeder Hinsicht um ein Original aus der damaligen Zeit, das nur für damals gedacht war und nicht auf spätere Zeiten „schielte“. Der Hersteller dieses Gefäßes hat sich höchstwahrscheinlich keine Gedanken darüber gemacht, was wir heute aus seinem Gefäß und seiner Bemalung an Kenntnissen „herausholen“. Er wollte nur etwas Schönes für den Alltagsgebrauch schaffen und vielleicht seine Gäste beeindrucken – oder die Gäste der Käufer dieses Gefäßes.

Sobald ein „Quellenhersteller“ anfängt darüber nachzudenken, wie er der Nachwelt etwas über sich und seine Zeit mitteilt, müssen wir sehr vorsichtig sein – denn jeder neigt dazu, sich (im weitesten Sinne) besonders schön darzustellen, seine Gegner schlecht zu machen und manches einfach zu verschweigen. Am deutlichsten wird das bei Memoiren – denn die werden ja in der Regel aus keinem anderen Grunde geschrieben, um „in den Geschichtsbüchern möglichst gut wegzukommen“.

2.     Quellen stehen in einem ursprünglichen Verwendungszusammenhang

Quellen haben also im Idealfall von sich aus nichts mit uns zu tun, sondern wir befragen sie gewissermaßen hinter ihrem Rücken, ohne dass sie wissen und berücksichtigen konnten.

Viel zu tun haben bzw. besser hatten Quellen dafür aber mit einer früheren Situation, einem Zusammenhang, in dem sie eine Funktion hatten, verwendet wurden.

Nehmen wir das Beispiel eines Liebesbriefes: Während wir ihn heute „schnöde“ auswerten, um etwas über das Verhältnis von Männern und Frauen aus früheren Zeiten herauszubekommen, hat sich vor vielleicht hundert oder zweihundert Jahren jemand die Seele aus dem Leib geschrieben, um seiner „Angebeteten“ klarzumachen, wie unendlich er sie vermisst, wie sehr er sie braucht und dass er sie unbedingt am nächsten Wochenende besuchen müsse.

Wenn wir solch einen Brief als Quelle nutzen wollen, dann müssen wir möglichst wissen, wer da an wen geschrieben hat, welcher gesellschaftlichen Schicht sie angehörten usw. Denn ein Adliger hat sicher im 19. Jahrhundert anders geschrieben als ein einfacher Arbeiter – einfach, weil er in anderen Verhältnissen lebte, andere Voraussetzungen hatte.

3.     Quellen gibt es viele…

Was wir schon hatten, das waren: Gebrauchsgegenstände, Zeichnungen bzw. Malereien, natürlich vor allem auch Texte in unterschiedlichster Form.  An andere denkt man nicht so schnell: Da gibt es zum Beispiel Münzen, die zur Zeit der Griechen und Römer weitaus mehr waren als Zahlungsmittel: Sie wurden von Kaisern und Königen regelrecht zu Propagandazwecken genutzt – schließlich hatte sie fast jeder in der Tasche – mehr oder weniger.

Dazu kommen Bauwerke, von Palästen und Tempeln über einfache Mietshäuser – soweit sie erhalten sind – bis hin zu Grabstätten. Selbst der Inhalt einer Klogrube aus der Altsteinzeit kann Archäologen viel verraten über die Lebensgewohnheiten der damaligen Menschen.

Es gibt sogar Quellen, die eigentlich schon fast keine mehr sind: Man denke nur an die Straße „Am Pulverturm“ in einer Gegend, in der es alles gibt, nur keinen Turm und kein (Schieß-)Pulver. D.h. auch solche Überlieferungen können Quellen sein, sie verraten eben, dass dort in der Nähe mal ein solcher Turm gestanden haben muss. Genaueres erfährt man dann aus anderen Quellen.

In der heutigen Zeit kommen noch ganz andere Dinge hinzu, die Auskunft über die Vergangenheit geben, seit dem frühen 20. Jahrhundert gibt es Ton- und Filmaufnahmen, auf denen man historische Figuren wie Kaiser Wilhelm II. sogar sprechen hören kann bzw. in Bewegung sieht. Seit neuester Zeit gibt es es jede Menge Quellen, die nur noch als Datenströme vorliegen, man denke etwa an den Funkverkehr zwischen einem Satelliten und der Bodenstation.

4.     Wie geht man mit Quellen um?

Sicherlich zunächst einmal ganz vorsichtig – wenn man sie im Original vor sich hat. Aber das wird Schülern in der Regel nicht passieren, es sei denn, sie stöbern auf ihrem Dachboden herum und entdecken dort die Liebesbriefe ihrer Großeltern. Natürlich gibt es auch Schüler, die bereits in einem Archiv arbeiten und dort sehen, dass wichtiges Wissen häufig in einem Karton liegt oder zu einem Aktenbündel verschnürt ist, von dem man erst mal den Staub entfernen muss.

In der Regel aber werden Schüler mit Quellen in Form von Texten oder Abbildungen konfrontiert – in Schulbüchern. Dort sind dann die Überschriften bzw. Begleitangaben ganz wichtig. Denn nur so erfährt man etwas über den Kontext, in den die Quelle gehört (Wer hat da wem was zu welchem Zweck und in welcher Situation geschrieben? usw.)

Der 1. Schritt: Teil 1: Quellengattung, historische Einordnung, Quellenwert

In einem ersten Schritt ist erst mal zu klären, um was für eine Quelle es sich überhaupt handelt: Brief, Vertrag, Gemälde u.ä.

Dann muss man klären, in welchem historischen Zusammenhang die Quelle eine Rolle spielte. Bei der Einordnung sollte man grob anfangen und sich dann immer mehr auf den konkreten „Verwendungszusammenhang“ der Quelle vorarbeiten.

Dann überlegt, was die Quelle einem überhaupt sagen kann, welchen „potenziellen Quellenwert“ sie hat. Das hängt zum Beispiel davon ab, wie gut der Verfasser eines Berichtes informiert war oder auch, ob ein Mann wie der Reichskanzler Bismarck mal eben schnell einen Zettel geschrieben oder seine Ziele in einer Rede formuliert hat.

Der 2. Schritt: Klärung des Inhalts

Im zweiten Schritt geht es dann um die genaue Erfassung und möglichst auch Klärung der Details. Bei einem Bild sind es zum Beispiel die dargestellten Personen und die mit erfasste Umgebung.

Der 3. Schritt: Auswertung (bis hin zur Interpretation)

Im dritten und letzten Schritt wendet man sich der Auswertung zu: Was kann man der Quelle alles entnehmen. Das geht von der Tinte, die in einem Brief verwendet wurde (falls man das Original vor sich hat) bis hin zu Anredeformeln oder auch tiefsinnigen und weitreichenden politischen Absichten. Häufig hat man auch schon vor der Nutzung einer Quelle eine bestimmte Frage und wertet sie dann nur in dieser Hinsicht auf. Will jemand wissen, welche Einstellung der spätere Bundeskanzler Adenauer in früheren Jahren zu Frankreich hatte – mit dem er nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland aussöhnte, dann wird man entsprechende Briefe und Tagebücher nur unter diesem Gesichtspunkt auswerten und tausend andere interessante Dinge außen vor lassen.

5.     Was ist die große Konkurrenz zu den Quellen?

Wenn man auch nur ein bisschen nachdenkt, kann man sich vorstellen, dass kein Historiker alleine von Quellen leben kann – er müsste ja überall von vorne anfangen. Aus diesem Grunde greift er auf andere Forscher zurück, die ihre Ergebnisse in sogenannten „Darstellungen“ unterbringen. Darunter verstehen wir den Versuch, in einem Aufsatz oder einem Buch den aktuellen Stand der Wissenschaft vorzustellen. Meistens greift eine solche Darstellung wiederum auf andere Darstellungen zurück. Aber letztlich gilt das Prinzip des Humanismus: „Ad fontes“ – zu den Quellen. Die sind letztlich wirklich die „Quelle“ allen geschichtlichen Wissens.

Übrigens spricht man bei Quellen deshalb auch von Primärquellen, während Darstellungen „nur“ Sekundärquellen sind.

Witzig ist dabei natürlich, dass jede Darstellung desto mehr zu einer Quelle wird, je älter sie ist. Das gilt aber natürlich nur im Hinblick auf die Frage: Was wussten die Leute damals schon zu diesem Thema -:)

Anmerkungen zu der Kurzgeschichte „Familienbande“ von Julio Cortázar

Thema und Aussagen der Kurzgeschichte „Familienbande“

1. Thema der Geschichte [erst nach der Lektüre einfügen, wenn man die Geschichte verstanden hat!!! Deshalb fügen wir unseren Vorschlag am Schluss an.]



2. Direkter Einstieg: Wer sind „sie“?
Warum „hassen“ sie eine Tante, über die man auch nichts weiter erfährt, was die Beziehungen in der Geschichte angeht?
3. „Ferien“ wird genutzt, um zu „Ansichtskarten“ überzugehen, „voller Beleidigungen“ hängt mit „hassen“ zusammen und stellt eine Auswirkung dar.
4. Sehr schön ist der Kontrast zwischen den Briefträgern, die einen „Wutanfall“ bekommen, und der Feststellung, dass die Tante „glücklich“ ist, wenn sie die Karten bekommt, ja sie ist sogar „entzückt“.
5. Anschließend wird beschrieben, wie die Tante den Umgang mit den Karten in ihren Alltag integriert.
a. Sie „steht früh auf“
b. „Sie liest die Karten,
c. bewundert die Fotografien
d. und liest noch einmal die Grüße.“
e. „Abends holt sie ihr Album mit Andenken hervor
f. und ordnet sehr sorgfältig die Ernte des Tages“
6. Erstaunlich, dass sie die Absender, die sie doch auf jeder Karte beleidigen, als „Die Lieben“ bezeichnet.
7. Hier liegt wohl der Schlüssel der Kurzgeschichte, denn die Tante konzentriert sich nicht auf das Negative, sondern auf das für sie Positive, nämlich, dass man sich überhaupt so viel mit ihr beschäftigt.
8. Dahinter kann man die Lebensweisheit vermuten, dass auch Hass letztlich eine enge Beziehung bedeutet – und die wird anscheinend in diesem Falle als wichtiger empfunden als die Art und Weise, wie sie sich zeigt.
9. Am Ende dann die Wende: Es wird beschrieben, dass die Tante die Karten so feststeckt, dass sie dabei „die Nadeln immer in die Unterschriften sticht“.
10. Auf jeden Fall ist das etwas Negatives, denn mit dem Namen sind am ehesten die Personen verbunden.
11. Offensichtlich hat die Tante ein doppeltes Gefühl, sie freut sich über die „Zu-Wendung, wenn man das mal wörtlich nimmt, gleichzeitig macht sie aber auch deutlich, dass die negativen Gefühle auch in die Gegenrichtung gehen, was die konkreten Mitglieder der „Familienbande“ angeht.
12. Damit wird der Begriff auch sehr schön aufgenommen in seiner Doppeldeutigkeit: Zum einen heißt es Bindung, zum anderen eben auch, einer sehr problematischen Gruppe anzugehören.

13. Man könnte prüfen, inwieweit dieser Umgang mit den Namen etwas mit Voodoo-Zauber zu tun hat, bei dem ja auch in eine Stellvertreterpuppe eines Menschen hineingestochen wird, um ihm Schaden zuzufügen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Voodoo

Hier wird es jetzt interessant, etwas über den Verfasser zu erfahren:

In dem Wikipedia-Artikel wird „Julio Florencio Cortázar (* 26. August 1914 in Brüssel; † 12. Februar 1984 in Paris)“ als „argentinisch-französischer Schriftsteller und Intellektueller“ vorgestellt und als „einer der bedeutendsten Autoren der phantastischen Literatur.“
Besonders interessant ist der Hinweis auf die Eigenart seines Schreibens:
„Da seine Texte die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ausloten, werden sie mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht. Laut seiner eigenen Tunnel-Theorie verwendet Cortázar jedoch lediglich homöopathisch dosierte surrealistische Elemente, um damit die Grenzen der alltäglichen Realität zu sprengen.“

Inwieweit handelt es sich um eine Kurzgeschichte?

Das lässt sich sehr gut an dieser Kurzgeschichte zeigen.
Denn eine Kurzgeschichte ist es auf jeden Fall:
a. Es gibt einen direkten Einstieg.
b. Die Handlung konzentriert sich auf ein Details des Alltags dieser Familie und besonders der Tante.
c. Einen Wendepunkt gibt es eigentlich nur beim Leser, denn der glaubt lange Zeit, diese Tante sei entweder ein echter guter Mensch, der alles liebevoll erträgt, oder aber er nimmt an, dass diese Tante nur das Positive sieht. Am Ende wird dann deutlich, dass es von Anfang an um eine doppelgleisige Beziehung in dieser Familie gegangen ist.
16. Diskutieren kann man zum einen den Umgang mit negativen Gefühlen oder Handlungen, die einem entgegenschlagen: Kann man wirklich dann nur das Positive sehen, nämlich die Aufmerksamkeit?
17. Oder aber man konzentriert sich auf das Phänomen der Hass-Liebe.
Dazu kann man sich zum Beispiel auf der folgenden Seite einer Ärztin informieren:
https://www.medizin-im-text.de/blog/2016/18457/hassliebe/

Nachtrag zum Thema:

Die Geschichte behandelt die Frage, wie man mit Hass umgehen kann, der einem in einer Familie entgegenschlägt.

Weiterführende Hinweise

Analysieren und interpretieren – was ist der Unterschied?

 

Zunächst ein Schaubild zum Unterschied

Keine eindeutige Definition

  1. Grundsätzlich sind die beiden Begriffe nicht eindeutig definiert und werden dementsprechend auch häufig für die gleiche Sache verwendet.
  2. Die Unterscheidung kann aber hilfreich sein. Beginnen wir mit der Analyse.
    1. am besten geht man vom allgemeinen Sprachgebrauch aus.
    2. Hier hilft die Chemie: Wenn man dort eine Substanz analysiert, zerlegt man sie in die Bestandteile und bestimmt diese.
    3. So ähnlich geht man auch bei der Analyse eines Textes vor:
      • Man bestimmt seine Eigenart und seinen Kontext,
        Beispiel: „Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine Kurzgeschichte von Ben Mustermann mit dem Titel „So schön können Geschichten sein“ aus dem Jahr 2014.
      • geht dann auf die Details ein im Hinblick auf Inhalt und Gestaltung.
        Beispiel: Die Geschichte beginnt mit einem Gespräch am Abendbrottisch, in dem der 15jährige Nick über den Deutschunterricht schimpft, weil er nicht weiß, was „das ganze ausgedachte Zeugs“ eigentlich soll.
        Sein Vater tut anschließend so, als würde er gar nicht darauf eingehen, indem er erzählt, was er angeblich am in der Firma erlebt hat. Das geschieht auf eine so anschauliche Weise, dass Nick richtig mitgerissen wird und am Ende feststellt: „Du erlebst wenigstens was – was wäre ich froh, wenn ich die Schule hinter mir hätte.“
        Der Höhepunkt der Geschichte ist dann der Satz des Vaters: „Du ich hatte heute eigentlich auch einen langweiligen Tag – erst als ich mir diese Geschichte ausgedacht …“ Besonders wirkungsvoll ist die lange Pause, die er an dieser Stelle macht, bis es bei Nick endlich Klick macht.
        Erst will er wütend werden, dann aber versteht er, warum sein Vater das gemacht hat.
      • Schließlich fragt man nach der Aussage bzw. der Intention des Textes.
        In diesem Falle zeigt die Geschichte zum einen, wie selten es in der Schule gelingt, Schülern ein wirkliches Verständnis von dem, was sie tun sollen, zu vermitteln.
        Zum anderen zeigt sie, welche Bedeutung die Fantasie hat und wie sehr sie das Leben bereichern kann.
      • Meistens wird jetzt noch einmal zusammenfassend geprüft, mit welchen sprachlichen Mitteln diese Aussage im Text unterstützt wird – etwa durch die eben angesprochene Pause oder vorher durch den scheinbaren Übergang zu einer realen Erlebnisgeschichte.
      • Damit ist die Analyse abgeschlossen. Jetzt beginnt der Bereich der Interpretation, auf den wir weiter unten eingehen.
    4. Das Besondere ist, dass hier eigentlich alle zum gleichen Ergebnis kommen müssten. Auf jeden Fall kann über unterschiedliche Ergebnisse diskutiert werden. Alles bezieht sich auf den Text selbst.
    5. Natürlich kann man auch analysieren, inwieweit die Kindheit des Autors oder seine politische Meinung in einem Gedicht oder einem Roman „durchscheinen“.

Nun zur Interpretation.

    1. Auch hier sollte man vom allgemeinen Sprachgebrauch ausgehen.
    2. Interpretieren heißt „auslegen“ – das ist ein altes Wort für das, was früher die Pfarrer mit der Bibel machten. Sie wendeten Textstellen aus ihr auf die aktuelle Situation der Gläubigen an.
    3. Das kann man auch mit einem Text machen. Wenn man ihn interpretiert, dann nutzt man die Ergebnisse der Analyse, um sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
    4. Bei unserer kleinen ausgedachten Beispiel-Kurzgeschichte wäre ein solcher Zusammenhang zum Beispiel die Frage, inwieweit die Geschichte hilft, Probleme des Deutschunterrichts in der Schule zu verstehen, vielleicht auch Lösungen für Verbesserungen zu finden. Oder aber man nutzt die Geschichte, um ein tieferes Verständnis von Literatur zu erreichen und fragt von daher dann auch nach anderen „Vorteilen“ von Literatur.
    5. Häufig kann man von der Literatur aus auch übergehen zu grundsätzlichen philosophischen Fragen: Das kann man schön am Beispiel von Kafka zeigen. Dessen kurze Geschichten sind so fremdartig, seltsam, dass man sie zum Beispiel einfach als Bild für die Existenz des Menschen nehmen kann. Andere interpretieren sie in einem, religiösen Zusammenhang – die einen beziehen sie auf das Christentum, andere auf das Judentum – und sicher kann man Texte von Kafka auch in einen islamischen Zusammenhang stellen.
    6. Noch eine Ergänzung:  Neben dieser „großen“ Interpretation gibt es noch die „kleine“. Die tauchtd auf, wenn man an schwierige Stellen kommt, die man nur mit dem Text nicht erklären kann. Dann muss man auf seine Erfahrung zurückgreifen – und die ist bei Menschen unterschiedlich. Dementsprechend unterschiedlich ist auch das Verständnis einer solchen Textstelle.

 

Also: Langer Rede kurzer Sinn:

    1. Es gibt keine verbindliche Definition.
    2. Es lohnt sich aber beide Begriffe zu unterscheiden.
    3. Die Analyse ist der erste Schritt des Umgangs mit einer Sache, im Deutschunterricht: mit einem Text. Man schaut ihn sich genau an, zerlegt ihn und bestimmt die Einzelheiten von Inhalt und Form.
    4. Die Interpretation geht dann über die Analyse hinaus und stellt ihre Ergebnisse in einen größeren Bedeutungszusammenhang.
    5. Wichtig ist: Bei der Analyse sollte eigentlich am Ende bei allen das gleiche Ergebnis stehen – ggf. nach längerer Auseinandersetzung 😉
    6. Bei der Interpretation hat man mehr Spielräume – bis hin zur Anwendung eines Textes auf das eigene Leben oder zum Beispiel das Leben der eigenen Gruppe (Schüler z.B.)

Weiterführende Hinweise 

Peter Bichsel, „Die Löwen“ – Versuch, eine schwierige Geschichte zu verstehen

Wie „knackt“ man eine schwierige Geschichte?

Im Folgenden zeigen wir, wie man eine ziemlich „sperrige“ Geschichte „knacken“ kann. Dazu zerlegen wir den Text in einzelne Erzählelemente und zeigen dann, wie sich Signale herauslösen und schließlich zu einer Aussage bündeln lassen.

  1. Die Kurzgeschichte beginnt mit einem direkten Einstieg. Man hat den Eindruck, dass hier ein Auszug aus einer größeren Beschreibung einer Familie o.ä. präsentiert wird. Von Anfang an stehen drei Dinge im Vordergrund: Anderen etwas beweisen, darüber aber nicht reden und eine Vorgehensweise, bei der man entweder klein anfängt oder sich im Vergleich zum Titel mit Kleinem begnügt.
  2. Der zweite Absatz ist ähnlich konzentriert: Er beschreibt den traurigen Ausgang aus der Wunschwelt dieses Großvaters.
  3. Im dritten Abschnitt gibt es verschiedene Richtungen: Einmal wohl Erfolg in der Liebe, dann aber auch Beschränkung auf Alltagskleinigkeiten, schließlich den Hinweis auf das Erbe und den Umgang damit.
  4. Etwas überraschend geht es im 4. Absatz zunächst um einen anderen Menschen, dann aber wieder um die Frage, ob man in einem bestimmten Alter noch Ziele haben kann. Offen bleibt, es sich bei dem Mustermenschen um den Großvater handelt. Die genannten Eigenschaften sprechen aber dafür.
  5. Im 5. Absatz geht es um den Abbau der Lebendigkeit im Alter – bis hin dazu, dass dieser Mann nicht aus dem Leben gerissen wird durch den Tod, sondern „tot geworden“ ist. Es ist also ein natürlicher Ablauf, allerdings im völligen Kontrast zu den früheren Wünschen und auch einer wohl damit verbundenen Hartnäckigkeit.
  6. Im 6. Absatz geht es um die Schlussphase des Lebens, in der sich dieser Mann schon auf den Tod eingestellt hat.
  7. Im 7. Absatz geht es noch einmal um den Abbau an Lebendigkeit im Alter.
  8. Der 8. Absatz geht dann noch einmal auf den Titelwunsch dieses Mannes ein und stellt fest, dass die Träume im Laufe der Zeit verschwunden sind.
  9. Der 9. Absatz konzentriert sich dann noch einmal auf den Abbau an Durchblick und Entschlusskraft im Alter.
  10. Der 10. Absatz wendet sich wieder den Erben zu und betont, dass sie dem Großvater möglicherweise seine Löwenträume genommen haben und unter ihren Betten versteckt halten. Das kann heißen, dass sie sie dort vor ihm verborgen haben. Es kann aber auch sein, dass sie selbst so etwas scheuen. Am Ende dann ein Kommentar des Ich-Erzählers, der behauptet, dass diese Vorgehensweise für beide Seiten gut gewesen sei.
  11. Der 11. Absatz
      1. bringt dann noch eine Art Zusammenfassung, die zunächst einmal betont, dass man den Großvater nicht für sich genutzt hat, d.h. seine Lebensweisheit.
      2. Was den Hinweis angeht, er sei „nicht weise geworden“, kann man das auch so verstehen, dass es keine Anregungen dafür in seinem Leben gab, weil er eben nicht gefragt worden ist.
      3. Interessant der Hinweis auf die Wichtigkeit des Alt-Werdens – vielleicht soll das deutlich machen, dass man dann zumindest die Chance hat, weise zu werden.
      4. Es folgt ein Konjunktiv, der sich erstaunlicherweise auf die Zukunft richtet und damit wohl die Perspektive des Erzählers wiedergibt. Offensichtlich hätte er auch gerne Löwenträume oder hat Angst davor, sie aufgeben zu müssen.
      5. Am Schluss blickt er noch einmal auf den Großvater und dessen Träume zurück und stellt bedauernd fest, dass er das Verschwinden nicht einmal gemerkt hat.
      6. Der Schluss mit dem Trinken ist zunächst wieder rätselhaft, könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass es ein Versuch war, den Verlust der Träume und das damit wohl zusammenhängende ungute Verhältnis zu den Enkeln irgendwie zu verarbeiten bzw. damit klarzukommen.

Was sagt die Geschichte aus? (Intention)

Die Geschichte zeigt,

  1. wie es einem Menschen geht, der sich ein großes Ziel vornimmt, es aber nicht erreicht.
  2. Eigentlich gibt es gute Voraussetzungen, um zumindest ein bisschen Dompteur zu werden (Enten), wahrscheinlich verfügt er auch über „Ausdauer, Liebe, Geduld“.
  3. Man kann annehmen, dass der Großvater wohl der Mann ist, der zumindest noch mit 64 Jahren das Flötenspiel gelernt hat. Das unterstreicht, dass er auch über Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit verfügt.
  4. Bleibt die Frage, woran der Mann letztlich gescheitert ist. Deutlich ist der Hinweis auf den Alkohol.
  5. Denn kann man wohl mit Kummer verbinden. Der wiederum hängt wohl mit der mangelnden Empathie seiner Enkel zusammen, die ihn gewissermaßen verkümmern lassen, indem sie seine mögliche Weisheit nicht nutzen.

Wer noch mehr möchte … 

 

Judith Hermann, „Sommerhaus, später“ – kritische Interpretation

Judith Hermann, „Sommerhaus, später“ – kritische Interpretation einer Pflichtlektüre für das Zentralabitur

Was uns an der Erzählung reizt und was wir hier gerne leisten würden …

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir finden es sehr gut, dass im Zentralabitur 2019 in NRW immerhin mal ein Erzähltext vorkommt, der nicht schon mindestens 50 Jahre alt ist. 1998 – das hat doch etwas, auch wenn es inzwischen wieder wohl eher die Erfahrungen und Gefühle der Eltern- bzw. Lehrergeneration wiedergeben dürfte als die heutiger Schüler. Aber die sind es ja sowieso gewohnt, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen – warum nicht auch auf diesem Wege. Man kann ggf. ja auch nachfragen: Mama, hattet ihr damals eigentlich so reihum Sex miteinander? Habt ihr damals auch ein Haus angesteckt, wenn das Objekt eurer Liebe nicht mit drin wohnen wollte. Ach ja – und wie war es denn so mit den Drogen damals – und wovon habt ihr gelebt. Alles spannende Fragen, auf die der literarische Text keine Antwort geben muss – aber er kann ein Gespräch zwischen den Generationen vermitteln.

Dazu wollen wir gerne ein wenig beitragen.

Deshalb stellen wir alle möglichen Vorurteile zurück und geben dem Text erst mal die Chance, sich zu äußern und uns als Leser zu erreichen.

Als Basis verwenden wir den Schroedel-Band für den Grundkurs Richtung Abitur 2019 (ISBN 978-3-507-69955-7, Braunschweig 2017)


01-11: Wie im wirklichen Leben – schon der Anfang einer Geschichte muss einen fesseln

  • Der Text fängt an wie eine Kurzgeschichte – außer dass in der Gattung konkrete Namen eher unüblich sind. Aber auf jeden Fall: ein direkter Einstieg, die Vorgeschichte wird dann erst später entwickelt. Auffällig gleich am Anfang die geringe oder auch gleich misslingende Kommunikation. Sehr schnell kommt man bei „gereizt“ (05) an. Auch das anschließende „Gerede“ (06) klingt nicht nach einer guten Gesprächsatmosphäre. Immerhin wird dann schnell aus der Erinnerung heraus deutlich gemacht, dass es sich bei diesem Haus um einen Lebenstraum handelte, bei dem man dann hinterher auch schon mal „komisch“ (10) und für andere unverständlich-fragwürdig aussehen kann. Zu denen, die für die Angelegenheit und auch die dahinter stehende Person wenig übrig haben, gehört auch die Erzählerin selbst, die diesen Stein genauso schnell „vergaß“ (11) wie sein Projekt. Von vornherein gibt es auch das Spannungsmoment, das sich in der Feststellung ausdrückt: „Das wird doch nie was.“ (10/11)
  • So, da hätten wir nun also einen Einstieg, der lapidar kurz beginnt mit einer kurzen Feststellung, sich dann fortsetzt über ein wenig erfreuliches Telefongespräch bis hin zu den Erinnerungen der Erzählerin, was diesen seltsamen Lebenstraum angeht.
  • Damit ist es Judith Hermann auf jeden Fall gelungen, Interesse auszulösen: Wer ist dieser Stein? Warum ist der so auf dieses Haus aus? Was läuft da zwischen ihm und der Erzählerin? Und warum soll da nichts draus werden?
Anmerkungen zu dem Schaubild:
  • Uns kam es zunächst einmal darauf an, die Zeitverhältnisse klarzustellen: Es gibt das „Jetzt“ der Geschichte, den Anstoß, der eine „Novelle“, eine „unerhörte Begebenheit“‚ (Goethe), also etwas, wovon man noch nicht gehört hat, auslösen kann.
  • Dann gibt es das Davor, über das wir auf eine besondere Weise aufgeklärt werden, nämlich über eine sich stückweise wieder herstellende Erinnerung, nachdem sowohl die Person wie ihr Projekt vergessen worden ist.
  • Dazu passt auch die gereizte, z.T. verständnislose oder sich erst in Richtung Verständnis entwickelnde Kommunikation.
  • Dann gibt es da noch den Gegensatz zwischen diesem Stein, der sehr motiviert und zielbewusst erscheint – und den anderen, die aus noch unbekannten Gründen nichts von dem Projekt und seiner Realisierung halten. Zu ihnen gehört offensichtlich auch die Erzählerin – und wird jetzt herausgefordert.
  • Dann gibt es da noch die Leser-Ebene: Der Leser fragt sich, ob es hier um einen Stadt-Land-Gegensatz geht bzw. einen Lebenstraum. Auch wundert er sich über die spannungsreiche Personenkonstellation und erwartet da Aufklärung. Vor allem wird er wie die Erzählerin in die „Geschichte“ im Sinne von: „Hier geschieht zunehmend etwas!“ hineingezogen.
  • Insgesamt also ein überaus gelungener Einstieg, der auf besondere Weise Interesse auslöst.

12-28: Gegensatz zwischen Begeisterung und „Nichts“, Dominanz und Passivität

  • .Interessant die Reaktion – erst mal nichts als: „Ich zündete mir mechanisch eine Zigarette an“, ein altes Rollenmuster in dieser Beziehung. Ebenso interessant auch, dass der Erzählerin immer wenig nichs einfällt, wenn Stein auftritt.
  • Das zeigt schon mal den großen Unterschied zwischen dem Romantiker und der Nihilistin. Die zeigt sich dann auch gleich in der überschäumenden Begeisterung des Hauskäufers und der abwehrenden Reaktion der Frau, die nichts tut als rumzusitzen und Zeitung zu lesen. Typisch für sie: Sie fragt nicht nach, hört aber wenigstens zu.
  • Im selben Stil geht es weiter, als Stein die Initiative ergreift und ziemlich dominant in seiner Tatkraft auftritt. Die Erzählerin nimmt das alles hin, fühlt sich nur genervt vom stürmischen Klingeln Steins, der es eilig hat.
Anmerkungen zu dem Schaubild:
  • Die Grundidee des Schaubildes ist, die Kommunikations- und Interaktionsabläufe zwischen dem überraschenden Anruf Steins und der gemeinsamen Fahrt zur Besichtigung des Hauses zu skizzieren.
  • Was dem Leser aufällt, ist der große Gegensatz zwischen Passivität und Irritation bei der Erzählerin und der großen Begeisterung und Aktionslust bei Stein.
  • Letztlich geht eine Art hinhaltender Widerstand bei der Erzählerin über in ein Sich-mitschleppen-Lassen.
  • Interessant ist das Empfinden von Steins Nachfrage, was die Erzählerin gerade tut, als „obszön“. Möglicherweise ist es ihr einfach peinlich, die Armseligkeit ihrer aktuellen Existenz im Licht der Schaffenslust Steins betrachten zu müssen.

29-58: Rückblick auf die frühere Beziehung: Die Anfänge

  • Was die Beziehung der beiden Figuren angeht, ist schon mal auffallend, dass die anderen ihr diese Bezeichnung überhaupt geben – selbst dafür ist sich die Erzählerin zu schade oder zu unsicher.
  • Auch in der Beschreibung der Beziehung zeigt sich die gleiche hinfällige Unentschlossenheit: Sie will zum Konzert, lässt es dann aber doch sein und fährt lieber mit einem Taxifahrer durch die Gegend. Sie lässt ihn dann auch noch bei sich wohnen. Erst bei der Beschreibung des Vagabunden-Daseins Stein klingt so ein bisschen was wie Anerkennung durch: „Er war nicht das, was man sich unter einem Obdachlosen vorstellt.“ (38)
  • Durchaus positiv geht es dann weiter: Bei der ersten Ausfahrt fühlt sich die Erzählerin im Kopf zwar „völlig leer“ (45), ja sogar „ausgehöhlt“ (45), aber eben auch „in einem seltsamen Schwebezustand“ (45/46), was nicht mehr negativ klingt, eben wie in einer Phase des Übergangs. Anschließend findet die Erzählerin sogar die Stalinbauten „schön“ (48), dann bekennt sie sogar, sie „würde ihn verstehen“, allerdings in einem Zustand, in dem sie aufgehört hatte „zu denken“ (50/51): Man hat hier den Eindruck, dass sie relativ entspannt ist, sich sogar wohlfühlt. Ein anderer ist es ja auch, der sie in seine Betriebsamkeit mitnimmt. Da fällt es ihr leichter, etwas anderes zu tun, als nur rumzusitzen und die Zeit totzuschlagen.
  • Bei der Beschreibung der weiteren gemeinsamen Fahrten zeigt sich auch wieder die Kreativität des Mannes, der nicht nur für jede Straße eine andere Musik hat, sondern auch gerne mal auf einen verschneiten Acker hinausläuft und dort „langsame und konzentrierte Taek-won-do-Bewegungen“ (56/57) ausführt. Bezeichnend die Reaktion der Mitfahrerin, die es sogar zu einem Lachen schafft.

59-95: Rückblick II: Nach dem Rauswurf Steins aus der Wohnung

  • Die Trennung der Erzählerin von Stein erfolgt dann genauso einfach so wie alles andere: „Irgendwann hatte ich genug.“ (59) Gründe werden nicht angegeben – man hat den Eindruck, hier folgt jemand seinen spontanen Gefühl oder irgendeiner Eingebung, aber ohne Plan oder intensives Nachdenken.
  • Interessant auch die Reaktion Steins: „Er bedankte sich und ging.“ (60/61). D.h. eine solche Entscheidung wird genauso hingenommen, wie sie getroffen wurde. Dass das völlig im Stil der Gemeinschaft der Erzählerin ist, zeigen die folgenden Zeilen, die sich auf das wechselnde Unterkommen bei anderen Mitgliedern beziehen: „Er vögelte sie alle, das ließ sich nicht vermeiden, er war ziemlich schön.“ (62/63). Hier wird wenigstens mal ein Grund angegeben, der offensichtlich ausreicht, um miteinander ins Bett zu gehen.
  • Ab Zeile 63 geht es dann um das, was diese Clique so treibt und wie Stein dazu steht: „Er war dabei. Und auch nicht. Er gehörte nicht dazu, aber aus irgendeinem Grund blieb er.“ (63-65). Was hier funktioniert, ist die Ebene der Beobachtung und einer ersten Einschätzung – mehr interessiert aber auch nicht.
  • Sehr schön die folgenden „wenn wir“-Nebensätze, die genau diese Zwischenstellung zwischen Dabeisein und Irgendwie-nicht-wirklich-Dabeisein deutlich machen. Stein macht einfach mit, vielleicht ahmt er auch etwas nach.
  • Noch interessanter wird es dann ab Zeile 70: „Und ab und an nahm ihn einer von uns mit ins Bett und ab und an sah einer zu.“ Das hat schon etwas ziemlich Animalisches, die normalen Regeln der Privatheit im intimen Bereich, also das, was eine Kultur ausmacht, sind außer Kraft gesetzt.
  • Die Erzählerin setzt sich hiervon ab. „Ich kann sagen – es war nicht meine Art.“ (72) Einen kurzen Moment schöpft man als Leser Hoffnung, dass so etwas wie Liebe im körperlichen Bereich zumindest doch anders praktiziert wird. Dann aber gleich wieder die Enttäuschung. Sie kann sich nicht mal daran erinnern, „wie das, wie also Sex mit Stein gewesen war.“ (73). Interessant hier die Selbstkorrektur, bei der der erste Zugriff sehr allgemein bleibt („das“), bevor sie sich doch aufrafft, die Sache beim Namen zu nennen.
  • Ansonsten geht die ganze Gruppe ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: „Wir saßen mit ihm da rum.“ (74) Aber das reicht jetzt nicht mehr. Erstmals kommt so etwas wie Abgrenzung, ja Aggressivität gegenüber anderen Leuten durch.  Diese Gruppe ist zumindest in der Lage zurück zu hassen (vgl. 76). Der Satz: „Den Einheimischen gingen wir aus dem Weg, schon an sie zu denken, machte alles kaputt. Es passte nicht.“ (76/77) Offensichtlich gibt es doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen angesichts eines eigenen nutzlosen Lebens in einer Welt von Menschen, die aus ihrem Leben etwas machen, zumindest für sich selbst sorgen. Die Erzählerin schiebt aber einen anderen Grund ein, nämlich eine Art Fremdenfeindlichkeit, die schon in Zeile 70 („Berliner raus!“) deutlich geworden ist. In den nächsten Sätzen wird dann klar, dass es für diese Haltung durchaus Gründe gibt, die bei der Clique liegen. Man nimmt keine Rücksicht und präsentiert sich auch ziemlich provozierend.
  • Auf jeden Fall ist sich die Erzählerin sicher: „Aber wir wollten da sein, trotz allem.“ (81). Die Mühe, etwas genauer zu erklären, warum in den Häusern allerlei abgerissen wird, macht sie sich nicht.  Aber bald stellt sich raus, dass diese Aktivitäten sowieso von Stein ausgingen – als Leser war man für einen Moment auch schon richtig erstaunt, dass diese Gruppe überhaupt irgendetwas mit Ziel macht. Umso deutlicher dann die Beschreibung der Gruppenaktivitäten: Neben Wein trinken und „blöde auf Baumgruppe“ 83) schauen spricht man über Ereignisse des Kulturbetriebs.
  • Stein ist auch hier eher ein Außenseiter. Vor allem stellt die Erzählerin fest: „Er bekam ihn nicht hin, unseren spitzfindigen, neuasthenischen, abgefuckten Blick“ (88/89). Offensichtlich steckt Stein noch so in einer einigermaßen normalen Realität, dass er diese Leute nur ansehen kann, „als ob wir auf einer Bühne agierten“ (90). Er erkennt also deutlich, dass hier ein Scheinleben geführt wird, wobei gegen die Bühne nichts einzuwenden ist – nur ist sie hier ohne ihre übliche Funktion.
  • Ab Zeile 90 gibt es dann so etwas wie eine Begegnung zwischen der Erzählerin und Stein. Plötzlich heißt es: „Es gelang ihm.  Bald erinnerte nichts mehr an die anderen.“ (93/94).  Stein gelingt es also offensichtlich, die Erzählerin in seine Welt hineinzuziehen, aber er geht wohl zu weit, es deutet sich ein Glück der Zweisamkeit an: „er lächelte jedesmal, wenn wir uns ansahen.“ (95). Das ist zu viel für die Erzählerin, ein zu großer Schritt aus dem früheren Leben hinaus, vor allem zu viel Engagement, zu viel Gefühle. Deshalb der plötzliche Abbruch: „Und das war’s.“ (95)

96: Rückkehr in die Gegenwart: Die Fahrt zum Haus

  • Wir geben hier erst mal einen vorläufigen Überblick:
  • 95/96: Interessante Überleitung von dem rückblickenden „Und das war’s“ zum aktualisierenden „Ich dachte: ‚Und das war’s.'“ Gemeint ist damit wohl: Damit haben wir beide den Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr weiter können.
  • 96ff: Fahrt zum Haus, Teil 1:
    Beobachtungen und Gedanken
  • 106ff: Fahrt zum Haus, Teil 2:
    Heikle Frage nach den Kosten, die den unterschwelligen Konflikt zwischen Stein und der Erzählerin deutlich werden lässt:Er ist ein tatkräftiger Romantiker, der das Risiko nicht scheut. Sie ist eine in Passivität zurückgenommene Romantikerin, die die entsprechenden Gefühle letztlich bei sich immer nur gebremst zulässt.
  • Fahrt zum Haus, Teil 3:
    116ff: Zunehmende Annäherung. Die Erzählerin denkt an die „seltsame Euphorie, an die Gleichgültigkeit, an die Fremheit.“ (120) Diese Kombination ist möglicherweise auch die Ursache für das Scheitern der Sommerhauspläne. Auch Stein tut Schritte in Richtung Beziehung, die er anschließend sofort bereut. (vgl. 128/129)
  • Fahrt zum Haus, Teil 4: Hinter Angermünde: Das Abholen der Schlüssel für das Haus
    • Interessant ist hier, wie auch Stein plötzlich eine Rolle spielt bis zu dem Punkt, dass er „sein Becken elegant und obszön im Kreise“ (142/143) dreht. Auch hier sieht man an der Kommentierung durch die beiden Attribute, dass diese Erzählerin angezogen ist von diesem Stein, aber sich eine echte Beziehung mit ihm nicht vorstellen kann. Sex mit fast jedem – Liebe aber höchstens mal „später“.
  • Fahrt zum Haus, Teil 5
    • Gespräch über die Vormieter – die Erzählerin mal wieder in abgrundtiefer und menschenverachtender, vor allem in keiner Weise nachvollziehbarer Arroganz: „Die sind doch ekelhaft.“
  • Fahrt zum Haus, Teil 5
    • Auffallend, dass die Erzählerin dann aber doch anfängt, sich mit der Idee dieses Hauses anzufreunden, wenn auch nur vorsichtig, spielerisch, kindlich.
    • Auch lässt sie jetzt seine Ansätze von partnerschaftlicher Offenheit zu. Aber es bleibt dabei: Stein „weigerte sich, mich anzusehen.“ (160)
    • Stattdessen flieht er in seine romantischen Vorstellungen, die für die Erzählerin erst mal nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Aber im Hinblick auf die Dorfkirche heißt es dann doch, dass sie ihr  „schön“ vorkommt. (168)

175: Erkundung des Hauses

    • 172: Es beginnt mit einer sehr schönen Überleitung, die zeigt, dass die Erzählerin durchaus auch über Realitätssinn und Humor verfügt: „Das ist es noch fünf Minuten.“
    • 172-183: Interessant ist die erstaunlich ausführliche und detailreiche Beschreibung des Hauses durch die Erzählerin. Anscheinend kann sie genau beobachten und nimmt dieses Haus jetzt auch intensiv wahr. Am Ende kommt sie dann auch zu dem positiven Urteil: „Das Haus war schön. Es war das Haus. Und es war eine Ruine.“ Hier fällt die Differenzierung auf, sie erkennt dem Objekt einfach mehrere Betrachtungsweisen zu.
    • Neben dem Haus beobachtet sie auch weiter Stein, „erschrocken“ (185) ist sie über seinen Gesichtsausdruck, was gleich mit dem Hinweis auf sein „fieberndes Gesicht“ (187) erklärt wird. Für die Erzählerin sind hier zu viele Gefühle im Spiel, zu viel Romantik der extremen Art.
    • Im weiteren Verlauf bleibt sie zwar stellenweise „angewidert“ (193), greift dann aber doch zu seiner Hand und will „seine Berührung nicht wieder verlieren“ (196), es bleibt offen, ob grundsätzlich oder nun in der schwierigen Situation.
    • Kurz darauf ist aber doch deutlich vom „wir“ (198) die Rede, was für ein gewisses Maß an Gemeinsamkeit spricht.
    • Angesichts der bald wieder überschäumenden Begeisterung Steins (201ff) fühlt sie sich wieder „nicht mehr vorhanden“ (209), geht also völlig gefühlsmäßig auf in der Situation. Dann aber wieder der Rückfall in Distanzierung: „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen.“ (211) Entsprechend heftig ist die Reaktion Steins.
    • Wie groß die Schwierigkeiten der Erzählerin mit den romantischen Ausschweifungen Steins sind, zeigt sich, wenn sie ihn als „unverschämt“ (216) bezeichnet. Das heißt hier soviel wie „ohne Scham“, „ohne Rücksicht auf die aktuelle Realität“.
    • Erstaunlich ist, wie sehr Stein bei seinen Zukunftsperspektiven auch die negativen Seiten der Clique mit einbezieht: „Koks einfahren, bis dir der Schädel platzt“ (222).  Anschließend wieder das Ineinander von „wir atmeten heftig und fast im gleichen Rhythmus“ (226/7) – und dann das Misslingen eines Anflugs von Körperlichkeit.
    • Ab Zeile 229 wird deutlich, das die Erzählerin letztlich zurückhält: Was Stein entwickelt, iste zum einen „noch viel zu weit weg“ (230) für sie, zum anderen fehlt ihr die Clique, sie fühlt sich regelrecht „alleine gelassen“ (231). Es geht sogar darum, sie „vor Stein zu schützen“ (232f).
    • Letztlich bleibt sie dann auf der Ebene der Konvention, wenn sie glaubt, „irgendetwas Zukunftweisendes, Optimistisches“ (240f) sagen zu müssen. Sie ist „verwirrt“. Aber sie wünscht sich auch, „dass mich Stein noch einmal so ansehen würde, wie er mich damals angesehen hatte, und ich hasste mich dafür.“ (247-249)
    • Auf ihre Frage nach Sinn und Bedeutung des ganzen Projekts, verweist Stein nur auf Möglichkeiten, das ist der doch hin und wieder in der Realität verankerten Erzählerin zu wenig. Als sie das deutlich sagt, ist Sein wohl die Stimmung verhagelt und er will nur noch zurückfahren. Verstärkt wird das noch durch ihre Frage nach dem Kind, so ist es nicht verwunderlich, dass sie feststellen muss: „Ich wartete auf irgendetwas, auf eine Berührung, auf eine Geste.“ Außerdem passt das nicht zu ihrem Glauben: „Du wolltest doch immer mit uns sein.“ (271f). Darauf gibt es nur noch eine förmliche Dankeserklärung Steins.
    • Die Gelegenheit für eine Aussprache und Verständigung ist vertan – und zwar von beiden Seiten. Stein behält zu viele Geheimnisse für sich, drückt sich auch zu unverbindlich aus. Die Erzählerin begreift nicht, dass Stein etwas anderes will als das, was die Clique treibt.

275ff: Das Leben nach der Besichtigung des Hauses

  • 275ff: deutliche Zeichen für einen Misserfolg des gemeinsamen Besuchs mit doch-noch-Verbundenheit:
      • keine Erinnerung an die Musik auf der Rückfahrt;Erzählerin sieht Stein auch nur selten;
      • statt dessen volles Cliquenleben mit der üblichen amourösen Leichtfertigkeit,
      • allerdings 281: Die Erzählerin erträgt es nicht, dass Stein sich jetzt auch anderweitig umsieht.
      • außerdem hüten beide ihr Geheimnis
      • und die Erzählerin interessiert sich für Steins Bauarbeiten, zumindest nimmt sie die Begleiterscheinungen wahr
  • 287ff: Seltsame Toddi-Eiseinbruch-Episode zeigt die Leichtfertigkeit der Clique mit Gefahr bis hin zur Lebensgefahr – interessant ist, dass Stein und die Erzählerin gemeinsam anfangen „zu lachen“ (299). Dass das nicht ganz gesund, sondern wohl eher ein Ausdruck gemeinsamer Verzweiflungslust ist, zeigt die kritische Frage Henriettes: „Seid ihr bescheuert oder was.“ (302)
  • 303ff: Das Verschwinden Steins: Er zieht sich aus dem Cliquenleben völlig zurück. Interessant das Verhalten der Erzählerin: „Ich zuckte nicht mit den Schultern, aber ich schwieg.“ Das soll wohl bedeuten, dass sie einfach damit rechnet, dass Stein im Frühjahr mit der Restaurierung des Hauses beschäftigt ist.
  • 306ff: Dann das endgültige Aus der Gemeinsamkeit: Stein schickt Karten, die für die Erzählerin nicht genügend Einladungs-Impulse enthalten. Es bleibt offen, ob sie wirklich auf ein stärkeres Signal wartet oder nur die Hürde erhöht, um sich nicht für Stein und damit möglicherweise gegen die geliebte Clique entscheiden zu müssen.
  • 317ff: Interessant ist, dass die Katastrophe der Gemeinsamkeit nicht einmal eines eigenen Absatzes gewürdigt wird. Der letzte Brief ist gewissermaßen das letzte Ende der Kartenkette und ihr Abschluss. Bezeichnenderweise trifft die Erzählerin diese Nachricht im Bett mit einem ihrer Cliquen-Kumpel, über den sie sich in diesem Zusammenhang sehr negativ äußert – Gefühle oder gar Liebe sehen anders aus. Was ihr am Ende bleibt, ist das Eingeständnis „stumpfsinnig vor dem Herd herum“ zu stehen und nur das auch hier machen zu können, was sie immer ausgezeichnet hat: Rückzug in Passivität mit einem selbstbetrügerischen Schlückchen Hoffnung: „Später“.

Vorläufige Gesamteinschätzung der Erzählung

    • Der Titel ist mehr als treffend. „Sommerhaus“ bezieht sich auf die Träume Steins, die er für sich auch realisiert.
    • Am Ende aber zerstört er dieses Haus, weil die Erzählerin zu viel von ihm verlangt, vielleicht auch etwas, worauf er von sich aus nicht kommen kann oder will. Auf jeden Fall steht sie für das „später“ des Titels.
    • Beide Figuren sind Romantiker: Er einer der Tat, sie eine des Sich-höchstens-ein-bisschen-reinziehen-Lassens. Man könnte auch sagen: eine Romantikerin der Passivität, des Verschiebens, in gewisser Weise der Prokrastination, also des schon krankhaften Verschiebens von Aufgaben. Hilfreich kann hier etwa dieser Artikel sein.
    • Damit sind wir bei der Frage der Realität – und hier wird es ärgerlich, was die Autorin da alles so ausblendet: Es beginnt bei der Frage, wie diese Clique ihren Lebensunterhalt oder sollte man besser sagen: Drogen-Unterhalt bestreitet. Stein ist wenigstens so realitätsnah, dass er die Frage nach der Herkunft des Geldes für das Haus wenigstens zum No-go-Thema erklärt.
    • Dann die Leichtfertigkeit, mit der da die Verkehrsregeln missachtet werden. Das hat schon etwas von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ – nur dass hier auf eine schon ziemlich hässliche Weise das Leben anderer gefährdet wird.
    • Ärgerlich auf eine andere Weise ist die Frage, wie dieses Kind immer vom Flachbau zum Sommerhaus kommt und was es in der Geschichte soll. Es ist nicht ganz anständig von einem Autor, seine Fantasien auf eine Weise im Bereich der Andeutung zu belassen, womit der Leser nichts anfangen kann.
    • Das ändert aber nichts daran, dass die Geschichte wunderbar erzählt ist – zur moralischen Besserung der Leser und vor allem der Schüler mit Zentralabitur in NRW wird sie aber kaum etwas beitragen 😉 Vielleicht wird der eine oder andere Schüler aber auch eine gesunde Abwehrreaktion zeigen, wenn er die eigenen Anstrengungen in Beziehungsfragen und ihren Ertrag mit dem vergleicht, was diese Geschichte präsentiert

Idee eines Weiterschreibens der Geschichte

Es gibt den Grundsatz, dass man eine Geschichte erst vollständig verstanden hat, wenn man beim Schreiben einer Fortsetzung gescheitert ist. Denn dann hat sich ja gezeigt, dass die Geschichte rund ist, „vollkommen“.

Überlegen wir also mal, inwieweit es Möglichkeiten gibt – und inwieweit sie eine Chance haben, auf der Linie der vorhandenen Geschichte zu bestehen – durchaus auch in dem Sinne, dass noch eine Wende kommen könnte. Denn in jeder Situation steckt auch ein mehr oder weniger großes Potenzial einer anderen Situation.

Wie sind auf folgende Varianten gekommen:

  1. Stein hat jetzt kein Sommerhaus mehr, aber Sehnsucht nach Gemeinschaft und kehrt zur Clique zurück.
  2. Die Erzählerin begreift, was ihr seit Steins Weggang fehlt, und versucht, ihn in Stralsund zu treffen, was sicher schwierig ist. Vielleicht kann man ihn über die Taxi-Agentur finden.
  3. Die Erzählerin spricht doch mit den anderen über ihre „geheime“ Geschichte mit Stein – und sie erkennen, was ihnen fehlt, und versuchen, ihr eigenes „Sommerhaus“ zu finden und zu gestalten.
  4. Die Toddi-Leichtfertigkeit kostet doch noch mal Opfer – es könnte sinnvollerweise die Erzählerin treffen: Wer weiß, was sie sich im Bett von Falk geholt hat. Damit würde man ein Element aus dem Schlussteil der Erzählung aufnehmen, was immer gut ist. Wie die Erzählerin dann ihr durch Krankheit verschwindendes äußeres Leben innerlich ausgleicht, ist eine Frage für die, die diese Variante wählen.
  5. Das Kind taucht bei der Clique auf, am besten wohl mit ihrer Mutter – und da zeigt sich dann die Parallelwelt Steins, die man schon mal vermutet hat. Die Details bleiben auch hier erst mal denen überlassen, die sich an diese – viel Fantasie und erzählerisches Talent erfordernde Erweiterung machen wollen.

Weiterführende Hinweise 

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