1. Was ist Literatur eigentlich?
    • Literatur ist in einem weiteren Sinne alles geschriebene beziehungsweise Gedruckte. Das sieht man noch an den  Bezeichnungen „Fachliteratur“ oder „Literaturverzeichnis“.
    • In einem engeren Sinne handelt es sich um fiktive Texte, also solche, die sich nicht auf eine konkrete Wirklichkeit beziehen und in ihr eine Funktion haben.
    • Literatur ist also mehr oder weniger ein die spielerische Erschaffung einer Welt jenseits der Grenzen der Realität.
    • D.h.: wer ein Gedicht schreibt, will spielerisch mit seinen Erfahrungen, Gedanken, Gefühlen umgehen. Das macht zum Beispiel ein Liebesgedicht so attraktiv für andere Leute, Weil man sich in etwas hineinfühlen kann, was im Unterschied zu einem Liebesbrief keinem anderen komplett gehört.
    • Wer einen Roman schreibt denkt sich tatsächlich eine ganze Welt aus. In die fließt zwar vieles ein, was der Autor gelesen, gehört oder selbst erfahren hat. Aber es wird neu gestaltet, auch verändert und vor allem ergänzt durch Dinge, die nur in der Fantasie existieren.
  2. Welche Rolle spielt der Leser bei literarischen Texten?
    • Für ihn wird das Gedicht oder der Roman eigentlich geschrieben.
    • Aber es gilt auch das, was der Philosophie Sartre so formuliert hat: „Lesen ist gelenktes schaffen.“ Damit ist das gleiche gemeint wie mit dem Satz: „Kunst entsteht im Auge des Betrachters.“
    • Konkret bedeutet das, dass ein literarischer Text immer nur etwas Halbes ist. Ein großartiges Angebot von Beschreibungen, Gedanken, die aber auch mehr oder weniger Fragen aufwerfen. Hier kann sich der Leser am Schaffensprozess beteiligen beziehungsweise tut das automatisch und sofort, in dem wir seinem Kopf Bilder entstehen und er das Gelesene mit eigenen Erfahrungen verbindet.
    • Das wiederum hängt damit zusammen, dass Sprache nie eindeutig ist. Bei den Wörtern gibt es die Denotation, d.h. die feste Kernbedeutung. Liebe zum Beispiel ist immer ein Gegenstück zu hast. Was man sich aber konkret darunter vorstellt, hängt von den persönlichen Konnotationen ab. Der eine versteht darunter ein totales, alles umfassendes Miteinander, bei dem man möglichst die ganze Zeit gemeinsam miteinander verbringt. Ein anderer möchte zwar intensive gemeinsame Momente und viel Austausch von Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen, aber dafür  auch Zeit für sich. Jeder macht mehr oder weniger auch sein Ding für sich.
    • Zurück zum Lesen: Wegen des grundsätzlich analogen und nicht digitalen Charakters von Sprache (kein Wort hat eine eindeutige Bedeutung)  gibt es kein verbindliches Verständnis eines literarischen Textes. Das betrifft aber nur den denotativen Bereich. Wenn im Text von Liebe die Rede ist, muss das jeder akzeptieren. Wenn dort aber plötzlich steht: „Liebe, das ist das Wasser des Lebens.“ Dann ist das für den ein das Wasser in der Wüste, für den anderen aber auch ein Fluss oder das Meer, was einem abenteuerliche Fahrten erlaubt.
  3. Warum sollte man beim literarischer Texte den Autor erst mal außen vor lassen?
    •  Wenn wir anfangen, das, was der Autor geschrieben hat, mit seinem Leben in Verbindung zu bringen, machen wir Literatur zu einem Teil seiner Biografie und zu einem Teil der allgemeinen Geschichte. Das wird dann zu Literaturgeschichte und hat mit Literatur nur insofern etwas zu tun,  weil es eben um die literarischen Äußerungen von Autoren geht. Genauso könnte man sich mit seinen religiösen oder politischen Äußerungen beschäftigen.
    • Man muss auch im Auge behalten, dass in einem literarischen Text mehr oder weniger etwas anderes stehen kann, als der Autor gewollt beziehungsweise beabsichtigt hat. Das gilt schon für ganz normale Äußerungen von Menschen und natürlich in besonderer Weise für literarische Spiel-Äußerungen, denn da wird ja gerade rumexperimentiert, man bewegt sich also auf unbekanntem Gelände.

Wir setzen das hier noch fort …