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Matthias Politycki, „Goldener Oktober“

  1. Das Gedicht beginnt sehr distanziert, indem das lyrische Ich erst mal ganz von außen auf sich und seine Situation schaut.
  2. Hervorgehoben wird nur das Sitzen im Central Park von New York, was man in einer Unter-Überschrift erfährt, und die Umgebung („inmitten bunter Blätter / und jeder Menge Wolkenkratzer“), die gegensätzliche Züge aufweist und dabei den Titel aufnimmt.
  3. In der zweiten Versgruppe wird vor allem die Müdigkeit des lyrischen Ichs beschrieben, die weniger körperlich als seelisch ist.
  4. Es folgt eine Fülle von möglichen Aktivitäten, die vor allem durch ihre fantastische Beliebigkeit gekennzeichnet sind, zum Teil aber auch wegen fehlender Voraussetzungen nicht nutzbar sind.
  5. Es folgen vier Zeilen, die alles aufzählen, was das lyrische Ich jetzt nicht mehr machen möchte,
  6. Bevor in der letzten Versgruppe das Ganze als Gedankenmodell entlarvt wird, bei dem am Ende kein Gewinn gemacht würde, weil man man selbst bleiben würde – trotz der Umgebung und aller gedanklichen Möglichkeiten.
  7. Insgesamt ein Gedicht, das tatsächlich so eine Art Lebensmüdigkeit präsentiert – ohne Ziele, ohne Antriebslust.
  8. Man fragt sich wirklich, was das für ein Menschenbild ist, das da gezeichnet wird. Man kann darüber wunderbar diskutieren, indem man zunächst einmal die Frage stellt, wie viele der Menschen, die man kennt, so müde und perspektivlos sind. Anschließend taucht die Frage auf, ob man selbst so sein möchte. Und schließlich taucht die Frage auf, warum solche Gedichte im Unterricht behandelt werden, wo es doch eher darum ginge, jungen Menschen Mut zur Entdeckung ihres eigenen Lebens zu machen.

Weiterführende Hinweise 

Heinrich Heine, „Lebensfahrt“

Heine, „Lebensfahrt“ als Reisegedicht

Der Titel “ Lebensfahrt.“ deutet schon an, dass hier das Leben insgesamt als Fahrt gesehen wird. Spannend ist sicherlich, welchen besonderen Akzent dieser Dichter zwischen Romantik und Vormärz hier setzt.

(1) Ein Lachen und Singen! Es blitzen und gaukeln
Die Sonnenlichter. Die Wellen schaukeln
Den lustigen Kahn. Ich saß darin
Mit lieben Freunden und leichtem Sinn.

  • Die erste Strophe präsentiert einen Rückblick („saß“) auf eine lustige Kahnfahrt mit Freunden.
  • Das lyrische Ich hebt hervor, dass alles mit „leichtem Sinn“ vonstatten ging, dass man sich also keine Sorgen und auch keine schweren Gedanken machte.

(2) Der Kahn zerbrach in eitel Trümmer,
Die Freunde waren schlechte Schwimmer,
Sie gingen unter, im Vaterland;
Mich warf der Sturm an den Seinestrand.

  • Die zweite Strophe schildert dann eine Art Schiffbruch, die aber wohl im übertragenen Sinne zu verstehen ist,
  • denn es ist kaum anzunehmen, dass das lyrische Ich von irgendwoher von einem „Sturm an den Seinestrand“, also nach Frankreich verschlagen wurde.
  • Hier spielt Heine offensichtlich auf seine eigene Emigrantensituation an.
  • Wichtig ist, dass die Freunde als „schlechte Schwimmer“ bezeichnet werden, also nicht so klug oder geschickt waren und deshalb „im Vaterland“ untergingen.

(3) Ich hab’ ein neues Schiff bestiegen,
Mit neuen Genossen; es wogen und wiegen
Die fremden Fluten mich hin und her –
Wie fern die Heimat! mein Herz wie schwer!

  • Jetzt geht das lyrische Ich genauer auf seine neue Situation ein, die es als „ein neues Schiff“ bezeichnet, was den metaphorischen Charakter des Schiffsmotivs endgültig deutlich macht.
  • Hervorgehoben wird, dass das lyrische Ich jetzt „mit neuen Genossen“ lebt
  • und dass die „fremden Fluten“ doch eine gewisse Herausforderung darstellen, man keinen rechten Grund bekommt.
  • Am Ende wird deutlich, wie sehr das lyrische Ich seine Heimat vermisst.
  • Eine Erfahrung, die sicher viele Emigranten machen.

(4) Und das ist wieder ein Singen und Lachen –
Es pfeift der Wind, die Planken krachen –
Am Himmel erlischt der letzte Stern –
Wie schwer mein Herz! die Heimat wie fern!

  • Am Schluss wird deutlich gemacht, dass bald eine ähnliche Situation vorliegt wie am Anfang,
  • mit dem Unterschied, dass zwar der Weg in einen möglichen zweiten Schiffbruch schon beschrieben wird,
  • dieser aber noch nicht eindeutig eingetreten ist.
  • Was aber eindeutig geblieben ist, ist die Sehnsucht nach der Heimat.
  • Interessant ist dabei die Überkreuzstellung an zwei wichtigen Stellen:
    • 1,1: „Ein Lachen und Singen! „
    • 4,1: „Und das ist wieder ein Singen und Lachen –“
    • 3,4: „Wie fern die Heimat! mein Herz wie schwer!“
    • 4,4: „Wie schwer mein Herz! die Heimat wie fern!“

Aussage und Bedeutung

Das Gedicht zeigt

  1. die Situation eines Emigranten, der zwar in gewisser Weise gerettet ist, aber doch die Heimat vermisst,
  2. dass der Emigrant sich sich zumindest ansatzweise über seine alten Freunde als „schlechte Schwimmer“ erhebt,
  3. dass auch im Umfeld der neuen Freunde sich bald eine ähnliche Situation wieder einstellt
    1. sowohl, was die Atmosphäre angeht,
    2. als auch in grundsätzlicher Hinsicht (Gefahr eines erneuten Schiffbruchs)
  4. dass am Ende das Heimweh das vorherrschende Gefühl ist.

Weiterführende Hinweise 

Catharina Regina von Greiffenberg, „Auf meinen bestürmeten Lebens-Lauf“

Anmerkungen zu dem „Lebenslauf“-Gedicht von C.R. von Greiffenberg

Das Gedicht „Auf meinen bestürmeten Lebens-Lauf“ von Catharina Regina von Greiffenberg ist interessant, weil es das Leben des Menschen als eine Art Seefahrt beschreibt, die ständig von Stürmen und anderen Gefahren bedroht wird. Das Besondere ist, dass das lyrische Ich zum einen ganz fest am Ziel der Reise, dem sicheren Port wohl des Himmels bzw. der Ewigkeit festhält, andererseits am Ende fast schon verzweifelt Gott um Hilfe anruft, weil es mit seiner Kraft am Ende ist.

Auswertung des Titels

„Auf meinen bestürmeten Lebens-Lauf“

  • Die Überschrift des Gedichtes macht deutlich, dass das lyrische Ich seinen eigenen Lebenslauf als bestürmt ansieht. Das soll wohl bedeuten, dass es eben Stürme gibt im Leben, die man bewältigen muss.
  • Als Leser ist man jetzt gespannt, und was für Stürme es sich handelt und wohin der Lebenslauf gehen soll. Denn so etwas ist ja in der Regel mit einem Ziel verbunden.

Strophe 1

Wie sehr der Wirbelstrom so vieler Angst und Plagen
mich drähet um und um / so bistu doch mein Hort [=Schutzraum]
mein Mittelpunkt / in dem mein Zirkel fort und fort
mein Geist halb haften bleibt vom Sturm unausgeschlagen.

  • Die erste Strophe beginnt mit dem Hinweis auf einen Wirbelsturm „so vieler Angst und Plagen“ und macht damit etwas deutlicher, was mit den Stürmen des Lebens gemeint ist.
  • Diesem Sturm entgegengestellt wird ein „Hort“ und „Mittelpunkt“ des Lebens, der dem Geist, also dem Willenszentrum des Menschen, Halt gibt.

Strophe 2

Mein Zünglein stehet stet [unveränderlich] / von Wellen fort getragen
auf meinen Stern gericht. Mein Herz und Aug′ ist dort
es wartet schon auf mich am ruhevollen Port [Hafen]:
dieweil muss ich mich keck [mutig] in Weh [Schmerz] und See hinwagen.

  • Der Beginn der zweiten Strophe geht dann etwas genauer auf das Haftenbleiben an der Grundlinie ein, indem so eine Art Kompassnadel fest „auf meinen Stern“ gerichtet ist.
  • Die zweite Hälfte der Strophe sagt dann aus, dass das lyrische Ich eben einen Zielhafen im Auge hat, was ihm hilft, die Stürme zu überwinden und eben das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Strophe 3

Oft will der Mut / der Mast / zu tausend Trümmern springen.
Bald tun die Ruder-Knecht / die sinnen [nur vor sich hindenken] / keinen Zug.
Bald kann ich keinen Wind in Glaubenssegel bringen.

  • Die dritte Strophe, das erste Terzett des Sonetts [Gedicht mit zwei Vierzeilern und zwei Dreizeilern] weist auf die Probleme ein, die es auf dem Weg zum Ziel gibt. Die betreffen sowohl die äußeren Gegebenheiten (den Mast des Schiffes) als auch die inneren Gegebenheiten (den Mut).
  • Dann wird es erweitert auf die Ruderknechte, also die Menschen, auf die man angewiesen ist. Bei denen wird beklagt, dass sie nicht mit der gleichen Zielstrebigkeit und Entschlossenheit am Ziel und den dafür notwendigen Tätigkeiten arbeiten.
  • Am wichtigsten ist die letzte Zeile, weil sie deutlich macht, dass es im innersten Zentrum der Glaubensgewissheit auch Stillstand gibt, was neben den Stürmen natürlich auch eine Gefahr für das Erreichen des Ziels darstellt.

Strophe 4

Jetz hab ich / meine Uhr zu richten / keinen Fug [Gegenteil von „Unfug“, also richtiges Tun, hier wohl Geschicklichkeit].
Dann wollen mich die Wind auf andre Zufahrt dringen [hindrängen],
bring′ an den Hafen mich / mein Gott / es ist genug!

  • In der vierten Strophe, im zweiten Terzett des Sonetts, werde noch einmal zwei zentrale Probleme genannt.
    • Zum einen kommt das lyrische Ich anscheinend nicht dazu, seine Uhr richtig einzustellen, also den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen, was für die Navigation nötig ist.
    • Zum anderen gibt es dann eben auch ungünstige Winde, die das Schiff vom Ziel wegdrängen.
  • Das Gedicht endet mit der Bitte an Gott, ihm, dem lyrischen Ich, in dieser Situation zu helfen, doch das Ziel zu erreichen.
  • Und der letzte Gedanke ist die Klage, dass es genug sei.
    Das bedeutet soviel wie, dass das lyrische Ich mit seiner Kraft am Ende ist und jetzt himmlische Hilfe braucht.

Aussage, Bedeutung

Das Gedicht zeigt,

  1. dass im Lebenslauf des lyrischen Ichs zwei Gegenkräfte miteinander ringen:
    1. Das sind zum einen die Stürme des Lebens,
    2. zum anderen aber auch der feste Wille, ein höheres Ziel zu erreichen, dass man ja im Blick hat.
  2. Nachdem noch einmal ausführlich die Sicherheit des Zielhafens beschrieben wird, stellt sich doch heraus, dass die Schwierigkeiten so groß sind, dass das lyrische Ich schließlich Gott um Hilfe bittet und auch zugibt, dass es mit der eigenen Kraft am Ende ist.
  3. Letztlich ist es ein Gedicht, das den festen Willen eines Menschen verdeutlicht, ein hohes Ziel sicher zu erreichen, und zugleich am Ende doch auch eingesteht, dass das nur mit göttliche Hilfe möglich ist.

Weiterführende Hinweise 

 

Gryphius, „Abend“ (Mat1763)

Gryphius, „Abend“ – ein typisches Barockgedicht mit Jenseitsperspektive

Wie immer schauen wir uns die Strophen Zeile für Zeile an und  achten darauf, wie sich dabei eine oder mehrere Aussagen aufbauen.

Titel und Strophe 1

Andreas Gryphius

Abend

Der schnelle Tag ist hin/ die Nacht schwingt ihre Fahn/
Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld vnd Werk/ Wo Tier vnd Vögel waren
Traurt jetzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

  • Die erste Strophe beschreibt das, was der Titel andeutet, nämlich die Situation am Abend nach getaner Arbeit.
  • Hervorgehoben wird die damit verbundene Einsamkeit, bezogen wohl vor allem auf die Natur bzw. Tierwelt.
  • Seltsam ist der Schlusssatz, der alldem, was geschehen ist, keinen Wert zuerkennt.

Strophe 2

Der Port naht mehr vnd mehr sich/ zu der Glieder Kahn.
Gleich wie dies Licht verfiel/ so wird in wenig Jahren
Ich/ du/ und was man hat / und was man sieht/ hinfahren.
Dies Leben kommt mir vor als eine Rennebahn.

  • Die zweite Strophe sieht dann den Abend im Zusammenhang eines schnell verlaufenden Lebens
  • und konzentriert sich dabei auf das herannahende Lebensende.
  • Es ergibt sich der Eindruck, dass dem Leben insgesamt genauso wenig Wert zuerkannt wird wie dem einzelnen Tag des Lebens in der ersten Strophe.

Strophe 3

Lass höchster Gott mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten/
Lass mich nicht Ach/ nicht Pracht/ nicht Lust/ nicht Angst verleiten.
Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

  • Die dritte Strophe wendet sich dann an Gott
  • und bittet ihn, ein Ausgleiten (Ausrutschen) auf dem Laufplatz (des Lebens) zu verhindern.
  • Offensichtlich sieht das lyrische Ich das Leben als eine vorgeschriebene Bahn an, die auch Gefahren beinhaltet, bei denen man das Ziel verpasst könnte.
  • Es werden dann vier Elemente genannt, die ein solches Ausgleiten hervorrufen könnten:
    • Ach, hat hier die Bedeutung von Schmerz, vgl. „mit Ach und Krach“.
    • Pracht, also das Interesse an der Zurschaustellung zum Beispiel von Reichtum
    • Lust, also die Zuwendung zu dem, was den Menschen als körperliches Wesen ausmacht. Man hat den Eindruck, dass hier ein Konzept der Askese dahinter steht, wie man es von den Menschen im Mittelalter kennt.
    • Angst, erstaunlicherweise ein Gefühl, das durch dieses Gedicht eher hervorgerufen wird.
  • Die letzte Zeile macht dann deutlich, was all dem positiv entgegengesetzt wird, nämlich das göttliche Licht, das einen ständig begleiten soll.

Strophe 4

Lass, wenn der müde Leib entschläft/ die Seele wachen
Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen/
So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu Dir.

  • Die letzte Strophe setzt einen Schlusspunkt sowohl für den Tag als auch für das Leben insgesamt.
  • Jetzt geht es darum, dass die Seele stets wachsam bleiben soll.
  • Was dann den letzten Tag des Lebens angeht, also die Vorbereitung der Todesstunde, wird der Wunsch geäußert, dass man dann gewissermaßen von Gott aus der Finsternis herausgerissen und zu ihm geführt wird.

Aussage / Bedeutung

Das Gedicht zeigt,

  1. wie wenig in der Zeit des Barock, also im 17. Jahrhundert, dem alltäglichen Leben an Wert zugemessen wurde.
  2. Die Zeit galt regelrecht als „vertan“, auch wenn man auf dem „Feld“ oder sonstwo sein „Werk“, also seine normale Arbeit gut erledigt hatte.
  3. Für unsere Zeit ungewöhnlich ist der ständige Blick auf das Lebensende,
  4. so dass die Zeit bis dahin gesehen wird wie eine Rennbahn.
  5. Die größte Angst gilt der Gefahr des „Ausgleitens“, also des Abkommens von der vorgegebenen göttlichen Bahn des Menschen.
  6. Am Ende bleibt dann nur der Wunsch, stets von Gottes Licht begleitet und in der Todesstunde regelrecht „aus dem Tal der Finsternis“ in den Himmel hinaufgerissen zu werden.

Weiterführende Hinweise 

Kurt Tucholsky, „Luftveränderung“

Anmerkungen zu Tucholskys Gedicht „Luftveränderung“

Vorab-Hinweis auf zusammenfassendes Schaubild

Wir haben auf der folgenden Seite noch ein Schaubild hinzugefügt, das in einer mp3-Datei erklärt wird. Außerdem gibt es dort eine kurze Zusammenfassung.
https://textaussage.de/1761-mp3

Kurt Tucholsky

Luftveränderung

  • Der Titel „Luftveränderung“ wird normalerweise verstanden als eine Verbesserung der Luft, was der Gesundheit dienen soll.
  • Dementsprechend ist das eine landläufige Empfehlung, wenn jemand in einer Situation überfordert ist oder einfach auch mal einen Tapetenwechsel braucht.

Strophe 1

 

Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre!
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

  • Die erste Strophe des Gedichtes präsentiert die wiederholte Aufforderung an einen Jungen zu fahren.
  • Das wird verbunden mit zwei konkreten Empfehlungen, einmal mit der Eisenbahn, zum anderen mit einem Wasserkahn.
  • Das wird dann noch erweitert, indem im zweiten Falle davon die Rede ist, dass die Haare dabei wehen – was man als Zeichen von Vorwärtskommen und Freiheit verstehen könnte.

Strophe 2

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremden Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

  • Die zweite Strophe macht dann deutlich, dass es weniger um direkt gesundheitliche Fragen geht, sondern eher um ein Herauskommen aus einer vielleicht eingefahrenen oder sonstwie belastenden Situation.
  • Dafür kommen vor allem „fremde Städte“ in Frage, in die man regelrecht „eintauchen“ kann, d.h. alles andere hinter sich lassen, ganz woanders sein und dabei auch zu sich selbst finden.
  • Das wird dann noch konkretisiert, indem von „fremden Gassen“ die Rede ist, in der man „fremde Menschen“ findet und wo man sogar aus „fremden Tassen“ trinken kann.
  • Ganz offensichtlich kommt es besonders auf die Fremde sein, eine andere Welt.

Strophe 3

Flieh Betrieb und Telefon,
grab in alten Schmökern,
sieh am Seinekai, mein Sohn,‘
Weisheit still verhökern.

  • In dieser Strophe bestätigt sich der Eindruck, dass hier jemand mal von seinem Arbeitsleben wegkommen muss.
  • Dieser Welt wird eine mit alter Kultur, entsprechenden berühmten Orten entgegengestellt, wo sogar „Weisheit“ zu erwerben ist.

Strophe 4

Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

  • Diese Strophe erweitert das „Fremde“ in Richtung Abenteuer und eine herzerwärmende Natur.

Strophe 5

Wie du auch die Welt durchflitzt
ohne Rast und Ruh –:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

  • Erst die letzte Strophe macht dann deutlich, dass es sich nicht wirklich um ernstgemeinte Vorschläge handelt,
  • sondern dass hier nur eine fremde „Welt durchflitzt“ wird.
  • Man kann sich dort nur durch Geschwindigkeit und Rastlosigkeit betäuben.
  • Die beiden letzten Zeilen machen dann eine alte Lebensweisheit deutlich, dass man sich selbst überall hin mitnimmt.
  • Wenn man also selbst in sich ein Problem hat oder es sogar selbst ist, bringt es nach Auffassung des lyrischen Ichs nichts, das alles in eine fremde Welt mitzunehmen und dabei zu hoffen, dass es verschwindet.
  • Ein schöner Einfall ist die Verkürzung der letzten Strophe, die eine Art Knalleffekt hervorbringt, der die entscheidende Botschaft besonders prägnant wirken lässt.
  • Auch das Bild des Puffers erscheint gelungen, weil da im Zugwagen etwas mitfährt, was man direkt nicht sieht, was sich aber dann bald bemerkbar macht.

Aussage, Bedeutung und Anregung

Das Gedicht zeigt,

  • dass es viele Möglicheiten gibt, vor seinen Problemen davonzulaufen,
  • indem man in eine ganz andere Welt „eintaucht“.
  • Es wird deutlich gemacht, dass man seine Probleme aber nicht los wird,
  • wenn man sie einfach mitnimmt
  • und nicht bearbeiten will.

Insgesamt wird eine Lebensweisheit in Appelle und eine Schlussfolgerung verpackt, die viel für sich hat, die aber in dieser Absolutheit nicht gelten muss.

Denn natürlich kann eine „Luftveränderung“ helfen, aber das kann nur eine bessere Basis dafür schaffen, um an seine Probleme heranzugehen – ggf. mit Hilfen.

Kreative Anregung:

Hier könnte man schön ein Gegengedicht bzw. eins schreiben, das weiterführt, stärker differenziert.

Dabei sollte man auf Reimzwänge verzichten und sich lieber auf einen passenden Rhythmus konzentrieren.

Wir wäre es denn etwa mit dem folgenden Beginn:

Wie war es doch einmal so schön.
Man ging auf Reisen und vergaß die Welt,
die einen quälte und nicht ruhen ließ.

War man schließlich am Sehnsuchtsort,
Man machte, was man wollte.
Man konnte Tage warten,
bis vielleicht Regen kam
und man dann ein paar Karten schrieb.

Ganz anders sieht es heute aus.
[Und dann geht man auf all das ein, was einen heute an der Erholung hindern kann. Wer übrigens wirklich glaubt, keine E-Mails im Büro abrufen zu müssen, das Handy ausstellt, erlebt so eine Art Post-Holiday-Syndrom, wie es z.B. auf dieser Seite beschrieben wird.]

Weiterführende Hinweise

Joachim Ringelnatz, „Segelschiffe“

Vorbemerkung zu dem Gedicht „Segelschiffe“ von Joachim Ringelnatz

Das folgende Gedicht hat unserer Meinung nach lediglich den Härtegrad von etwa 3 – in einer Skala bis 10. Von daher begnügen wir uns hier mit einer knappen Zusammenfassung der Aussage und Bedeutung

Joachim Ringelnatz, „Segelschiffe“ – Text zum „Selber-mal-Schauen“

Joachim Ringelnatz

Segelschiffe

01 Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch

02 Und über sich Wolken und Sterne.

03 Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch

04 mit Herrenblick in die Ferne.

 

05 Sie schaukeln kokett in des Schicksals Hand

06 Wie trunkene Schmetterlinge.

07 Aber sie tragen von Land zu Land

08 Fürsorglich wertvolle Dinge.

 

09 Wie das im Wind liegt und sich wiegt,

10 Tauwebüberspannt durch die Wogen,

11 Da ist eine Kunst, die friedlich siegt,

12 Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.

 

13 Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt. –

14 Natur gewordene Planken

15 Sind Segelschiffe. – Ihr Anblick erhellt

16 Und weitet unsre Gedanken.

Aussage und Bedeutung des Gedichtes

  • Wenn man sich das Gedicht ein- oder zweimal durchgelesen hat, merkt man, dass es ein einziges Loblied auf Segelschiffe ist, die früher eine große Bedeutung gehabt haben.
  • Am besten zählt man jetzt einfach auf, welche positiven Eigenschaften mit Segelschiffen verbunden werden:
    • Sie ermöglichen den „Herrenblick in die Ferne“, d.h. sie machten zur Zeit von Ringelnatz die Ferne überhaupt erreichbar.
    • „sie tragen von Land zu Land /Fürsorglich wertvolle Dinge“
    • Sie stehen für eine „Kunst, die friedlich siegt“
    • „Und ihr Fleiß ist nicht verlogen.“ Das heißt, es ist ein ehrlicher Fleiß, sie tun wirklich etwas – etwa im Gegensatz zu reiner Spekulation.
    • Wichtig sind natürlich die Zeilen 15 und 16, die zum einen einen Abschluss bilden, zum anderen aber auch deutlich machen, dass es Werte gibt, die über das reine Fahren und Transportieren hinausgehen, der Anblick „erhellt / Und weitet unsre Gedanken.“
      Hier kann man sich fragen, ob heutige Verkehrsmittel in gleicher Weise dazu in der Lage sind – und welche dafür besonders in Frage kommen.
      Anmerkung: Eine ähnlich positive Sicht eines Verkehrsmittels gibt es in dem folgenden Gedicht im Hinblick auf die Eisenbahn:
      https://www.einfach-gezeigt.de/pl%C3%B6nnies-auf-der-eisenbahn
  • Insgesamt wird deutlich, dass die friedlichen Leistungen der Segelschiffe für die Menschheit hervorgehoben werden.
  • Dass Segelschiffe natürlich auch für Kriegseinsätze verwendet worden sind, wird völlig ausgeblendet.
  • Am Ende kann man sich die Frage stellen, inwieweit Segelschiffe auch heute noch zumindest etwas von diesem Positiven weiterhin bereitstellen und wodurch sie eventuell abgelöst sein könnten. Man denke etwa an das Segelfliegen.

Wer noch mehr möchte … 

 

Rainer Maria Rilke, „Spätherbst in Venedig“

Zu Rilkes Gedicht „Spätherbst in Venedig“

Man sollte für Gedichte so eine Art Härtegrade einrichten – zumindest, was den Umgang damit in der Schule angeht. Privat kann man ja eine Anthologie einfach mal durchblättern. Was einem gefällt, das schaut man sich genauer an. Und was einem seltsam bis fremd vorkommt, das überblättert man einfach.

Wenn dieses Gedicht nun in der Schule gelesen werden sollte (und lesen heißt in der Schule ja immer auch interpretieren), dann würden wir auf einer zehnstufigen Skala die höchste Punktzahl vergeben.

Das hindert uns aber nicht, uns trotzdem ranzuwagen 😉

Erwartungen, die sich mit dem Titel ergeben.

  • Der Titel präsentiert zwei wichtige Informationen, zum einen die Angabe einer Jahreszeit, die für viele Menschen eine Vorstufe des Winters ist. Dementsprechend gibt es auch negative Erwartungen. Man spricht ja nicht von ungefähr vom Herbst des Lebens, wenn man das Alter meint.
  • Das zweite Signal ist eine Ortsangabe, der Hinweis auf eine der berühmtesten und traditionsreichsten Städte in Italien, von Touristen überrannt und in der Gefahr, im Laufe der Zeit zu versinken.
  • Zum einen könnte man jetzt vermuten, dass das Gedicht möglicherweise auch die düsteren Aspekte der Jahreszeit aufnimmt, es könnte aber auch sein, dass im Spätherbst weniger Touristen kommen und damit die Situation für die Einwohner sich erleichtert.
  • Hier muss man natürlich vorsichtig sein, denn das Gedicht stammt ja aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – und da gab es zum Beispiel noch keine Kreuzfahrtschiffe, wie sie heute die Lagune befahren.

Strophe 1

Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Köder,
der alle aufgetauchten Tage fängt.
Die gläsernen Paläste klingen spröder
an deinen Blick. Und aus den Gärten hängt

  • Der Anfang der ersten Strophe verstärkt das Signal einer gewissen Befreiung, zumindest einer verminderten Anziehungskraft, die am Ende ja negative Folgen hat, wenn der Fisch den Köder geschluckt und bald in der Pfanne liegt.
  • Die zweite Zeile allerdings stellt diese Interpretation infrage, weil durch den Köder keine Touristen angelockt worden sind, sondern „aufgetauchte Tage“. Damit wird der Sonnenaufgang in eine Verbindung mit der Wasserwelt der Stadt gebracht. Auf jeden Fall ist klar, dass die „Köder“-Funktion Venedigs im Spätherbst verschwunden ist.
  • Die dritte Zeile ist ein bisschen irritierend, weil die Paläste mit „klingen“ verbunden werden, die den Blick des Betrachters erreichen. Allerdings erscheinen die Paläste als „gläsern“ und mit Glas kann man auch Musik machen, zumindest Töne produzieren.
  • Allerdings bleibt es ein sehr eigentümliches künstlerisches Mittel. Man hat den Eindruck, dass es Rilke darauf ankommt, seine Wahrnehmungen und Gefühle auf ganz besondere Weise zu formulieren, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Zumindest denkt der Leser darüber nach, was der Anblickl der Paläste mit der Wahrnehmung von Musik zu tun haben kann.

Strophe 2

Aus der vorigen Strophe:
[Und aus den Gärten hängt]
der Sommer wie ein Haufen Marionetten
kopfüber, müde, umgebracht.
Aber vom Grund aus alten Waldskeletten
steigt Willen auf: als sollte über Nacht

  • Zwischen der ersten und der zweiten Strophe gibt es einen „Sprung“, d.h. das Ende der ersten Strophe wird vom Satzbau her in der zweiten Strophe fortgeführt und auch zu einem Ende gebracht.
  • Wenn es heißt:
    „Und aus den Gärten hängt / der Sommer wie ein Haufen Marionetten / kopfüber, müde, umgebracht“
    dann soll damit ausgedrückt werden, dass der Sommer sein Spiel gemacht hat und nun eben gewissermaßen abgelegt ist und man ihm auch nicht mehr die sonstige Aufmerksamkeit widmet.
  • Es folgt ein Gegensatz:
    „Aber vom Grund aus alten Waldskeletten / steigt Willen auf…“,
    der wohl aufnimmt, dass Venedig als Lagunenstadt auf Baumpfählen aufgebaut worden ist, was dem lyrischen Ich hier in den Sinn kommt und das ihn dazu bringt, diese Stadt mit ganz viel „Willen“ zu verbinden.
    Der Rest der letzten Zeile ist dann in einem erneuten Strophensprung mit dem nächsten Abschnitt des Gedichtes verbunden.

Strophe 3

[als sollte über Nacht]
der General des Meeres die Galeeren
verdoppeln in dem wachen Arsenal,
um schon die nächste Morgenluft zu teeren

  • Auch hier gibt es also wieder einen Strophensprung, der sogar noch weiträumiger ist.
  • Der Wille zum Bau der Stadt auf Pfählen wird verbunden mit dem Bau von „Galeeren“, Kriegsschiffen, die sowohl mit Rudern wie auch mit Segeln angetrieben werden konnten.
  • Hervorgehoben wird dann auch noch die Werft, in der sie gebaut wurden, wenn „vom wachen Arsenal“ die Rede ist. Hier wird also der „Wille“ auch noch mit einer „wachen“ Haltung verbunden, beides  Voraussetzung für den Aufstieg Venedigs zur Seemacht.
  • Die Strophe endet dann mit einer weiteren sehr originellen Formulierung, wenn nämlich die Abdichtung der Schiffsrümpfe verbunden wird mit dem Geruch, der sich dadurch verbreitet.

Strophe 4

mit einer Flotte, welche ruderschlagend
sich drängt und jäh, mit allen Flaggen tagend,
den großen Wind hat, strahlend und fatal.

  • Die letzte Strophe nimmt dann die Ausfahrt einer großen Flotte in den Blick, verbindet sie mit günstigen Signalen, endet aber mit dem Wort „fatal“, was schicksalhaft in einem negativen Sinne bedeutet.
  • Angedeutet sein könnte damit das Schicksal der Seeleute auf den Galeeren, die im Falle einer Schiffsversenkung kaum eine Chance hatten sich zu retten.

Aussage und Bedeutung

  1. Das Gedicht präsentiert vor allem Wahrnehmungen, die man eben im Spätherbst in Venedig haben kann.
  2. Dazu kommen Assoziationen, die mit typischen Elementen der Stadt verbunden werden.
  3. Letztlich läuft es darauf hinaus, eine Besonderheit dieser Stadt hervorzuheben,
    1. nämlich zum einen den außergewöhnlichen Willen, der zu einer solchen Stadtbau im Meer nötig ist.
    2. Zum anderen wird auch die kriegerische Expansion der Macht dieser Stadt in den Blick genommen,
    3. allerdings am Ende mit dem Wort „fatal“ verbunden, also nicht positiv gesehen.
  4. Was außerdem auffällt ist die Neigung, auf eine recht extreme Art und Weise mit der Sprache und der Bedeutung der Wörter zu spielen. Am ehesten kann man sich das erklären, wenn auf diese Art und Weise versucht wird, die Sprache aus dem Bereich der Normalität herauszulösen, sie wieder mit ursprünglicher Ausdruckskraft auszustatten.

Mat1753  © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag
Diese Seite darf gerne – wie alle, die ich im Internet veröffentliche – im Unterricht eingesetzt werden. Dafür ist sie nämlich da 😉

Wer noch mehr möchte … 

 

Dieter Mucke, „Reiseeindruck“

Anmerkungen zum Gedicht „Reiseeindruck“ von Dieter Mucke

Auswertung des Titels

  • Der Titel ist etwas irritierend, weil er nicht im Plural erscheint, was man leichter verstehen könnte. Der Singular kann sich ja nur auf eine einzelne Reise beziehen und muss sich auch auf einen Aspekt konzentrieren. Da ist man als Leser gespannt, wie das eingelöst wird im Gedicht.
  • Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie sinnvoll es ist, tatsächlich ausgehend vom Titel ein Vorverständnis zu ermitteln und nicht erst einfach vom Ende her den Titel einzubeziehen.
  • Den Texte sind nun einmal linear  aufgebaut und erzeugen bei einem aufmerksamen Leser einen fortlaufenden Aufbau des Verständnisses.

Die erste Strophe (Quartett als Teil eines Sonetts)

  • Die erste Zeile erweckt den Eindruck, dass hier jemand dem lyrischen Ich den Vorwurf gemacht hat, er schwebe über den Wolken. Damit ist in der Regel gemeint, dass jemand nicht mehr die Realität im Auge hat.
  • Die zweite Zeile nimmt das denn durchaus positiv auf, macht also ein Zugeständnis und zwar im Sinne des Aufenthalts in dieser Über-den-Wolkenzone.
  • Die Zeilen 3 und 4 betonen allerdings, dass diese Zeit über den Wolken für das lyrische Ich von besonderer Bedeutung ist, weil es eben nicht „am Boden kleben“ möchte.
  • Die Formulierung besagt, dass die Nähe zum Boden immer auch den Blick einengt und man erst aus einer größeren Höhe einen besseren Überblick hat.
  • Das Problem dabei ist natürlich, dass man über den Wolken auch nicht unbedingt einen besseren Überblick hat, von daher muss das hier wohl im übertragenen Sinne verstanden werden, im Sinne von Abstand zu etwas haben, um es es dann besser zu verstehen oder zu überblicken.
  • Die letzte Zeile betont wohl den Unterschied zwischen Mensch und Tier und spielt möglicherweise an auf die Stammesgeschichte des Menschen und den niedrigeren Entwicklungsstand eines Reptilsim Vergleich zu einem intelligenten Liebeswesen.
  • Im Hinblick auf diese Stelle könnte es sinnvoll sein, das mal genauer zu recherchieren. Man liest ja hin und wieder, dass manche menschlichen Reaktionen aus dem sogenannten Reptiliengehirn kommen. Das muss eine sehr alte Stufe der geistigen Entwicklung darstellen.
  • https://www.gehirnlernen.de/gehirn/der-hirnstamm-oder-das-reptiliengehirn/
  • Letzlich geht es dem lyrischen Ich ganz offensichtlich darum, das geistige Potenzial des Menschen möglichst voll auszuschöpfen.

Die zweite Strophe (Quartett als Teil eines Sonetts)

  • Der Beginn der zweiten Strophe ist dann insofern etwas irritierend, weil jetzt das Fliegen über den Wolken mit der Komprimierung der Zeit verbunden wird.
  • Konkret genannt wird ein Verhältnis von 1 zu 365, d.h. das, was normalerweise 365 Tage dauert, wird dort in einem Tag geschafft.
  • Irritierend ist es insofern, als wir heute eher das schnelle Verschwinden von Zeit als etwas Negatives empfinden und uns dem Ziel verpflichtet fühlen, den einzelnen Tag voll auszuleben.
  • In dieser Strophe ist dann allerdings von grauen Wochen die Rede, offensichtlich befreit das Fliegen über den Wolken von einer zeitlichen Entwicklung, die als unangenehm empfunden wird. Vielleicht ist damit gemeint, dass die Höhepunkte eines Jahres, die normalerweise unterbrochen sind (eben von vielen grauen Wolken), im Flugzeug dichter beieinander liegen.
  • Die letzte Zeile setzt dann aber den deutlichen Akzent, dass man über den Wolken überrascht ist und als Leser vermutet man hier eher etwas Positives.

Die dritte Strophe (Terzett als Teil eines Sonetts)

  •  Diese Strophe macht dann auch deutlich, dass das Fliegen zu schönen Erfahrungen führt.
  • Allerdings bleibt etwas fragwürdig, wie das lyrische ich im Flugzeug erkennen will, ob Ein Fluss stinkt oder nicht und man aus ihm als Mensch und Tier „das klarste Wasser trinken kann“.

Die vierte Strophe (Terzett als Teil eines Sonetts)

  • Die letzte Strophe betont dann noch mal diese positive Vermutung, dass die Flüsse, die man aus dem Flugzeug sieht, in einem noch besonders sauberen und natürlichen Zustand sind.
  • Allerdings macht die letzte Zeile den Leser etwas skeptisch, weil da von „gaffen“ die Rede ist und vorher der Konjunktiv II auftaucht, der ja auch als Irrealis bezeichnet wird.
  • Das würde dann bedeuten, dass man vom Flugzeug aus sich diese Welt schöner sieht, als sie möglicherweise ist.

Aussage und Bedeutung

Insgesamt hat man am Ende den Eindruck, dass das Gedicht keine einfache klare Aussage hat, sondern mit verschiedenen Ansichten spielt.

  1. Am Anfang ist da der Vorwurf, dass man beim Fliegen eher in einer Art Wolkenkuckucksheim lebt.
  2. Dem setzt das lyrische Ich etwas Positives entgegen und betont eben gerade die höhere Position des Betrachtens und damit wohl auch den besseren Blick.
  3. Dann aber häufen sich doch eher negative Aspekte des Fliegens, zum Beispiel das schnelle Verrauschen der Zeit.
  4. Am Ende zeigt sich dann sogar, dass der Blick aus dem Flugzeug heraus auch trügerisch sein kann, weil etwas aus der Distanz schöner ist, als es bei näherer Betrachtung aussieht.
  5. Vor diesem Hintergrund könnte dann auch die Distanzierung von der Reptilienexistenz gar nicht so positiv sein, wie man zunächst geglaubt hat. Das würde dann eine Kritik an der geistigen und kulturellen Entwicklung der Menschen bedeuten, die ihren Verstand eben auch dafür einsetzen, Flüsse zu vergiften, die man dann nur noch aus größerer Höhe als urtümlich, schön und natürlich wahrnimmt.
  6. Insgesamt also ein sehr vielschichtiges Gedicht, das sich einem erst nach genauerem Lesen und Nachdenken erschließt.
  7. In der Praxis einer Interpretation für die Schule wird es wohl so sein, dass man schnell erkennt, dass der Blick aus dem Flugzeug nicht die wirkliche Realität beim Umgang mit der Natur zeigt.
  8. Dann muss man nur noch eine Erklärung dafür finden, dass ja die Abstandsgewinnung am Anfang des Gedichtes positiv verstanden wird.
  9. Aber so ein Abstand findet sich ja auch, wenn in einer Konzernzentrale mal eben schnell ein Projekt zur Umwandlung der Natur beschlossen wird, das die Menschen vor Ort und vor allem die Naturschützer verzweifeln lässt.
  10. Am Ende kann man dann auch noch mal auf den Titel des Gedichtes zurückschließen. Der könnte jetzt so verstanden werden, dass der Blick aus dem Flugzeug eben nur ein kurzzeitiger Reiseeindruck ist, der sich nach der Landung und der näheren Begegnung mit der Landschaft schnell und ins Negative verflüchtigt.

Wer noch mehr möchte … 

 

Sarah Kirsch, „Fluchtpunkt“

Auswertung der Überschrift

  • Die Überschrift Fluchtpunkt ist zunächst rätselhaft. Allenfalls fällt einem dazu ein, dass damit ein Punkt in der Ferne gemeint ist, der es einem möglicht, eine gerade Linie zu ziehen.

Die ersten Zeilen – die Langsamkeit des Reisens früher

  • Das Gedicht beschreibt in den ersten Zeilen den Unterschied zwischen Reisen zur Zeit Heines, also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und unseren Zeiten, etwa 150 Jahre später.
  • Die Zeit früher hat dabei durch die Langsamkeit des Reisens viel mehr Möglichkeiten geboten, sich mit den Eindrücken unterwegs zu beschäftigen. Im Hinblick auf unsere Zeit wird nur erwähnt, dass diese Möglichkeit so nicht mehr besteht.

Die Probleme des schnellen Reisens heute

  • Auf die Auswirkungen wird dann in den nächsten Zeilen eingegangen.
  • Dann erfolgt eine Zuspitzung. Es wird nämlich deutlich gemacht wird, dass die heutigen Reisen und wahrscheinlich auch Begegnungen zwischen Menschen häufig im Äußerlichen stecken bleiben. Das bedeutet dann, dass es weniger innere Erforschung und Begegnungen gibt.
  • Sehr schön ist der Einfall mit den Kellnern, die schon alles aus der Zeitung wissen und sich nicht mehr für das interessieren können oder wollen, was ihre Gäste gegebenenfalls an Erfahrungen gemacht haben.
  • In den letzten beiden Zeilen wird auf den Unterschied eingegangen zwischen Autos und Menschen. Es ist nicht ganz klar, was damit gemeint ist. Aber es könnte sich darauf beziehen, dass man sich heutzutage lieber über neue Autotypen (wichtig für die Geschwindigkeit des Reisens) unterhält als über Menschen, die scheinbar gleich aussehen.
  • Die letzte Zeile bringt dann noch einen neuen Gesichtspunkt hinein, dass nicht nur die Menschen uninteressant geworden sind, sondern auch die Orte, an denen sie wohnen. Das könnte sich beziehen auf die Gleichförmigkeit des Aussehens, die heutzutage immer mehr zur Normalität wird. Alles, was neu gebaut wird, sieht zumindest nach Auffassung des lyrischen Ichs irgendwie gleich aus, soweit es eben mit dem Menschen zu tun hat.

Verhältnis des Gedicht-Inhalts zur Überschrift

  • Am Ende fragt man sich, was die Überschrift jetzt mit dem Inhalt des Gedichtes zu tun hat. Möglicherweise bedeutet reisen heute auch, nur noch an ein gegebenfalls auch recht weit entferntes Ziel zu denken und das, was dazwischen ist, ist nichts mehr als eine Linie, deren einzelne Punkte gar nicht mehr wahrgenommen werden.

Zusammenfassung: Aussagen und Bedeutung

  • Insgesamt ein Gedicht, das vor dem Hintergrund der modernen Verkehrsmittel auf die Unterschiede in den Erfahrungen zwischen früheren und heutigen Zeiten aufmerksam macht.
  • Inwieweit das im Einzelnen alles überzeugt, kann am besten im Austausch über dieses Gedicht geklärt werden. Dafür stellt es eine großartige Anregung bereit.
  • Zum Beispiel wird in keiner Weise darauf eingegangen, dass die Geschwindigkeiten und Gefahren in früheren Zeiten auch nicht nur als lustig empfunden wurden.
  • Wer zum Beispiel im 19. Jahrhundert nach Amerika auswanderte, hat die zurückgebliebenen Freunde und Familienmitglieder in der Regel nie wieder gesehen.
  • Das ändert aber nichts daran, dass schnelle Bewegung von einem Ort zum andern den Details unterwegs schon etwas an Bedeutung nimmt.

Weiterführende Hinweise

 

Walter Helmut Fritz, „Kein Widerspruch“

  • Die Überschrift „Kein Widerspruch“ ist recht interessant, wenn man versucht zu überlegen, worauf sich alles beziehen könnte. Auf jeden Fall wird suggeriert, dass es hier um eine Art von Einverständnis geht, eine Zustimmung.
  • Das Gedicht selbst ist dann erstaunlich einfach aufgebaut, weil es eigentlich nur aus einem langen Teil besteht, der in ständigen Wiederholungen beschreibt, dass wir heute fast jeden Punkt der Erde relativ leicht ansteuern können.
  • Der zweite Teil stellt dann die andere Seite des Lebens auch von Viel-Reisenden da, die eben auch mehr oder weniger ein Zuhause haben, in dem sie sich eigentlich fühlen können, das ihnen „seit Landem vertraut“ ist.
  • Man weiß nicht so richtig, was das Gedicht eigentlich aussagen soll. Es sieht so aus, als wollte es nur zeigen beziehungsweise drauf aufmerksam machen, dass wir eine Doppelexistenz führen
    • eine, die in die Weite reicht,
    • und eine, die immer noch wie früher auch in der Nähe bleibt.
  • Die Frage ist nur, ob das wirklich stimmt, ob es wirklich keinen Unterschied gibt, ob man in vielen Orten der Welt gewesen ist und dann vielleicht das Zuhause doch mit einem etwas anderen Blick betrachtet.
  • Zum Beispiel sind Leute, die an vielen Orten der Welt gewesen sind und dort auch die Augen aufgemacht haben, in der Lage, das, was über den Fernsehschirm an Realitätsbeschreibung flimmert, mit dem zu vergleichen, was sie selbst erlebt haben.  Nicht von ungefähr gibt es im Deutschen das Wort „erfahren“, das einfach deutlich macht, dass jemand, der weit herumgekommen ist, mehr von der Welt weiß und das auch für sich nutzen kann.
  • Und was man so über die langen Auslandsaufenthalte von Firmenangestellten hört, geht doch eher in die Richtung, dass zu Hause die Karriere-Entscheidungen fallen. Wer nicht da ist, kann auch seine Interessen nicht vertreten.
  • Also insgesamt ein Gedicht, das eine These aufstellt und damit eben auch eine Diskussion darüber auslösen kann, aber mehr kaum leistet. Man kann es als Anstoßtext betrachten, aber das Entscheidende geschieht erst in der Auseinandersetzung mit ihm durch die Leser.
  • Wenn man dann noch einmal auf den Titel zurückkommt, so macht der in diesem Falle die insgesamt doch recht beschränkte Aussage zumindest ganz deutlich. Es wird klargemacht, dass es nach Auffassung des lyrischen Ichs keinen Widerspruch gibt zwischen Weltläufigkeit und Standorttreue.
  • An dieser Stelle lohnt es sich, auf die beiden Begriffe der „somewheres“ und der „anywheres“ einzugehen, hinter denen möglicherweise nicht nur ganz unterschiedliche Verhaltensweisen stehen, sondern auch daraus erwachsende Grundeinstellungen und Interessen..
    Näheres dazu findet sich zum Beispiel hier:
    https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/wohnen/somewheres-anywheres/

Wer noch mehr möchte … 

 

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