Anders Freistein, „Hinterausgang“ – eine Kurzgeschichte als Frustbewältigung (Mat3050-kre)

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Inhaltsverzeichnis

  1. Worum es geht: Schreiben statt Zurückschnauzen
  2. Vorschau und Druckvorlage
  3. Die Geschichte – Abschnitt für Abschnitt erklärt
  4. Was man im Unterricht damit machen kann
  5. Weitere Infos, Tipps und Materialien

Worum es geht: Schreiben statt Zurückschnauzen

Was macht man, wenn einen jemand von oben herab behandelt? Zurückschnauzen? Rache planen? Die Heldin dieser Kurzgeschichte wählt einen anderen Weg: Sie schreibt.

Angeregt wurde die Geschichte durch Heimito von Doderers berühmten Kürzesttext „Das Verhängnis“. Der wird hier ganz offen genannt, als Verbeugung vor seiner Leistung und als Einladung, ihn selbst zu lesen. Unsere Anmerkungen zu Doderers Text findet ihr ganz unten bei den weiteren Infos.

  • Manchmal ist es auch ganz schön, wenn man hört, wie der Autor einer Geschichte sie sich vorstellt.
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  • Er kann da noch ganz eigene Akzente setzen, einzelne Stellen hervorheben, den Ton ändern, Pausen machen.
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  • Wir machen das einfach mal als YouTube-Video. Dann kann man sich das entweder einfach anhören – oder man liest an der einen oder anderen Stelle mit.
    In diesem Falle ist die Hörfassung der Geschichte hier zu finden: https://youtu.be/-1jP8wadkZM

Übersicht über die Hörfassung

0:00 Einführung: Worum es in der Geschichte geht
1:07 Anfang: Ein Zeugnis in der Schublade
1:37 Alltag im Bahnhof und das Notizbuch
2:00 Zusammenstoß an der Glastür: „Hinterausgang“
2:40 Erinnerung an Doderers „Das Verhängnis“
3:08 Schiller und das Gericht der Bühne
3:26 Der gelöschte Entwurf
3:55 Die erfundene Fortsetzung: der Zettel
4:38 Online gestellt: „Ich auch“
5:08 Was danach kam
5:22 Bei der Lesung: ohne Entschuldigung
5:38 Schlusswort: Kreativität statt Zurückschnauzen

Vorschau und Druckvorlage

Vorschau auf die Kurzgeschichte „Hinterausgang“ von Anders Freistein, angeregt durch Heimito von Doderers „Das Verhängnis“

Die Geschichte als Druckvorlage (PDF) für den Unterricht:

Diese Seite im Video erklärt

https://youtu.be/RA69vL2iLDA

Hier auch die Sprungziele zu den einzelnen Kapiteln des Videos.
0:00 Schreiben statt zurückschnauzen – worum es geht
0:41 Was tun? Zurückschnauzen, Rache – oder ein vierter Weg?
1:16 Die Geschichte im Überblick – und die geplante Hörfassung
1:37 Ein Satz, der trifft: „Gibt es für Ihresgleichen keinen Hinterausgang?“
2:07 Was er nicht weiß: eine Germanistin mit Notizbuch
2:22 Zurückschnauzen, runterschlucken, Rache planen – was bringt das?
3:00 Die Idee dahinter: Doderers „Das Verhängnis“
3:50 So ist die Geschichte gebaut: der Anfang im Doderer-Ton
4:15 Der Zusammenstoß an der Glastür
4:30 Schiller und das „Gericht der Bühne“
5:05 Der Wendepunkt: der gelöschte Entwurf
5:27 Eine Fortsetzung mit eigenem Maßstab
5:44 Die Wirkung: „Ich auch“
6:03 Der Schluss – ein Blick auf die Webseite
7:08 Was die Frau gewonnen hat: Selbstbewusstsein
7:25 Links, Fragen und Korrekturen auf der Seite
7:50 Anregung: selbst schreiben – aber niemanden bloßstellen

Die Geschichte – Abschnitt für Abschnitt erklärt

Anders Freistein
Hinterausgang

1. Ein Anfang im Doderer-Ton – und gleich mischt sich der Erzähler ein

Sie war jung, sie war klug, und sie hatte ein Zeugnis, auf dem „sehr gut“ stand, Germanistik, Hauptfach. Das Zeugnis lag in einer Schublade. Sie selbst stand in den Toilettenräumen des Hauptbahnhofs, weiß gekachelt, gut gelüftet, und kassierte fünfzig Cent. Schön, wird man sagen, aber wo ist der Haken? Geduld. Der kommt immer.

  • „Sie war jung, sie war klug …“ – schon der erste Satz klingt wie bei Doderer. Das Zeugnis in der Schublade verrät: Hier arbeitet eine Germanistin unter ihren Möglichkeiten.
  • Gleich mischt sich der Erzähler ein: „Schön, wird man sagen, aber wo ist der Haken? Geduld.“
  • Er spielt mit der Erwartung des Lesers, dass jede Geschichte ein Problem braucht.

2. Scheinbar harmlose Normalität – mit einem Notizbuch im Kittel

Eigentlich mochte sie die Arbeit. Die Frau mit dem Rollator, die jeden Dienstag kam und sich für die Seife bedankte, als sei sie ein Geschenk. Die Schülerinnen, die vor dem Spiegel über ihre Lehrer lästerten und nicht ahnten, dass jemand mitschrieb. Denn das tat sie: In der Kitteltasche steckte ein Notizbuch, und zwischen zwei Kundinnen landete dort mancher Satz, den das Leben ihr geschenkt hatte.

  • Die Frau mit dem Rollator, die lästernden Schülerinnen: Die Arbeit wird freundlich, fast liebevoll gezeigt.
  • Nebenbei erfahren wir das Wichtigste: Im Kittel steckt ein Notizbuch. Die Toilettenfrau ist heimlich schon Schriftstellerin.

3. Der Zusammenstoß: „Ihresgleichen“ gehört nach hinten

An diesem Mittwoch trug sie gegen elf die Säcke vom Vormittag hinaus. An der Glastür stieß sie mit ihm zusammen. Anzug, Rollkoffer, Telefon am Ohr. Er trat einen Schritt zurück, als hätte er sich an etwas Ansteckendem gestoßen, wischte über den Ärmel, den sie nicht einmal berührt hatte, und sagte, ohne das Telefon zu senken: „Gibt es für Ihresgleichen keinen Hinterausgang?“

  • Verachtung zeigt sich zuerst in einer Geste: Er wischt über den Ärmel, den sie gar nicht berührt hat.
  • Dann kommt der Satz vom „Hinterausgang“. Er trifft nicht die Person, sondern ihren Platz in der Gesellschaft: „Ihresgleichen“ gehört nach hinten.

4. Der Erzähler zwinkert: „Da ist er ja, der Haken“

Dann war er weg. Sie stand noch einen Moment da, die Säcke in der Hand, und merkte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Aha, denkt der Leser. Da ist er ja, der Haken.

  • „Aha, denkt der Leser. Da ist er ja, der Haken.“ Wie bei Doderer kommentiert der Erzähler sein eigenes Handwerk.
  • Das nimmt der Szene die Schwere, ohne die Kränkung zu verharmlosen.

5. Die Quelle wird offengelegt: Doderer vom Vorabend

Am Nachmittag fiel ihr etwas ein. Am Abend zuvor hatte sie in einem alten Lesebuch geblättert, das jemand in der Wartehalle liegen gelassen hatte, und war auf eine kleine Geschichte von Heimito von Doderer gestoßen: „Das Verhängnis“. Eine junge Toilettenfrau, ein netter junger Mann, eine Frage nach dem Beruf. „Das geht nicht“, sagt er, und geht. Sie hatte damals gelacht. Heute lachte sie nicht.

  • Die Heldin erinnert sich an Doderers „Das Verhängnis“, das sie am Vorabend gelesen hat.
  • Dieser Kunstgriff des „zufälligen Fundes“ macht transparent, woher die Idee kommt – und schickt die Leser zur Vorlage.

6. Schiller meldet sich: Für Hochmut gibt es kein Gesetz – aber eine Bühne

Und dann meldete sich das Studium. Schiller, drittes Semester: Wo die weltlichen Gesetze enden, beginnt das Gericht der Bühne. Für diesen Mann gab es kein Gesetz. Aber vielleicht eine Bühne.

  • Aus dem Studium fällt ihr Schillers Gedanke ein: Wo die weltlichen Gesetze enden, beginnt das Gericht der Bühne.
  • Für Hochmut gibt es kein Gesetz – aber man kann ihn auf die Bühne bringen. Hier wird es der Laptop.

7. Der gelöschte Entwurf – der eigentliche Wendepunkt

Und die ergab sich abends an ihrem Laptop. Der erste Entwurf war schnell geschrieben und gemein. Sie beschrieb sein Gesicht, seinen Koffer, sogar die Farbe seiner Krawatte. Dann las sie es durch und löschte es. Sie kannte den Mann nicht. Sie wollte nichts von ihm. Es ging ihr nicht um ihn. Es ging um diesen Blick, den manche von oben herab auf andere werfen, als stünden diese nur im Weg.

Also schrieb sie über den Blick.

  • Der erste Entwurf ist gemein: Gesicht, Koffer, Krawatte. Sie löscht ihn.
  • Es geht ihr nicht um diesen einen Mann, sondern um „diesen Blick“ von oben herab.
  • Hier wird aus persönlicher Kränkung Literatur: Der Einzelfall tritt zurück, das Muster wird sichtbar.

8. Eine Fortsetzung mit eigenem Maßstab: der Zettel statt der Freundin

Sie erfand einen Mann ohne Namen, aber mit dem gleichen Verhalten. Nur: Es gibt eine Fortsetzung. Als er abends in seine schöne Wohnung kommt: Keine Musik, kein Licht, keine Freundin. Nur ein Zettel auf dem Küchentisch: „Was du heute Morgen beim Gehen zu mir gesagt hast, geht für mich gar nicht. Ich habe mir für die zwei Jahre abgehoben, was ich für angemessen halte. Das Konto läuft ja auch auf meinen Namen. Zum Glück habe ich bei dir gelernt, wie man für sich selbst sorgt.“

Mehr nicht. Kein Gift, keine Häme. Ein Mann, gemessen mit seinem eigenen Maßstab.

  • „Nur: Es gibt eine Fortsetzung.“ Der erfundene Mann ohne Namen findet statt seiner Freundin einen Zettel.
  • Sie hat die Beziehung genauso als Geschäft behandelt, wie er Menschen nach Rang sortiert.
  • Das „geht für mich gar nicht“ ist ein leises Echo auf Doderers „Das geht nicht“ – nur kommt es diesmal von der anderen Seite.

9. Wiedererkennung statt Abrechnung: Fast alle schreiben „Ich auch“

Sie stellte die Geschichte online, dazu eine einzige Zeile: „Für alle, die schon mal den Hinterausgang nehmen sollten. Mit Dank an Doderer.“ Dann ging sie schlafen.

Am Morgen hatte sie dreitausend Kommentare. Eine Kellnerin schrieb, eine Altenpflegerin, ein Paketbote, ein Mann, der nachts Büros reinigte. Fast alle schrieben dasselbe: „Ich auch.“ Am Abend waren es vierzigtausend.

  • Kellnerin, Altenpflegerin, Paketbote: Fast alle schreiben „Ich auch“.
  • Die Geschichte wirkt, weil sie niemanden an den Pranger stellt, sondern vielen eine Stimme gibt. Aus vielen kleinen Kränkungen wird ein Strom.

10. Der Schluss: Stolz statt Entschuldigung

Was danach kam, lässt sich kurz erzählen. Ein Verlag meldete sich, dann ein Sender, dann eine Schule, die sie zu einer Lesung einlud. Das Zeugnis kam aus der Schublade.

Bei der Lesung fragte ein Schüler, was sie eigentlich beruflich mache.

„Ich schreibe“, sagte sie. Und nach einer kleinen Pause, ganz ohne Entschuldigung: „Und dienstags putze ich am Hauptbahnhof.“

  • Bei Doderer fügt die Toilettenfrau „gleichsam entschuldigend“ ihren Arbeitsort hinzu.
  • Hier sagt die Heldin „ganz ohne Entschuldigung“, dass sie dienstags am Hauptbahnhof putzt.
  • Sie hat ihren Beruf nicht hinter sich gelassen – sie schämt sich nur nicht mehr dafür.

Aus: Durchblicke bis auf Widerruf – Online-Zeitschrift für Schule und Studium 10/2026

Was man im Unterricht damit machen kann

Kritisch nachdenken
Ist die Fortsetzung mit dem Zettel gerecht – oder doch eine versteckte Rache? Wo verläuft die Grenze zwischen literarischer Verarbeitung und öffentlichem Pranger?

Vergleichen
Doderers „Das Verhängnis“ und „Hinterausgang“ nebeneinanderlegen: Was wird übernommen, was umgedreht? Wer hat am Ende die Pointe in der Hand? Wer mag, nimmt noch Schillers Ballade „Der Handschuh“ dazu, auf deren Schluss Doderer anspielt. Die passenden Seiten dazu stehen unten bei den weiteren Infos.

Kreativ werden
Eine eigene kleine Kränkung so erzählen, dass sie nicht nach Abrechnung klingt, sondern für viele gilt. Oder die Szene an der Glastür aus der Sicht des Mannes erzählen – und zeigen, wie wenig er bemerkt.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

Weitere Infos, Tipps und Materialien