Schnell erkennen, worum es geht ...

Schlagwort: Gedicht

Inhaltsangabe zu einem schwierigen Gedicht schreiben: Trakl, „Am Moor“

Inhaltsangaben – bei Balladen und Kurzgeschichten kein Problem

Aber zum Beispiel bei einer Dramenszene?

Bei Balladen und Kurzgeschichten geht es vor allem um Handlung – und die lässt sich relativ einfach in einer Inhaltsangabe zusammenfassen.

Zur Frage der Inhaltsangabe bei einer Dramenszene haben wir schon ein Video gemacht. Da war das Problem, dass es sich vor allem um Gespräche handelt – und wie will man die zusammenfassen, ohne eigentlich die Konfliktentwicklung zu beschreiben. Das ist aber eine ganz eigene und andere Aufgabe.

Wir haben dann die Lösung gefunden, einfach die Teilthemen zusammenzustellen, die in der Szene eine Rolle spielen. Und sieh da: Es funktionierte, wie man in dem folgenden Video sehen kann:

Szenenanalyse: Inhaltsangabe und Verlaufsanalyse – wie vermeidet man Überschneidungen?
https://textaussage.de/inhaltsangabe-zu-einer-dramenszene-schreiben
https://youtu.be/01E3FmIx_XU

Aber eine Inhaltsangabe bei einem Gedicht?

  • Natürlich gibt es auch Gedichte, die eine Handlung haben, zum Beispiel Balladen. Da ist eine Inhaltsangabe schnell geschrieben.
  • Bei einem Gedicht, das wie eine Dramenszene aus einem Dialog besteht, ist das auch kein großes Problem, denn dann kann man die entsprechende Lösung über die Teilthemen übertragen.
  • Aber wie sieht es bei einem dieser Gedichte aus, wo es weder Handlung noch Dialog gibt?

Probieren geht über studieren: Inhaltsangabe zu Georg Trakl, „Am Moor“

Dazu gibt es auch ein Video:

Videolink

0:00 Thema
0:36 Inhaltsangabe beim Drama
2:00 Problem beim Gedicht
3:09 Inhaltsklärung
6:19 Inhaltsangabe
8:23 Zusammenfassung/Tipps
9:26 Dokumentation

Wir überlegen uns vorab zwei Dinge:

  1. Es muss um den Inhalt gehen.
  2. Aber es darf nicht zu viel von dem vorwegnehmen, was man nachher ja erst in der Detail-Analyse klärt.

Da fallen uns die folgenden zwei Möglichkeiten ein:

  1. Man kann versuchen, wie bei der Szene die Themen oder Bereiche zu nennen, um die im Gedicht geht.
  2. Oder man macht den ersten Eindruck zur Basis einer vorläufigen Inhaltsangabe. Natürlich muss man da ggf. schon ein bisschen heruminterpretieren, aber das kommt einem ja bei der späteren genaueren Analyse zugute.

Auf jeden Fall sollte man wie bei der Szenenanalyse zunächst den Inhalt genauer untersuchen.

Bei der Szenenanalyse untersucht man dazu die Konfliktentwicklung.

Beim Gedicht schaut man sich die Sprecheraktivitäten an – was in den Blick des lyrischen Ichs kommt und was ihm dazu einfällt, das ist ja auch der Inhalt.

Im Unterschied zur späteren genaueren Analyse begnügt man sich bei der „Inhaltsangabe“ mit einer Art knappen Vorschau, die aber nicht völlig neben der späteren Klärung des Inhalts liegen sollte. Da man aber damit begonnen hat, kann nichts schiefgehen.

1. Schritt: Man macht sich die die Abfolge der Sprecheraktivitäten klar

(und stellt die Inhaltsangabe erst mal zurück – einfach eine Spalte in der Klausur oder Klassenarbeit dafür freilassen!)

Georg Trakl,

Am Moor

  • Im Titel wird nur ein Ort genannt, der allerdings – man denke an die Ballade – allgemein mit etwas Schaurigem verbunden wird.

3. Fassung

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr
In der Stille des Moors. Am grauen Himmel
Ein Zug von wilden Vögeln folgt;
Quere über finsteren Wassern.

  • Zu Beginn nur eine Wendung ohne Prädikat, bei der man überlegen muss, wer dieser oder diese Wanderer sein könnten.
  • Das könnte das lyrische Ich selbst sein, das seine Situation beschreibt.
  • Es könnte sich aber auch – leicht überhöht – auf „das dürre Rohr“ beziehen, dessen Flüstern dem lyrischen Ich wie die Äußerungen von Wanderern vorkommt.  Dafür spricht die deutliche Parallelisierung der ersten beiden Sprecher-Aktivitäten. „Wanderer“ – „das dürre Rohr“.
  • Im zweiten Teil der ersten Strophe geht es dann um Wanderer in der Luft, nämlich einen „Zug von wilden Vögeln“, die sich in einer helleren Umgebung befinden. Es geht nicht mehr um „schwarzen Wind“, sondern man ist am „grauen Himmel“ – und das ist eindeutig eine Aufhellung.
  • Den Schluss bildet dann aber wieder die Rückkehr zu „finsteren Wassern“, die sie überqueren.

Aufruhr. In verfallener Hütte
Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis;
Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

  • Die zweite Strophe beginnt auf ähnliche Weise, nur dass diesmal nicht „Wanderer im schwarzen Wind“ ohne Prädikat vorgestellt werden, diesmal heißt es nur knapp „Aufruhr“, was aber passt. Denn wer durch so was erschreckt wird, hält sich nicht lange bei Beschreibungen auf, sondern wartet auf das, was ihn verursacht hat.
  • Da wird es dann schwierig, denn es ist die „Fäulnis“ in „verfallener Hütte“, die „aufflattert“. Glücklicherweise geschieht das „mit schwarzen Flügeln“ – so dass man getrost annehmen kann, dass es ein entsprechend gefärbter Vogel war, der den „Aufruhr“ verursacht hat. Was im Blick des lyrischen Ichs aber bleibt, ist nicht der Vogel, sondern dass, was sein Spontanstart anscheinend hinterlässt, nämlich das Runterfallen von fauligem Holz.
  • Lange hält das lyrische Ich sich bei diesem „Aufruhr“ aber nicht auf, sondern es es sind „verkrüppelte Birken“, von denen das lyrische Ich das Gefühl hat, sie würden „seufzen im Wind“. Das ist wohl die einfachste Erklärung, dass das lyrische Ich hier irgendwelche Geräusche mit diesen Birken verbindet, was im Wind durchaus möglich ist. Der optische Eindruck wird dann mit einer Gefühlsvermutung verbunden.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert
Die sanfte Schwermut grasender Herden,
Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.

  • Auch die dritte Strophe beginnt in gleicher Weise – ohne Prädikat, nur der Hinweis auf den Tageszeitpunkt und einen Ort, der gut zu dem wahrscheinlich ebenso einsamen Moor passt.
  • Dann geht es um den „Heimweg“ – immer mehr drängt sich doch der Eindruck einer gewissen Handlungsfolge in diesem Gedicht auf.
  • Dort entdeckt das lyrische Ich die „sanfte Schwermut grasender Herden“. Auch hier wird wieder eine optisch eindeutige Realität mit einem Gefühlseindruck beim lyrischen Ich verbunden.
  • Den Schluss bildet dann eine Art abschließender Blick auf die Moorlandschaft, es ist schon eine „Erscheinung der Nacht“ – also ist es inzwischen später geworden.
  • Jetzt sieht das lyrische Ich „Kröten“, die aus „silbernen Wassern“ auftauchen, möglicherweise im Licht des Mondes.

2. Schritt: Verarbeitung der Sprecher-Aktivitäten zu einer Inhaltsangabe

  1. Der Anfang ist eigentlich ganz einfach: Man macht es wie bei jeder einfachen Handlungs-Inhaltsangabe und beginnt mit
    „In dem Gedicht geht es um“
    Das lässt sich bei Gedichten eigentlich immer leicht fortsetzen, indem man die Hauptperson dieses Gedichtes mit dem lyrischen Ich gleichsetzt.
    Also:
    „In dem Gedicht geht es um ein lyrisches Ich …“
  2. Dann braucht man nur noch auf das einzugehen, was dieses lyrische Ich sieht und mit dem Gesehenen macht.
    In dem Gedicht geht es um ein lyrisches Ich, das

    1. sich offensichtlich abends an einem Moor befindet
    2. und dort Elemente beobachtet wie zum Beispiel das Röhricht, oder einen Zug wilder Vögel, die das Moor überqueren.
    3. Später geht es noch um eine verfallene Hütte und verkrüppelte Birken,
    4. bevor es den Heimweg antritt und dabei zum einen grasende Herden sieht und bei einem wohl letzten Blick aufs Moor auch noch auftauchende Kröten.
    5. Einiges, was das lyrische Ich sieht, wird von ihm mit gewissermaßen inneren Sinnen verarbeitet: So hört es das Röhricht flüstern, Birken scheinen ihm zu seufzen und auch die grasenden Herden verbindet es mit Schwermut.

Fazit: Eine Möglichkeit: Beobachtungen und Gefühlsinterpretationen

Das müsste für eine Inhaltsangabe reichen.

Der Ansatz hat funktioniert, wenn man bereits auf den ersten Blick festhält, dass es um Beobachtungen geht, die mit sehr persönlichen Gefühlsinterpretationen verbunden werden.

Wer noch mehr möchte … 

 

Ludwig Tieck, „Einsamkeit“

Das Verständnis des Gedichts „Einsamkeit“ von Ludwig Tieck von „unten aufbauen“

Bei dem folgenden Gedicht versuchen wir wieder einmal zu zeigen, wie weit man mit einer „induktiven“ Interpretation kommt. Bei der vergisst man erst mal möglichst alles, was man vom Autor und seiner Zeit kennt, und wendet sich einfach dem Text zu.

Wer noch genauer wissen will, wie wir diese sicherste Methode der Interpretation mit dem zweiten Sicherungsseil, nämlich der Hermeneutik, verbinden, der findet hier genauere Informationen:

https://www.endlich-durchblick.de/hilfen-im-fach-deutsch/fragen-%C3%BCber-fragen/induktiv-und-hermeneutisch-zwei-wege-zur-sicheren-interpretation/

Literatur ist nämlich erst mal nichts anderes als ein allerdings etwas seltsames, monologisches Gespräch zwischen dem Text und dem Leser.

Sobald man die Biografie des Autors und sein historisches Umfeld einbezieht, ist man eher im Bereich der Literaturgeschichte und behauptet möglicherweise mehr, als das Gedicht präsentiert.

Auch einen Vergleich mit anderen Gedichten sollte man nicht so durchführen, dass man die dort gewonnenen Erkenntnisse ohne Not auf das vorliegende Gedicht überträgt. Das sollte erst gemacht werden, wenn man das Gedicht selbst eine Frage offen lässt, die man zumindest hypothetisch mit anderen Gedichten des Autors und manchmal auch der Zeit beantworten kann.

Unser Ansatz: Strophe für Strophe dem lyrischen Ich folgen

Wir nehmen das Gedicht also ernst, achten auf seine Signale und versuchen sie, zu Aussagen zu bündeln.

Uns ist wichtig, dass man dem linear sich aufbauenden Prozess des Sprechens folgt und nicht vorschnell von einem höheren Standpunkt aus systematisch an den Text herangeht.

Auswertung des Titels

Ludwig Tieck Einsamkeit

Einsamkeit

  • Der Titel ist sehr allgemein gehalten und nennt nur ein Gefühl, das wohl jeder Mensch kennt und das bedeutet, dass man sich allein fühlt und das in einem häufig negativen Sinne, also als Leiden.
  • Allerdings gibt es auch die Einsamkeit als Beschreibung einer Landschaft mit einer entsprechenden Atmosphäre, die durchaus als wohltuend, erholsam empfunden werden kann.
  • Auf jeden Fall kann davon ausgegangen werden, dass der Titel so ziemlich jeden Menschen berührt und entsprechende Erwartungen hervorruft.

Auswertung der 1. Strophe

Der ist nicht einsam, der noch Schmerzen fühlet,
Verlassen von den Freunden und der Welt,
Wenn er die heiße Angst in Trauer kühlet,
Und des Verlustes Bild im Herzen hält,
Vergangenheit noch kindlich um ihn spielet
Und Zukunft ihren Spiegel vor ihn stellt:
Dem sind die Schmerzen Freunde wie die Tränen,
Und er genießt sich selbst im stillen Sehnen.

  • Das Gedicht beginnt mit einer Situation, die durchaus als Einsamkeit empfunden werden kann, was aber zugleich mit positiven Gegenkräften verbunden wird.
    • Der Einsamkeit ganz allgemein wird entgegengesetzt das Gefühl von Schmerzen. Das ist wohl so zu verstehen, dass noch etwas zumindest im Bewusstsein da ist, was schmerzlich vermisst wird.
    • Erwähnt wird der Verlust von Freunden und sogar der Welt, eine nicht näher beschriebene „heiße Angst“ und ein „Bild im Herzen“, das sich zwar auf einen Verlust bezieht, aber eben noch da ist.
    • All das wird zudem in einen zeitlichen Horizont gestellt, wobei man von „Vergangenheit“ „kindlich“ umspielt wird und die „Zukunft“ wie ein Spiegel wirkt. Das soll wohl bedeuten, dass das Verlorene dort auf irgendeine Art und Weise wiedergefunden werden kann.
    • Die Ausgangsstrophe endet damit, dass „Schmerzen“ und „Tränen“ wie „Freunde“ erscheinen, also in gewisser Weise einen Ersatz für die Freunde darstellen, die einen verlassen haben oder mussten.
    • Am Ende geht das lyrische Ich sogar so weit, von einem „stillen Sehnen“ zu sprechen, das als Genuss empfunden wird.
    • Insgesamt macht die erste Strophe deutlich, dass das lyrische Ich hier – aus welchen Gründen und vor dem Hintergrund welcher Erfahrungen auch immer – der Einsamkeit etwas Positives meint entnehmen zu können. Das setzt allerdings noch ein gewisses Maß an Empfindsamkeit voraus, was am Ende sogar zumindest teilweise als Genuss empfunden werden kann.

Auswertung der 2. Strophe

Strophe 2

Doch wenn das Herz entfremdet fühlt die Lieben,
Durch Misverständniss von ihm abgewandt,
Dann muss der Mensch sich inniglich betrüben,
Dann wandert er aus seinem Vaterland,
Und keine Stätt‘ ist ihm, kein Heil geblieben;
Er ist von Tempel, Weib und Kind verbannt,
Wohin er schaut, ist ihm die Welt getrennt,
Und feindlich dräut ihm selbst das Element.

  • Nachdem wir die erste Strophe ausführlich interpretiert haben, beschränken wir uns bei dieser und den folgenden Strophen darauf, kurze Hinweise zu geben. Die sollen helfen, eine genauere Untersuchung der Verszeilen auch selbst zu schaffen.
  • Entscheidend am Anfang der zweiten Strophe ist das Wort „Doch“, das deutlich macht, dass jetzt ein Gegenbild zur insgesamt immer noch recht positiven ersten Strophe entwickelt wird.
  • Wichtig sind zwei Fragen:
    • Frage 1: Welche andere Situation wird hier beschrieben im Vergleich zur ersten Strophe?
    • Frage 2: Welche Folgen hat diese andere Situation für den Betroffenen?

Auswertung der 3. Strophe

Strophe 3

Dann fühlt das Herz den Todesdruck der Schwere,
Und um sich ausgestorben die Natur;
Rings Einsamkeit, und dunkle wüste Leere
Zieht sich durch Tal und Wald und grüne Flur;
Die Freunde waren, stehn im Feindesheere,
Der wilde Hass verfolget seine Spur,
Die innre Liebe strebt empor zu flammen,
Doch drückt die schwarze Nacht das Licht zusammen.

  • In dieser Strophe geht es ja ganz offensichtlich noch einmal um die Folgen dieser anderen Situation.
  • Dementsprechend wäre zu klären, was diese Strophe denn noch zusätzlich an Problembeschreibung bringt.

Auswertung der 4. Strophe

Strophe 4

Dann bin ich fern im Tode fest verschlossen,
Ich höre keinen Ton, der zu mir dringt,
Und Freud‘ und Schmerz sind aus der Brust geflossen,
Die in sich selbst in tiefsten Aengsten ringt,
Auch kein Erinnern des, was sie genossen,
In ihrer tauben Leere wiederklingt,
Und höhnend ruft der innre böse Feind:
Genüge dir, so wie du sonst gemeint!

  • Hier setzt sich noch einmal die Ausdifferenzierung der Problemsituation fort.
  • Es ist typisch für frühere Zeiten, dass Dichter es offensichtlich für notwendig und auch im Hinblick auf die Leser als völlig problemlos empfunden haben, wenn sie bestimmte Dinge aus heutiger Sicht eher breitgetreten haben.
  • Hier könnte mal geprüft werden, ob man diese zum Teil redundant (unnötig mehrfach gesagt) wirkenden Strophen auch kürzer zusammenfassen könnte, ohne dass dabei Substanz verloren geht.

Auswertung der 5. Strophe

Strophe 5

Ich bin gefangen, seufzt die arme Seele,
Bedarf wohl deren, welche mich verstehn;
Doch wenn ich mich so stumm verlassen quäle,
So muss ich in mir selbst zu Grunde gehn.
Was frommt es, wenn ich dir den Wunsch verhehle?
Ich muss mein Licht in andern Augen sehn;
Mit jenen eins, bin ich von dir befreiet,
Mit mir allein, bin ich mir selbst entzweiet.

  • In dieser Strophe ändert sich die Richtung, die das lyrische ich einschlägt:
  • Jetzt geht es nicht mehr um eine immer wieder erneuerte und erweiterte Problembeschreibung,
  • Sondern das lyrische Ich fängt an zu überlegen, welche Auswege es aus der Situation geben könnte.
  • Die wären dann hier mal genauer zu beschreiben.

 

Auswertung der 6. Strophe

Strophe 6

Mit ihnen seh‘ ich die mir abwärts neigen,
Die von der toten Welt sich schon geschieden,
Und die ich seelig fühlte stets mein eigen;
Von Wald und Flur und Tal bin ich vermieden,
Die Blumen wollen sich nicht freundlich zeigen,
Die Sterne gönnen mir nicht mehr den Frieden,
Natur, die heil’ge, zieht sich weit zurücke,
Ich flehe wohl, sie sieht nicht meine Blicke.

  • Bei der Analyse dieser Strophe wäre zu prüfen, wie das lyrische Ich mit dem positiven Ansatz aus Strophe fünf umgeht.
  • Wird er grundsätzlich aufgegeben?
  • Oder wird er nur teilweise infragegestellt?

Auswertung der 7. Strophe

Strophe 7

Das Unsichtbare, das ich in mir hegte,
Die alte Zeit, die Liebe zu dem Hohen,
Der Glaub‘ an Kunst, den ich so innig pflegte,
Ist alles mit der Liebe weit entflohen;
Was herzlich sich mir an die Seele legte,
Wird sichtbarlich und will mir furchtbar drohen:
O Jammer! was ich ewig stets genannt,
Steht wild und zeitlich vor mir hingebannt!

  • In dieser Strophe wäre genauer zu untersuchen, was das lyrische ich mit dem „Unsichtbaren“ meint.
  • Und wodurch es dieses Unsichtbare bedroht sieht.

Auswertung der 8. Strophe

Strophe 8

Versteinert sieht es starr mir in die Blicke,
Was geistersüß die Seele quillend stillte,
In Steinen liegt umher mein kindlich Glücke,
Was sonst in schnellen Blitzen sich enthüllte;
Die liebsten Kinder können nicht zurücke,
Das Mutterherz verstummt, und an dem Bilde
Erstarrt es selbst und wird zu wildem Stein,
Die tiefe Trau’r sinkt in sich selbst hinein.

  • Auch in dieser Strophe scheint das lyrische Ich nicht so richtig vom Fleck zu kommen.
  • Von daher wäre zu prüfen, welches Grundgefühl aus der vorangegangenen Strophe hier fortgeführt wird
  • Und welcher zusätzliche Akzent gesetzt beziehungsweise Aspekt angesprochen wird.

Auswertung der 9. Strophe

Strophe 9

Wenn dann die Seele hat den Fels empfunden,
Druckt sie durch alle Sinnen wie sie zürne.
Im Herzen werden Schmerzen dann entbunden,
Die Augen saugen Fluten aus der Stirne,
Und in den Tränen bluten alle Wunden.
Voll Mitleid neigen wieder die Gestirne,
Im ew’gen Schmerz verstummet das Verheerende,
Es löscht der Strom das Feuer, das verzehrende,
Belebt die Ewigkeit sich, die verklärende.

  • Die letzte Strophe geht ja wohl ins Positive, was mit dem Begriff „Fels“ auf den Punkt gebracht wird.
  • Im Einzelnen wäre zu prüfen, inwieweit sich hier eben im Einzelnen eine positive Veränderung ergibt und wie sie motiviert ist, d.h.: Wie ist es dazugekommen?

Weiterführende Hinweise

Was ist eine Deutungshypothese und wie geht man damit um? (Gedichtinterpretation)

Deutungshypothese: Kurzinfo:

Eine Deutungshypothese ist eine vorläufige Annahme, was zum Beispiel ein Gedicht aussagt und welche Bedeutung das zum Beispiel für das Leben allgemein o.ä. hat.
Die Hypothese muss dann am Text überprüft werden, ob sie ihm gerecht wird.

Ausführliche Erklärung

  1. Wenn man ein Gedicht interpretieren muss, taucht häufig der Begriff „Deutungshypothese“ auf – was ist damit gemeint und wie geht man damit am besten um?
  2. Zunächst einmal zeigen wir, dass so etwas durchaus zum Alltag gehört und nicht nur bei der Interpretation von Gedichten vorkommt.
  3. Hypothese bedeutet, dass es eine vorläufige Annahme ist, die man anschließend überprüfen muss. Stellen wir uns vor: Wir kommen zur Schule – und vor der Schule steht ein Feuerwehrfahrzeug. Schon fangen wir an, die Situation zu analysieren: Brennt es irgendwo? Werden Schläuche ausgerollt? Verlassen Leute in Panik die Schule? All das ist nicht gegeben – aber ein Feuerwehrmann erzählt uns, dass es einen Brand in einer Toilette gegeben hat – und man vermutet Brandstiftung
  4. Deutung bedeutet immer, dass man etwas, was man vorher analysiert hat, in größere Zusammenhänge stellt. Auf der Basis unserer Informationen fangen wir an, den Fall zu „deuten“. Das heißt: Wir stellen uns die Frage, was das für uns, die Schule, die Stadt und indirekt den Staat bedeutet, wenn Toiletten angezündet werden. Wer macht so etwas? Was kann man dagegen tun?
  5. Zurück zur Gedichtinterpretation: Auch hier muss erst analysiert werden – für eine Hypothese reicht es, das Gedicht einmal zu überfliegen und dann eine Vermutung anzustellen – zunächst über seine Aussage und anschließend darüber, worin die Bedeutung des Gedichtes liegen könnte.
  6. Wir zeigen das mal an einem Beispiel und nehmen dazu das Gedicht von Eichendorff: „Frische Fahrt“:

Beispiel: Eichendorff, „Frische Fahrt“

Joseph von Eichendorff

Frische Fahrt

Laue Luft kommt blau geflossen,
Frühling, Frühling soll es sein!
Waldwärts Hörnerklang geschossen,
Mutger Augen lichter Schein;
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluß,
In die schöne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruß.

Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! Ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht!

7.    Das Gedicht zeigt bei der ersten Lektüre, dass da jemand im Frühling verlockt wird, in die schöne Welt hinauszufahren, um etwas zu erleben. Dabei nimmt das Lyrische Ich keine Rücksicht – weder auf andre noch auf sich.
8.    Dann stellt man das in größere Zusammenhänge und fragt nach möglichen Bedeutungen des Gedichtes: Die einen werden sagen: Da will einer sein Ding machen  und zieht das einfach durch. Andere werden sagen: Da folgt jemand seinen Gefühlen, ohne viel nachzudenken und mit vollem Risiko.
9.    Wenn man sich auf eine Deutungshypothese festlegen muss, könnte man die folgende vertreten und am Text überprüfen: Das Gedicht zeigt einen Menschen, der auf romantische Weise voll in seinen Gefühlen aufgeht und dabei „aufs Ganze geht“ – mit voller Risikobereitschaft. Man sieht hier, dass man vom Text ausgeht, aber schon Einschätzungen und ansatzweise auch Wertungen („ganz in seinen Gefühlen aufgeht“, „aufs Ganze geht“) hinzufügt – das ist genau der Übergangsbereich von der Analyse zur Interpretation.

10.    Diese Hypothese muss dann am Text überprüft werden – und wir sind guter Dinge, dass man sie „verifizieren“ kann. Das heißt: Aus der Hypothese wird eine begründete Ergebnisthese.

Beispiel: Storm, Die graue Stadt am Meer“

Die Stadt
Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn‘ Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.
Bei dem folgenden Gedicht könnte man die folgende Deutungshypothese aufstellen:
Das Gedicht zeigt,
  • dass etwas, was scheinbar unansehnlich, ja fast hässlich erscheint,
  • auf Grund einer gemeinsamen Geschichte
  • doch als sehr schön empfunden werden kann.
Wenn man sich diese Anordnung anschaut, dann bekommt man ein allgemeines Muster, mit dessen Hilfe man leicht Deutungshypothesen aufstellen kann.
  1. Man beginnt mit dem Einleitungssatz: „Das Gedicht zeigt…“
  2. Dann nimmt man zentrale Aussagen des Textes auf: In diesem Falle beginnt man mit dem deutlichen Signalbündel in Richtung „unansehnlich“, „hässlich“
  3. Anschließend verweist man auf den entscheidenden Punkt, der zu einer anderen Sicht führt.
  4. Am Ende nennt man dann noch diese neue Sicht.
Je nach dem Umfang der Aussagen kann man die Einzelteile natürlich variieren.
 
 
Theodor Storm
 

Lars Krüsand, „Konturen“

Worum es geht …

Man ist unterwegs und sieht solche Bilder in der Landschaft.

Manchmal sehen Leute aber auch „Konturen“ – ähnlich wie bei Wolken und stellen sich Gestalten o.ä. vor.

Im Unterschied zu Wolken bleiben diese „Dinge“ hier einige Zeit unverändert, werden zu Freunden bei Spaziergängen.

Und genau darum geht es in dem folgenden Gedicht.

Weiter unten zeigen wir dann mal, wie man bei diesen Bildern Konturen sehen kann.

Lars Krüsand

Konturen

Ich zeichne die Konturen nach
und denk mir dort Gestalten.
Sie wär’n nicht da, wenn ich nicht wär‘,
Der sie sich vorstellt und darüber nachdenkt,
Was sie sich sagen könnten und was sie bewegt.

Man muss ja sowieso sich fragen,
Was von alldem denn übrig bleibt,
Was man als Mensch so sieht
Und was man hält für echte Wirklichkeit.

Das Krachen, das man hört,
Wenn durch einen Sturm
Im Wald ein Baum zu Boden bricht –
Der Physiker mit seinen Messgeräten
Stellt ganz was anderes fest.

Nichts bleibt von alledem, was uns bewegt,
Wenn wir nicht da sind und mit unseren Sinnen
Es auf ganz eigene Weise für uns nehmen wahr.

Vor uns liegt eine Welt, die erst durch uns
In ihrer ganzen Schönheit sich eröffnet.

Vielleicht hat Eichendorff auch das bedacht,
Als er den wunderbaren Satz uns anvertraute:
Es schläft ein Lied in allen Dingen
Wir müssen es nur hören wollen.

Wie können „Dinge mit Konturen“ aussehen?

Noch einmal die Ausgangsfassung:

Und nun die Fassung mit Konturen – nicht schön gezeichnet, aber die Idee dürfte deutlich werden.

Weiterführende Hinweise

Georg Heym, „Columbus“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

 

Auswertung des Titels und Vor-Erwartungen

Georg Heym

Columbus

  • Der Titel enthält nur einen Namen, mit dem aber in der Regel viel verbunden wird.
  • Dieser Mann gilt als der Entdecker Amerikas,
  • der die anschließende Herrschaft vor allem durch Spanier hervorgerufen hat.
  • Einige wissen wohl auch, dass dieser Mann nur durch Zufall ein Ziel gefunden hat, weil das damals den Europäern noch nicht bekannte Amerika günstig im Wege lag und er sein eigentliches Ziel, China und Indien nie erreicht hätte.
  • Von daher kann man gespannt sein, welche besonderen Akzente ein Dichter des Expressionismus mit diesem Mann verbindet.
  • In der Regel erwartet man inhaltlich Aufrührerisches in einer extremen Sprache, um es mal so zu formulieren.
  • Wer sich erst mal genauer informieren möchte, kann das zum Beispiel hier tun:
    • Mit Hilfe des folgenden Youtube-Films kann man sehen, wie man expressionistische Gedichte erkennt. Dabei wird der Schwerpunkt auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Eindruck und Ausdruck gelegt.
      https://youtu.be/tOpmqX2PyJk
      Die entsprechende Dokumentation ist hier zu finden:
      https://www.schnell-durchblicken2.de/video-expressionismus-ausdruck
    • Expressionistische Gedichte schnell erkennen:
      Das Entscheidende: Nicht irgendwelche Checklisten auswendig lernen, sondern möglichst viele Gedichte kurz checken und so ein Gefühl für die Epoche bekommen

Auswertung des Inhalts

Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere,
drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall.
Nicht mehr der großen Horizonte Leere,
draus langsam kroch des runden Mondes Ball.

  • Das Gedicht beginnt mit der Aufzählung von Elementen einer Situation, die nicht mehr gegeben ist.
  • Alles bezieht sich, wenn man den Titel mit einbezieht, auf die lange Seereise des Kolumbus Richtung Westen.

Schon fliegen große Vögel auf den Wassern
mit wunderbarem Fittich blau beschwingt.
Und weiße Riesenschwäne mit dem blassem
Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.

  • Diese Strophe beschreibt die Situation nach den Strapazen und Gefahren der langen Seefahrt.
  • Für einen Expressionisten klingt das erstaunlich positiv.

Schon tauchen andre Sterne auf in Chören,
die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn.
Die müden Schiffer schlafen, die betören
die Winde, schwer von brennendem Jasmin.

  • Dies ist eigentlich eine Fortsetzung der vorangegangenen Strophe.
  • Allenfalls könnte man etwas misstrauisch werden, wenn von „betören“ die Rede ist.

Am Bugspriet vorne träumt der Genueser
in Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähn
im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser,
und tief im Grund die weißen Orchideen.

  • In dieser Strophe geht es um Kolumbus selbst, der hier distanziert als „Genueser“ bezeichnet wird.
  • Ansonsten steht auch hier die fremdartige und möglicherweise verlockende Natur im Vordergrund.

Im Nachtgewölke spiegeln große Städte,
fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos,
und wie ein Traum versunkner Abendröte
die goldnen Tempeldächer Mexikos.

  • Hier verlässt das Gedicht das, was Columbus noch wissen konnte.
  • Was hier angedeutet wird, haben erst seine Nachfolger unter den Eroberern zu sehen bekommen.
  • Was bei dieser Zukunftsvision ausgeblendet wird, sind die Schrecken und Zerstörungen, die auf die indigende Bevölkerung zukam.

Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne
zittert ein Licht im Wasser weiß empor.
Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne.
Dort schlummert noch in Frieden Salvador.

  • Die letzte Strophe deutet dann an, was eben angesprochen worden ist, nämlich den Noch-Friedenszustand einer Stadt, die natürlich diesen spanischen Namen zu dem Zeitpunkt noch nicht haben konnte.
  • In der Wikipedia heißt es über eine Stadt „San Salvador“
    „Nach der Eroberung des Aztekenreichs überquerte Pedro de Alvarado am 6. Juni 1524 den Río Paz. Nach zwei Schlachten in Acaxual (8. Juni) und bei Tacuzcalco (13. Juni) erreichte er am 17. Juni 1524 die Stadt Cuzcatlan, die er jedoch nicht einnehmen konnte. Am 21. Juli zog er wieder ab
    1525 gründete Gonzalo de Alvarado unweit von Cuzcatlan die Stadt San Salvador, die er jedoch nach einem Aufstand wieder verlassen musste. Diego de Alvarado gründete die Stadt San Salvador 1528 zum zweiten Mal und zwang am 23. November 1528 Cuzcatlan zur Aufgabe. 1540 war das gesamte Gebiet der einstigen Herrschaft von Cuzcatlan unterworfen.“
  • Was dieses Gebiet angeht, heißt es in der Wikipedia:
    „Cuzcatlan (Nawat Tekuyut Kuskatan, Nahuatl Tēucyōtl Cōzcatlān, spanisch Señorío de Cuzcatlán) war ein Staat der zu den Nahua gehörenden Pipil. Das Gebiet lag im heutigen westlichen El Salvador und bestand von ungefähr 1200 bis zur Eroberung durch die Spanier 1528.“
    Stand: 8.8.2020, 22:04 Uhr
    https://de.wikipedia.org/wiki/Cuzcatlan

Aussagen (Intentionalität) des Gedichtes

Das Gedicht zeigt:

  1. den Gegensatz zwischen den Entbehrungen und Gefahren der langen Seereise und den Wundern der neuen Welt.
    Es muss dabei aber festgehalten werden, dass der Rückblick doch insgesamt recht entspannt wirkt.
    Hier könnte man in einem Referat feststellen, inwieweit es dort doch etwas härter zur Sache ging.
  2. in vielfältiger Hinsicht die Schönheit des erreichten Landes,
  3. aber nur in einer Andeutung den Noch-Frieden einer einzigen Stadt, die wohl stellvertretend für das ganze spanische „Latein-Amerika“ steht.

Kritische Anmerkungen zum Gedicht

  • Wenn man nur ein bisschen etwas weiß über das, was die Spanier der indigenen Bevölkerung und ihrer Kultur angetan haben, ist man sehr erstaunt über diese Konzentration auf die ersten Gefühle der Entdecker und potenziellen Eroberer, während sie die neue Welt anstaunen.
  • Man muss schon genau hinschauen, um etwas von der wichtigeren Wirklichkeit der Ereignisse festzustellen.
    • Da ist zum einen der Noch-Frieden am Schluss.
    • Aber schon vorher ist die Rede von „goldnen Himmeln“ – und die beziehen sich vielleicht doch auch auf die Goldgier, die die Eroberer antrieb.
    • Und dann ist da von „versunkner Abendröte“ die Rede – vielleicht eine Anspielung auf die bald untergehenden Kulturen der Maya, Azteken und Inka.
  • „Sinn macht“ das Gedicht eigentlich nur, wenn man es für die grandiose Idee einer besonderen Bewältigung der Kolumbus-Problematik (Eroberung, Zerstörung, Ausbeutung) hält. Heym hält nämlich hier den Moment fest, in dem alles noch unschuldig war und man sich einfach als Mensch nach der entbehrungsreichen Seefahrt an der schönen Natur erfreuen konnte.
  • Und am Ende gibt es dann den äußerst kargen, aber desto wirkungsvolleren Hinweis auf den Noch-Frieden von Millionen Menschen, auf die Misshandlung und Ausbeutung wartete – vor allem auch der Verlust ihrer Kultur.
  • Hier wäre es jetzt spannend, mal zu recherchieren, inwieweit die Nachfahren der indigenen Bevölkerung sich heute noch an ihre Kulturen erinnern und vielleicht sich etwas davon zurückholen.
    Hier einige schnelle Funde, die vielleicht Lust machen, sich damit intensiver zu beschäftigen.

  • Und was den Expressionismus angeht, so kann er hier wohl wirklich nur darin gesehen werden, dass der Untergang vieler Kulturen und das menschliche Leid, das mit der Eroberung und Ausbeutung verbunden war, am Ende nur kurz angedeutet wird. Gerade das macht die ganze Schönheit eines Lebens nach langen Entbehrungen in einer ganz neuen Welt auf besondere Art und Weise brüchig. Man fragt sich, wie hätte die Begegnung der Menschen aus verschiedenen Kulturen anders aussehen können. Bedrückend dabei die Berichte über vielfältige freundliche Aufnahme am Anfang.
  • Wer sich übrigens ein anderes „Reisegedicht“ von Georg Heym ansehen will, das mehr von dem enthält, was man normalerweise unter Expressionismus versteht, der sollte sich das folgende Gedicht anschauen:
    Georg Heym, „Die Dampfer auf der Havel“:
    http://textaussage.de/heym-dampfer-auf-der-havel

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Weiterführende Hinweise

Friedrich Nietzsche, „Im Süden“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

 

Friedich Nietzsche, „Im Süden“: Was sagt das Gedicht aus?

Friedrich Nietzsche,

Im Süden

01 So häng’ ich denn auf krummem Aste
02 Und schaukle meine Müdigkeit.
03 Ein Vogel lud mich her zu Gaste,
04 Ein Vogelnest ist’s, drin ich raste.
05 Wo bin ich doch? Ach, weit! Ach, weit!

  • Die Überschrift ist relativ allgemein gehalten, löst aber nördlich der Alpen in Europa bei vielen Menschen ganz bestimmte Hoffnungen oder sogar Träume aus.
  • Das Gedicht beginnt mit einer Situationsbeschreibung, die gleich zwei negative Elemente enthält, nämlich einmal ist von einem „krummen Ast“ die Rede, was man sicher auch auf das lyrische Ich selbst beziehen kann. Und dann ist da noch die Müdigkeit.
  • Der zweite Akzent, der gesetzt, ist das Motiv des Vogels.
  • Von einem solchen ist das lyrische Ich als Gast eingeladen worden
  • und es behauptet auch,  jetzt in einem Vogelnest zu sein, was sicherlich nur im übertragenen Sinne zu verstehen ist.
  • Möglicherweise verbindet das lyrische Ich den Vogel mit Freiheit bzw. Freizügigkeit.
  • Das Gedicht endet mit der Frage „Wo bin ich doch?“ Diese Frage wird sehr gefühlsbetont durch die Wiederholung im Hinblick auf das Weite beantwortet. Das passt zur Überschrift.
  • Insgesamt hat man den Eindruck, dass hier ein krankes Wesen Linderung bzw. Heilung erhofft.

 

06 Das weiße Meer liegt eingeschlafen,
07 Und purpurn steht ein Segel drauf.
08 Fels, Feigenbäume, Thurm und Hafen,
09 Idylle rings, Geblök von Schafen, –
10 Unschuld des Südens, nimm mich auf!

  • Die zweite Strophe beschreibt die Idylle, die das lyrische Ich um sich herum sieht
  • und die mit „Unschuld“ verbunden wird, was nicht näher erläutert wird.
  • Man könnte an Natürlichkeit, Urspünglichkeit denken.

 

11 Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben,
12 Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
13 Ich hieß den Wind mich aufwärts heben,
14 Ich lernte mit den Vögeln Schweben, –
15 Nach Süden flog ich über’s Meer.

  • Die ersten beiden Zeilen beschreiben dann, was das lyrische Ich im Leben störte.
  • Es sind vor allen Dingen wie Ordnung und Regelmäßigkeit gewesen, die es niedergedrückt haben, was erklärt, warum das lyrische Ich jetzt so auf Vögel und Fliegen steht.
  •  Interessant ist die Verbindung von „deutsch“ und „schwer“.G emeint ist hier wohl so etwas Disziplin, Gründlichkeit, Ordnungssinn und ähnliches, was mit der Vorstellung von der Lebensweise in Deutschland damals verbunden wurde.

16 Vernunft! Verdrießliches Geschäfte!
17 Das bringt uns allzubald an’s Ziel!
18 Im Fliegen lernt’ ich, was mich äffte, –
19 Schon fühl’ ich Mut und Blut und Säfte
20 Zu neuem Leben, neuem Spiel?
21 Einsam zu denken nenn’ ich weise,

  • In dieser Strophe klagt das lyrische Ich vor allem über die Herrschaft der Vernunft und damit verbundene unangenehme „Geschäfte“, also Aufgaben.
  • Interessant die Vorstellung, dass man auf diese Weise „allzubald an’s Ziel“ kommt. Gemeint sein könnte, dass man zu sehr auf ein Ziel ausgerichtet ist und anderes unterwegs gar nicht mehr wahrnimmt.
  • Dem entgegengesetzt wird das „Fliegen“, das ja eigentlich Menschen noch schneller zum Ziel bringt – aber natürlich nicht im 19. Jahrhundert, in dem Nietzsche lebte.
  • Gemeint ist hier wohl eher die schon angesprochene Freiheit der Vögel, die aus der Höhe einen anderen Blick auf die „Geschäfte“ der Menschen werfen können.
  • In der zweiten Hälfte der Strophe geht es dann um die wohltuenden Folgen dieses Lebens im Süden.
  • Die „Müdigkeit“ „auf krummem Aste“ ist ganz offensichtlich vorbei.
  • In der letzten Zeile kommt als neues Motiv die Einsamkeit hinzu, die offensichtlich positiv gesehen ist, vielleicht weil man zu sich selbst kommt.

 

22 Doch einsam singen – wäre dumm!
23 So hört ein Lied zu eurem Preise
24 Und setzt euch still um mich im Kreise,
25 Ihr schlimmen Vögelchen, herum!
26 So jung, so falsch, so umgetrieben

  • Diese Strophe bringt dann eine kleine Wende, was die Einsamkeit angeht.
  • Einsam zu „denken“ wird als positiv empfunden, hier geht es allerdings um „singen“ und das wird als Gemeinschaftsangelegenheit angesehen.
  • So gibt es auch gleich einen Appell an die fiktive Zuhörergemeinschaft,
  • zu deren „Preise“ erstaunlicherweise das lyrische Ich singen will.
  • Das wird dann verständlich, wenn anschließend deutlich wird, dass es um die Vögel geht, von denen das lyrische Ich sich umgeben fühlt.
  • Dass sie als die „schlimmen Vögelchen“ angeredet werden, soll wohl nur bedeuten, dass sie einen unordentlichen Weg der Freiheit und Selbstständigkeit gehen.
  • So sind dann wohl auch die Attribute „jung“, „falsch“, „umgetrieben“ zu verstehen.

 

27 Scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben
28 Und jedem schönen Zeitvertreib?
29 Im Norden – ich gesteh’s mit Zaudern –
30 Liebt’ ich ein Weibchen, alt zum Schaudern:
31 “Die Wahrheit” hieß dies alte Weib?

  • Das Gedicht endet mit der Frage an die Vogel-Zuhörer, ob sie „zum Lieben“ gemacht sind und zu „jedem schönen Zeitvertreib“. Damit will das lyrische Ich wohl nur ausdrücken, dass diese Dinge in diesem Umfeld jetzt möglich sind.
  • Die zweite Hälfte macht noch einmal deutlich, was den Süden vom Norden unterscheidet. Dort ging es vor allem um „Wahrheit“ – und das steht hier wohl für das schrittweise, konsequente Verstandesdenken, wovon vorher schon die Rede gewesen ist. Hier im Süden geht es für das lyrische Ich jetzt um eine ganz andere Art von Freiheit und Lebendigkeit.

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Weiterführende Hinweise

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