Kurzgeschichten zum Thema „Vorurteile“ (Mat4169)

Worum es hier geht

Wenn der Deutschunterricht eine Funktion im praktischen Leben hat, dann diese: Kurzgeschichten zeigen Momente, in denen wir Menschen nach dem Äußeren sortieren – zum Beispiel dann, wenn ein neuer Mitschüler zur Tür hereinkommt.

Dein Vorurteil entscheidet in Sekunden, ob du Distanz hältst oder eine Chance nutzt. Eine Kurzgeschichte kann dir helfen, in solchen Momenten besser zu entscheiden.

Wenn du verstehst, warum eine literarische Figur scheitert – zum Beispiel durch falsche Erwartungen –, trainierst du deine eigene Wahrnehmung für das Leben in der Schule und auch außerhalb.

Schau dir die folgenden Kurzgeschichten an. Da kann die ein oder andere dabei sein, die du für dich nutzen kannst. Übrigens: Wenn so etwas im Unterricht nicht direkt angesprochen wird, dann mache einen entsprechenden Vorschlag. Alle werden dir dankbar sein, wenn die Schule direkt etwas mit dem Leben zu tun hat.

Thematische Gruppen

Wir haben die Geschichten hier nach bestimmten Gesichtspunkten gruppiert. Nutze das Inhaltsverzeichnis oben, um direkt zu dem Teilthema zu springen, das dich am meisten interessiert.

1. Rassismus und Vorurteile gegenüber dem „Fremden“

Diese Gruppe umfasst Geschichten, in denen Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe vorschnell bewertet werden.

Machma, Jana – „Schwarz auf weiß“

Oleolegua – „Man sieht es den Leuten doch an“

  • Hier geht es genau um die landläufigen Vorurteile, die in der Machma-Geschichte nur im Kopf der Protagonistin existieren.
  • Ein Junge mit Migrationshintergrund muss sich das alles anhören – während er etwas ganz anderes vorhat: Er will nicht mit einem Trick nachträglich Geld herausschlagen, sondern ist so ehrlich, dass die Bäckerin 50 Euro zu wenig in der Kasse gehabt hätte.
  • Vorurteile werden hier auf charmante Art und Weise widerlegt.
    https://textaussage.de/oleolegua-man-sieht-es-den-leuten-doch-an

Artmann, H. C. – „Keine Menschenfresser, bitte!“

Schiefer, Dorothea – „Im Dschungel“

Maas, Josianne – „Konsequenz“

  • Das lyrische Ich gibt vor, modern und vorurteilsfrei zu sein – doch unter der Oberfläche brodelt die Diskriminierung.
  • Freundlichkeit gegenüber anderen Hautfarben entspringt hier nicht humanistischer Überzeugung, sondern der Angst vor negativer Nachrede.
  • Der Text wirkt eher wie eine Satire, die eine tiefsitzende, versteckte Haltung aufdeckt – der Stil der gespielten Empörung bricht abrupt zusammen, sobald das Thema die eigene Familie berührt.
    https://textaussage.de/josianne-maas-konsequenz-erzaehltechnik

Brambach, Rainer – „Besuch bei Franz“

  • Ein deutscher Bauarbeiter spuckt seinem italienischen Bauleiter vom Gerüst auf den Kopf und fällt kurz darauf selbst vom Gerüst. Auf der Beerdigung ist der Bauleiter derjenige, der am meisten zu trauern scheint. Die Geschichte spielt wunderbar mit verschiedenen Erklärungsmöglichkeiten: Ist der Bauleiter der Täter? Bereut er? Oder erweist er auf seine Art dem Opfer die letzte Ehre?
    https://schnell-durchblicken.de/brambach-besuch-bei-franz

de Cesco, Federica – „Spaghetti für zwei“

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2. Missverständnisse im Alltag und in der Kommunikation

In diesen Texten führen mangelnde Kommunikation oder falsche Annahmen zu Konflikten.

Krüsand, Lars – „Untergrundarbeit“

Ein Vertretungslehrer glaubt, dass ein Schüler heimlich sein Smartphone für private Dinge nutzt – daraus wird für ihn eine recht peinliche Veranstaltung. Am Ende stellt sich heraus, dass der Schüler für den Unterricht etwas nachgeschaut hat und das auch gut einbringt. Ein schönes Beispiel dafür, dass man nicht leichtfertig dem ersten Eindruck folgen sollte.
https://schnell-durchblicken.de/lars-kruesand-untergrundarbeit

Borchert, Wolfgang – „Die Kirschen“

  • Ein krankes Kind glaubt aufgrund eines Geräusches, dass sein Vater die ihm zugedachten Kirschen isst. In Wirklichkeit ist der Vater hingefallen, als er dem Kind die Kirschen bringen wollte. Als das Kind erkennt, dass es statt nachzufragen an seinem Verdacht festgehalten hat, schämt es sich.
  • Ausführlich wird die vorwiegend personale Erzählweise auf der folgenden Seite herausgearbeitet – mit Video:
    https://textaussage.de/klausur-borchert-kurzgeschichte-kirschen-schwerpunkt-kommunikation

Özdogan, Selim – „Zuerst den Linken“

  • Eine Ich-Erzählerin ärgert sich, dass die Nachbarin auch spätabends Schuhe gegen die Wand wirft. Angesprochen, verspricht die Nachbarin, das zu lassen. Umso empörter ist die Erzählerin, als sie in der nächsten Nacht wieder geweckt wird – und dann vergeblich auf den zweiten Schuh wartet, was noch mehr Schlaflosigkeit bedeutet. Am nächsten Morgen löst sich das Missverständnis auf eine überraschende Weise auf.
    https://schnell-durchblicken.de/selim-oezdogan-zuerst-den-linken-inhaltsangabe
    Lässt sich gut mit Borcherts „Die Kirschen“ vergleichen.

Venske, Henning – „Eine schöne Beziehung“

  • Eine Frau verlässt nach dem Tod ihres Mannes ihr Heimatdorf, um noch etwas vom Leben zu haben. Im Restaurant eines Warenhauses kommt es zu einer Parallelsituation zu „Spaghetti für zwei“ – mit dem Unterschied, dass es am Ende keine Klärung gibt: Die Frau verarbeitet das Missverständnis ganz alleine. Die Situation der Frau erinnert außerdem an Brechts „Die unwürdige Greisin“.

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3. Unterschiedliche Vorstellungen

Hier steht die Wahrnehmung der eigenen Person oder die Bewertung von Leistung im Vordergrund.

Lankert, Björn – „Der Streber“

Kötter, Ingrid – „Nasen kann man so und so sehen“

  • Eine Kurzgeschichte, die zeigt, wie man von Vor-Urteilen – sogar gegenüber sich selbst – befreit werden kann.
  • Ein Mädchen leidet sehr unter seinem Aussehen, bis ihr Onkel deutlich macht, dass das alles eine Frage der Perspektive ist – und er gerade das mag, was ihr nicht gefällt. Auf einer zweiten Ebene geht es um die Weiterentwicklung zweier junger Menschen.
  • In einem Punkt gibt es Ähnlichkeiten mit Borcherts „Nachts schlafen die Ratten doch“ – nämlich in der Frage der Wahrnehmung der eigenen Situation und wie sie sich verändern kann.
    https://schnell-durchblicken.de/ingrid-koetter-nasen-kann-man-so-und-so-sehen

Steenfatt, Margret – „Im Spiegel“

Freistein, Anders – „Der Irrtum“

Tivag, Anders – „Wenn Prosa am Ende das Sagen hat“

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4. Soziale Distanz und Gaffer-Mentalität

Diese Geschichten thematisieren, wie Menschen einander beobachten, ohne sich wirklich umeinander zu kümmern.

Wohmann, Gabriele – „Ein netter Kerl“

  • Das Vorurteil: Eine Familie macht sich über den neuen Freund der Tochter Rita lustig, weil dieser dick ist und auf sie „weich wie ein Molch“ wirkt. Sie empfinden ihn aufgrund seines Gewichts als abstoßend.
  • Der Dreh: Rita lässt die Familie erst ausgiebig lästern, bevor sie offenbart, dass sie sich mit ihm verlobt hat. Die Reaktion schlägt sofort in betretene Ernsthaftigkeit um. Hier wird das Vorurteil gegenüber Äußerlichkeiten als soziale Grausamkeit entlarvt.
    https://textaussage.de/wohmann-ein-netter-kerl-kommunikationsanalyse
  • Dazu gibt es auch ein Video: „Kommunikation in ‚Ein netter Kerl‘ – Wie ein Mobbingopfer zum Sieger wird“
    https://youtu.be/ovL8YXEE-9c

Aichinger, Ilse – „Das Fenstertheater“

Frerichs, Hajo – „Zu schnell – zu langsam“

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Es gibt auch ganz andere Vorurteile

In einem Video haben wir gezeigt, wie die Künstliche Intelligenz einen vor den Folgen von Vorurteilen bewahren kann – allerdings geht es dabei um ganz andere: nämlich schnelle Urteile über einen Text, die sich am Ende als falsch herausstellen.

Wer sich dafür interessiert, findet das Video hier:
https://youtu.be/tKel692Zl70

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