Schnell erkennen, worum es geht ...

Schlagwort: Dichter

Pattie Wigand, „Ein Montagmorgen im Bus“ oder ein etwas fragwürdiges Wunder

Die Chance und das Problem einer Kurzgeschichte

Wir freuen uns immer, wenn Autoren für den Deutschunterricht auch Geschichten zur Verfügung stellen, die zeigen, wie die Welt ein bisschen besser sein oder werden kann.

Das Problem ist nur die Frage, wie das erreicht hat. In diesem Falle geschieht es ähnlich wie im berühmten Film „Der Club der toten Dichter“ auf eine ziemlich autoritäre Weise. Dies wirft vielerlei Fragen auf.

Im Folgenden präsentieren wir zunächst eine Inhaltsangabe, die deutlich macht, worum es in der Geschichte geht.

Inhaltsangabe mit Hinweisen zur Gliederung

Einleitung mit Angaben zum Text und Nennung des Themas In der Kurzgeschichte „Ein Montagmorgen im Bus“ von Pattie Wigand geht es um die Frage, wie man Menschen aus der Alltagsdistanz befreien kann.
Einstieg: Die Ausgangssituation Die Geschichte beginnt damit, dass die Ich-Erzählerin berichtet, wie sie wie immer morgens in den Bus steigt und sich dort das normale Verhalten im Berufsverkehr einstellt – ohne Beachtung des jeweils anderen.
Veränderung durch die Aktion des Busfahrers Das ändert sich, als der Busfahrer plötzlich in autoritärem Ton Kommandos gibt: Alle sollen die Zeitungen weglesen, ihren Nachbarn ansehen und ihn begrüßen.
Reaktion der Fahrgäste Am Anfang sind alle noch irritiert und sehr zurückhaltend, die Befehle werden aber befolgt. Dann aber ändert sich das und die Fahrgäste unterhalten sich angeregt und sind offensichtlich glücklich mit der neuen Situation.
Situation an der nächsten Haltestelle An der nächsten Haltesstelle verlässt die Ich-Erzählerin den Bus, nachdem sie sich von ihrer Nachbarin verabschiedet hat. In vier weiteren Bussen sieht sie das gleiche distanzierte, unpersönliche Verhalten, das auch in ihrem Bus anfangs geherrscht hat. In ihrem eigenen Bus dagegen hält die gute Stimmung offensichtlich an.
Schluss Am Ende freut sich die Ich-Erzählerin über einen Tag, der mal positiv anders angefangen hat als sonst, sie spricht sogar von einem Wunder, das die Aktion des Busfahrers bewirkt habe.

Wo ist das Problem?

  1. Das Problem besteht zunächst darin, dass der Busfahrer sich auf eine unglaublich autoritäre Weise zum Lehrmeister der Fahrgäste macht. Bezeichnenderweise wird an einer Stelle davon gesprochen, dass sie sich „wie Schulkinder“ verhalten.
  2. Auffallend ist auch, mit welcher Selbstverständlichkeit die Ich-Erzählerin hinnimmt, dass der Ton, in dem der Busfahrer mit den Fahrgästen spricht, „etwas Gehorsam Forderndes“ liegt.
  3. Sie kommt wohl keinen Moment auf den Gedanken, dass die Reaktion der Fahrgäste „schwach und ängstlich“ ist, ein typisches Verhalten in Situationen, die zunächst mal von Angst geprägt sind oder zumindest sein können. Warum soll niemand an eine Entführung denken, wenn es plötzlich heißt: „Achtung! Achtung! […] Legen Sie alle die Zeitungen weg.“
  4. Das möglicherweise ein bisschen beruhigende Kommando „„Nun drehen Sie alle den Kopf zur Seite und sehen Sie Ihrem Sitznachbarn ins Gesicht“ wird abgeschlossen mit „Na los, auf geht’s!“ So spricht man nicht mal in einem Sportkurs mit den Teilnehmern.
  5. Wenn dann die Ich-Erzählerin beglückt feststellt, dass „eine lange unterdrückte allgemeine Höflichkeit“ sich Bahn bricht, scheint sie noch nichts von Leuten gehört zu haben, die froh sind, wenn sie nicht überall mehr tun müssen als nur ein Minimum an Höflichkeit. Sie scheint auch keine Ahnung davon zu haben, dass sich im Verhalten von Gemeinschaften Ablaufmuster ergeben, die sehr funktional sind und damit auch entlastend.
  6. Die letztlich arrogant einseitige Grundhaltung der Ich-Erzählerin gegenüber anderen Menschen erreicht dann ihren Höhepunkt, als sie die Menschen in anderen Bussen, die sich anders verhalten, als sie es für richtig hält, als „Ölgötzen“ beschimpft.
  7. Insgesamt also eine Geschichte, bei der zumindest die Ich-Erzählerin letztlich Gutes erreichen will – und wir können wohl davon ausgehen, dass die Autorin auch dahintersteht, aber eine Aktion anscheinend gut findet, die in vielerlei Hinsicht fragwürdig ist.
  8. Dementsprechend dürfte die Frage interessant sein, wie man die Atmosphäre im Linienbus freundlicher gestalten kann – denn das Ziel ist ja nicht nur ehrenwert, sondern möglicherweise im wahrsten Sinne des Wortes heilsam. Es muss ja nicht gleich zu einem Gespräch kommen, bei dem am Ende der Sitznachbar erzählt, dass er sich eigentlich von der Brücke stürzen wollte, jetzt aber doch wieder Hoffnung auf ein besseres Miteinander hat.

Kreative Anregungen

  • Diese doch sehr einseitige Geschichte schreit geradezu nach Veränderungsideen.
  • Dies könnte aus einer anderen Perspektive geschehen – zum Beispiel aus der eines Mädchens, das mit rasenden Kopfschmerzen zum Arzt fährt. Oder da ist ein junger Schauspieler, der die Busfahrt dazu nutzen wollte, sich den Text einzuprägen, den er gleich parat haben muss.
  • Möglich wären auch Reaktionen beim Aussteigen gegenüber dem Busfahrer. „Gute Idee, aber vielleicht demnächst ein bisschen freundlicher.  Ich dachte erst, der Bus wird entführt.“

Vergleich mit einer Szene aus dem „Club der toten Dichter“

In dem berühmten Film „Der Club der toten Dichter“ geht es um einen Lehrer, der in seinem etwas altmodisch verstaubten Internat die Schüler für Literatur erwärmen will. Das führt nicht nur zu der im wahrsten Sinne radikalen Maßnahme, dass aus einem gängigen Lehrbuch zu Gedichten erst mal die Einleitung herausgerissen wird. Viel problematischer ist eine Szene, in der ein Schüler im wahrsten Sinne des Wortes vorgeführt wird. Er muss aufs Pult stellen und ein Gedicht vortragen. Man kann sich vorstellen, was das für einen jungen Menschen bedeutet. Im Unterschied zu der Kurzgeschichte von Pattie Wigand ist der Film wenigstens so ehrlich, dass reale Folgeprobleme einer zwar sehr autoritären, aber doch auch erfolgreichen Erziehung zur Selbstbestimmung deutlich werden.

Vergleich mit der Kurzgeschichte „Die Botschaft“

In der Kurzgeschichte „Die Botschaft“ von Jutta von der Lühe-Tower geht es auch um eine Verhaltensänderung. Diesmal versucht ein Junge, seinen Eltern deutlich zu machen, wie sehr ihn ihre Streitigkeiten belasten und wie sehr er sich freuen würde, wenn man wieder zu alter Gemeinsamkeit zurückfinden könnte. Dies geschieht aber auf eine wunderbar zurückhaltende und zugleich eindringliche Weise – nämlich dadurch, dass der Junge eine alte Holzeisenbahn, die für früheres gemeinsames Spielen steht, herausholt und auf den Küchentisch stellt – sicher in der Hoffnung, gerade auf diesem indirekten Weg eine Wirkung zu erzielen.

Näheres zu dieser Geschichte gibt es auf der Seite:
https://www.schnell-durchblicken2.de/luehe-tower-botschaft

Weiterführende Hinweise 

 

Gedichte der Romantik zum Thema „Poesie“

Gedichte der Romantik zum Thema „Poesie“

Rückkehr zur Gesamtübersicht über Gedichte der Romantik zu verschiedenen Themen

  • Novalis, „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“
    • Märchen und Gedichte sind mehr wert als alle Wissenschaft.
  • Eichendorff, „“Wünschelrute“
    • In allen Dingen gibt es noch ein geheimes Innenleben. Dessen Poesie kann man freisetzen, wenn man das richtige „Zauberwort“ trifft.
  • Schlegel, Friedrich, „Der Dichter“
    • Situation der Einsamkeit
    • schafft der Fantasie besondere Spielräume
    • das gilt besonders für die „heil’ge Nacht“
    • dort ist der Dichter „ins Innre der Natur gekommen“.
  • Schlegel, „Im Walde“
    • Bedeutung der Natur für das Schöpferische: Der Wald als Ort Gottes und des „Gedankens Macht“
    • Freude auch an den Blitzen in der Waldesnatur
    • Aber auch Dankbarkeit für das „Rauschen sanfter Quellen“
    • Entspannung vom „Kampf der starken Triebe“ im „Drang des Lebens aus der Fülle“
    • Impulse für Poesie: „Schöpferischer Lüfte Wehen / Fühlt man durch die Seele gehen.“
    • Am Ende ein Ausgleich zwischen dem Wilden und dem Geordneten: „Freigegeben alle Zügel / Schwingt sich des Gedankens Macht / Hört in Lüften ohne Grausen / Den Gesang der Geister brausen.“
  • Schlegel, Friedrich, „Weise des Dichters“
    • Das “Waldesdunkel” mit seinen vielen Vogelgesängen, denen wir “bezaubert lauschen”
    • Hinweis auf die Vielfalt dieser Gesänge, was Inhalt bzw. Gefühle angeht
    • Eine Quelle ist die “Sehnsucht alter Reiche”
    • Es geht um “Sinnbilder, leise, des gefühlten Wahren”
    • “Des nahen Frühlings stille Hoffnungszeichen, / die schon in helle Flammen sich entzünden”: Am Ende also der Wechsel in der Natur als Impuls auch für den Menschen
  • Novalis, „Armenmitleid“
    • Frage nach der Bedeutung bzw. Wichtigkeit der Dichtung
    • Eingehen auf die Wirkung von Dichtung
    • Konsequenz daraus: Appell an die Reichen, nicht nur zu schwelgen, sondern auch auf die Armen zu achten.
    • Begründung: Arm und Reich hat den gleichen himmlischen Vater.

Weiterführende Hinweise

Lügen die Dichter wirklich nach Auffassung des Philosophen Plato?

Warum ist Platos Haltung gegenüber den Dichtern überhaupt interessant?

  • Ausgangspunkt ist die These, dass der Philosoph Plato die Auffassung vertreten habe, dass die Dichter eigentlich lügen und ihre Arbeit damit eigentlich abzulehnen sei oder zumindest nicht sehr wertvoll sei.
  • Wir selbst haben von hier aus die gesamte Dramentheorie des Aristoteles her geleitet:
    einmal im Hinblick auf „Die Physiker“ (hier)
    und
    im Hinblick auf Iphigenie (hier).
    Außerdem haben wir das in unsere Gesamtübersicht über die Geschichte der Theatertheorien aufgenommen.

Auswertung eines lesenswerten Aufsatzes von Jochen Mecke

  • Nun haben wir im Internet einen Aufsatz gefunden, der das sehr viel differenzierter sieht:
    Dieser Aufsatz stammt von Jochen Mecke und trägt den Titel „Du musst dran glauben, Von der Literatur der Lüge zur Lüge der Literatur“.
    Zu finden ist der Aufsatz hier.
  • Und wir werten ihn jetzt mal im Hinblick auf Platos Verhältnis zur Literatur aus:
    • Tatsächlich will Platon die Dichter aus dem Staat ausschließen, „weil sie nur Nachbildner von Schattenbildern seien“.
    • Aber Plato hat nicht grundsätzlich etwas gegen Lügen.
    • Am meisten kämpft er gegen den Irrtum, dessen Bezeichnung im Altgriechischen identisch mit dem ist, was wir als Lüge bezeichnen.
    • Die ist für Plato beim Herrscher durchaus erlaubt, weil sie sogar wie ein Medikament im Dienst des Staates verwendet werden kann.
    • Für den einfachen Bürger sind Lügen allerdings verboten.
    • Bei den Dichtern kritisiert Plato nicht, dass sie unwahre Sachen erfinden, sondern nur, wenn sich das gegen den Staat, die Moral oder die Götter richtet.
    • Man sieht also deutlich, dass Plato die Dichter und ihr Schaffen sehr viel differenzierter sieht, als man allgemein annimmt. Allerdings hat eben auch eine solche Überlieferung ihre historische Kraft
    • und von daher kann man durchaus die Tragödienlehre des Aristoteles von Plato herleiten, auch wenn er sich nur gegen einen bestimmten Vorwurf verteidigt. Nämlich den, dass die Dichtungen nicht genügend zum Wohl des Staates beitrügen. Das soll ja durch die Erschütterung der Katharsis in der Tragödie sowie durch die Fallhhöhe erreicht werden.
    • Interessant ist noch eine Definition der Lüge in diesem Artikel, die die Literatur ganz allgemein entlastet, denn wenn „Roman“ auf dem Buchcover draufsteht, weiß jeder, woran er ist.
    • Allerdings verweist der Verfasser auch auf neuere Entwicklungen, in denen die Grenzen sich verwischen: Da schreibt jemand ein Buch über seine Jugend, aber einiges stimmt mit der Wirklichkeit nicht überein. Es gehört zur modernen Welt der Kunst, dass man mit solchen Übergängen einfach spielen mag. Die Frage nach der Wahrheit bleibt dann offen.

Anmerkungen über den Artikel hinaus

  • Wir verweisen hier aber auch gerne auf Goethe, der seine eigene Autobiografie eben auch „Dichtung und Wahrheit“ genannt hat und bei der Beschreibung der italienischen Reise weiß man, dass die unmittelbaren Aufzeichnungen aus der Zeit zum Teil ein anderes Bild zeichnen als in spät entstandenen Autobiografie.
  • Unabhängig davon verweisen wir gerne darauf, dass die besondere „Lüge“ der Poesie nicht nur viel Freude erzeugen kann, sondern auch der Erkenntnis förderlich sein kann.
    1. Man denke an die Parabel, in der zum Beispiel König David ein ein Fall erst mal in fremder Umgebung durcherzählt wird, bevor er hören muss: „Du bist der Mann“. Er hat sich damit ganz unbefangen sein eigenes Urteil gesprochen..
    2. Oder man denke an Kleist, der in der Novelle „Michael Kohlhaas“ einfach mal einen Fall durchspielt, in dem ein braver Bürger, dem Unrecht geschieht, zum Terroristen wird.
    3. Oder man denke an die Science-fiction, wo man einfach mal vorwegnimmt, was in der Zukunft möglich sein könnte – und Jules Verne hat so schon die Mondlandung vorweggenommen.

Weiterführende Hinweise

  • Ein alphabetisches Gesamtverzeichnis unserer Infos und Materialien gibt es hier.
  • Eine Übersicht über unsere Videos auf Youtube gibt es hier.

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