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Anders Tivag, Ein kleiner Nachtrag zu Kafkas „Verwandlung“

Warum diese Fortsetzung einer berühmten Schul-Lektüre?

Schüler tun sich meistens schwer, wenn es um die Veränderung oder Erweiterung des Schlusses einer Schul-Lektüre geht.

Glücklicherweise gibt es auch Lehrer, die das selbst mal probieren und das dann ihren Schülern zumindest unter einem Pseudonym zur Verfügung stellen.

Wir freuen uns, das hier veröffentlichen zu dürfen.

Ziel ist es natürlich nicht zu zeigen, dass eigentlich jeder so schreiben kann wie Franz Kafka – es geht um etwas ganz anderes, nämlich das Sich-Einlassen auf einen literarischen Text nicht mit dem Ziel der Analyse. Vielmehr geht es darum, einen wesentlichen Kern zu erfassen, nämlich hier die Verwandlung von Gretes Schwester, und dann wie ein Trendscout die Signale im Text zu suchen, die über das reale Ende der Erzählung hinausweisen können.

Wer beim Lesen denkt, das könnte doch noch anders weitergeführt werden, bei dem haben wir unser Hauptziel erreicht, nämlich die Lust auf das eigene Schreiben zu wecken.

Video mit Dokumentation

Inzwischen gibt es auch ein Video, das hier zu finden ist:
https://youtu.be/R-AXEFKsUz0

Dokumentation zum Video

Mat2905 vf Wie kann man Kafkas Verwandlung weiterschreiben

Nun eine mögliche Fortsetzungs-Variante

Anders Tivag

Was Kafka am Ende der „Verwandlung“ noch hätte schreiben können …

Drei Jahre waren nach dem traurigen Ende Gregors vergangen. Das hatte Gretes Mutter zum Anlass genommen, ihrer Tochter wieder mal zu schreiben und sie um einen Besuch zu bitten. Es wäre doch an der Zeit, des so früh Dahingeschiedenen angemessen zu gedenken. Zwar gäbe es ja kein Grab auf dem Friedhof, aber aber man könnte ja noch mal diesen wunderbaren Ausflug am Tag der Befreiung von allem Leid wiederholen.

Grete hatte diesen Ausflug allerdings etwas anders in Erinnerung. Zwar war es ganz schön gewesen, endlich mal wieder rauszukommen, ohne abends immer mit diesem Rausfall aus aller gesellschaftlichen Normalität konfrontiert zu werden. Am meisten hatten sie allerdings die Blicke – vor allem des Vaters – gestört. Der konnte sich anscheinend nicht sattsehen an ihr. Schließlich hatten die Eltern es nicht mehr ausgehalten und sie direkt gefragt, ob es nicht an der  Zeit wäre, einen Mann für sie zu suchen.  Sie wäre doch jetzt in dem Alter, wo die Gründung einer eigenen Familie ihrem gemeinsamen Glück den letzten Schubs geben könnte. Der Vater hatte tatsächlich von „Schubs“ gesprochen – aber mit der Sprache hatte er es halt nicht so.

Was die Sache des Heiratens selbst anging, hatte sie es nicht eilig gehabt. Damals war erst mal Erholung angesagt und die wollte sie in vollen Zügen genießen. Vielleicht war ja sogar eine Reise in den sonnigen Süden möglich. Die gestaltete sich dann aber ganz anders, als sie gedacht hatte. Denn wenige Tage später war einer der Zimmerherren erschienen, hatte sich ausgiebig für das Verhalten der beiden anderen entschuldigt und ein lebhaftes Interesse an ihrem Musizieren geäußert. Daraus wurde dann mehr – und nach einem halben Jahr hatte es die Hochzeitsreise nach Italien gegeben.

Was ihr an Leonardo so gefallen hatte, war seine außergewöhnliche Biegsamkeit gewesen. Er schien außer seinem Beruf als Verkäufer in einer Musikalienhandlung und dem Interesse an ihr kaum etwas zu haben, was klar stand und fest. So musste sie sich keine große Sorgen machen, was die Verbindung mit ihm anging. Der Wunsch der Eltern war erfüllt und zugleich war sie sie los. Gemeinsam hatten sie beide eine kleine Wohnung bezogen und Leonardo war seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen, nämlich ihr zu Füßen zu liegen. Jeden Wunsch las er ihr von den Lippen ab. Schließlich wurde es ihr doch zuviel – also wurde ihr Ton ihm gegenüber etwas rauher. Im übrigen konnte sie sich ganz auf ihr Violinenspiel konzentrieren, das hin und wieder in der Musikalienhandlung des Gatten auch präsentiert wurde.

Mit einer Antwort an die Mutter ließ sie sich Zeit, da war ein zweiter Brief gekommen. Diesmal aus traurigem Anlass: Der Vater sei gestürzt und bettlägerig, ob sie nicht kommen könne, um bei der Versorgung und der Hausarbeit zu helfen. Als sie in Leonardos treue Hundeaugen schaute, nachdem sie ihm den Brief vorgelesen hatte, wusste sie, was zu antworten war. Sie hatte sich nicht so mutig für ein Ende dieser „alten Sachen“ eingesetzt, um jetzt in neue Verpflichtungen zu geraten.  Also schnell ein Antwortschreiben aufgesetzt, etwas von Krankheit und anderen Verpflichtungen machte wohl ausreichend deutlich, dass an ein Nach-Hause-Kommen überhaupt nicht zu denken sei. Vater habe sicher irgendwo noch ein bisher unentdecktes Kapital – diese kleine Spitze konnte sie sich nicht verkneifen – davon könne man sicher eine Betreuerin bezahlen – vielleicht stehe ja die Bedienerin noch zur Verfügung, die so umsichtig gerade in der Schlussphase der traurigen Geschichte für alles gesorgt habe.

Leonardo hatte zu allem Ja und Amen gesagt und war auch gleich zur Post gestürzt, damit die Mutter nicht lange auf die Antwort würde warten müssen. Auf dem Rückweg – hatte sie ihm mitgegeben – solle er schauen, ob es noch Karten für die Oper gäbe. Es war mal wieder Zeit, sich etwas zu gönnen.

Anders Tivag, Parabel zum kategorischen Imperativ

Zu dieser Geschichte gibt es auch eine Hörfassung:

Anders Tivag

Parabel zum kategorischen Imperativ

Als Prof. S wieder mal nicht nur zu spät zu seiner Vorlesung kam, sondern auch seinen Sportwagen direkt vor dem Garagentor des Hausmeisters parkte, nutzten seine Studis die Gelegenheit, ihn nach seiner Haltung zum kategorischen Imperativ von Herrn Kant fragten.

Professor S freute sich über den spontanen Einwurf, verlangte aber, dass ihm einer den Originalwortlaut vorlese, denn nur auf einer solchen Basis lasse sich angemessen etwas dazu sagen. Schon nach kurzer Recherche auf ihrem Laptop präsentierte eine Studentin die folgende Fassung:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Mit Rücksicht auf einige Mitstudis, die mit der Formulierung anscheinend nicht sofort klar kamen, übersetzte die junge Frau das auch gleich in eine heutige Sprache und meinte: „Kant möchte, dass in einer moralisch gut aufgestellten Gesellschaft jeder so handeln soll, dass sie keinen Schaden nimmt, wenn alle anderen auch so handeln.“

Professor S überlegte kurz und erzählte dann, wie es deine Studenten schon erwarteten, die folgende Geschichte:

„Ein Mann, nennen wir ihn Florian Tugendhaft, der nicht nur die wichtigsten Werke der Ethik kannte, sondern auch nach ihnen zu handeln gedachte, hatte das Glück, sie an einem Tag auf fast schon ideale Weise erproben zu können.

Er hatte den ganzen Tag gearbeitet, war müde und hungrig und wollte sich jetzt in einem Geschäft noch etwas zu essen kaufen. Leider hatte sich aus unerfindlichen Gründen vor der Eingangstür eine lange Schlange gebildet, an deren Ende er sich nun pflichtschuldigst anstellte.

Kaum hatte er einige Minuten gestanden und war etwa um zehn Plätze vorgerückt, als er sah, dass es vorne einen kleinen Tumult gab, der dazu führte, dass ein aufgeregter Mann immer weiter in der Schlange nach hinten gewissermaßen durchgereicht wurde. Irgendwann verstand er, worum es ging. Der Mann hatte wohl ein krankes Kind, für das er schnell noch etwas einkaufen wollte, und er bat jetzt – anscheinend stets vergeblich – darum, dass ihn jemand vorlassen möge.

Schließlich hatte er unseren Herrn Tugendhaft erreicht, der es selbstverständlich für eine gute Regel der Sittlichkeit hielt,  einen solchen Menschen in Not bevorzugt zu behandeln. Leider waren die Leute hinter ihm nicht der gleichen Meinung, und um ihren Zorn zu besänftigen, musste er sie alle auch vorlassen, so dass er selbst wieder am Ende der Schlange stand, hungrig, aber im Gefühl, die Welt ein bisschen besser gemacht zu haben.

Kaum hatte er sich wieder einige Plätze vor gearbeitet oder besser „vorgewartet“, als von rechts ein altes Mütterchen an die Schlange heranschlurfte, mühsam ihren Rollator vor sich herschiebend. Herr Tugendhaft wusste jetzt schon, dass es hier ohne sein vorbildliches Engagement keine Lösung geben würde und dass er auch die Folgen seiner guten Tat würde wieder auf sich nehmen müssen. Also machte er Platz für das Mütterchen und stellte sich ganz von selbst und ohne Zögern am Ende der Schlange wieder an.

So ging es noch einige Male. Bei unserem Vorbild der Moral wuchsen die guten Gefühle genauso wie der Hunger und es verwundert uns kaum, dass er am Ende vor einer verschlossenen Eingangstür stand, nichts mehr zu essen bekam und sich mit letzten Kräften auf den Weg nach Hause machte. Wünschen wir ihm, dass dieses Beispiel nicht damit endet, dass er auch noch erschöpft in einen Straßengraben fällt und dort sein edles Leben vorzeitig beschließt.“

Hinweise auf weitere Infos und Tipps:

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