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Schlagwort: Gottfried

Gottfried Benn, „D-Zug“

Allgemeines zu dem Gedicht „D-Zug“ von Gottfried Benn

Das Gedicht „D-Zug“ von Gottfried Benn stammt aus dem Jahr 1912, also zwei Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Gottfried Benn lebte von 1886 bis 1956 und gehört damit zu den Dichtern des Expressionismus, die den Krieg überlebt haben.

Für uns heißt das, dass seine Texte bis 70 Jahre nach seinem Tod geschützt sind, deshalb präsentieren wir das Gedicht hier nicht komplett.

Wir gehen aber davon aus, dass Schüler das Gedicht vorliegen haben, zum Beispiel in einem Arbeitsheft des Cornelsen-Verlags (S. 46). Näheres dazu findet man hier:
https://www.cornelsen.de/produkte/kursthemen-deutsch-lyrik-reisen-vom-sturm-und-drang-bis-zur-gegenwart-schuelerbuch-9783062001680

Das Besondere an dem Gedicht ist, dass es zu den Texten gehört, die für Leser, die sich im Werk von Benn nicht speziell auskennen, eine große „Zumutung“ darstellen. Wir fragen uns, ob man das Gedicht eigentlich im normalen Deutschunterricht überhaupt behandeln kann.

Deshalb gehen wir in zwei Schritten vor:

Zunächst einmal versuchen wir, das Gedicht allein aus sich selbst heraus zu verstehen.

Im zweiten Schritt verweisen wir dann auf eine Interpretation im Internet und prüfen, inwieweit sie für unser Ziel, die Aussage des Gedichtes zu verstehen, hilfreich ist.

Erster Schritt: Versuch, das Gedicht aus sich heraus zu verstehen

Auswertung des Titels

Gottfried Benn

D-Zug

  • Der Titel bietet nur einen sehr knappen Hinweis auf das, was der Leser erwarten kann.
  • Auf jeden Fall geht es wohl um das Reisen mit der Bahn.

Versgruppe 1 (1/2)

  •  Die erste Versgruppe (1/2)  beginnt sehr seltsam, weil vier verschiedene Farbtöne, zum Teil mit Vergleichen, aufgeführt werden, ohne dass deutlich wird, welche Bedeutung das hat..
  • Die zweite Zeile liefert hier einen gewissen Hinweis, indem Orte genannt werden, die der im Titel genannte D-Zug ansteuert: „Berlin-Trelleborg und die Ostseebäder“.
  • Zunächst vermutet man, dass die Farben sich möglicherweise auf die Landschaften bezieht, die der Zug durchfährt.

Versgruppe 2 (3-7)

  •  Die zweite Versgruppe macht darüber klar, dass es offensichtlich um Menschen geht, die wahrscheinlich in diesem D-Zug mitfahren und sich auf unterschiedliche Art und Weise haben von der Sonne bräunen lassen. Betont wird die Nacktheit als Voraussetung und die Wirkung des Meeres.
  • Bei der 5. Zeile weiß man nicht, was da „reif gesenkt“ ist „zu griechischem Glück“.
  • Der Rest der Versgruppe hilft dann das zu verstehen, weil es sich offensichtlich um den Schluss des Sommers handelt. Man kann sogar den 29. September herausrechnen.
  • Und das Gesenktsein in Verbindung mit „Sichel“ könnte sich auf die Ernte beziehen.

Versgruppe 3 (8-10)

08 Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns.

09 Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten,

10 die Georginennähe macht uns wirr.

  •  Die dritte Versgruppe ist ein schönes Beispiel dafür, wie sehr Dichter das, was sie eigentlich sagen wollen, in ihren Texten auch verstecken können.
  • Worin besteht also die Verbindung von Stoppel und Mandel und was hat das mit dem lyrischen ich und seinem Inneren zu tun.
  • „Stoppel“ könnte man vor dem Hintergrund der Ernte-Hypothese mit „Stoppelfeldern“, also abgeernteten Ackerflächen in Verbindung bringen.
  • Mit der Mandel wird es sehr schwierig, um die Frucht kann es sich an der Ostseeküste nicht handeln. Es könnte sich noch um die Mandeln im Mund handeln, die durchaus was mit „lechzen“ zu tun haben können – aber kaum in Verbindung mit Stoppelfeldern.
  • Wir sagen das ganz offen: Solche Gedichte sollte man in der Schule eigentlich weglassen, es sei denn, man hat Lust auf Interpretationskriminalistik und die entsprechenden Experten in Reichweite.
  • Die Zeile neun beschäftigt sich dann mit weiteren Elementen, die offensichtlich zum Inneren des Menschen gehören.
    • Mit „Entfaltung“ sind möglicherweise positive Veränderung gemeint.
    • Das „Blut“ mag für Gefühle stehen
    • und „Müdigkeiten“ würde zu einem Alter passen, bei dem man sich fühlt wie am Ende des Sommers und in Erwartung von Herbst und Winter.
  • Warum die „Georginennähe“ (Georginen sind eine Dahlien-Variante) das lyrische Ich mit anderen zusammen „wirr“ macht, ist erst mal auch ein Geheimnis. Vielleicht spielt hier eine Rolle, dass diese Blumen „von Ende Juni bis zum ersten Frost“ blühen und damit auch ein Zeichen für den vergehenden Sommer sind.
    https://www.mein-schoener-garten.de/gartenpraxis/balkon-terrasse/dahlien-im-topf-pflanzen-und-pflegen-29391

Versgruppe 4 (11)

11 Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun:

  •  Diese Zeile ist auch wieder recht rätselhaft,
  • kann aber möglicherweise bedeuten, dass braun gebrannte Männer sich für braun gebrannte Frauen interessieren
  • und dabei schon in eine gewisse Gefühlswallung geraten.
  • Auf jeden Fall finden hier mögliche Begegnungen erst mal einseitig und recht rasant statt.

Versgruppe 5 (12-15)

  •  Die ersten beiden Zeilen dieser Versgruppe bestätigen dann, dass es hier um eine Sicht von Männern auf Frauen geht, die wir heute als absolut machomäßig und potenziell übergriffig kritisieren würden.
  • Man kann sogar von Menschenverachtung sprechen, wenn Frauen nur „etwas für eine Nacht“ sind und ggf. noch eine weitere bekommen, „wenn es schön war“.
  • Das wird dann noch dadurch unterstrichen, dass anschließend das Alleinsein des Mannes gepriesen wird. Keine Rede von Zusammenleben und echter Partnerschaft.
  • Für Männer gibt es nach einer Begegnung mit einer Frau offensichtlich nur zwei Möglichkeiten,
    • nämlich einmal das Verstummen. Es gibt ja viele Geschichten, in denen Männer als angeblich weniger gesprächig und kommunikationsbereit beschrieben werden als Frauen.
    • Das Wort „Getriebenwerden“ sieht ein bisschen nach Selbstkritik aus, denn hier ist der Mann nicht mehr der Bestimmende, der alles im Griff hat. Man muss wohl annehmen, dass damit die Lust auf neuen Sex gemeint ist.

Versgruppe 6 (16-19)

  • Vor dem aufgebauten Macho-Hintergrund hat man kein gutes Gefühl als Leser, wenn als nächstes Frau definiert wird als „etwas mit Geruch“. Wahrscheinlich ist damit Parfüm gemeint.
  • Den Stoßseufzer „Unsägliches“ wollen wir mal positiv verstehen: Männer können letztlich nichts wirklich Wesentliches über Frauen aussagen, weil sie sie einfach nicht begreifen.
  • Die folgende Aufforderung „Stirb hin! Resede.“  kann man erst mal so verstehen, dass man den aktuellen Vegetationsprozess jetzt gerne abkürzen möchte, denn die Resede ist eine Pflanze, die eben bis September blüht. Und oben war ja von „Müdigkeit“ die Rede, die das lyrische Ich empfindet.
  • In den letzten beiden Zeilen dann plötzlich eine Wendung:
    In diesem Sterben liegt anscheinend etwas, das man nördlich der Alpen seit langem schon mit dem „Süden“ verbindet, idyllischen Vorstellungen von „Hirt und Meer“. Dazu kann man auch Zeile 5 herangeziehen, wo von „griechischem Glück“ die Rede ist.
  • Das lyrische Ich nimmt das sogar wortwörtlich noch einmal auf: „An jedem Abhang lehnt ein Glück.“ Gemeint ist damit, dass in dieser Weltgegend überall Glück zu finden ist.

    Versgruppe 7 (20)

„Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun:“ (20)
zu vergleichen mit:
„Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun:“ (11)

  •  Diese Zeile muss natürlich im Zusammenhang mit einer anderen weiter oben gesehen werden
  • und soll wohl deutlich machen, dass die Frauen, die das lyrische Ich sieht, auf die Anmache durch die Männer positiv reagieren und dabei sogar ihren festen Stand verlieren.
  • Das scheint eine spezielle Variante von Hingabe zu sein, bei der Frauen ganz eindeutig als das schwache, nicht standfeste Geschlecht betrachtet werden, während die Männer sich wie früher üblich in bestimmten Situationen das Recht herausnehmen, sich auf die Frauen zu stürzen – auch wenn das hier sicher unterhalb jeder Schwelle von körperlicher Gewalt abspielt. Aber es hört sich schon nach Zudringlichkeit an – und es ist fraglich, ob heute noch viele Frauen darauf positiv reagieren.

Versgruppe 8 (21-24)

  • Die Zeile 21 („Halte mich! Du, ich falle!“) muss wohl im Zusammenhang mit dem Taumeln in der Zeile davor gesehen werden.
  • Warum die Frauen „im Nacken so müde“ sind, muss offen bleiben – aber viele Männer werden das als Frage verstehen, ob man nicht gemeinsam zu Bett gehen könnte.
  • Was das mit der Fahrt im D-Zug zu tun hat, bleibt fraglich. Wahrscheinlich ist das lyrische Ich mit seinen Gedanken und Wünschen innerlich spazieren gegangen.
  • Wenn man sich daran erinnert, dass der Geruch vorher den Frauen zugeordnet worden ist, sind die beiden letzten Zeilen wohl eine Art Abschluss aus Männerperspektive.
  • Der Blick auf die spätsommerliche Erntewelt draußen würde sich dann verbinden mit einem vorgestellten oder erhofften Zusammensein von Frau und Mann.
  • Das Motiv des Fieberns passt zu anderen Stellen im Gedicht:
    • „lechzt in uns“ (8)
    • „macht uns wirr“ (10)
    • „stürzt sich auf “ (11)
    • „Getriebenwerden“ (15)

Aussage(n) des Gedichtes

Das Gedicht zeigt

  1. auf was für Gedanken ein wahrscheinlich männliches lyrisches Ich während einer spätsommerlichen Zugfahrt kommen kann,
  2. wie sehr es dabei das Gefühl des sinkenden Jahres verbindet mit Beziehungen zwischen Männern und Frauen
  3. wobei hier eine sehr dominant männliche Sicht vorherrscht, die sich auch vor sehr problematischen Formulierungen nicht scheut.
  4. Neben all dem gibt es eine Sehnsucht nach dem Süden, nach Erfüllung, die möglicherweise auch etwas mit der unterschwelligen Sexualität zu tun hat.

Insgesamt ein Gedicht, was sich auf sehr eigenartige Weise mit eine Situation im September im Zug beschäftigt. Dabei werden Männer und Frauen auf äußere Dinge reduziert.

Insgesamt präsentiert sich das lyrische ich als müde und will eigentlich nur noch das dieser Sommer jetzt schnell zu Ende geht.

Check einer Interpretation, die über den Text hinausgeht

Zu diesem Gedicht gibt es eine recht ausführliche und detaillierte Interpretation auf der Seite:
https://lyrik.antikoerperchen.de/gottfried-benn-d-zug,textbearbeitung,87.html

Dort wird sehr viel Wissen herangezogen, das über den Text des Gedichtes hinausgeht und zum Teil auch bei einem Leser nicht vorausgesetzt werden kann.

Natürlich kann auch da viel Interessantes bei auftauchen – allerdings haben wir in einer Schule, in der Schüler mit und an Gedichten notenmäßig geprüft werden, dabei immer ein ungutes Gefühl.

Deshalb werden wir diese Interpretation hier nur unter dem Gesichtspunkt prüfen, ob man als „normaler“ Schüler ohne spezielle Kenntnisse auch hätte darauf kommen können. Außerdem interessiert uns natürlich, inwieweit wir diese „externe“ Interpretation überhaupt für uns als verbindlich anerkennen müssen.

  1. Nach einer längeren Vorstellung der Epoche des Expressionismus und ihrer Kennzeichen kommt es zu einer ersten zentralen These:
    „D-Zug gehört zum Themenkomplex des Ichzerfalls, der eng in Zusammenhang mit der Zivilisations- und Großstadtkritik der Lyriker steht.“
    Hier kommt es natürlich auf nähere Ausführungen an.
  2. Die gibt es dann auch bald:
    „Einerseits wird die Ichdissoziation negativ beschrieben wie in Alfred Lichtensteins Punkt, andererseits wird sie in Benns D-Zug oder in Kokain als lustvolle Ich-Entgrenzung erlebt, in der man der Rationalität entgeht.
    Benn thematisiert in diesem Gedicht Erotik als Rausch-Erfahrung, wobei sich das Ich zeitweise im Rausch und in einem Zustand des Unbewussten auflöst. Er verdeutlicht den Drang der Menschen nach der Ich-Entgrenzung, die sich im sexuellen Rausch ergibt.“
  3. Jetzt muss man also prüfen, ob es in dem Gedicht wirklich um „Erotik als Rausch-Erfahrung“ geht.
    1. Im Hinblick auf den Anfang des Gedichtes heißt es: “ Der Kognak deutet auf Rausch.“ Das kann natürlich sein, reicht aber in dem Kontext als Begründung für die Erotik-Rausch-These nicht aus.
    2. Dann geht es um das nackte Fleisch, das wir zunächst einmal mit der Farbe der Leute am Ende des Sommers in Verbindung gebracht haben:
      „Man kann davon ausgehen, dass die Vereinigung der Geschlechter bildlich durch die Dominanz der Farbe Braun symbolisiert wird, die sich in der gemeinsamen Farbe des gebräunten Fleisches vereinen. Der dritte Vers verdeutlicht durch die Verwendung des Präteritums, dass der Urlaub beendet ist. Der Urlaub wird nicht erwähnt, sondern nur angedeutet. Die Urlauber werden nur mit dem Begriff ‚Fleisch‘ bezeichnet und entpersonalisiert, was wiederum das Körperliche betont.“
      Das überzeugt hier nur teilweise: Das „Körperliche“ wird sicher betont, aber von einer „Vereinigung der Geschlechter“ kann man am Anfang noch nicht ausgehen.
    3. Ähnliches gilt für die folgende Gleichsetzung: „Bei der Georgine handelt es sich um einen Frauennamen und um den Namen einer Pflanze. Die Pflanze wird in einer Chiffre auf das weibliche Geschlecht übertragen und stuft es als Lustobjekt herab. Da nicht von einer bestimmten Frau die Rede ist, ergibt sich eine Entindividualisierung, die noch weiter getrieben wird zur Enthumanisierung: „Eine Frau ist etwas für eine Nacht“ (V. 12), „Eine Frau ist etwas mit Geruch“ (V. 16). Der unbestimmte Artikel betont die Anonymität und die beliebige Austauschbarkeit. Das Wort ‚etwas‘ verdeutlicht die Überlegenheit des Mannes, der das weibliche Geschlecht unterordnet und verdinglicht. Die Wörter ‚Frau‘ und ‚Georginennähe‘ beziehen sich hier nur auf die Sexualität.“
      Dem kann man man weitgehend zustimmen, allerdings ist im Gedicht eher allgemein von Männern die Rede.
      Vor allem darf man den Titel und die damit angesprochene Situation nicht vergessen, die eher Öffentlichkeit meint. Außerdem ist am Anfang von vielen Farben die Rede, was auch eher auf viele Menschen schließen lässt.
    4. Im weiteren Verlauf verlässt die Interpretation doch recht stark den konkreten Text und sieht alles sehr schnell im Kontext anderer Gedichte. Das wird besonders an der folgenden Stelle deutlich:
      „In den nächsten 2 Versen wird die Vergänglichkeit der Glücksmomente bzw. des Ichverlusts in erotischen Abenteuern bedauert: „Und dann wieder dieses Bei-sich-selbst-sein! Diese Stummheiten! Dies Getriebenwerden!“ (V. 14-15), was formal durch die Ausrufezeichen hervorgehoben wird. Nach dem angestrebten Rausch scheinen sich die Geschlechter nicht viel zu sagen zu haben und werden weiter getrieben zum nächsten Ichverlust, in dem man für kurze Zeit alles vergessen kann. Der bewusste Zustand des ‚Bei-sich-seins‘ (V. 14) wird nach Meurer bei Benn häufig beklagt. Benn hat versucht, der als Leiden empfundenen Vereinzelung zu entkommen, z. B. im Drogenrausch. In seinem Gedicht Kokain schwärmt er von der Wirkung dieser Droge: „Den Ich-zerfall, den süßen, tiefersehnten, [d]en gibst Du mir (Kokain, V. 1-2). Er beschwört den Rausch aber auch immer wieder im Aufgehen des Geschlechtlichen. Der Ichzerfall wird hier also im erotischen Rausch erstrebt und erlebt, aber er ist zeitlich begrenzt.“
    5. Auch etwas später wird der Text doch sehr freizügig erläutert: „Mit der Aufforderung „Stirb hin. Resede.“ (V. 17) scheint der Befehl zum Fallenlassen im Liebesakt gemeint zu sein.
      Der 19. Vers bringt noch einmal die Einstellung des Mannes auf den Punkt: „An jedem Abhang hängt ein Glück“ (V. 19). Das Glück wird personifiziert und bezieht sich auf die Sexualität. Mit dem Abhang könnte eine feste Bindung gemeint sein, der man versucht in oberflächlichen Bindungen zu entgehen. „
    6. Die Feststellung: „In dem Satz ‚Ich falle‘ wird die Ich-Auflösung im erotischen Glücksmoment verdeutlicht“ kann man sicher so sehen. Allerdings bezieht sich das auf einen ganz besonderen körperlich-seelischen Moment und es ist sehr fraglich, ob es mit dem um 1900 beschriebenen und auch erlebten Ich-Zerfall zu tun hat.
    7. Sehr sorgfältig sind im Folgenden wichtige Elemente des Textes zusammengestellt: „Für Benn ist die Erfüllung nach Meurer untrennbar mit der Vorstellung des Sterbens verbunden. Die Sehnsucht nach der Erfüllung schließt die Sehnsucht nach dem Hinsterben mit ein: Die Todessehnsucht ist angesprochen in „Sichel-Sehnsucht“ (V. 6), „Stirb hin“ (V. 17) und in „ich falle!“ (V. 21). Diese Sehnsucht hat ihre zeitliche Entsprechung in der Betonung des baldigen Endes: „Vorletzter Tag“ (V. 7), „letzte Mandel“ (V. 8), „Letzte Geruch“ (V. 24). Die Bewegung im Raum führt dementsprechend immer abwärts: „Reif gesenkt“ (V. 5), „stürzt sich auf“ (V. 11), „taumelt“ (V. 20), „ich falle“ (V. 21). Der zentrale Begriff ‚Glück‘ verbindet sich bei Benn fast immer mit einer Abwärtsbewegung.“
      Allerdings wird auch das zu sehr von außen interpretiert – unsere Zuordnung der Sichel zur Ernte ist auf jeden Fall textnäher.
    8. Sicherlich bedenkenswert ist die Lösung des Problems, dass der Titel-Impuls im Gedicht selbst wenig Entsprechung findet:
      „Der Titel lässt darauf schließen, dass sich das Geschehen in einem Zug abspielt, was aber nicht unbedingt der Fall sein muss. Ein D-Zug bietet Menschen die Möglichkeit, sich für eine kurze Strecke zu begegnen. Man schließt oberflächliche Bekanntschaften, die selten vertieft werden. So kann der Titel, der auf den ersten Blick nicht unbedingt zum Inhalt passt, als kurze Zusammenfassung des Gedichts gelesen werden, das den Ichverlust in einer kurzen, lebhaften Beziehung darstellt.“
      Aber auch hier halten wir es zumindest für genauso möglich, bestimmte Elemente der Zugfahrt zuzuordnen und sich darüber die Gedanken- und Fantasiewelt des lyrischen Ichs erheben zu lassen.
    9. Nicht ganz überzeugend finden wir den Satz: „Der Ort des Geschehens, der D-Zug, steht für Schnelligkeit und Hektik, die sich im ganzen Text finden.“ Es liegen sicher Ansätze eines Bewusstseinsstroms vor, aber Hektik ist doch etwas anderes.
    10. Was die Zusammenfassung angeht:
      „Dieses Gedicht steht nicht in Zusammenhang mit den Themenkomplexen Krieg oder Stadt, es spricht eher die Zivilisation und zwischenmenschliche Beziehungen an. Die Zivilisation wird nicht direkt kritisiert, aber wenn die Suche nach dem erotischen Rausch so dringend ist, schwingt darin auch eine Furcht mit, die mindestens das Bei-sich-sein und vielleicht auch die Realität betrifft. Der Ichzerfall wird hier im Gegensatz zu Lichtensteins Punkt lustvoll erlebt, während unter dessen Vergänglichkeit gelitten wird.“
      So kann man der Anfangsthese natürlich zustimmen. Aber der erotische Rausch ist wohl kaum das, was die Zivilisation um 1900 in besonderer Weise gefährdet hat. Das spielt epochenübergreifend eine Rolle.

Fazit:

Es lohnt sich, die eigene Interpretation an einer anderen zu überprüfen. Wir sind der Meinung, dass unsere Variante nicht nur auch möglich, sondern auch textnäher ist – und das ist der Ansatz, der den Schülern in ihrer universitäts-fernen Situation sicher besser entspricht.

Mat1729 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

 

 

Theodor Fontane, „Unterwegs und wieder daheim“

Fontane, „Unterwegs und wieder daheim“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

Das Besondere an diesem Gedicht

Das folgende Gedicht besteht aus vier separaten Teilen, bei denen man am Ende den Zusammenhang ein bisschen suchen muss.

Wir versuchen das hier mal, damit am Ende die „Textaussage“, um die wir uns ja immer bemühen, auch deutlich wird.

Wie immer stellen wir alle biografischen Bezüge zurück und nehmen den Text so, wie er eben da ist.

Allerdings gibt es statt dieses Gesamtgedichtes auch Varianten, die nur den vierten Teil präsentieren.

Der Titel und der erste Block des Gedichtes

Theodor Fontane,

Unterwegs und wieder daheim

  • Der Titel enthält bereits eine Spannung von „unterwegs“ und „daheim“.
  • Offen bleibt vor der Lektüre erst mal die Frage, welche Bedeutung dieses „wieder“ hat, nur eine rein auf die Zeit bezogene oder aber eine, die auch eine Wertung enthält – im Sinne von „endlich wieder“

Erst Münchner Bräu aus vollen Krügen,
Die Deckel klappten wie ein Reim,‘
Dann Neckarwein in vollen Zügen
Und endlich Rot von Ingelheim.

  • Das Gedicht beginnt mit Impressionen, wie man sie eben haben kann, wenn man von einem Ort schöner Getränke zum nächsten bewegt.

Und all die Zeit kein regentrüber
Verlorner Tag, kein nasser Schuh,
Die Bilder zögen uns vorüber,
Wir taten nichts als schauten zu.

  • Die zweite Strophe erweitert den Blick auf gutes Wetter
  • und eine Konzentration auf das zwar passive, aber vielleicht intensive Schauen.

Und graue Dome, bunte Fresken,
Und Marmor reichten sich die Hand,
Und weinblattdunkle Arabesken
Zog drum das Rhein- und Schwabenland.

  • Die dritte Strophe konzentriert sich auf das, was Bildungsbürger auf ihren Reisen so machen,
  • sie schauen sich berühmte Bauwerke mit ihren Kunstwerken an
  • und konzentrieren sich in diesem Falle auf die Rheinschiene und benachbarte süddeutsche Regionen, die ja besonders viele Kulturgüter im Angebot haben.

Der 2. Block des Gedichtes

2.

Mit achtzehn Jahr und roten Wangen,
Da sei’s, da wandre nach Paris,
Wenn noch kein tieferes Verlangen
Sich dir ins Herze niederließ;

  • Der zweite Block verändert die Perspektive ins Zeitliche und Lebensbiografische.
  • Für das Lyrische Ich gehört zur Jugend auch ein Sehnsuchtsort (zur Zeit Fontanes) wie Paris.
  • Die zweite Hälfte aber betont die Distanz: Das Alter schafft andere Bedürfnisse, ein „tieferes Verlangen“, dessen Inhalt erst mal offen bleibt.

Wenn unser Bestes: Lieb‘ und Treue,
Du nicht begehrst und nicht vermisst,
Und all das wechselvolle Neue
Noch deine höchste Gottheit ist.

  • Hier wird das Verlangen etwas gefüllt, bleibt aber doch noch unbestimmt: „Lieb‘ und Treue“, das kann viel sein, auch wenn das schon als Gegenstück zu so etwas wie Paris gesehen werden kann und sich gut auf Heimat beziehen könnte.
  • Diesmal gehört die zweite Hälfte der Klärung dessen, was die Jugend umtreibt.
  • Auch wenn wir uns hier auf inhaltliche Dinge beschränken, sei doch darauf hingewiesen, dass diese und die Strophe davor in einem Kreuz-Verhältnis stehen, das an den Chiasmus erinnert: Zunächst Jugend, dann zweimal Alter und dann wieder Jugend.

Mir sind dahin die leichten Zeiten,
Es lässt mich nüchtern, lässt mich kalt,
Ich bin für diese Herrlichkeiten
Vielleicht zu deutsch, gewiß – zu alt.

  • Diese Strophe beschreibt die Haltung des sich durchaus „alt“ fühlenden lyrischen Ichs.
  • Deutlich wird wieder die Distanz zur Umtriebigkeit der Jugend, bei ihr sieht man die „leichten Zeiten“, was wohl in Richtung „leichtfertig“, vielleicht auch „leichtsinnig“ geht.
  • Dann kommen zwei Gründe für die Distanz: Vom Alter war schon die Rede, dazu kommt aber jetzt auch noch „deutsch“, was wohl im Sinne von Heimat verstanden werden darf.
  • Was genau damit gemeint ist, bleibt offen, es sei denn, man nimmt die zentralen Elemente des ersten Blocks: Bier bzw. Wein, kulturelle Orte und Werke.

 

Der 3. Block des Gedichtes

3.

Und wieder hier draußen ein neues Jahr –
Was werden die Tage bringen?!
Wird’s werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

  • Der dritte Block knüpft an den ersten an, indem das lyrische Ich sich zum einen die Wiederholung wünscht,
  • zum anderen aber doch unsicher geworden ist, ob alles wieder so sein kann, wie man es als schön empfunden hat.

Wird’s fördern das, worauf ich gebaut,
Oder vollends es verderben?
Gleichviel, was es im Kessel braut,
Nur wünsch‘ ich nicht zu sterben.

  • Diese Strophe fasst die Sorge etwas enger und konzentriert sich auf etwas, was man Lebenswerk nennen könnte.
  • Letztlich will sich das lyrische Ich nicht auf den heiklen Maßstab des Gelingens festlegen, sondern einfach noch zu Ende bringen dürfen, was „im Kessel braut“.
  • Es hilft sicher beim Verständnis, wenn man hier an den Dichter Fontane denkt, der ja später mit dem literarischen Schreiben begonnen hat und jetzt noch einiges zu Wege bringen möchte.

Ich möchte noch wieder im Vaterland
Die Gläser klingen lassen
Und wieder noch des Freundes Hand
Im Einverständnis fassen.

  • Diese Strophe kehrt von den großen Zielen zurück zu den kleinen,
  • nämlich dem gemeinsamen Genuss zusammen mit Freunden.
  • Wichtig sind ihm das „Einverständnis“ und die menschliche Nähe.

Ich möchte noch wirken und schaffen und tun
Und atmen eine Weile,
Denn um im Grabe auszuruhn,
Hat’s nimmer Not noch Eile.

  • Diese Strophe greift auf die mit dem „Kessel“ zurück
  • und ergeht sich vor allem in Verben der Tätigkeit: „wirken“, „schaffen“, „tun“.
  • Dazu kommt eben die entscheidende Voraussetzung, im Alter nicht mehr so selbstverständlich, nämlich das „atmen“.
  • Die zweite Hälfte der Strophe ist vor dem Hintergrund eine deutliche Absage an die nicht zu umgehende, aber doch erst mal noch vermeidliche Zeit „im Grabe“

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken
Und nicht vergeht wie die Flamm‘ im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

  • In dieser Strophe verbindet das lyrische Ich seine Hoffnung, noch einige Zeit „atmen“ und eben auch „schaffen“ zu können, mit einer ungefähren Vorstellung von dem, was dabei herauskommen soll:
  • All das innere „Glühn“, das zum Beispiel zum Dichter gehört, soll „einen leuchtenden Funken“ zurücklassen, der „nicht vergeht wie die Flamm‘ im Kamin“.
  • Das ist etwas seltsam, aber gemeint ist wohl, dass eine Art Flamme möglichst erhalten bleibt. Man denkt hier schnell an so etwas wie eine „ewige Flamme“, wie sie bei Olympischen Spielen durch die Welt getragen wird oder in bestimmten Momumenten am Leben gehalten wird.
  • Ganz offensichtlich möchte das lyrische Ich etwas Dauerhaftes hinterlassen.

Der 4. Block des Gedichtes

4.

Ich bin hinauf, hinab gezogen
Und suchte Glück und sucht‘ es weit,
Es hat mein Suchen mich betrogen,
Und was ich fand, war Einsamkeit.

  • Kommen wir nun zum 4. Block, der ja gerne auch für sich präsentiert wird.
  • Das hängt wohl damit zusammen, dass hier eine Bilanz gezogen wird, die man auch ohne die Strophen davor verstehen kann.
  • Es geht um einen Rückblick auf viel Unterwegssein,
  • das zu keinem Glück geführt hat,
  • sondern zu Einsamkeit.
  • Das wird nicht näher erklärt: Hier ist es wie bei vielen Gedichten: Man kann sich als Leser hineindenken. Vielleicht hat das lyrische Ich nicht den richtigen Partner gefunden oder liebe Menschen sind vor ihm gestorben und haben ihn allein zurückgelassen.
  • Das passt aber nicht so ganz zu der Vorfreude auf eine erneute Reise wie am Anfang.
  • Dann ist es vielleicht eine innere Einsamkeit, die eben nur durch gelegentliche Treffen mit Freunden aufgehoben werden kann.

Ich hörte, wie das Leben lärmte,
Ich sah sein tausendfarbig Licht,
Es war kein Licht, das mich erwärmte,
Und echtes Leben war es nicht.

  • In dieser Strophe wird das negative Urteil noch radikaler,
  • es umfasst das ganze Leben,
  • das das Lyrische Ich anscheinend enttäuscht hat.
  • Als Leser kann man hier schnell das Gefühl haben, dass das ein typisches Urteil eines zunehmend traurigen Lebens im Alter ist,
  • das frühere Freuden angesichts möglicher aktueller Beschränkungen und Beschwerden nicht mehr so recht sehen kann.

Und endlich bin ich heimgegangen
Zu alter Stell‘ und alter Lieb‘,
Und von mir ab fiel das Verlangen,
Das einst mich in die Ferne trieb.

  • Dann wird es aber plötzlich positiver,
  • werden Elemente aufgenommen, bei denen es um Heimat und Vertrautheit und sogar Liebe geht.
  • Daraus entsteht eine in früheren Strophen schon angedachte Befreiung von all dem, was die Jugend noch glaubt tun und vor allem in der „Ferne“ erleben zu müssen.

Die Welt, die fremde, lohnt mit Kränkung,
Was sich, umwerbend, ihr gesellt;
Das Haus, die Heimat, die Beschränkung,
Die sind das Glück und sind die Welt.

  • Am Ende geht es nicht mehr um Jugend und Alter,
  • sondern es wird ein Gegensatz aufgebaut,
  • der typisch romantisch ist,
  • auch wenn Fontane einer späteren Zeit angehört.
  • Die Fremde hat ihre berechtigten Verlockungen,
  • aber sie bringt eben auch Enttäuschen,
  • so dass man sich am Ende gerne auf „Heimat“ und „Beschränkung“ konzentriert
  • und zwar in einer sehr hochgestimmten Weise,
  • wird dem doch das „Glück“ und die „Welt“ zugeordnet, also alles, was froh macht und womit man sich beschäftigen mag.

Aussagen des Gedichtes – Intentionalität

Das Gedicht zeigt,

  1. die Bedeutung der Freundschaft
  2. gerade auch beim Unterwegssein
  3. die Bedeutung der Heimat und ihrer Kultur, deren man sich mit zunehmendem Alter stärker bewusst wird,
  4. während die Jugend stärker auf die Fremde mit ihren Verlockungen steht,
  5. was das Gedicht aber als eher „leicht“ gewichtet.
  6. Vor allem aber zeigt das Gedicht die Sorgen des Alters und besonders des Künstlers, hier wohl des Dichters, noch genügend Zeit zu haben, um das fertig werden zu lassen,  was „im Kessel braut“.
  7. Das soll dann möglichst zu einem dauerhaften „Funken“ werden, also nachhaltig wirksam bleiben.

Vergleichsmöglichkeiten

  • Wer sich ein bisschen in Reisegedichten auskennt, dem fällt hier sicherlich Gottfried Benns „Reisen“ ein, das wesentlich kürzer und prägnanter ist, aber am Ende auch den Rückzug empfiehlt. Dieser geht aber noch weiter, nämlich bis hin zum „Ich“, während bei Fontane eben auch Heimat und Liebe dazugehören.
    Hier ein Lesetipp, bei dem auch noch Hermann Hesse ins Spiel kommt.
    https://www.schnell-durchblicken2.de/unt-hesse-resignation-benn-reisen
  • Außerdem fallen einem auch Gedichte der Romantik ein, in denen am Ende die vertraute Heimat wichtiger ist und mehr Sinn stiftet und Leben ermöglicht als die Fremde

Frage der Epochenzugehörigkeit

  • Natürlich gehört das Gedicht in erster Linie zum sog. „poetischen Realismus“, der sich im Unterschied zum Idealismus und der Romantik stärker der Wirklichkeit zuwendet, aber eben doch „dichterisch“ bleibt, also nach damaligem Verständnis versucht, das Schöne in den Dingen zu sehen und festzuhalten.
  • Aber es gibt auch Züge, die zur Romantik gehören, zum einen die Liebe zur Heimat und ihrer Kultur  und wohl auch Geschichte, aber auch Freundschaft, vor allem eine Konzentration auf tiefere Dinge, die über die „leichten“ Verlockungen der Ferne hinausgehen,
  • vor allem aber doch auch eine Sehnsucht nach Fertigstellung dessen, was noch unfertig ist.

Wer noch mehr möchte …

 

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