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Schlagwort: Friedrich

Friedrich Nietzsche, „Der neue Columbus“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

Das heißt:

  1. Wir gehen erst die Details des Gedichtes durch …
  2. und formulieren am Ende auf dieser Basis die „Aussagen“ des Textes .

Zunächst das Gedicht von Nietzsche mit Kommentaren

Friedrich Nietzsche

Der neue Columbus

01 Freundin! – sprach Columbus – traue
02 keinem Genueser mehr!
03 Immer starrt er in das Blaue –
04 Fernstes lockt ihn allzusehr!

  • Das lyrische Ich berichtet hier von einem angeblichen Gespräch des Columbus mit einer Freundin, in dem er ihr rät, keinem Genueser mehr zu trauen – er selbst stammt ja als historische Person aus diesem Ort.
  • In der zweiten Hälfte der Strophe wird das dann begründet:
    Er starre immer in das Blaue, sein Blick sei also in die Ferne, das Meer oder den Himmel gerichtet.
    In der letzten Zeile wird dann erklärt, was mit diesem Blick verbunden ist, nämlich die Verlockung der fernsten Dinge.
  • Das lässt sich natürlich leicht beziehen auf einen neuen Seeweg nach Indien, der ihn dann an die Küste des damals in Europa noch nicht bekannten Amerika verschlagen hat.

05 Fremdestes ist nun mir teuer!
06 Genua, das sank, das schwand –
07 Herz, bleib kalt! Hand, halt das Steuer!
08 Vor mir Meer – und Land? – und Land? —

  • Hier beschreibt das lyrische Ich seine aktuelle Situation mit der klaren Orientierung hin auf das „Fremdeste“, das Äußerste, was ein Mensch ansteuern kann.
  • Die zweite Zeile verdeutlicht, wie sehr er sich entfernt von seiner Heimat.
  • Die dritte Zeile dann präsentiert Appelle an sich selbst, kaltblütig zu bleiben und sich voll auf das Steuer zu konzentrieren, also alle möglicherweise ablenkenden Gedanken und Gefühle beiseite zu schieben.
  • Die letzte Zeile macht dann die Spannung, den Gegensatz deutlich, zwischen dem aktuell ihn umgebenden Meer und der Hoffnung auf Land.

09 Stehen fest wir auf den Füßen!
10 Nimmer können wir zurück!
11 Schaun hinaus: von fernher grüßen
12 Uns Ein Tod, Ein Ruhm, Ein Glück!

  • Die letzte Strophe enthält noch einmal einen Appell an sich selbst, fest auf den Füßen zu stehen, also standhaft zu bleiben.
  • Die zweite Zeile macht deutlich, dass das eine Notwendigkeit ist, weil man nicht mehr zurück kann. Das mag historisch gesehen daran gelegen haben, dass man die Linie überschritten hatte, bei der die Vorräte noch für den Rückweg gereicht hätten.
  • Zu dem Zeitpunkt musste sowohl der historische Kolumbus weiter segeln, weil nur dort noch Hoffnung auf Wasser, Lebensmittel, ggf. auch Reparatur der Schiffe gegeben war.
  • Dies spielt wohl auch beim lyrischen Ich des Gedichtes eine Rolle.
  • Der Schluss beschäftigt sich mit der Perspektive: Es wird nur noch nach vorne geschaut – und das, was bevorsteht, wird trotz einer großen Spannweite zwischen Ruhm und Tod als ein Gruß empfunden, d.h. das lyrische Ich nimmt sein Schicksal an.

Vergleich mit einem Gedicht von Schiller

Vergleichen kann man dieses Gedicht mit einem von Schiller:

Friedrich Schiller,

Kolumbus

Steure, mutiger Segler! Es mag der Witz dich verhöhnen,
Und der Schiffer am Steur senken die lässige Hand.
Immer, immer nach West! Dort muss die Küste sich zeigen,
Liegt sie doch deutlich und liegt schimmernd vor deinem Verstand.
Traue dem leitenden Gott und folge dem schweigenden Weltmeer,
Wär sie noch nicht, sie stieg‘ jetzt aus den Fluten empor.
Mit dem Genius steht die Natur in ewigem Bunde,
Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.

  • Hier ist die Kommunikationssituation verändert, es spricht das lyrische Ich zu dem tapferen Seefahrer.
  • Hervorgehoben werden nicht nur sein Mut, sondern auch die Notwendigkeit eines glücklichen Endes.
  • Hier wird doch tatsächlich behauptet, dass das, was der „Genius“ wünscht, auch von der Natur, also der Wirklichkeit bereitgestellt wird.
  • Das kann man natürlich gut sagen, wenn das Glück, das dieser historische Held gehabt hat, schon für Schiller etwa 300 Jahre zurückliegt und Realität ist.
  • Der „Columbus“ Nietzsches ist da vorsichtiger und auch bereit, den Tod als Entscheidung des Schicksals anzunehmen.
  • Ansonsten ist das sicher ein schönes Thema für eine Diskussion, inwieweit man als Mensch sein Glück beeinflussen kann.
  • Spannend ist sicher auch die Frage, ob es zum Konzept der Weimarer Klassik gehört, solch einen Zusammenhang anzunehmen.

Näheres dazu findet sich hier:
https://www.schnell-durchblicken2.de/schiller-kolumbus

Mat1725 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

 

Friedrich Nietzsche, „Im Süden“

Allgemeines

Wir beschäftigen uns vor allem mit dem Inhalt von Gedichten – mit dem Ziel, ihre Aussage(n) feststellen zu können. Damit ist nicht gemeint, was der „Dichter mit dem Gedicht sagen wollte“, denn er kann auch was ganz anderes gemeint haben, aber es kam nicht richtig rüber.

Vielmehr geht es um die Zielrichtung  des Gedichtes.

Und die ermitteln wir, indem wir uns die einzelnen Aussagen des Lyrischen Ichs ansehen und dabei vor allem auf Signale achten, die sich wiederholen und damit gegenseitig verstärken.

 

Friedich Nietzsche, „Im Süden“: Was sagt das Gedicht aus?

Friedrich Nietzsche,

Im Süden

01 So häng’ ich denn auf krummem Aste
02 Und schaukle meine Müdigkeit.
03 Ein Vogel lud mich her zu Gaste,
04 Ein Vogelnest ist’s, drin ich raste.
05 Wo bin ich doch? Ach, weit! Ach, weit!

  • Die Überschrift ist relativ allgemein gehalten, löst aber nördlich der Alpen in Europa bei vielen Menschen ganz bestimmte Hoffnungen oder sogar Träume aus.
  • Das Gedicht beginnt mit einer Situationsbeschreibung, die gleich zwei negative Elemente enthält, nämlich einmal ist von einem „krummen Ast“ die Rede, was man sicher auch auf das lyrische Ich selbst beziehen kann. Und dann ist da noch die Müdigkeit.
  • Der zweite Akzent, der gesetzt, ist das Motiv des Vogels.
  • Von einem solchen ist das lyrische Ich als Gast eingeladen worden
  • und es behauptet auch,  jetzt in einem Vogelnest zu sein, was sicherlich nur im übertragenen Sinne zu verstehen ist.
  • Möglicherweise verbindet das lyrische Ich den Vogel mit Freiheit bzw. Freizügigkeit.
  • Das Gedicht endet mit der Frage „Wo bin ich doch?“ Diese Frage wird sehr gefühlsbetont durch die Wiederholung im Hinblick auf das Weite beantwortet. Das passt zur Überschrift.
  • Insgesamt hat man den Eindruck, dass hier ein krankes Wesen Linderung bzw. Heilung erhofft.

 

06 Das weiße Meer liegt eingeschlafen,
07 Und purpurn steht ein Segel drauf.
08 Fels, Feigenbäume, Thurm und Hafen,
09 Idylle rings, Geblök von Schafen, –
10 Unschuld des Südens, nimm mich auf!

  • Die zweite Strophe beschreibt die Idylle, die das lyrische Ich um sich herum sieht
  • und die mit „Unschuld“ verbunden wird, was nicht näher erläutert wird.
  • Man könnte an Natürlichkeit, Urspünglichkeit denken.

 

11 Nur Schritt für Schritt – das ist kein Leben,
12 Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
13 Ich hieß den Wind mich aufwärts heben,
14 Ich lernte mit den Vögeln Schweben, –
15 Nach Süden flog ich über’s Meer.

  • Die ersten beiden Zeilen beschreiben dann, was das lyrische Ich im Leben störte.
  • Es sind vor allen Dingen wie Ordnung und Regelmäßigkeit gewesen, die es niedergedrückt haben, was erklärt, warum das lyrische Ich jetzt so auf Vögel und Fliegen steht.
  •  Interessant ist die Verbindung von „deutsch“ und „schwer“.G emeint ist hier wohl so etwas Disziplin, Gründlichkeit, Ordnungssinn und ähnliches, was mit der Vorstellung von der Lebensweise in Deutschland damals verbunden wurde.

16 Vernunft! Verdrießliches Geschäfte!
17 Das bringt uns allzubald an’s Ziel!
18 Im Fliegen lernt’ ich, was mich äffte, –
19 Schon fühl’ ich Mut und Blut und Säfte
20 Zu neuem Leben, neuem Spiel?
21 Einsam zu denken nenn’ ich weise,

  • In dieser Strophe klagt das lyrische Ich vor allem über die Herrschaft der Vernunft und damit verbundene unangenehme „Geschäfte“, also Aufgaben.
  • Interessant die Vorstellung, dass man auf diese Weise „allzubald an’s Ziel“ kommt. Gemeint sein könnte, dass man zu sehr auf ein Ziel ausgerichtet ist und anderes unterwegs gar nicht mehr wahrnimmt.
  • Dem entgegengesetzt wird das „Fliegen“, das ja eigentlich Menschen noch schneller zum Ziel bringt – aber natürlich nicht im 19. Jahrhundert, in dem Nietzsche lebte.
  • Gemeint ist hier wohl eher die schon angesprochene Freiheit der Vögel, die aus der Höhe einen anderen Blick auf die „Geschäfte“ der Menschen werfen können.
  • In der zweiten Hälfte der Strophe geht es dann um die wohltuenden Folgen dieses Lebens im Süden.
  • Die „Müdigkeit“ „auf krummem Aste“ ist ganz offensichtlich vorbei.
  • In der letzten Zeile kommt als neues Motiv die Einsamkeit hinzu, die offensichtlich positiv gesehen ist, vielleicht weil man zu sich selbst kommt.

 

22 Doch einsam singen – wäre dumm!
23 So hört ein Lied zu eurem Preise
24 Und setzt euch still um mich im Kreise,
25 Ihr schlimmen Vögelchen, herum!
26 So jung, so falsch, so umgetrieben

  • Diese Strophe bringt dann eine kleine Wende, was die Einsamkeit angeht.
  • Einsam zu „denken“ wird als positiv empfunden, hier geht es allerdings um „singen“ und das wird als Gemeinschaftsangelegenheit angesehen.
  • So gibt es auch gleich einen Appell an die fiktive Zuhörergemeinschaft,
  • zu deren „Preise“ erstaunlicherweise das lyrische Ich singen will.
  • Das wird dann verständlich, wenn anschließend deutlich wird, dass es um die Vögel geht, von denen das lyrische Ich sich umgeben fühlt.
  • Dass sie als die „schlimmen Vögelchen“ angeredet werden, soll wohl nur bedeuten, dass sie einen unordentlichen Weg der Freiheit und Selbstständigkeit gehen.
  • So sind dann wohl auch die Attribute „jung“, „falsch“, „umgetrieben“ zu verstehen.

 

27 Scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben
28 Und jedem schönen Zeitvertreib?
29 Im Norden – ich gesteh’s mit Zaudern –
30 Liebt’ ich ein Weibchen, alt zum Schaudern:
31 “Die Wahrheit” hieß dies alte Weib?

  • Das Gedicht endet mit der Frage an die Vogel-Zuhörer, ob sie „zum Lieben“ gemacht sind und zu „jedem schönen Zeitvertreib“. Damit will das lyrische Ich wohl nur ausdrücken, dass diese Dinge in diesem Umfeld jetzt möglich sind.
  • Die zweite Hälfte macht noch einmal deutlich, was den Süden vom Norden unterscheidet. Dort ging es vor allem um „Wahrheit“ – und das steht hier wohl für das schrittweise, konsequente Verstandesdenken, wovon vorher schon die Rede gewesen ist. Hier im Süden geht es für das lyrische Ich jetzt um eine ganz andere Art von Freiheit und Lebendigkeit.

Mat1724 © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag

Weiterführende Hinweise

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